Pegida

26.4.2016 | Von:
Johannes Bluth

Die Angst vor dem Islam in Deutschland ...

Für Rechtspopulisten ist er rückständig, reaktionär, und nicht eine Religion, sondern eine gefährliche politische Ideologie: Der Islam wird zum perfekten Gegenbild einer angeblich homogenen, europäischen Kultur. Im Workshop wurden wesentliche Elemente dieser Islamfeindlichkeit angesprochen und Antworten der politischen Bildung thematisiert.

Sindyan Qasem von ufuq.de, der Journalist Daniel Bax und Moderator Reinhard Fischer widmen sich in Kassel dem Thema Islamfeindlichkeit.Sindyan Qasem von ufuq.de, der Journalist Daniel Bax und Moderator Reinhard Fischer widmeten sich in Kassel dem Thema Islamfeindlichkeit. (© Roland Sippel/bpb)

In den meisten Staaten Westeuropas sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Trotzdem ist die Behauptung einer angeblichen Islamisierung ein fester Topos vieler rechtspopulistischer Argumentationen. In ähnlicher Manier wie gegen die EU und die Flüchtlinge agitiert wird, gerät auch der Islam in den Fokus. Von der sogenannten "Asylkritik" zur "Islamkritik" ist es oft kein weiter Weg. Die beiden Referenten Daniel Bax und Sindyan Qasem stellten zunächst ihre Perspektiven auf das Thema vor.

"Sehnsucht nach Übersicht"

Bax rief zunächst die entsprechenden Debatten der letzten Zeit im europäischen Kontext ins Gedächtnis. Die pauschalisierende Ablehnung des Islams entzünde sich dabei oft an sichtbaren Symbolen, die als Fremdkörper wahrgenommen würden, wie beispielsweise das Kopftuch oder der Bau von Minaretten. Das Ziel des Rechtspopulismus bestehe letztlich darin, die Einwanderung von Muslimen zu reduzieren und als muslimisch wahrgenommenes Leben im öffentlichen Raum unsichtbar zu machen. Dahinter stünden zumeist eine "Sehnsucht nach Übersicht und eine verklärt-nostalgische Erinnerung", wie Bax im Rahmen seines Inputs ausführte. Islamfeindlichkeit, das sei so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner rechter Populisten. Bax zog auch Vergleiche zu anderen europäischen Staaten wie Frankreich, wo Marine Le Pen Muslime wiederholt als "neue Faschisten" bezeichnet hat. Gleichwohl gäben sich rechtspopulistische Strömungen modern und versuchten sich von plumpem Rassismus bewusst abzugrenzen. Bax sprach von einer "Industrie der Islamkritik", die heute mit scheinbar authentischen Kronzeugen arabischen Namens, wie beispielsweise der Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek, ins Felde ziehe. Auch gebe es plötzlich eine unüberschaubare Masse von selbsternannten "Islamexperten", die das Bild des Islams in der Öffentlichkeit entscheidend mitprägten.

Religiösität und problematisches Verhalten trennen

Für Qasem äußert sich Islamfeindlichkeit vor allem in einem eklatanten antimuslimischen Rassismus. In der politischen Bildung müsse es verstärkt darum gehen die Opferperspektive zu erkennen und zu stärken. Der Islam werde zu sehr unter einem bloßen Sicherheitsparadigma und im Hinblick auf Radikalisierung verhandelt. Die islamische Vielfalt müsse mehr in den Mittelpunkt rücken und es müsse bewusst gemacht werden, wie Minderheitendiskurse funktionieren. Denn Rassismus führe dazu, dass defensive Wir-Konstruktionen bei den Opfern überhaupt erst aufgebaut würden. Sprache, Wissen und Empowerment, diese drei Schlagworte führte Qasem hier an. Demokratie müsse als ständiges Neuverhandeln von Gesellschaft verstanden werden. Nur so könne rassistischen Gegenbildern begegnet werden. Dies könnte dabei helfen, worauf es in der Debatte grundsätzlich ankomme: Religiösität und problematisches Verhalten müssten klar voneinander getrennt betrachtet werden.

Über Rassismus reden, nicht über den Islam

Die sich anschließende Diskussion zielte darauf ab, wie die politische Bildung auf Islamfeindlichkeit antworten kann. Dabei wurde vor allem diskutiert, inwiefern eine bestimmte Ablehnung des Islams klar als rassistische Haltung benannt werden müsste, durch die Menschen oft erst zu Muslimen gemacht würden. Wer den Islam ablehne, konstruiere ein Objekt, nämlich den Islam, und daher sei diese Haltung nicht mit der Realität erklärbar. Die Thematisierung von antimuslimischem Rassismus erzeuge allerdings bei vielen Menschen große Vorbehalte, während beispielsweise Bildungsangebote zum Salafismus stark nachgefragt seien. Aber gerade Jugendliche wollten über Rassismus sprechen und nicht über den Islam, so Qasem. Er forderte daher "nicht-stigmatisierende Ansprachen" für die Zielgruppe zu finden. Denn besonders muslimische Jugendliche stünden unter einem teils erheblichen Rechtfertigungsdruck in ihrem persönlichen Umfeld.

Reges Interesse gab es bei der Frage nach der Rolle der Medien. In der Praxis der politischen Bildung erhärte sich der Eindruck, argumentativ immer wieder bei Null anfangen zu müssen, sobald ein negatives Medienereignis mit dem Islam verknüpft werde. Die Nachrichtenselektion in den Redaktionen trage zu skandalisierenden und kulturalisierenden Zuschreibungen bei, so der Tenor. Aber auch das Feuilleton habe islamfeindliche Debatten wiederholt unterfüttert. Bax mahnte an, die Zusammensetzung von Redaktionen sei oft noch sehr homogen, Menschen mit Migrationsgeschichte seien stark unterrepräsentiert. Hier eine Veränderung herbeizuführen, könne die Problematik dieser backlashs entschärfen. Aber auch Projekte wie die bpb-Kampagne Youtuber gegen Nazis wurden als Positivbeispiele genannt, die Medienkompetenz stärken und Vorurteile abbauen könnten.

Am Ende wurde die Frage nach möglichen role models aufgeworfen und über die Frage debattiert, ob eine Thematisierung des Islams an sich das falsche Signal sei. Für Rechtspopulisten sei der pauschalisierte Islam ohnehin eine "Passepartout-Lösung", so Bax. Daher seien Counternarratives wenig hilfreich. Auch ein interreligiöser Dialog sei in seiner Dynamik des "preaching to the converted" nur begrenzt hilfreich. Die zentrale Frage müsse vielmehr lauten, warum der Islam zum Stellvertreter gesellschaftlicher Problemlagen werde. Dabei müsse vor allem soziale Ungerechtigkeit in den Mittelpunkt gerückt werden. Allerdings wurden hier Zweifel laut, ob die beteiligten Akteure überhaupt auf Augenhöhe miteinander diskutieren könnten. Wo ein demokratischer Dialog aufgrund ungleicher Teilhabechancen gar nicht erst entstehen könne, werde sich am Grundproblem des antimuslimischen Rassismus nichts ändern.
Referenten:
Sindyan Qasem, ufuq.de, Junge Islam Konferenz
Daniel Bax, taz, Neue Deutsche Medienmacher
Reinhard Fischer, Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin

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