Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Arbeitsgruppe (Fr.): "Mein Kampf" – kritisch lesen, aber wie?

Ende 2015 erlöschen die Urheberrechte des Freistaats Bayern an Adolf Hitlers "Mein Kampf". Doch schon im Juni 2014 kündigten die Justizminister der Länder im Rahmen der Justizministerkonferenz in Binz an, gegen etwaige Neupublikationen mit den bestehenden Mitteln des Strafrechts vorzugehen. Eine kritische Ausgabe des Werks ist trotzdem in Vorbereitung. Das erscheint auch geboten, ist doch der Zugriff auf eine digitale Fassung via Internet längst problemlos möglich.

Dr. Magnus Brechtken, Institut für Zeitgeschichte, München (Mitte)
Prof. Dr. Ulrich Baumgärtner, Karlsgymnasium München/Ludwig-Maximilians-Universität München (rechts) 
Moderation: Dr. Hans-Georg Golz, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Bonn (links)Dr. Magnus Brechtken, Institut für Zeitgeschichte, München (Mitte)
Prof. Dr. Ulrich Baumgärtner, Karlsgymnasium München/Ludwig-Maximilians-Universität München (rechts)
Moderation: Dr. Hans-Georg Golz, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Bonn (links)
(© NS-DOK/Jörn Neumann)

PD Dr. Magnus Brechtken, Institut für Zeitgeschichte, München
Prof. Dr. Ulrich Baumgärtner, Karlsgymnasium München / Ludwig- Maximilians-Universität München
Moderation: Dr. Hans-Georg Golz, Bundeszentrale für politische Bildung

Hans-Georg Golz übernahm die Einführung in die aktuelle Debatte um "Mein Kampf". Ende 2015 würden die Urheberrechte des Freistaats Bayern an dem Buch erlöschen. Eine kritische kommentierte Auflage des Werkes sei bereits in Vorbereitung, dies sei auch dringend geboten, da über das Internet der Zugang zu digitalen Fassungen längst problemlos möglich sei.

Magnus Brechtken gab im Anschluss eine Übersicht über die Auflage und Verbreitung des Buches, dessen erster Band 1925 erstmals erschienen war. Allein bis 1932 seien schon ca. 200.000 Exemplare verkauft worden - für diese Zeit, in der die NSDAP meist Splitterpartei war, eine enorme Summe. Bis 1945 wuchs die Zahl sogar auf über 1.000 Auflagen mit mehr als 12 Millionen Exemplaren an.

Heute sei das Buch oft noch in Privathaushalten und Antiquariaten vorhanden – verboten sei es schließlich nicht. Nur der Neudruck sei vom Bayerischen Staatsministerium der Finanzen, auf das die Urheberrechte nach dem Zweiten Weltkrieg übergingen, untersagt. Die Rechte an einer englischen Ausgabe seien bereits in den 1930er-Jahren vom Franz Eher Verlag verkauft worden, der Text heute in vielen Sprachen im Internet zugänglich. Die kritische Edition solle ca. 2000 Seiten umfassen und eine umfangreiche Einleitung enthalten.

In der anschließenden Diskussion skizzierte Brechtken auf Nachfrage hin die Diskussion um die kritische Ausgabe, zwischen dem Institut für Zeitgeschichte in München und der bayerischen Landesregierung von 2012 bis heute. Noch nicht geklärt sei die juristische Frage, wie ein unkommentierter Neudruck zu verhindern wäre. Eine von den Justizministern der Länder präferierte Möglichkeit sei der Volksverhetzungsparagraph, dies würde derzeit noch geprüft.

Auf Nachfrage erklärte Hans-Georg Golz, dass sich auch die bpb dem Thema "Mein Kampf" widmen würde. Zurzeit würde diskutiert, ob die kritische Edition in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen würde. In jedem Fall würde es zu "Mein Kampf" eine Ausgabe von "Aus Politik und Zeitgeschichte" geben.

Ulrich Baumgärtner kam auf die Grundfrage zu sprechen: "Kritisch lesen, aber wie?". Entscheidend sei, den Text als historische Quelle zu behandeln, dabei bildungspraktisch aufzubereiten, sich aber immer bewusst zu machen, dass im Falle von "Mein Kampf" andere Voraussetzungen gegeben seien als bei anderen Quellen. Zu beachten seien dabei die Kontexte: Entstehung, Quellenkunde, Autobiografie, Inhalt, Wirkung, Rezeption und Aufarbeitung.

Einigkeit bestand darin, dass "Mein Kampf" heute eine unverzichtbare Quelle sei. Für die historisch-politische Bildungsarbeit ergäben sich dabei verschiedene Herausforderungen. So müsse der Kontext beachtet und für den Unterricht bewusst ausgewählt werden. Entscheidend sei dabei, das Buch zu entmythologisieren. Generell müsse mein "Mein Kampf" als Phänomen der Geschichtskultur jedoch thematisiert werden.

In der abschließenden Diskussion kamen die Teilnehmenden auch auf die Opferperspektive zu sprechen. Hier gäbe es eine gespaltene Meinung zur Edition und der generellen Verfügbarkeit: Beispielsweise hätten die bayerische Landesregierung und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, die sich während eines Runden Tisches zum Thema im Jahr 2012 für die Unterstützung einer wissenschaftlichen Edition ausgesprochen hatten, nach Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden in Israel ihre Meinung geändert. Offen diskutiert wurde in diesem Zusammenhang schließlich auch die Frage, ob man über Hitler lachen 'dürfe'; prominente Beispiele seien dabei der Künstler Serdar Somuncu oder Timus Vermes Buch "Er ist wieder da".