Fußspuren im Sand

24.2.2016

Workshop 4: Migrationsrouten, Transitländer und "Schlepperorganisationen"

Im Workshop mit Dr. Ulrike Borchert von der Universität Hamburg ging es um Migrationsrouten aus dem globalen Süden, um die Situation in Flüchtlingslagern und spanischen Enklaven sowie um die Verantwortung Europas.Im Workshop mit Dr. Ulrike Borchert von der Universität Hamburg ging es um Migrationsrouten aus dem globalen Süden, um die Situation in Flüchtlingslagern und spanischen Enklaven sowie um die Verantwortung Europas. (© bpb)
Dr. Ulrike Borchardt eröffnete den Workshop mit einem Rückblick auf die gescheiterte Idee für eine "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Mittelmeerraum" (KSZM) aus den 1990er Jahren. Diese zeige Borchardt zufolge, dass die aktuelle Migrationsproblematik eine "unglaublich lange Vorgeschichte" habe. Dennoch habe die EU erst nach mehreren Vorfällen an den Grenzzäunen der spanischen Exklaven Melilla und Ceuta in Afrika ihr Augenmerk stärker auf Afrika gerichtet. Nach Ansicht der Referentin habe die EU bis heute keine Lösung für die Migrationsproblematik gefunden und stünde aktuell vor einem Nord-Süd-Konflikt.

Nach dieser kurzen Einführung erarbeiteten die Teilnehmenden anhand von Video- und Fernsehbeiträgen die Migrationsrouten aus dem globalen Süden (v.a. Afrika) in Richtung Europa sowie die verschiedenen Migrationsmotive. Borchardt betonte, dass Fluchtgründe sehr heterogen seien und meist mehrere Gründe zusammenkämen: "Es gibt kaum Menschen, die nur wegen Krieg ihr Land verlassen", erklärte die Politikwissenschaftlerin. Dann sei von "mixed migration", der gemischten Migration, die Rede. Am Beispiel Libyens erläuterte die Referentin den Teilnehmenden eine häufige Migrationsdynamik: Selbst lange Ziel innerafrikanischer Arbeitsmigration, fehlten nach dem Arabischen Frühling in Libyen die Lebensgrundlagen und Europa wurde zum Ersatzziel für Migrantinnen und Migranten aus Afrika.

Anschließend beschrieb Dr. Borchart den Teilnehmenden die konträren Einstellungen zu Migration in Europa und auf dem afrikanischen Kontinent: Während Afrikaner/-innen der Auffassung seien, dass Migration Entwicklung bedeute, empfänden die meisten Europäer/-innen Migration als "Unsicherheit für Europa". Dieser Gegensatz bilde eine "Blockade für eine gemeinsame Sicht auf das Problem", argumentierte Borchardt.

Unter dem Eindruck der Video- und Fernsehbeiträge, u.a. über Vorfälle im Auffanglager Choucha an der tunesisch-libyschen Grenze im Jahr 2011, diskutierten die Teilnehmenden des Workshops kontrovers über deren Wirkung. In der Gruppe herrschte bis zuletzt Dissens darüber, ob es sich bei einem Beitrag um Propaganda handelte. Einig waren sich die Teilnehmenden dagegen darin, dass es voreilig sei, sich aufgrund eines kurzen Fernseh-Beitrags eine umfassende Meinung zu bilden.

Mittels weiterer Fernseh-Einspieler setzten sich die Teilnehmenden kritisch mit der "Festung Europa" am Beispiel der spanischen Exklaven Melilla und Ceuta in Afrika auseinander. Eine Teilnehmerin äußerte ihr Unverständnis über die Vereinbarkeit der dortigen Grenzzäune mit den europäischen Werten. Ein anderer Teilnehmer erklärte sich die Abschottung Europas mit dem "Schutz von Privilegien" und der "Stabilisierung von Ungleichheitsverhältnissen".

Daraufhin sprachen die Teilnehmenden über die Verantwortung Europas für die Fluchtursachen im globalen Süden. Borchardt zufolge verhindere die Politik der EU (Migrations-, Agrar-, Fischerei- und Klimapolitik) den Aufbau funktionierender Wirtschaften in den Ländern Afrikas. Auch die Freihandelsabkommen zwischen der EU und einzelnen afrikanischen Ländern müssten in dem Zusammenhang kritisch betrachtet werden. Nach Borchardts Auffassung stellt die Subventionspolitik der EU eine Hauptursache für die Flucht nach Europa dar. Die EU sehe sich daher in der aktuellen Flüchtlingssituation mit Konsequenzen konfrontiert, deren Ursachen sie zum Teil selbst zu verantworten habe. Dazu warf ein Teilnehmer die Frage auf, wie viel Gewalt gegen Flüchtlinge Europa tolerieren wolle, um seine Politiken durchzusetzen.

In der sich anschließenden Diskussion beschäftigte sich die Gruppe insbesondere mit den Handlungsoptionen Europas. Ein Teilnehmer schlug vor, den Lebensstandard in Europa zu senken, um anderen Ländern "die Chance zu geben zu wachsen". Ein anderer Teilnehmer regte dagegen an, "wirksame Hilfe in den Herkunftsländern zu leisten", um die aktuelle Flüchtlingssituation zu lösen, denn: "Keiner geht zurück, wenn es vor Ort keine Perspektiven gibt." Dass eine Lösung gefunden werden müsse, darin waren sich alle Teilnehmenden einig. Schließlich stünde auch die Zukunft der EU auf dem Spiel, resümierte Dr. Borchardt.

Dokumentation: Janett Deser

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