Pegida

Pauschale Ablehnungen – Vom Vorurteil zur Diskriminierung


26.4.2016
Was ist der Grund für die Ablehnung ganzer Bevölkerungsgruppen und was kann man dagegen tun? Im Workshop "Pauschale Ablehnungen – Vom Vorurteil zur Diskriminierung?" nahmen Johannes Kiess von der Universität Siegen und Marina Chernivsky von der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland das Phänomen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unter die Lupe.

Marina Chernivsky, Johannes Kiess, Thomas Gill und die Teilnehmer der AG Pauschale Ablehnungen - gezeichnet von Wienke Jensen.Marina Chernivsky, Johannes Kiess, Thomas Gill und die Teilnehmer der AG Pauschale Ablehnungen - gezeichnet von Wienke Jensen. (© Wienke Jensen)

Hass und Abneigung haben ganz unterschiedliche Gründe. Ihm gefallen ihre Klamotten nicht, er ist ihr zu direkt – manchmal entsteht Feindschaft. Die hat meist ganz persönliche, auf das jeweilige Individuum bezogene Gründe. Neben dem interindividuellen gibt es aber auch eine andere Art von Feindschaftsverhältnis: die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF).

Wie können wir mit Ausgrenzung in Schulen umgehen? Wie dem Rassismus unter Menschen der älteren Generation begegnen? Und wie kann man mit seinen eigenen Vorurteilen umgehen? Die Teilnehmenden waren mit unterschiedlichen beruflichen und persönlichen Hintergründen und damit auch einer Reihe an Motiven und Erwartungen in den Workshop gekommen. Diese Fragen galt es zu beantworten.

Abwertung und Rechtsextremismus



Auf dem Papier sind wir alle gleich – so will es das Grundgesetz. Gleichwertigkeit ist ein zentrales Merkmal unserer Demokratie. In der gesellschaftlichen Realität ist das nicht immer so: Antisemitismus, Homophobie, Sexismus oder die Abwertung von Obdachlosen und Menschen mit Behinderungen – bestimmte Gruppen werden von Menschen pauschal mit negativen Zuschreibungen versehen. All diese verschiedenen Einstellungen werden unter dem Dach des integrativen Konzepts "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" vereint.

Johannes Kiess beschäftigte sich im Rahmen der Leipziger "Mitte"-Studie mit Rechtsextremismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die alle zwei Jahre durchgeführte repräsentative Befragung untersucht rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. "Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.", sagte der Soziologe zu Anfang des Workshops. "Um ein tiefes Verständnis zu haben, wogegen man Prävention machen will, steht am Anfang die Beschäftigung damit." Dazu gehörte in diesem Fall die Beantwortung der Fragen: Was ist die rechtsextreme Einstellung? Und was ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?

Nach der Ideologie der Ungleichwertigkeit äußerten sich rechtsextreme Einstellung durch folgende Merkmale: die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus. Rechtsextremes Verhalten äußerte sich beispielsweise durch die Wahlentscheidung, die Mitgliedschaft in bestimmten Organisationen und Parteien, aber auch durch Provokation und Gewalt. Damit aus Einstellungen Handlungen erwachsen, bedürfe es jedoch meist der Aktivierung: "In unseren Studien haben wir gezeigt, dass diese rechtsextreme oder -populistische Disposition, diese Einstellungen, in der Gesellschaft vorhanden sind. Aber es bedarf natürlich dieses mobilisierenden Momentes von Menschen, die ein Projekt für sich genommen haben und andere davon überzeugen, mitzumachen. Und auf der anderen Seite muss die diskursive Opportunitätsstruktur gegeben sein", so Kiess. So habe ein sehr weit nach rechts gerückter Diskurs rund um Flucht und Asyl es erst möglich gemacht hat, dass die Protestbewegung Pegida und die rechtspopulistische AfD so stark werden konnten.

Zusammenwirken von Ideologien



Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit basiere auf der Ideologie der Ungleichwertigkeit, also der Aufwertung der eigenen durch die Markierung der "anderen" Gruppe, erläutert Marina Chernivsky von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V. Dabei werde das "Wir" und das "Nicht-Wir" binär gegenübergestellt. Es komme zu einer Konstruktion von Fremdheit. Asymmetrien würden festgestellt, Mehrheiten und Minderheiten als unsichtbare Normenmaßstäbe verinnerlicht. Dabei spiele Angst eine große Rolle. "Das Konzept GMF ist nicht perfekt, aber macht das Zusammenwirken verschiedener menschenverachtender Ideologien deutlich: Wie beziehen sich die verschiedenen Formen gruppenbezogenen Hasses aufeinander? Das Konzept ermögliche es, die Verknüpfungen aufzuzeigen und die Rolle der einzelnen Phänomene zu thematisieren", so Marina Chernivsky.

Denn zwischen den Abwertungen unterschiedlicher Gruppe bestehe ein Zusammenhang. Das ist auch ein Ergebnis der Leipziger "Mitte"-Studien. Man spreche daher auch vom "Syndrom" der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit: "Jemand, der Obdachlose abwertet, ist auch eher sexistisch oder rassistisch. Allen Abwertungen gemeinsam ist die Ungleichwertigkeitstheorie, also die Überzeugung, dass es aus unterschiedlichen Gründen – kulturell, von Geburt an usw. – Unterscheide zwischen Menschen gibt", sagte Kiess.

Probleme und Handlungsempfehlungen



Als Handlungsempfehlung leitete der Soziologe daraus ab, dass bei dieser Ideologie der Ungleichwertigkeit anzusetzen sei: "Wir müssen zu einem demokratischen Umgang und Bewusstsein in dieser Richtung arbeiten." Es sei auch wichtig, die Menschen samt ihrer Ängste und Distanzierungsbedürfnisse anzusprechen, fügte Chernivsky hinzu. Dabei dürfe man in der Praxis nicht den Weg der reinen Aufklärung gehen, sondern man müsse Brücken schlagen: "Es ist nicht so, dass der Wissenserwerb nicht wichtig ist. Wir bewegen uns zwischen Selbstreflexion, Methodenanalyse und dem Wissensaspekt. Die drei Methoden sind miteinander verstrickt. Es gibt keine Methode, die ohne Aufklärungsaspekt funktionieren kann, aber wir brauchen auch Emotion."

Das Ziel könne es nicht sein, die Gruppen zu nivellieren. Stattdessen müsse man unterschiedliche Geschichten und Narrative wertvoll machen. Dass das nicht so leicht ist, liege auch an fehlenden finanziellen Ressourcen, erklärten mehrere Stimmen aus dem Publikum. Wenn Projekte gegen Diskriminierung nur für ein bis maximal zwei Jahre gefördert würden, sei es schwierig, nachhaltige politische Bildung zu machen.
Referentinnen und Referenten:
Marina Chernivsky, Leiterin des Modellprojekts "Perspektivwechsel Plus" der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V.
Johannes Kiess, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen und Co-Autor der Leipziger "Mitte"-Studien
Thomas Gill, Leiter der Berliner Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Moderation)


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