Pegida

26.4.2016

"Die politische Kultur ist stark von Polarisierung geprägt"

Interview

Die politische Öffentlichkeit ist im Wandel. Stimmen von den Rändern prägen Debatten und zwingen die Verfechter moderater Töne in die Defensive. Ein Dialog ist vielleicht möglich, aber dazu braucht es organische Begegnungsräume und manchmal auch harte Grenzen. Ein Gespräch mit Esra Küçük vom Gorki Theater in Berlin.

Esra Küçük..."Ich glaube nicht an die These: Deutschland verändert sich, und dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Dinge einspielen." (© Roland Sippel/bpb)

Frau Küçük, würden Sie mit einem Pegida-Aktivisten einen Kaffee trinken gehen, um über Politik zu reden?

Pegida ist für mich nicht die Kategorie, unter der ich so etwas beurteilen würde. Pegida ist zu einem Label geworden, das für ganz unterschiedliche Gesinnungen, Frustrationsgrade, Aktivitäten und politische Haltungen steht. Wir haben dort hart Rechte, die ein geschlossenes Weltbild mitbringen, die gar nicht von politischer Bildungsarbeit zu erreichen sind. Darunter sind aber auch Mitläufer, die eher unpolitisch sind. Sie bringen diffuse Ängste mit und verstehen nicht, wie die Welt sich verändert.

Finden Sie, dass man diesen Frust und die Ängste ernst nehmen muss?

Wir müssen uns die Menschen und ihre Beweggründe im Einzelnen anschauen. Danach können wir erst entscheiden, ob ein Dialog möglich ist. Man muss von Fall zu Fall sehen, ob wir da einem offenen Weltbild begegnen. Dann spricht eigentlich nichts dagegen, zusammen einen Kaffee trinken zu gehen. Allerdings mit einer ganz klaren roten Linie, mit klaren Rahmenbedingungen. Es wird gefährlich, Positionen einen Raum zu geben, die sich nicht mehr innerhalb unseres Wertekonsens bewegen und gar nicht auf den Dialog ausgelegt sind. Das sehen wir etwa bei denjenigen, die immerzu "Lügenpresse" rufen. Ihnen geht es nicht um den Austausch, sondern darum plakativ ihre Frustration kund zu tun.

Das wäre für Sie also diese "rote Linie"?

Genau. Wir müssen differenzieren: Geht es darum, dass wir diskutieren, wie unsere Gesellschaft aussieht. Oder geht es darum Sündenböcke zu suchen und sich auf dem Rücken anderer zu profilieren.

Wie schätzen Sie die Qualität der aktuellen politischen Kultur in Deutschland insgesamt ein?

Podium mit Esra KüçükEsra Küçük auf dem Podium der Konferenz "Populismus, politische Kultur und politische Bildung" in Kassel am 25. April 2016. (© Roland Sippel/bpb)
Sie ist sehr stark von Polarisierung geprägt. Die Ränder der Gesellschaft dominieren den politischen Diskurs überproportional. Auf der einen Seite die rechtspopulistischen Akteure, die Ängste schüren und einen Ausnahmezustand heraufbeschwören, obwohl solche Themen wie Migration schon lange eine kontinuierliche Rolle spielen. Auf der anderen Seite haben wir die extremistischen Kräfte, den Terrorismus, der darauf zielt, die Gesellschaft zu spalten. Diesen Kräften ist es gelungen die Mitte vor sich her zu treiben.

Bedeutet das, dass immer größere Teile der Gesellschaft sich vom Mainstream nicht mehr angesprochen fühlen?

Der Diskurs der politischen Mitte ist weniger laut zu hören. Da diese Stimmen weniger auf den Bereich der Emotion ausgelegt sind sondern eher rational und informativ sind, erreichen sie diejenigen nicht, die über ihre Gefühle getriggert werden. Da müssen wir Methoden der politischen Bildung entwickeln, um diese Menschen zu erreichen. Zumal viele von ihnen völlig unsicher sind, in welche politischen Richtungen sie tendieren.

Wie würden die Werkzeuge dafür aussehen?

Ich merke bei meiner neuen Arbeit am Theater die Kraft der Kultur. Wenn wir über Kunst und Theater nachdenken, ergeben sich Wege über Themen zu sprechen, über die es so schwer fällt zu sprechen. Wir schaffen hier Räume für eine Kultur der Auseinandersetzung. Ängste sind legitim, die Frage ist aber, wie man sie äußert, ohne zu stigmatisieren. Kulturelle Bildungsarbeit kann hier hilfreich sein. Es muss aber auch darum gehen, Ambiguitätstoleranzen zu entwickeln.

Was genau meinen Sie damit?

Wenn die Gesellschaft vielfältiger wird, widerfahren mir Dinge, die ich so gar nicht kenne. Wie viel Differenz halte ich aus? Darüber nachzudenken, wo die ganz persönlichen Grenzen sind und wie sie überwunden werden können, das bewegt derzeit viele Menschen. Dass der Kindergarten ganz anders aussieht, als es die Deutschen aus ihrer eigenen Kindheit kennen, oder der behandelnde Arzt aus einem anderen Kulturkreis kommt – damit müssen wir uns auseinandersetzen. Es wird nicht automatisch zur Normalität nur weil es alltäglich ist.

Sehen Sie in dem Punkt einen besonderen Nachholbedarf?

Was die Normen und Gesetze angeht sind wir ein modernes, postmigrantisches Deutschland geworden. Den Diskurs haben wir aber immer schärfer geführt. Nehmen wir beispielsweise die Diskussionen um die Thesen von Thilo Sarrazin oder die unsägliche Debatte, wonach der Islam nicht zu Deutschland gehört. Diese symbolischen Debatten passen nicht zu den Entwicklungen, die das Land durchlebt.

Die Realität ist also weiter als das öffentliche Bild von der Gesellschaft?

Ich glaube nicht an die These: Deutschland verändert sich, und dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Dinge einspielen. Man kann das mit einem plakativen Beispiel verdeutlichen. Schon immer war die Hälfte der Gesellschaft Frauen. Aber es heißt nicht, dass sie schon immer die gleichen Rechte hatten. Bei der Frage danach, wie wir zusammen leben wollen, geht es um Teilhaberechte und Repräsentation. Wir haben uns ganz lange damit aufgehalten darüber zu streiten, von wem die Leistung bei der Integration ausgehen soll. Von der Aufnahmegesellschaft oder den Zuwanderern. Die Gesellschaft hat lange mit dem Finger auf die Minderheiten gezeigt, obwohl das Grundgesetz eine pluralistische Gesellschaft und auch die Religionsfreiheit vorsieht. Es gilt, den Platz dafür zu schaffen, das auch umzusetzen.

Wie können solche Räume aussehen?

Wir sehen ja, dass dort, wo Kontakt zwischen den Kulturen gelebt wird, Vorbehalte nicht so stark sind. Ich denke, wir müssen auf Räume setzen, wo sich die Lebensrealitäten ganz automatisch überschneiden. Das sind dann vielleicht nicht irgendwelche künstliche Dialog-Foren, in den Menschen dazu gedrängt werden miteinander zu reden. Die Menschen sollen zusammenkommen, nicht weil sie unterschiedlich sind, sondern weil sie gemeinsame Interessen haben. Wenn sie sich zum Beispiel gemeinsam für einen Park in der Stadt einsetzen.
Esra Küçük, gebürtige Hamburgerin und Politikwissenschaftlerin, ist Gründerin des deutschlandweiten Bildungsprogramms "Junge Islam Konferenz". Seit 2016 ist sie Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theaters in Berlin und leitet dort den neuen Bereich "Gorki-Forum". An der Schnittstelle zwischen Kultur, Politik und Wissenschaft soll es an dem produktiven Umgang mit gesellschaftlicher Heterogenität arbeiten.

Die Fragen stellte Andreas Pankratz


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