Tagung "Opa war in Ordnung!"

1.6.2015 | Von:
Gereon Schloßmacher

Tagungskommentar

Frau Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung und Herr Ulrich Ballhausen, Vorstandsvorsitzender Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V., begleiteten die Tagung kritisch und entwickelten abschließend eine weiterführende Perspektive.

Ulrich Ballhausen, Vorstandsvorsitzender Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V., BerlinUlrich Ballhausen, Vorstandsvorsitzender Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V., Berlin
(© NS-DOK/Jörn Neumann)

Das Ende der Tagung gestalteten Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und der Vorstandsvorsitzende des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten e.V., Ulrich Ballhausen, in Form eines abschließenden Kommentars.

Ballhausen griff zu Beginn auf, welche Aspekte die Tagung verdeutlicht habe. Hier sprach er die Bedeutung und Funktion von Geschichte an, erinnerte an die Revisionsmotivation der extremen Rechten und an die Diskussion vom Vortag über die richtige Verwendung und Problematik des Begriffs der "Erinnerungspolitik". Diese könne alternativ als "historisch-fiktionale Gegenerzählung" definiert werden.

Auch sprach er das Sterben der Erinnerungsakteure an und die Herausforderungen, die sich aus dieser demographischen Entwicklung ergäben.

Die extreme Rechte in Deutschland sei – das habe die Tagung an verschiedenen Stellen verdeutlicht – als soziale Bewegung zu verstehen. Sich selbst begreife sie dabei als "nationalen Widerstand". Ausführlich sei auch über die Bedeutung und die Attraktivität von Mythen und "Geheimwissen" gesprochen worden.

Auch den 8. Mai als "Tag der Befreiung", mitunter auch die Problematik dieses Verständnisses sowie die Bedeutung des Datums für die extreme Rechte, griff Ballhausen zusammenfassend auf. Wie der 8. Mai sei auch das "Opfer-Täter-Schema", das der rechtsextremen Erinnerungskultur zueigen ist, an vielen Programmpunkten der Tagung zur Sprache gekommen.

Schließlich erinnerte er auch an die Bedeutung und Funktion authentisch aufgeladener Orte und familiärer sowie lokaler Überlieferungen und die damit verbundenen Herausforderungen.

Dr. Juliane Wetzel, Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin (© NS-DOK/Jörn Neumann)
Juliane Wetzel konzentrierte sich im Anschluss auf den Vortrag von Gideon Botsch, der – wie sie sagte – der Tagung gleich zu Anfang den wissenschaftlichen Rahmen gegeben habe. Dabei griff sie auch die von ihm formulierten Erinnerungsnarrative der extremen Rechten auf. Anhand des Beispiels Konrad Adenauers, der während der bereits erwähnten "Hakenkreuzschmierwelle" im Jahr 1960 von "dummen Jungs-Streichen" sprach, erinnerte sie daran, dass sich erst allmählich die Erkenntnis durchgesetzt habe, dass nicht "dumme Jungens", sondern Neonazis die Erinnerung an die Vernichtung der Juden tilgen wollten – bis heute.

Die Bedeutung des Internet als Verbreitungs-, Agitations- und Aktivierungsmedium hob Wetzel danach noch einmal als entscheidend hervor. Medienkompetenz sei daher überaus wichtig, ansonsten könnten Onlineangebote wie Metapedia eine gefährliche Wirkung entfalten.

Zum Abschluss erinnerte sie daran, dass differenziert werden müsse zwischen Leugnern des Holocausts, die eine politische Agenda verfolgten, und Leugnern, die wirklich an das glaubten, was sie selber sagten. Die sei eine wichtige Differenzierung, die in der Forschung weiter verfolgt werden müsse.

Büchertisch der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (© NS-DOK/Jörn Neumann)
Ulrich Ballhausen sprach im Anschluss über die pädagogische Dimension der Veranstaltung und welche Fragen sich daraus für die historisch-politische Bildung ergäben. Diskutiert werden müsse in diesem Zusammenhang, welches historische Orientierungswissen Fachkräfte eigentlich haben müssten. Auch sei es wichtig, die Grenzen pädagogischer Wirksamkeit realistisch einzuschätzen. Dies müsse permanent kritisch reflektiert werden – auch in Bezug auf die vorhandenen Ressourcen in der Bildungsarbeit.

Mehrfach sei angesprochen worden, dass offenkundig ein großer Wissensbedarf bestünde. Dies führe zu der Frage, wo Verbreitungs- und Vertiefungsnotwendigkeiten bestünden.

Die Diskussion über Konzepte müsse immer auch unter den Fragen "welche Zielgruppe?" und "welche Intention?" geführt werden. Die Arbeit mit Menschen mit rechtsextremen Gedankengut, beispielsweise im Strafvollzug, brauche andere Konzepte als die Präventionsarbeit.

Persönlich warf Ballhausen dann die Frage auf, wo das Kernthema der Tagung, die "Erinnerungskultur der extremen Rechten", bereits heute in Fortbildungsangeboten eine Rolle spiele. Auch dies müsse in der Zukunft weiter beobachtet werden.

Eine besonders große Rolle habe während der beiden Tage auch die Dekonstruktion von Mythen und Opferdiskursen gespielt. Hier seien die Fragen zu klären: "Wie viel Dekonstruktionsressourcen haben wir? In welchem Rahmen? Was erfordert das für Qualifikationen? Und wie viel ist sinnvoll?" Allgemein müsse auch weiter die Frage nach der richtigen und notwendigen Qualifikation von Teamerinnen und Teamern diskutiert werden: Wer brauche alles historische Kompetenz? Hier gelte es zu unterscheiden zwischen den Anforderungen der Qualifizierung von Experten und Nicht-Experten.

Zum Abschluss kam Ballhausen noch einmal auf das Thema Ressourcen zu sprechen. Wichtig seien in der politischen Bildung dauerhafte Programme. Natürlich hätten auch anlassbezogene Sonderprogramme ihre Berechtigung. Es würde sich jedoch ein Trend bemerkbar machen, dass der Regelarbeit kontinuierlich die Ressourcen entzogen, auf der anderen Seite jedoch neue Sonderprogramme geschaffen würden. Diese dürften jedoch innerhalb der politischen Bildung immer nur Ergänzung, niemals aber Alternative sein.


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