Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Arbeitsgruppe (Fr.): Von Heroes und Helden – Zivilgesellschaftliche Entgegnungen

Die Verdrehung und Leugnung historischen Geschehens seitens der extremen Rechten zielt darauf ab, die deutsche Geschichte als Leidensgeschichte zu deuten. Auch wenn diese Versuche nicht mehrheitsfähig sind, stellt die damit einhergehende Glorifizierung des Nationalsozialismus eine Herausforderung für eine demokratische Gesellschaft dar.

Von Heroes und Helden – Zivilgesellschaftliche Entgegnungen: Michael Sturm, Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster (stehend)
Dirk Wilking, Mobile Beratung Brandenburg, Potsdam (vorne links)
Moderation: Dagmar Lieske, Historikerin, Berlin (vorne rechts)Von Heroes und Helden – Zivilgesellschaftliche Entgegnungen: Michael Sturm, Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster (stehend)
Dirk Wilking, Mobile Beratung Brandenburg, Potsdam (vorne links)
Moderation: Dagmar Lieske, Historikerin, Berlin (vorne rechts)
(© NS-DOK/Jörn Neumann)

Michael Sturm, Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster
Dirk Wilking, Mobile Beratung Brandenburg, Potsdam
Moderation: Dagmar Lieske, Historikerin, Berlin

Dagmar Lieske führte ins Thema ein und sammelte die Erwartungen der Teilnehmenden, die sich vor allem einen Praxisbezug der Thematik wünschten und konkrete Möglichkeiten der argumentativen Entgegnung. Hier hakten Michael Sturm und Dirk Wilking jedoch direkt ein: klassische "best-practice-Beispiele", die immer anwendbar seien, gäbe es nicht.

Die Referenten starteten anschließend mit Beispielen aus der Praxis ins Thema: Sturm berichtete vom Fahnenmarsch der "Autonomen Nationalisten Ahlen" unter dem Slogan "8. Mai – Wir feiern nicht!" zum Ahlener Kriegerdenkmal, das zum Politikum wurde, da eine parallele Veranstaltung abgesagt werden musste.

Wilking referierte über Ereignisse in Münchehofe, wo extreme Rechte einen Gedenkstein für "ermordete Nachrichtenhelferinnen" aufgestellt hatten. Der Bürgermeister der Stadt habe den Stein wieder abbauen lassen, im folgenden Jahr sei von Unbekannten jedoch eine Gedenktafel aufgestellt worden. Auch diese sei wieder entfernt worden. Mit Flugblättern seien dann die Aufsteller des Steins als "Verfolgte" dargestellt worden. Alteingesessene Bewohner des Ortes erinnerten sich, dass an der Stelle, an der der Stein errichtet worden war, jedoch nie etwas passiert sei.

Als drittes Beispiel kam Wilking auf die Landser-Romane zu sprechen, die nicht nur Sammel-Objekt, sondern auch Einstiegsliteratur gewesen seien. Bis 2013, als die Serie eingestellt wurde, hätten die Hefte 60.000 Leser erreicht. Im letzten Jahr sei dann die Quasi-Nachfolge "Weltkrieg" erstmals erschienen. Bis heute würden diese Romane viel gelesen, die Bildungsbürgerschicht würde dies jedoch nicht wahrnehmen.

Michael Sturm referierte im Anschluss, dass der 8. Mai als Deutungsmuster vor allem "von oben" geprägt sei. Rechtsextreme versuchten hingegen, eigene Leerstellen der ritualisierten Geschichtskultur mit eigenen Deutungsmustern zu füllen – Muster, die sich natürlich nicht auf die historische Forschung bezögen. Kennzeichen seien stattdessen völkisches Denken, Entmoralisierung der NS-Zeit und Verschwörungstheorien, geknüpft an erinnerungskulturelle Mythen. Bestehende Erinnerungsorte würde die extreme Rechte dabei nutzen, um ihre eigenen Geschichtsbilder zu inszenieren. Grundsätzlich hinterfragte Sturm, ob es sinnvoll sei, sich am Geschichtsbild der Rechtsextremen abzuarbeiten. Zu prüfen gelte es, welche Institutionen der Zivilgesellschaft einbezogen werden könnten.

In der folgenden Diskussion besprachen die Teilnehmenden Beispiele und offene Fragen aus dem Alltagsumgang. Wie sei damit umzugehen, wenn am Volkstrauertag Kränze niedergelegt würden? Welche Funktion komme Denkmälern zu und wie könne Mystifizierung hinterfragt werden?

Abschließend wurde festgehalten, dass die Geschichtspolitik der extremen Rechten bei vielen Akteuren ein angstbesetztes Thema sei: Rechtsextreme würden oft vermeintlich faktenbezogen argumentieren. Auf den ersten Blick könne diese Art der Argumentation einschüchternd wirken. Durch fragende Zugänge könne dieses vermeintliche Faktenwissen jedoch leicht dekonstruiert werden.

Viele der gesammelten Ansätze ließen sich auch ohne Geschichtsstudium aufgreifen – man solle in diesem Zusammenhang auch nicht zu viel Ehrfurcht vor der Geschichte haben.