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Pegida

26.4.2016 | Von:
Sinah Grotefels

Vom Gefühl, unerwünscht zu sein

Verletzende Worte, verächtliche Blicke, zuschlagende Fäuste – Diskriminierung tritt oft im Zwischenmenschlichen zutage. Aber sie reicht noch weiter. Zum Teil unbemerkt zieht sie sich durch alle Ebenen des menschlichen Zusammenlebens. Was den Betroffenen bleibt, ist das Gefühl unerwünscht zu sein.

Aliyeh Yegane Arani  und Nina Mühe während des Workshops zu populistischer Agitation gegen Zugewanderte und Flüchtlinge.Nina Mühe und Aliyeh Yegane Arani während des Workshops zu populistischer Agitation gegen Zugewanderte und Flüchtlinge. (© Sinah Grotefels)

Was macht Diskriminierung mit den Betroffenen und was die Betroffenen mit der Diskriminierung? Zusammen mit den Workshopteilnehmern und Workshopteilnehmerinnen begaben sich Ethnologin Nina Mühe und Aliyeh Yegane Arani von der Anlaufstelle Antidiskriminierung und Diversity an Schulen auf die Suche nach Antworten.

Vier Ebenen der DiskriminierungVier Ebenen der Diskriminierung wurden im Workshop besprochen. (© Sinah Grotefels)
Zu Anfang waren die Teilnehmenden gefragt. Die Mission: Rassismus auf allen Ebenen der Gesellschaft identifizieren. Die Methode: Gruppenarbeit. Das Werkzeug: ein Flipchart, ein Marker und ein Modell. Das Modell der 4 "Is" gaben die Referentinnen ihnen vorher an die Hand. Jedes "I" steht für eine Ebene auf der Diskriminierung stattfindet: der ideologischen, der institutionellen, der interpersonellen und der individuellen Ebene.

20 Minuten Diskussion und drei dicht beschriebene Flipcharts später präsentierten die Teilnehmenden ihre Ergebnisse: Im Bereich der ideologischen Ebene seien bestimmte Bilder tief kulturell verankert und werden reproduziert; hier gehe es beispielsweise um Stereotype. Diese Bilder wirkten auf die institutionelle Ebene, auf der sie Teil der Routinen werden. "Racial Profiling" oder die schlechtere Schullaufbahnempfehlung für Kinder mit Migrationshintergrund identifizierten die Teilnehmenden als solche Routinen. Auf interpersoneller Ebene hätten die Menschen die Routinen so verinnerlicht, dass sie sich gegenüber anderen Menschen diskriminierend verhielten. Dies trete dann beispielsweise in der häufigeren Zurückweisung von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt zutage. Bei den Individuen, gegen die sich dieses Verhalten richte, löse das Selbstzweifel, bei einigen "Überangepasstheit" aus.

Muslimische Religiosität als Stigma

Statt erst die Theorie, dann die Praxis folgte im Workshop der Praxis die Theorie: An den interaktiven Einstieg schlossen sich die Inputs der beiden Referentinnen an: Aliyeh Yegane Arani erzählte, dass sie in ihrer Arbeit bei der Anlaufstelle Antidiskriminierung und Diversity an Schulen die Erfahrung gemacht habe, dass die Schwierigkeiten schon bei der Frage ansetzten: "Ist das jetzt Diskriminierung oder nicht? Da gibt es häufig Schwierigkeiten bei der Einschätzung." Per Definition sei soziale Diskriminierung die illegitime negative Behandlung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit.

Wie gehen Schülerinnen und Schüler mit Diskriminierung um? Dieser Frage geht Nina Mühe derzeit in ihrer Dissertation auf den Grund. Hierzu führte sie eine qualitative Befragung unter 25 jungen Musliminnen und Muslimen mit Diskriminierungserfahrung im Alter zwischen 13 und 25 Jahren durch. Ein erstes Ergebnis ihrer Studie: "Muslimische Religiosität wird durch gesellschaftliche Diskurse über den Islam und Muslime zum Stigma", so Mühe. Dieses Stigma werde durch äußere Attribute, z.B. die Kleidung, aber auch durch Praktiken, wie das Begehen des Fastenmonats Ramadan, nach außen sichtbar. Insgesamt gebe es Hinweise auf verstärkte Diskriminierungserfahrungen religiöser Musliminnen und Muslime, hielt Mühe fest. Aber auch nichtreligiöse Menschen würden Opfer der religiösen Stigmatisierung.

Folgen von Diskriminierung

Mit der Stigmatisierung gingen die Befragten unterschiedlich um: "Die erste Strategie ist Vermeidung. Mädchen entscheiden sich zum Beispiel dagegen, ein Kopftuch zu tragen, um weniger aufzufallen", sagte Mühe. Gefühle der Wut und Ohnmacht würden einerseits dazu führen, dass sich die Betroffenen zurückziehen, andererseits würden sie auch Aggressionen auslösen. Während einige der Betroffenen versuchen würden, die Stereotype zu durchbrechen, versuchten andere, die von außen identifizierten "Fehler" bei sich und anderen zu korrigieren. Wieder andere machten sich auf die Suche nach Wissen zur Selbstermächtigung. Schließlich gebe es auch Menschen, die Religiosität als Ressource und Empowerment sehen.

Zu den kurzfristigen, affektiven Wirkungen von Diskriminierung zählten Stress und Niedergeschlagenheit, ergänzt Arani. Die Verunsicherung und das niedrigere Selbstwertgefühl führten zu mehr Wachsamkeit und Sensibilität. Gleichzeitig würde die konstante Beschäftigung mit der Diskriminierung mentale Ressourcen beanspruchen. Dadurch würde sich die Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit in anderen Bereichen verringern. Zu den physischen und gesundheitlichen Folgen zählten Bluthochdruck und schlechtere Krankheitsverläufe. Soziale Folgen beinhalteten den sozialen Rückzug, geringere Bildungsteilhabe, berufliche Erfolge und weniger gesellschaftliche Anerkennung, ein geringeres Selbstwertgefühl und Zukunftsängste.

Gemeinsamkeiten stärken

Wirksame Inventionsmaßnahmen müssten auf verschiedenen Ebenen erfolgen: Man müsse zu erreichen versuchen, dass diskriminierte Menschen sich wieder als facettenreiche Persönlichkeiten wahrnehmen. "Es ist wichtig, nicht Schubladen zu schaffen, sondern die Ähnlichkeit zwischen den Gruppen zu betonen und die Gemeinsamkeiten zu stärken", so Arani. Zum Empowerment der Betroffenen gehöre auch, Kenntnisse über ihre Rechte zu vermitteln. Ein Rezept für das Empowerment von Diskriminierten gebe es nicht, betonte Mühe, sondern es finde auf vielen verschiedenen Ebenen statt." Relativ kurzfristige Maßnahmen ließen sich beispielsweise durch die Vermittlung von Wissen in Form von Workshops erzielen. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das zu einer anderen Selbsthaltung führen kann, dass man sich durch Wissen über Diskriminierung ganz anders positioniert." Wichtig sei auch die institutionelle Verankerung von Diskriminierungsmaßnahmen, fügte Arani hinzu: "Wir werden nicht von heute auf morgen alle Diskriminierung abbauen. Wichtig für Empowerment ist: wie kommen wir in Institutionen rein, um längerfristig etwas zu verändern?"
Referentinnen:
Aliyeh Yegane Arani, Politikwissenschaftlerin mit langjährigen Erfahrungen in der außerschulischen Bildung sowie Diversity-Expertin
Nina Mühe, Ethnologin und derzeit Projektleiterin des Modellprojekts „Akteure der Jugendbildung stärken – Jugendliche vor Radikalisierung schützen“ der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus in Berlin
Marion Bacher, Fachbereich Grundsatz in der Bundeszentrale für politische Bildung (Moderation)

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