Gedenkstätte Katyn bei Smolensk

23.10.2015 | Von:
Andrzej Stach

Der lange Kampf der polnischen Exilregierungen und der politischen Emigration im Westen gegen das Vergessen der sowjetischen Verbrechen

Nach vielen Jahrzehnten des erzwungenen Schweigens, der Verleugnung und falscher Schuldzuweisungen seitens der Sowjetunion und danach teilweise Russlands sind die Massenmorde im Wald von Katyn und an einigen anderen Orten in der Sowjetunion aufgeklärt. Man weiß, warum und wo 1940 etwa 25.000 gefangene polnische Offiziere, Unteroffiziere, Polizisten, Staatsbeamte, Künstler, Intellektuelle und Priester auf Befehl von Josef Stalin erschossen wurden. Auf der russischen Seite haben ab den 90er Jahren sowohl einzelne Vertreter der jeweiligen Regierungen aber auch russische Menschenrechtler zur Aufklärung beigetragen. Aber nicht nur in der Sowjetunion bzw. im kommunistisch regierten Polen und in der DDR sowie im ganzen ehemaligen Ostblock versuchte man Jahrzehnte lang die Informationen darüber geheim zu halten. Aus politischem Kalkül gegenüber der Sowjetunion wurde jedoch auch im demokratisch regierten Westen mit viel gepriesener Meinungs- und Pressefreiheit, allen voran in Großbritannien und in den USA, eine ähnliche Politik des Verschweigens und der Verdrängung betrieben. Dokumente und Zeugenaussagen über die massenhaften Verbrechen an den Vertretern der polnischen Eliten wurden Jahrzehnte lang geheim gehalten und deren Veröffentlichung verhindert. Und davon gab es schon während des II. Weltkriegs und danach genug, um die Täter zu entlarven und beim Namen zu nennen.

Die polnische Exilregierung im Westen und Katyn



Nach dem verlorenem Verteidigungskrieg, in dem die Kämpfe gegen die deutsche Wehrmacht bis 06. Oktober andauerten, hat es eine Gesamtkapitulation der polnischen Streitkräfte nicht gegeben. Etwa 100.000 polnische Soldaten und Offiziere entkamen der deutsch-russischen Einkesselung vor allem nach Ungarn und Rumänien und schlugen sich dann mehrheitlich nach Frankreich durch. Auch der polnischen Regierung und einem Teil der politischen Elite gelang die Flucht. Bereits am 25. September 1939 wurde dort Władysław Raczkiewicz zum polnischen Präsidenten im Exil ernannt. Oberkommandierender der Polnischen Streitkräfte im Westen wurde General Władysław Sikorski. Allein an der Schlacht um Frankreich im Juni 1940 nahmen etwa 84.000 polnische Soldaten an der Seite der Franzosen teil. Kurz vor der Kapitulation Frankreichs verlegte die Exilregierung ihren Sitz nach London. Auch die meisten polnischen Soldaten und Offiziere wurden nach Großbritannien und ein kleinerer Teil nach Palästina evakuiert. Ab Oktober 1940 kämpften polnische Piloten in der Luftschlacht um England. Insgesamt zählten die polnischen Streitkräfte im Westen 249.000 Angehörige. 1947 wurden die Soldaten demobilisiert.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion vereinbarte die polnische Exilregierung im Juli 1941 ein Abkommen mit Moskau. Auf dessen Grundlage kam es zur Bildung der polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion. Rekrutiert wurden die Soldaten und Offiziere aus Hunderttausenden kriegsgefangener Polen, die man im Zuge einer Amnestie frei ließ. Insgesamt blieben zwischen 432 und 450 polnische Offiziere von den Massenmorden im Frühjahr 1940 verschont. Befehlshaber der ersten in der Sowjetunion gegründeten Einheit wurde General Władysław Anders. Nach den Verhandlungen zwischen General Sikorski und Stalin im November 1940 in Moskau wurde sie mit über 30.000 Soldaten aus der Sowjetunion in den Nahen Osten evakuiert. Aus diesen Soldaten entstand das 2. Polnische Korps. Es kämpfte als Teil der polnischen Streitkräfte im Westen und zählte 1945 etwa 75.000 Soldaten.

Schon bei der Aufstellung der Armee von General Anders fiel den polnischen Verantwortlichen auf, dass die Offiziere fehlten, die u.a. in den Lagern Koselsk, Ostaschkow und Starobelsk inhaftiert gewesen waren. Im Dezember 1941 versuchte General Sikorski, in Moskau Auskunft über das Schicksal dieser polnischen Offiziere und Zivilisten zu erhalten. Dies blieb aber ergebnislos. Nichtsdestotrotz war dies ein Zeichen für die immer noch funktionierenden Beziehungen zwischen der polnischen Exilregierung und Stalin. Nach der Entdeckung der Massengräber polnischer Offiziere bei Smolensk im April 1943 durch deutsche Truppen wandte sich General Sikorski diesmal an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in der Schweiz mit der Bitte um eine neutrale Untersuchung vor Ort. Dies war Stalin zu viel. Denn die offizielle Version der Sowjetunion lautete, dass die Morde von den Deutschen begangen worden seien. In dieser Situation warf Moskau der Regierung Polens vor, sie kollaboriere mit den Deutschen. Der sowjetische Diktator forderte am 24. April 1943 Roosevelt und Churchill auf, Druck auf die polnische Regierung auszuüben, damit sie den Antrag an das Rote Kreuz zurückziehe. Im Interesse der Beibehaltung der alliierten Koalition gegen Deutschland drängte Churchill General Sikorski erfolgreich dazu, auf die Anrufung des Internationalen Roten Kreuzes zu verzichten. Trotzdem erklärte Stalin am 25. April 1943 den Abbruch der Beziehungen zur polnischen Exilregierung. Das war eine wichtige Zäsur, denn dies bedeutete den Beginn einer neuen Politik in Bezug auf das zukünftige Polen nach dem Ende des Krieges, und zwar nicht nur seitens Stalins. Am 4. Juli 1943 starb General Sikorski bei der Rückreise von seiner Inspektion der polnischen Truppen im Nahen Osten. Gleich nach dem Start auf dem britischen Flughafen Gibraltar notlandete das Flugzeug auf dem Wasser und sank. Alle 16 Insassen starben, nur der Pilot überlebte. Die Ursache des Absturzes konnte bis heute nicht aufgeklärt werden.

Wenige Monate nach dem Abbruch der Beziehungen zur polnischen Regierung setzte Stalin bei der Konferenz in Teheran im November 1943 seinen Plan zum Verbleib Polens nach dem Krieg im sowjetischen Machtbereich durch. Unter Zustimmung des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und des britischen Premiers Churchill wurde dort auch die Westverschiebung Polens beschlossen. Die aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts eroberten Gebiete in Ostpolen durfte die Sowjetunion behalten. Zugunsten der Einigung und der Fortführung der Koalition gegen Hitler haben Roosevelt und Churchill auf die Aufklärung des Massenmords von Katyn verzichtet.

Die polnische Emigration und Katyn

Nach dem Ende des Krieges 1945, und zwar kurz vor dem Beginn der Potsdamer Konferenz, entzogen die Verbündeten USA und Großbritannien am 6. Juli 1945 der polnischen Exilregierung die Anerkennung. Die polnischen Exilpolitiker, die ihre Anhänger unter mehreren Millionen polnischer Emigranten und im kommunistisch regierten Polen hatten, beschlossen trotzdem, das Amt des Präsidenten und der polnischen Regierung im Exil als Symbol der polnischen Freiheit und Unabhängigkeit zu erhalten. Die Residenz des Präsidenten blieb weiterhin in London. Dort geblieben ist auch ein Großteil der polnischen Elite, darunter Militärs aber auch Adlige und Intellektuelle. Sowohl die Exilregierung als auch viele polnische Emigranten in der ganzen Welt hielten die Frage nach den Schuldigen des Massakers in Katyn stets aufrecht. In den von ihnen herausgegebenen Zeitungen und Zeitschriften allen voran in London, Paris und in den USA erschienen unzählige Berichte, Dokumente und Analysen zu diesem Thema. Es wurden auch Bücher von Zeitzeugen oder aber von polnischen Forschern im Westen veröffentlicht. Seinen Beitrag zur Erhaltung des Gedenkens an die Massenmorde in der Sowjetunion leistete u.a. Radio Freies Europa, das aus München auf Polnisch sendete.

Der Historiker und Schriftsteller Józef Mackiewicz, der Katyn 1943 als Mitglied einer internationalen Delegation besucht hatte, wies 1949 in seinem Buch "Katyn – ungesühntes Verbrechen (Katyń – zbrodnia nie ukarana)", eindeutig auf die sowjetische Schuld hin. Er widersprach den sowjetischen - auch bei den Nürnberger Prozessen wiederholten - Behauptungen, die Schuld für den Massenmord sei den Deutschen zuzuschreiben. Dafür wurde er im kommunistisch regierten Polen der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt. Auch der aus Polen stammende und nach 1945 in den USA lebende Politikwissenschaftler Janusz Zawodny beschrieb in seinem Buch "Death in the Forest" 1962 (Der Tod im Wald) detailliert die näheren Umstände des Massenmordes vor Ort. Mit vielen Dokumenten belegte er die Täterschaft der sowjetischen Geheimpolizei, die auf Befehl von Stalin gehandelt hatte. Die kuschende Haltung der Westalliierten in dieser Frage im Nürnberger Prozess kritisierte er als "Kapitulation der Moral vor der Realpolitik".

Zeugen und materielle Beweise



Schon während des Krieges und gleich nach seinem Ende gab es genug Zeugen sowie materielle Beweise für die sowjetische Täterschaft in Katyn. Zu ihnen gehörte u.a. das Tagebuch von Major Adam Solski, in dem dieser den letzten Tag seines Lebens am 9. April 1940 - leider nicht zu Ende - beschreiben konnte. Zitat aus dem Tagebuch an dem tragischen Tag: ""Fahrt mit dem Gefängniswagen in Zellen (schrecklich), wir wurden irgendwo in den Wald gebracht, eine Art Urlauberheim. Intensive Leibesvisitation. Sie nahmen die Uhr, fragten nach dem Ehering, ebenso zogen sie Rubel, Koppel, Taschenmesser ein." Wohl wenige Minuten nach diesem Eintrag in sein Tagebuch war Solski tot, schreibt Thomas Urban in seinem Buch "Katyn 1940 - Geschichte eines Verbrechens" und setzt fort: "Die NKWD-Männer, die ihn unweit einer Hügelkette (...) erschossen, waren an seinen Notizen nicht interessiert, sie wurden drei Jahre später bei der Exhumierung seiner Leiche gefunden. Seitdem galten sie als wichtiges Beweisstück bei der Klärung der Frage nach dem Todesdatum und den Tätern."

Stanisław Swianiewicz war der einzige polnische Offizier, der mit dem Gefangenentransport die letzte Bahnstation Gniezdowo vor Katyn erreicht hatte und nicht erschossen wurde. Erst im Wald von Katyn wurde er von den anderen Offizieren seines Transports getrennt. Als einziger Überlebender konnte er so unbemerkt die Vorgänge beim Einstieg der Offiziere in schwarze Busse mit geblendeten Scheiben und ihren Abtransport zum Exekutionsort beobachten. Die Enkawedisten hatten es nicht gesehen. Nur dadurch konnte er überleben und später alles bezeugen. Vor der Erschießung hat ihn wahrscheinlich die Tatsache gerettet, dass er als antisowjetischer Spion galt und dadurch für den NKWD weiterhin interessant war. Swianiewicz wurde dann zu 8 Jahren Lager verurteilt. Er starb 1997 in den USA im Alter von 98 Jahren.

Wie durch ein Wunder entging dem Massaker auch Salomon Slowes, ein jüdischer Arzt und polnischer Reserveoffizier. Nach der Freilassung im Zuge der von Stalin angeordneten Amnestie schloss er sich der Armee von Wladyslaw Anders an, blieb nach dem Krieg in Israel. Sein Augenzeugenbericht "Der Weg nach Katyn" erschien 1992 in englischer Sprache.

Der polnische Hauptmann Stanislaw Cylkowski, der 1943 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager unweit von Stettin interniert war, wurde gemeinsam mit einigen anderen polnischen Offizieren zuerst nach Berlin und dann mit dem Flugzeug nach Smolensk gebracht. Hier zeigte man ihnen die Massengräber, die die Wehrmacht in der Nähe des Dorfes Katyn gefunden hat. Zusammen mit internationalen Delegationen konnten sich die polnischen Kriegsgefangenen alles ungehindert anschauen. Nach der Rückkehr in ihre Lager wurden sie angewiesen, anderen polnischen Soldaten von dem Gesehenen zu berichten.

Die Forderung nach der Wahrheit über Katyn und die Position der USA

Für die breite Öffentlichkeit in den USA war Katyn lange kein Thema und es wurde sehr wenig darüber berichtet. Allerdings gab es seit 1948 einige polnischsprachige Berichte über Katyn in den USA, von denen kaum jemand Notiz nehmen mochte. Ohne Ergebnis blieb 1949 auch die Bitte des Präsidenten des Polnischen Kongresses in den USA, Charles Rozmarek an den amerikanischen UNO-Botschafter Warren Austin, eine Untersuchung des Massakers von Katyn durch eine unabhängige UNO-Kommission durchzuführen. Erst dem amerikanischen Journalisten Julius Epstein ist es mit seinem Artikel über Katyn gelungen, die Bildung einer Kommission im Repräsentantenhaus zur Untersuchung des Massenmordes zu beschließen. Die Kommission unter Vorsitz des Abgeordneten Ray J. Madden befragte über 80 Zeugen. Unter ihnen befanden sich auch Überlebende aus den NKWD-Lagern und fünf Gerichtsmediziner aus der Katyn-Kommission von 1943. Sie wertete auch hunderte Fundstücke aus den Gräbern sowie über hundert schriftliche Aussagen aus. In ihrem Abschlussbericht ließ die Kommission im Dezember 1952 keine Zweifel an der sowjetischen Täterschaft bestehen.

Außerdem brachten die Untersuchungen ans Tageslicht, dass der frühere US-Präsident Roosevelt in dieser Frage nicht nur keinen Druck auf Stalin ausgeübt, sondern Informationen darüber auch aus amerikanischen Quellen aktiv unterdrückt hatte. Sie stammten u.a. von George Howard Earle, den Roosevelt 1944 selbst beauftragt hatte, sie zu sammeln. In seinem Bericht an Roosevelt stellte Earle schon damals ganz eindeutig die sowjetische Schuld fest und lieferte eindeutige Beweise dafür. Daraufhin antwortete ihm der Präsident in einem persönlichen Gespräch 1944, dass dies alles deutsche Propaganda und eine deutsche Verschwörung seien. Nach dem Krieg wollte Earle seinen Bericht veröffentlichen, Roosevelt verbot es ihm aber schriftlich und ließ ihn auf Amerikanisch-Samoa in den Pazifik versetzen. Ein anderes von der US-Regierung 1945 als streng geheim eingestuftes und unter Verschluss gehaltenes Dokument war der Bericht des US-Offiziers John van Vliet über seinen Besuch Katyns 1943. Auch er ließ keine Zweifel an der Schuld Stalins aufkommen.

Aufgrund der Ergebnisse ihrer Untersuchungen empfahl die Kommission, die Sowjetunion vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Doch am 18. Juni 1953 lehnte der Auswärtige Ausschuss Maddens Antrag ab, den Fall Katyn weiter im Repräsentantenhaus zu behandeln und ließ den Kommissionsbericht in den Archiven verschwinden. Verbittert und über die amerikanische Politik ganz desillusioniert, notierte der auch von der amerikanischen Kommission befragte Jozef Mackiewicz, der zusammen mit der internationalen Delegation 1943 Katyn besucht hatte: "Ich präsentierte ein riesiges Beweismaterial (...) ohne den geringsten Zweifel an der sowjetischen Schuld für dieses Verbrechen. Aber die amerikanische Politik gegenüber der Sowjetunion hat sich verändert und der Bericht der Kommission wurde ad acta gelegt". Und weiter schreibt er: "Die Zeit geht nach vorn. Gutnachbarschaftliche Beziehungen sollen vertieft werden und man geht zum "Entspannungsspiel" mit den Sowjets über. Alle von der kommunistischen Welt begangenen Massenmorde und andere Grausamkeiten müssen beiseite bleiben", stellte Mackiewicz fest.

Erst im September 2012 veröffentlichte das US-Nationalarchiv die Berichte von John van Vliet und Donald B. Stewart, die Katyn als deutsche Kriegsgefangene im Mai 1943 besuchen durften. Dazu schrieb "Der Spiegel" im Artikel unter dem Titel: "Die geheimen Dokumente von Katyn": "2012 freigegebene Dokumente legen nahe, dass die Alliierten schon früh die Wahrheit kannten - doch die USA und Großbritannien hielten zu Stalin." Das Magazin wies zugleich auf überwältigende Indizien für die Schuld der Sowjets hin und kritisierte das Kuschen der Westmächte vor dem Diktator Stalin: "Wie die offizielle Linie in Sachen Katyn aussah, zeigt die ebenfalls verschlüsselte Antwort des US-Geheimdienstes an Hauptmann John van Vliet. Nachdem dieser angeboten hatte, Informationen über Katyn zu liefern, schrieb eine nicht näher bezeichnete Person zurück: Wenn er die "Katyn-Sache" meine, "sind wir nur an Belegen für eine deutsche Mittäterschaft interessiert".

Die Forderungen nach Wahrheit über Katyn in Großbritannien



Die ablehnende Haltung der britischen Regierungen in Sachen Katyn hat fast genauso lange gedauert wie in den USA. Dabei sammelte Owen O’Malley, britischer Botschafter bei der polnischen Exilregierung, schon während des Krieges Aussagen von Menschen, die Katyn 1943 inspiziert hatten. In seinem Bericht vom 24. Mai 1943 warnte er den britischen Außenminister: "Die sowjetische Täterschaft sei fast unbezweifelbar, und ihr Verschweigen könne die Berufung des Westens auf moralische Werte untergraben." Großbritanniens Regierung hielt alle Informationen darüber jedoch geheim, um die Allianz mit der Sowjetunion nicht zu gefährden. Außerdem hinderte sie bis zum Kriegsende auch die polnische Exilregierung daran, es zu veröffentlichen. Das wurde 1972 nach Freigabe von zahlreichen Akten des britischen Außenministeriums bekannt.

Eine im Dezember 1944 in London gegründete Kommission sammelte Informationen über Katyn, schreibt Claudia Weber in ihrem Aufsatz "Die Massenerschießungen von Katyn in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs". Zitat aus ihrem Buch: "Ihr Bericht vermied eine Schuldzuweisung, legte aber anhand der präzise dargestellten Fakten die NKWD-Täterschaft nahe. (...) 1948 erschien eine erweiterte Fassung in London, die als vielfach übersetztes und neu aufgelegtes „Polnisches Weißbuch“ zur Hauptquelle der historischen Forschung wurde." Bei den Bemühungen um die Aufklärung des Massenmordes nach dem Krieg waren außer den polnischen Emigranten auch einige britische Publizisten, Schriftsteller und Politiker aktiv. Zu ihnen gehörte der britische Autor Louis Fitzgibbon, der bis Mitte der 70er Jahre zwei Bücher über Katyn veröffentlichte, sowie die Parlamentsabgeordneten Lord Barnaby und Lord Monckton. Claudia Weber erwähnt in dem bereits zitierten Beitrag den auch konservativen Abgeordneten Lord St. Oswald, der eine Debatte über Katyn am 17. Juli 1971 im Oberhaus des britischen Parlaments erreichte. Zitat: "Großbritanniens Regierung lehnte es jedoch ab, von der Sowjetunion Aufklärung und Strafverfolgung der Täter zu fordern, weil es ohne Beweis für einen Tötungsbefehl „legitime Restzweifel“ an ihrer Schuld gebe. Diese Haltung blieb bis 1990 bestehen", stellte Claudia Weber fest.

Die neuesten Veröffentlichungen von Unterlagen zur Politik Londons

Anfang April 2015 hat das Polnische Außenministerium auf seiner Internetseite weitere bislang in Großbritannien unter Verschluss gehaltene Dokumente veröffentlicht. Sie betreffen u.a. die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher und die britische Politik, und zwar am Beispiel des Katyn-Denkmals in London. Jahre lang wurde seine Errichtung von diversen britischen Politikern verhindert. Denn schon die ersten Pläne der polnischen Community in London lösten heftige Proteste in Moskau und im kommunistisch regierten Polen aus. Dank den Bemühungen der polnischen Migranten in Großbritannien und mit Unterstützung von einigen britischen Politikern und Soldaten, darunter dem Enkel von Winston Churchill wurde das Denkmal am 18.09.1976 im Londoner Stadtteil Kensington-Chelsea enthüllt. Den veröffentlichten Dokumenten nach beschloss die britische Premierministerin am 14. September 1979 - und unterschrieb eine entsprechende Entscheidung - jedes Jahr einen offiziellen Regierungsvertreter zu der Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages des Mordes in Katyn zu schicken. Auch ein britisches Militärorchester wurde dorthin abgeordnet. "Denn ich weiß, welche Bedeutung diese Feierlichkeiten für viele Mitglieder der polnischen Gruppe in Großbritannien haben", schrieb Margaret Thatcher. Für den Historiker Piotr Długołęcki vom polnischen Außenministerium bedeuten ihre Worte eine Wende der britischen Politik in Sachen Katyn, die über dieses sowjetische Verbrechen Jahrzehnte lang schwieg und schweigen ließ.

Unter den veröffentlichten Dokumenten auf der Internetseite des polnischen Außenministerium befindet sich auch der Bericht des bereits erwähnten britischen Diplomaten Owen O´Maley, der in Großbritannien und den USA lange geheim gehalten wurde. Einige Dokumente stammen aus dem Jahr 1952, als der US-Kongress die Kommission zur Untersuchung des Katyn-Mordes einberufen ließ. Sie betreffen die diesbezügliche Haltung der britischen Regierung. Daraus geht hervor, dass sie die betreffenden Anfragen der Kommission abweisend behandelte und keine Unterstützung leistete. Interessant und brisant zugleich: Die veröffentlichten Dokumente zur amerikanischen Untersuchungskommission belegen, dass der damalige britische Außenminister sowie der amerikanische Botschafter in London versuchten, die Bedeutung der Arbeit der Kommission klein zu reden. Darüber hinaus forderten diese beiden Vertreter von letztendlich demokratischen Ländern mit Presse- und Meinungsfreiheit, dass die Radiosender Voice of Amerika und BBC still sein und die Ergebnisse der Untersuchungskommission nicht publik machen sollten.

In der Rezension des autobiographischen Buches von Salomon W. Slowes "Der Weg nach Katyn - Bericht eines polnischen Offiziers", schreibt Sigurd Hess Worte, die stellvertretend für die Beurteilung des Umgangs der Westmächte mit dem Massenmord in Katyn stehen: "Die Geschichte von Katyn zeigt die verhängnisvolle ´Realpolitik` aller beteiligten Mächte von ihrer verwerflichsten Seite. Sie ist eine Geschichte von Mord, Betrug, Lüge, Ehrlosigkeit, geheimen Absprachen und politischem Eigennutz, um die patriotisch gesonnenen Kräfte der polnischen Führungsschicht auszurotten, während die westlichen Alliierten "konfliktscheues" Stillschweigen bewahrten, um die verschiedenen Regierungen der Sowjetunion während des Kalten Krieges nicht zu verprellen. (FAZ, 2001)

Das heutige Russland ist für die von Josef Stalin befohlenen Massenmorde in Katyn und an anderen Orten der damaligen Sowjetunion nicht verantwortlich. Und zwar genauso wenig wie das heutige demokratische Deutschland für die Nazi-Morde während des II. Weltkriegs. Verantwortlich ist aber das heutige Russland für den Umgang mit den dunklen Kapiteln der russischen Geschichte unter der kommunistischen Diktatur. Während in der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine gründliche Aufklärung und Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen stattfand und immer noch stattfindet, versuchen manche Politiker, politische Parteien und Gruppierungen in Russland erneut, die sowjetischen Verbrechen zu leugnen. Es gibt auch immer mehr Versuche, den für Millionen Opfern verantwortlichen Diktator Stalin wieder als Helden zu statuieren und seine menschenverachtende Politik zu verklären. Andererseits gibt es viele einzelne Menschen und Organisationen, die weiterhin ein demokratisches und auf Wahrheit gestütztes Russland wollen. Dazu gehört vor allem "Memorial", die bereits 1988 auf Initiative des ehemaligen sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow gegründete Menschenrechtsorganisation, die sich u.a. der historischen Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft und der Einhaltung der Menschenrechte widmet. Demnächst will Memorial ein Buch über die Massenmorde von Katyn veröffentlichen. Ein Buch, das ein weiterer Beitrag für die Versöhnung zwischen Polen und Russen sein kann.


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