Pegida

26.4.2016 | Von:
Baran Korkmaz

Gerüchte über Flüchtlinge...

Ob über Mundpropaganda oder über soziale Netzwerke: Gerüchte über Flüchtlinge sind in bestimmten Kreisen allgegenwärtig. Doch was kann man Gerüchten, die sich empirischen Widerlegungen und Fakten entziehen, entgegensetzen? Wie erlangen sie ihre Geltungskraft und mit welchen Gerüchten wird man im Alltag konfrontiert?

Gerade für die Teilnehmer der Arbeitsgruppe stellte sich aus ihrer jeweiligen Praxissicht auch die Frage, welche Rolle soziale Medien spielen und mit welchen Argumentationshilfen bzw. Strategien man diesem Problem beikommen kann – ob aus universitärer Perspektive, aus Sicht der politischen Bildner oder zivilgesellschaftlichen Akteure.

David Begrich, Bildungsreferent beim Verein "Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit e.V." in Magdeburg, eröffnete die Runde mit der Lithographie Das Gerücht von A. Paul Weber (1943/53): Eine monstergleiche schlangenartige Figur, die durch eine Hochhausschlucht fliegt und der aus unzähligen Fensterlöchern Gestalten Gerüchte zuführen und ihr somit immer neue Nahrung geben. Ein unablässiger Strom an Informationen und Ressentiments, die das Gerücht nähren und reproduzieren.

Ähnlich verhalte es sich mit der Entstehung von Gerüchten über Flüchtlinge im Web 2.0: Wenn nämlich eine Parallelöffentlichkeit im Internet eigenständige Faktizitäten produziert und reproduziert. Dies führe dazu, dass diese Gerüchte keinerlei Bezug mehr hätten zu Informationsproduzenten wie Behörden, Zeitungen oder den Öffentlich-Rechtlichen. Und wo mit anderen Öffentlichkeiten nicht mehr interagiert wird, seien Gerüchte auch nur noch begrenzt widerlegbar. Argumente und Fakten würden dann nicht mehr weiter helfen.

Und gerade in hochemotionalisierten Situationen, in denen ein Handlungsdruck imaginiert wird, der eine sofortige Tat "erfordert" (Stichwort: Bürgerwehr), würde sich zeigen: die Emotion und das Gefühl sind immer stärker als das Argument. Wenn auf den Empörungseffekt gesetzt und an ein imaginiertes Gemeinsames appelliert wird – das übrigens gar nicht der Realität entsprechen muss – lasse sich auch sehr schnell ein Eigenes und Fremdes herstellen.

Wie funktionieren Gerüchte eigentlich?

Laut Begrich gehe es auf Facebook um die Plausibilisierung von Gerüchten. So habe er die Beobachtung gemacht, dass erstens: Gerüchte immer dann Plausibilität erreichen, wenn sie weitergeleitet würden von anderen Personen, die nicht zum Freundeskreis einer Person gehören.

Zweitens aber könne die Plausibilisierung von Gerüchten nicht nur mit dem Web 2.0 erklärt werden. Beispiel: Die Aktion "Nein zum Heim" war im Web 2.0 bundesweit zu beobachten. Doch nur dort, wo Akteure auch auf den Straßen aktiv waren, hatte diese "Initiative" den virtuellen Raum verlassen. Es gibt, so glaubt Begrich, eine Wechselwirkungsbeziehung zwischen Gerüchten und Akteuren in der Wirklichkeit.

Drittens stelle sich die Frage, sobald ein Gerücht den virtuellen Raum verlassen hat, ob es überhaupt widerlegt werden sollte – vonseiten z.B. des Jugendamts, des Gesundheitsamts oder gar des Supermarktes, in dem angeblich geklaut wurde. Denn werde es von "höherer Stelle" widerlegt, könne dies wiederum als Beleg dafür gelten, dass an dem Gerücht ja was dran sein müsse.

Wie können Medien mit Gerüchten umgehen?

Alexander Schierholz, Redakteur bei der Mitteldeutschen Zeitung in Halle, berichtete aus der journalistischen Praxis, wie er in seiner täglichen Arbeit Gerüchte aufgreift und sie gegebenenfalls verarbeitet.

Zunächst einmal sei es wichtig, sich an bestimmte Standards zu halten und sich zu fragen: Wann gehe ich einem Gerücht nach, wie behandele ich es, oder lasse ich es einfach sein? Und im Einzelfall müsse geprüft werden, um was für ein Gerücht es sich handelt, genauer: wo es herkommt? Weiter stelle sich die Frage, sollte ein Gerücht den virtuellen Raum noch nicht verlassen haben: Sobald ich darüber berichte, fungiert der Journalist dann nicht sogar als Verstärker des Gerüchts?

Am Beispiel eines von ihm verfassten Artikels Die Lügen-Seuche zeichnete er nach, wie in sozialen Netzwerken Geschichten über Flüchtlinge verbreitet werden, was daran gefährlich ist und wie man sich als Betroffener dagegen wehren kann.

Auch in Die Geschichte eines Gerüchts, wonach ein Hausmeister in einer Erstaufnahmestelle in Halle angeblich zu Tode geprügelt worden sei, zeigte er Möglichkeiten auf, Gerüchten entgegenzuwirken. Für Schierholz waren dabei die entscheidenden Fragen: Lässt sich das Gerücht verifizieren, was sagt die Polizei dazu, gibt es Zeugen, sprich: Gibt es überhaupt genug Anhaltspunkte, die Geschichte zu machen? Im gleichen Hotel übrigens meldete sich in der Folge sogar noch der ärztliche Koordinator der Landesaufnahmeeinrichtung Halle und dementierte weitere abstruse Gerüchte (siehe Ein Gerücht und der Brief eines Arztes).

Doch egal wie gut einem Gerücht entgegengewirkt worden ist: jene, die sich von Fakten und Widerlegungen nicht überzeugen lassen, könne man ohnehin nicht erreichen. Solche bestätigten ohnehin nur ihre Weltsicht reziprok untereinander. Der Presse bliebe in diesem Zusammenhang also nur übrig: immer weiter aufzuklären.

Flüchtlinge sichtbar machen

Eine Teilnehmerin, die in der Antirassismusschulung tätig ist, schilderte aus ihrem Arbeitsalltag, dass es hilfreich sei, Fakten zu sammeln, die ein Gerücht als solches entlarven, die eigenen Seminarteilnehmer in Quellenkritik zu üben, und Gegengeschichten zu erzählen, um Pauschalisierungen etwas entgegnen zu können.

Im Zusammenhang mit der Idee, auch Gegengeschichten zu erzählen – also auch die Sicht der Flüchtlinge sichtbar zu machen – wies Begrich auf das wesentliche Problem der mangelnden Repräsentation der Flüchtlinge oder Migranten selbst hin. Denn oft kursierten einfach Angstszenarien, denen man teilweise argumentativ nicht beikommen könne. Daher müsse man mehr Sichtbarkeit erzeugen, Flüchtlingen die Möglichkeit geben, sich selbst zu repräsentieren.

Leseempfehlung: www.hoaxmap.org – Eine Sammelseite, auf der Gerüchte gegen Flüchtlinge entlarvt werden.
Referenten:
David Begrich, Bildungsreferent beim Verein Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Welto enheit e. V. in Magdeburg
Alexander Schierholz, Journalist in Halle (Saale)
Felix Steinbrenner, Fachreferent für Extremismusprävention bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Moderation)

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

Mehr lesen

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

Mehr lesen

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

Mehr lesen

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

Mehr lesen