Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Arbeitsgruppe (Fr.): Als der Krieg nach Hause kam... Lokale Bearbeitungen erinnerungspolitischer Herausforderungen

Die Stätten, an denen an das Kriegsgeschehen auf deutschem Boden erinnert wird, transportieren aufgrund ihrer Geschichte von vornherein einen anderen Subtext als etwa KZ-Gedenkstätten. Dies gilt insbesondere dort, wo es an der "Heimatfront" viele zivile Opfer zu beklagen gab. Eine täterfixierte und undifferenzierte Erinnerungspolitik läuft gerade an solchen Orten besonders Gefahr, die Mythen der extremen Rechten zu bedienen und dieser damit einen Raum für Inszenierungen zu bereiten.

Dr. Karola Fings, NS-Dokumentationszentrum der Stadt KölnDr. Karola Fings, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (© NS-DOK/Jörn Neumann)

Dr. Karola Fings, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln
Dr. Regine Heubaum, KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Nordhausen
Moderation: Martin Langebach, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Bonn

Mehrfach war im Rahmen der Vorträge schon die Bedeutung lokalgeschichtlicher Erinnerung angesprochen worden. Mit Karola Fings und Regine Heubaum sprachen nun zwei Akteure aus der Praxis zum Thema.

Zu Beginn referierte Fings über das Beispiel der Gemeinde Hürtgenwald bei Köln, wo eine sehr eigene Art der Erinnerungskultur betrieben würde. Jährlich würde zum Volkstrauertag dort den "Helden" der 116. Panzer-Division der Wehrmacht – auch Windhund-Division genannt – an einem Ehrenmal gedacht. Initiiert würde das Erinnern vom Verein "Windhunde mahnen zum Frieden" – lange Jahre auch mit Unterstützung der lokalen Politik.

Problematisch sei an dieser Form der Erinnerung die unbedingte Kritiklosigkeit: Im Rahmen der Gedenkveranstaltungen würden Veteranen, andere zivilgesellschaftliche Akteure, lokale Politiker, Soldaten der Bundeswehr sowie Vertreter der extremen Rechten an den "Opfertod" der Soldaten erinnern. Ein Zusammenhang zu den Verbrechen des Nationalsozialismus und speziell der Wehrmacht würde jedoch konsequent ausgeblendet. Nicht aber nur die jährliche Gedenkveranstaltung sei eine Besonderheit in Hürtgenwald: So gäbe es beispielsweise auch ein Museum, das Kriegsdevotionalien ausstelle und den "Opfertod" der Soldaten der Windhund-Division heroisiere.

Diskutiert wurde später vor allem über die Rolle der Bundeswehr, die mit einer eigenen Abordnung an dem jährlichen Gedenken teilnehme. Nach Auffassung Fings widerspreche dies dem Traditions-Erlass der Bundeswehr jedoch eklatant. Die Bundeswehr als demokratische Armee knüpfe dadurch eine nicht zu akzeptierende historische Verbindung zur Wehrmacht.

Regine Heubaum von der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora sprach über die erinnerungspolitische Aufarbeitung in Nordhausen, das im April 1945 durch britische Luftangriffe zu großen Teilen zerstört worden war. Schon in der DDR sei der Narrativ der deutschen Bombenopfer absolut identitätsstiftend gewesen: 1950 habe es bei einer Kundgebung zum Jahrestag der Bombardierung der Stadt Transparente mit der Aufschrift "Wir bauen wieder auf, vergessen aber nicht, wer Nordhausen zerstört hat." gegeben.

Gerade während des Kalten Krieges habe sich dann die Erzählung über die Schuld der Amerikaner am Bombardement durchgesetzt. Sogar die Erzählung, die Menschen im Konzentrationslager nahe der Stadt seien erst bzw. durch das Bombardement ums Leben gekommen, sei kolportiert worden. Schließlich hätten die Nordhausener unter den Bomben genauso gelitten wie die Menschen im KZ. Hinter diesem Konstrukt sei die eigene Schuld zurück getreten, so Heubaum.

Im Laufe der Zeit habe sich diese Sichtweise natürlich verändert. Ein vollständiger Paradigmenwechsel in der Auseinandersetzung mit der Geschichte habe sich jedoch nicht vollzogen. In diesem Zusammenhang berichtete Heubaum von einer Gedenkveranstaltung im vergangenen Jahr, während der gemeinsam der Zerstörung der Stadt durch britische Bomben und der Befreiung des Konzentrationslagers gedacht wurde. Als weiteres Beispiel aus dem letzten Jahr nannte sie einen "Gedenkspaziergang", bei dem Jugendliche Kerzen mit der Aufschrift "Coventry, London, Liverpool, Dresden, Halberstadt, Nordhausen" dem Trauerzug voran trugen.

Beide Beispiele würden die Distanzlosigkeit deutlich machen, mit der bis heute die Opfer des Nationalsozialismus mit den Opfern der Bombardierung deutscher Städte gleichgesetzt würden.

In der anschließenden Gruppenarbeitsphase diskutierten die Teilnehmenden ihre eigenen Erfahrungen. Mehrfach kam zur Sprache, dass man in der Bildungsarbeit erschreckend oft mit großem Unwissen konfrontiert sei. Fälle wie Hürtgenwald und Nordhausen seien daher in Teilen auch nicht überraschend. Oft seien die Intentionen lokaler Vereine sogar gut, nur die Umsetzung sei sehr kritisch zu sehen. Wichtig sei daher, zivilgesellschaftlichen Akteuren fachwissenschaftlichen Rat zur Verfügung zu stellen.

Einigkeit bestand auch darin, dass der Mythenbildung klar entgegengearbeitet werden müsse. Karola Fings betonte zum Abschluss, dass es ihrer Einschätzung nach gewisse "rote Linien" gäbe, die nicht überschritten werden dürften. Die Teilnahme von Bundeswehrsoldaten in Paradeuniform an einem Ehrenmal der Wehrmacht, Seite an Seite mit Rechtsextremen, sei eine solche Überschreitung.