Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Prof. Jost Dülffer: Das Kriegsende aus europäischer Perspektive

Der 8. Mai 1945 war nicht nur in Deutschland eine Zäsur, sondern in ganz Europa – auch wenn der Krieg vielerorts an diesem Tag längst schon zu Ende gegangen war. In der Bundesrepublik Deutschland wurde lange Jahre mit gemischten Gefühlen dieses Datums gedacht.

Die europäische Perspektive brachte am Abend der Kölner Professor Jost Dülffer ein. Da Richard Overy kurzfristig verhindert war, hatte sich Dülffer freundlicherweise am Nachmittag bereit erklärt, für diesen einzuspringen.

Michael Köhler, Moderator des Abends, erinnerte zu Beginn an den Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck in der "Dokumentationsstätte Stalag 326" bei Gütersloh am Vortag. Das deutsche Kriegsgefangenenlager war bereits Anfang April 1945 von amerikanischen Truppen befreit worden.

Ähnlich wie Dr. Werner Jung kam Dülffer sogleich zu Beginn darauf zu sprechen, dass Erinnerung immer auch lokal ist und so überall in Europa unterschiedlich und an unterschiedlichen Tagen an das Ende von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg erinnert werde.

Nicht nur räumliche Unterschiede seien aber von Bedeutung. Auch die zeitliche Komponente müsse beachtet werden. So seien heute – mit zeitlicher Distanz – das Ende des Krieges und der 8. Mai als Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur anerkannt. Die Menschen in Deutschland hätten dies 1945 jedoch unterschiedlich, sogar gegensätzlich gesehen: Der von Krieg und Leid geprägte Gesellschaftszustand endete nämlich nicht automatisch mit dem Ende des Krieges in Europa, sondern dauerte für viele Menschen - wenn auch auf andere Art und Weise - an. Und selbst der Krieg an sich sei am 8. Mai noch nicht überall beendet gewesen, für die meisten anglo-amerikanischen Truppen endete er erst Monate später mit der Kapitulation Japans.

Immer wieder kam Dülffer auf die lokale Perspektive der Erinnerung zu sprechen. So hätte die Zerstörung Kölns die Erinnerung an das Kriegsende in der Stadt nachhaltig geprägt. Köln sei jedoch nur Beispiel, nicht Sonderfall. In diesem Sinne erinnerte er u.a. an Rotterdam, das bereits 1940 durch deutsche Bomben zerstört wurde oder die spezifischen Schrecken anderer Orte, wie das Massaker von Oradour-sur-Glane, die Deportierung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung von Thessaloniki und natürlich den gesamten Vernichtungskrieg von Wehrmacht und SS im Osten Europas.

Geendet hätte der Krieg dabei in den besetzten Ländern zu unterschiedlichsten Zeitpunkten. In Italien sei beispielsweise der 25. April 1945 der Tag der Befreiung. In Paris habe man bereits acht Monate zuvor, am 25. August 1944, die Ankunft der Alliierten gefeiert. Diese Beispiele zeigten, dass es je eine einzelne Befreiung der Städte und Dörfer von den Deutschen und der nationalsozialistischen Herrschaft gegeben habe. Am 8. Mai hingegen sei der Krieg überall in Europa zu Ende gewesen.

Europa sei nun befreit gewesen, jedoch nicht frei: Vereinfacht, so Dülffer, ließe sich sagen: dort, wo Amerikaner und Briten die Deutsche besiegt hatten, waren die Voraussetzungen besser. Dort, wo die Rote Armee dies geleistet hatte, waren sie schlechter. Damit hätte Europa seit Ende der 1940er-Jahre auch eine Grenze des Erinnerns durchzogen. Im Baltikum würde die Fremdherrschaft der Sowjetunion sogar bis heute für eine Milderung der Erinnerung an den Nationalsozialismus sorgen. Ganz allgemein sei Erinnerung in dieser Zeit aber vor allem national geprägt gewesen– zentral der eigene Sieg und Wiederaufbau.

Gerade auch in der Bundesrepublik habe es Jahrzehnte gedauert, bis Erinnerung in seiner heutigen Form und die Anerkennung der Verantwortung der deutschen Gesellschaft als Ganzes möglich geworden wäre. Wenn die Rede vom 8. Mai als dem Tag der Befreiung ist, müsse daher betont werden, dass dies ungleich einer kollektiven Entschuldigung aller Deutschen gemeint ist. Im Gegenteil müsse daran erinnert werden, dass die Deutschen bis zum letzten Moment gegen die Befreier kämpften und erst gleichsam von außen und von sich selbst "befreit" werden mussten. Es habe lange Zeit gebraucht, bis sich diese Einsicht habe durchsetzen können.

Mit Sorge sprach der Historiker auch die aktuellen Entwicklungen in Moskau an, wo zwei Tage später die größte jemals in der Geschichte Russlands abgehaltene Militärparade zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges stattfinden sollte. Europa lasse sich nur dann bauen, wenn sich alle Nationen über die gemeinsame Katastrophengeschichte von NS-Herrschaft und Krieg verständigten und mit diesem Bewusstsein den Blick auf die Zukunft frei machten.

Zum Abschluss hinterfragte Jost Dülffer, ob der 8. Mai bei all der notwendigen Spezifizierung überhaupt tauglich sei als Datum, ob er ein guter Erinnerungstag für Europa ist. Viele Tage gäbe es schließlich die sich besser oder ebenfalls gut eigneten. Der 27. Januar als Tag der Befreiung von Auschwitz etwa, oder der 9. November, an dem die Berliner Mauer fiel. Schließlich kam er auf den 9. Mai 1950 zu sprechen, den Tag, an dem der französische Außenminister Robert Schuman vorschlug, eine europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl zu schaffen: Aus eben dieser Gemeinschaft sollte später die Europäische Union hervor gehen.

Auf nur einen Tag wollte Dülffer sich dann auch selbst nicht festlegen und plädierte stattdessen für das gemeinsame Erinnern an zwei Tagen: den 8. Mai und den 9. Mai, als den Tagen des Kriegsendes und der Versöhnung, als den bedeutenden Parameter europäischer Erinnerung.

In Rahmen der folgenden Diskussion wurde die Problematik eines europäischen Gedenktages angesprochen, und auch die Skepsis einiger Teilnehmerinnen und Teilnehmer machte sich bemerkbar, ob sich nationales und europäisches Gedenken überhaupt verbinden ließe.

Dülffer wiederholte dazu, dass Erinnerung immer lokal funktioniere und somit natürlich auch national. Zudem würde sich Erinnerung in der heterogenen Staatenwelt Europas auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickeln. Er betonte, dass eine gemeinsame europäische Erinnerung in vielen Staaten bereits passiere, diese jedoch hinter der nationalen Erinnerung stünde. Wichtig sei aber schon die gemeinsame Beschäftigung mit Erinnerung, da bereits sie Annäherung schaffe.


Dossier

Rechtsextremismus

Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

Mehr lesen

Mythen

Verleugnete Kriegsschuld

Mythen zu erschaffen und zu pflegen gehört zum Standardrepertoire der Meinungsmacher am rechten Rand. Armin Pfahl-Traughber analysiert, wie mit manipulativen Umdeutungen des Geschichtsbildes versucht wird, den ''staatspolitischen Lebensnerv der Bundesrepublik'' zu treffen - in diesem Fall in der Zeitung "Junge Freiheit".

Mehr lesen