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Pegida

26.4.2016 | Von:
Anna Orosz

Antiziganismus begegnen

Antiziganistische Vorurteile wurden in den Debatten um die Freizügigkeit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus Rumänien und Bulgarien und um die Drittstaaten-Regelung für Serbien und Mazedonien verstärkt öffentlich geäußert und verbreitet. Doch die politische Bildung hat Methoden entwickelt, um sich mit entsprechenden Vorurteilen auseinanderzusetzen.

Teilnehmer der AG Antiziganismus.Teilnehmer der AG Antiziganismus. (© Wienke Jensen)

Der Einklang zwischen Merfin Demir und Markus End war sofort spürbar: die beiden Referenten arbeiten schon lange zusammen. Gemeinsam mit den überaus engagierten Teilnehmern sorgten sie für einen erkenntnisreichen Workshop.

Klischees über Sinti und Roma seien Merkmale unserer Alltagskultur, und die Thematisierung vermeintlicher Stereotypen dieser Volksgruppen gelte als durchaus salonfähig. Das stellte die Arbeitsgruppe schon zu Beginn des Workshops fest. Dazu gehörten rassistische Bemerkungen in den Medien, sei es von Journalisten und Politikern sowie die stereotypische Darstellung von Sinti und Roma durch Figuren in Filmen, Serien und sogar in Kinderliteratur. Sowohl für Deutschland als auch für Europa ließe sich konstatieren, dass ein vergleichbarer Umgang mit anderen Volksgruppen und Minderheiten viel eher gesellschaftlich thematisiert und verurteilt würde. Rassistische Abbildungen von sowie die rassistische Kommunikation über Sinti und Roma würde hingegen als weniger problematisch und eher akzeptabel wahrgenommen als dies bei anderen ethnischen Gruppen der Fall sei. Dies zeige, wie stark Antiziganismus sich in unserer Gesellschaft bereits eingenistet habe.

Kein Randphänomen

Stereotypische Denkweisen gegenüber Sinti und Roma sind kein Randphänomen – das verdeutlichte Markus End zu Beginn der Diskussion. Antiziganismus sei daher kein populistisches oder rechtsextremes Merkmal: er gehöre vielmehr zur Mitte der Gesellschaft und würde bis heute auf unterschwellige Arte und Weise vermittelt und verbreitet. Verdeutlicht wurde dies durch Bildmaterial der Referenten, das in Medien und im Alltagsleben häufig verwendete Klischees über Sinti und Roma darstellte.

Die Teilnehmenden diskutierten die Bilder und erklärten, dass Abbildungen dieser Art dem Zweck zu dienen scheinen, beim Leser bzw. Zuschauer schnelle Assoziationen zu Sinti und Roma hervorzurufen. Abbildungen dieser Art hätten – anders als Darstellungen von Menschen ohne ähnlichen Hintergrund – zielten meistens gar nicht darauf das Individuum an sich darzustellen, sondern auf die vermeintlichen Merkmale von Sinti und Roma hinzuweisen.

Anspruch politischer Bildung müsste es daher - unter anderem - sein, der Verbreitung und Vermittlung einfacher stereotyper Bilder innerhalb der Mehrheitsgesellschaft entgegenzuwirken.

Bildungsarbeit mit Sinti und Roma Jugendlichen

In der Bildungsarbeit mit Sinti und Roma Jugendlichen stelle es eine große Herausforderung dar, dass Sinti und Roma häufig kein alternatives Meinungskonzept vermittelt bekämen. Zu dominant sei der stereotype gesellschaftliche und mediale Diskurs. Deshalb, betonte Merfin Demir, könne jegliche Art politischer Bildung mit Sinti und Roma Jugendlichen erst nach einer Phase intensiver Identitätsstärkung und Unterstützung der Jugendlichen beginnen.

Realistische Ziele für die politische Bildung

Die Diskussion wurde von der Frage dominiert, welcher Begriff für Sinti und Roma verwendet werden sollte. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass die Tatsache, dass derlei grundsätzliche Fragen in der Gesellschaft immer noch umstritten sind, während gleichzeitig so starke Stereotypbilder im gesellschaftlichen Diskurs genutzt würden, darauf hinwiesen, dass politische Bildung sich aktiv auf dem Gebiet einsetzen sollte.
Zwischen stereotypischer und stereotypfreier Darstellung der Sinti und Roma läge ein sehr schmaler Grad, der oft schwer zu bestimmen sei. Abschließend einigten sich die Teilnehmer darauf, dass die Suche nach einer gänzlich gewaltfreien Sprache ein zu ambitioniertes Ziel sei. Lehrer, Lehrerinnen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen und politische Bildner und Bildnerinnen sollten realistische Zielsetzungen formulieren und eine möglichst gewaltfreie Auseinandersetzung und Vermittlung etablieren.
Referenten:
Merfin Demir, ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Roma-Jugendverbandsarbeit und derzeit Projektkoordinator bei der Otto-Benecke-Stiftung e. V.
Markus End ist Doktorand an der Technischen Universität in Berlin. 2014 erschien seine Studie zu Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit
Carmen Teixeira, Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen (Moderation)

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