Pegida

27.4.2016

Der Abschlussvortrag zum nachlesen

Kathrin Röggla, Vizepraesidentin der Akademie der Künste in Berlin, hält den literarischen Abschlussvortrag der Konferenz.Kathrin Röggla, Vizepräsidentin der Akademie der Künste in Berlin, hält den literarischen Abschlussvortrag der Konferenz. (© Roland Sippel/bpb)

"Meine Damen und Herren,

Sie haben sich in den letzten beiden Tagen damit beschäftigt, den Rechtspopulismus sichtbar zu machen, bzw. rechtspopulistische Argumentationsformen, Strategien kenntlich zu machen, deren Funktionsweisen zu zeigen, deutlich zu werden. Und jetzt kommt ganz am Schluss die Schriftstellerin, die genau das Gegenteil machen wird, nämlich Konturen wieder zu verwischen, Verfransungen deutlich zu machen, Argumentationsmuster wieder zurückzuführen in ein alltäglicheres, vielleicht einem selber näheres Sprechen.

Esra Kücük hat gestern gesagt, sie sei unter anderem ins Präsidium des Berliner Maxim Gorki Theaters gegangen, weil sie nicht mehr alleine daran glaubte, man müsse nur die richtigen Informationen verbreiten, dann werde sich das Bild über den Islam und über Deutschland ändern, sondern dass es darum gehe, über die Gefühle zu gehen, die Gefühle mitzunehmen. Es ist ein für mich ambivalentes Statement, denn ich sehe durchaus die Funktion der Kunst und des Theaters darin, gerade Wissen aufzubauen, vielleicht eine andere Form des Wissens. Ein klassisches Beispiel vorneweg: Wenn an Orten der politischen Bildung viel von Werten und kulturellen Identitäten die Rede ist, könnte ich als Theaterautorin sofort einbringen, dass es sich dabei um eine spezifische Optik handelt, die vielleicht etwas zementiert, was man mit einem zweiten Schritt - der Konfrontation eben dieser Werte - wieder in Bewegung bringen möchte.

Wenn ich ein Theaterstück schreibe, denke ich wohl über Positionierungen nach, aber ich baue keine Identitäten, die ich dann gegeneinander losschicke; viel zu ambivalent und flüssig erlebe ich diese in unserem Leben, ich bin sozusagen nicht so sehr an Menschen interessiert, sondern an Zwischenmenschen, und dieser Blick erfordert eine Technik. Wir in Österreich nennen das "Sprachkritik" (Ich gebe zu, das hat im Moment nicht so gut funktioniert). Insofern ist die Sprache mein Medium. Sprache ist etwas, das zwischen Menschen stattfindet. Und ich möchte den anderen nicht permanent als den Anderen konstruieren. Zudem ist es für mich als Theaterautorin eine Grundtugend, erst einmal mit der Selbstkritik zu beginnen, bzw. das Milieu kritisch zu betrachten, das mir nahe ist, und insofern bin ich im letzten Jahr sehr wohl ins Grübeln gekommen.

Was ist mit dem Publikum los? Das habe ich mich immer wieder gefragt. Wo ist es hin, das harmlose Hüsteln, das Stühle rücken und Flüstern? Wo ist das Kleiderrascheln hin, das nichts bedeutet? Das Kleiderrascheln, das ich heute höre, bedeutet stets etwas, es wirkt bedrohlich, unheimlich. Ja, das ganze Publikum, das sich da vor mir oder rund um mich herum einfindet, wirkt wie ausgewechselt. Plötzlich pöbeln sie, stelle ich beispielsweise in der Akademie der Künste in Berlin fest, und auch wenn man mir sagt, sie haben da immer schon etwas gepöbelt, pöbeln sie jetzt anders, irgendwie lauter. Sie werden in Veranstaltungen richtig laut, bei denen man das überhaupt nicht erwarten würde. Bei einem politischen Diskussionsabend, überlege ich mir, würde ich es ja verstehen, aber bei einer Theaterdiskussionsrunde, während einer Literaturpreisverleihung, in diesem Hochkultursegment? Sie unterbrechen die Leute auf dem Podium, die zu hören sie ja gekommen sind. Sie sagen nicht immer: "Reden Sie gefälligst Deutsch, wenn Sie in Deutschland spielen!", wie im März in der Philharmonie in Köln, aber sie unterbrechen die Redner vorne am Pult. – Nein, werfen sie ein, wir unterbrechen nur gerade den, der im Augenblick spricht, weil wir finden, er redet Unsinn. Oder: Wir verstehen die nicht, sagt eine andere, diese Frau, die uns begrüßt, sie redet an der Sache vorbei, die wir zu hören gekommen sind. Aber was, frage ich in meinem imaginären Gespräch, wollt ihr denn hören? Wollt ihr es kürzer haben, kompakter? Eleganter, direkter? Nein, sagen sie, wir wollen es so haben, wie wir uns das vorgestellt haben. – Sie ahnen es: Mein imaginäres Zwiegespräch mit dem Publikum ist längst zu Ende. Besser gesagt hat es eigentlich nie begonnen. Denn wer anfängt zu pöbeln, hat nicht vor sich zu unterhalten, er oder sie durchbricht die Vereinbarungen, die man in so einem Kontext nun mal getroffen hat, z.B. dass eine Podiumsdiskussion eine Stellvertreterdiskussion ist, die am Ende allenfalls in Richtung Publikum geöffnet wird, aber nicht, bevor überhaupt ein Statement ausgeführt wurde. Heute wollen alle immer sofort mitreden, scheint mir.

Ich weiß, viele hier im Saal sind bereits etwas ganz anderes gewöhnt, sie sind die Hassbriefe gewöhnt, die die Redaktionen erreichen, soweit man sich an so was gewöhnen kann, die Hass-Statements und Hate Speech, das aggressive Diskussionsklima, das sich breitmacht. Sie erwarten das vielleicht schon, dass es zu Aktionen kommt wie die vor zwei Wochen im Wiener Audimax, als eine Theateraufführung von Flüchtlingen durch Rechtsextreme unterbrochen wurde. Ich bin mit meinem Erstaunen sozusagen ein wenig spät dran, oder mein Unverständnis setzt beim Harmlosen an, werden Sie sagen, ein bisschen Pöbelei ist noch nichts, aber es ist nicht nichts, es ist mein Indikator, der Moment, an dem ich angefangen habe, mir Dinge zu erklären, weil ich gerade durch die vermeintlich politische Harmlosigkeit bemerken musste, dass etwas grundlegend im Argen ist. Meine erste Erklärung war: Die Leute fühlen sich unsichtbar. Sie wollen sich sichtbarer machen, sie wollen gehört werden, endlich gehört. Sie fühlen sich anscheinend zu unvertreten und sehnen sich nach Demokratie, vor allem nach Direktdemokratie, Volksbefragungen und Interventionen. Ihr Bedürfnis danach ist so groß, dass sie nicht einmal vor einem Theatersaal halt machen können. Dann habe ich mir gesagt, die Leute sind unzufrieden. Sie finden dass das, was da von vorne kommt, eine Lüge ist, arrogant und unrichtig. Sie wollen das korrigieren. Sie wollen nicht mehr darauf hereinfallen, dass von vorne überhaupt noch etwas kommen kann. Das habe ich mir erklärt, und dabei habe ich mich an ein anderes Erstaunen erinnert.

Denn auch in Mainz war ich im November 2012 erstaunt, als ich zu einer Veranstaltung der Bürgerinitiative Weisenau geladen wurde und dort in der alten Synagoge diese Leute traf, die sich gleich den anderen 90 Initiativen im Rhein-Main-Gebiet zusammengeschlossen hatten, um sich gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens zu wehren. Dass man dabei ausfallend wurde und Beamte und pensionierte Richter von Maschinengewehren sprachen, die man ihnen besser nicht in die Hand geben sollte, hat mich damals zwar verblüfft, aber ich hätte niemals gesagt, es handle sich um "Wutbürger". "Wutbürger", darunter stellte ich mir 2012 Menschen mit einer leeren Erregung in sich vor, die sie zum Selbstzweck am Leben erhalten, eine beleidigte Öffentlichkeit, eine Generation, die abgemeldet ist, die politisch Enttäuschten. "Wutbürger", dieser von Dirk Kurbjuweit im Spiegel geprägte Begriff, schien mir erst einmal diffamierend, weil er die Gründe ausblendet oder nivelliert, der die Demonstranten und Demonstrantinnen auf die Straße treibt. Diese Leute in Mainz, sagte ich mir, gehen ja nicht wegen nichts auf die Straße, oder weil sie ihre schöne Vorstellung von der Gesellschaft verletzt sehen, sondern, weil sie enteignet wurden und sie sich körperlich durch extremen Fluglärm attackiert sehen. Eine Interessensvertretung meinetwegen, so könnte man etwas verkürzt meinen. Ein Zusammenschluss an Bürgern, die es verabsäumt hatten, sich während des Planfeststellungverfahrens 10 Jahre zuvor das mediale Gehör zu verschaffen, das sie 2012 bekamen. Dass sie aufgrund ihrer politischen Verzweiflung, der Wahrnehmung von Rechtskrümmung, Lobbyismus, immer mehr in eine generelle Kritik an dem Zustand unserer Demokratie verfielen, darf einen nicht wundern. Es ist klar: Gäbe es den Flughafen nicht, dann wäre es diesem Milieu, bestehend aus Beamtinnen und ehemaligen Richtern, Versicherungsmathematikerinnen, Studienräten und Immobilienmaklerinnen nicht so sehr in den Sinn gekommen, Kapitalismuskritik zu üben. Der Flughafen, so könnte man positiv formulieren, hatte sie politisiert oder repolitisiert. Und Ähnliches ist eben bei der Flüchtlingskrise in Berlin passiert, erkläre ich mir, während ich drei Jahre später Jenny Erpenbeck zuhöre, die in ihrem äußert erfolgreichen Roman "Gehen Ging Gegangen" ebenfalls ein Portrait der Generation der eben Emeritierten, die in die Flüchtlingsarbeit eingestiegen sind, mitliefert, und zu ihrer Lesung trocken ihre politische Frustration bekannt gibt, denn die Situation der Menschen, denen sie in ihrer Recherche am Berliner Oranienplatz begegnet ist, sei nach wie vor verheerend. Die Flüchtlingskrise machte quasi auch noch dem pensioniertesten Professor klar, dass bei uns auf politischer Ebene etwas nicht funktioniert, was gleichzeitig immer vollmundig angekündigt wird: Nennen wir es Integration? Willkommenskultur? Der politische Wille fehle eben, wird dann üblicherweise geseufzt, doch dieser politische Wille muss eine sehr komplizierte Sache sein, weil offiziell ja ganz andere Dinge verkündet werden.

Doch was ist mit dem Publikum los, und: "was ist mit Peter Sloterdijk los?", musste ich kurz darauf nachfragen. Wieso schreibt er so ein Geschwurbel in der Zeit, unternimmt er so eine rhetorische Verdunkelungsarbeit, wie der Politologe Herfried Münkler und der Soziologe Amin Nassehi in ihren Antworten in derselben Zeitung deutlich machen. Was ist das für ein Abtritt einer Intelektuellenfigur? Jemand, der zu allem und jedem mit sprachlicher Pointierung antworten kann und jetzt anscheinend nicht seine Hausaufgaben machen will. So merkte zumindest Herfried Münkler etwas spitz an. Das heißt, jemand, der sich nicht informiert, in welchem politischen System wir heute leben und welches Grenzmodell darin vorherrscht. Ob die Souveränität durch unsere Grenzen gewahrt werden muss wie im 19. Jahrhundert? Ja, füge ich hinzu: Im Zeitalter der Globalisierung, der absoluten Flexibilisierung vom Kapital ist das wahrlich ein merkwürdiger Gedanke, den wir jetzt des Öfteren hören. Aber, halte ich einen Moment inne: Habe ich eigentlich meine Hausaufgaben gemacht? Und worin bestünden die?

Zu den Aufgaben einer Schriftstellerin zählt erst einmal das Aufspüren von Kommunikationsbrüchen, von Missverständnissen, den notwendigen und nicht notwendigen, den sprachlichen Manipulationen. Ist es beispielsweise eine sprachliche Manipulation, wenn Sandra Maischberger den stellvertretenden SPD-Chef anlässlich einer der vielen AfD-Debatten fragt: "Aber wo machen Sie denn die Demokratiefeindlichkeit und den Rassismus fest, Herr Stegner?" nachdem schon lange von Frauke Petrys Grenzschuss-Statement und den rechtsradikalen Tendenzen der Partei die Rede war? "Aber wo machen Sie denn die Demokratiefeindlichkeit und den Rassismus fest?" Nachdem diese genau beschrieben wurden. "Aber wo machen Sie denn die Demokratiefeindlichkeit und den Rassismus fest?", als ob es für die Bezeichnung Rassismus nicht mehr ausreicht, rassistisch zu sein, für die Betitelung "Demokratiefeindlichkeit" nicht mehr ausreicht, Institutionen wüst zu attackieren, zu untergraben, Repräsentationen in Frage zu stellen, zu kippen, Pluralismen zu tilgen, wo es nur geht. Egal, was das Gegenüber vorbringt, kommt als Antwort wieder diese Frage: "Aber wo machen Sie denn die Demokratiefeindlichkeit und den Rassismus fest? Das möchte ich jetzt schon genau wissen." Dieses "genau wissen", erinnere ich mich heute, zwei Tage nach dem fulminanten Sieg des FPÖ-Kandidaten bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich, gehört auch zu jenem Repertoire der Suggestivfragen eines Jörg Haider, der natürlich nie etwas wissen wollte, sondern immer schon wusste. Natürlich macht Sandra Maischberger so etwas nicht aktiv, es unterläuft ihr, weil sie sich auf eine gewisse Kommunikationstechnik der AfD, bzw. der Rechtspopulisten einlässt, die in so einer Talkshowsituation schwer zu bezwingen ist. Sich nicht bezeichnen zu lassen, ist eine weitere rhetorische Operation, die auch Frauke Petry beherrscht, das Wort Rassist hat sie in jener Sendung an sich und ihren Parteigenossen abperlen lassen, als wäre es nicht ausgesprochen worden, ja, sie hat es nicht einmal negiert, bzw. auf die Zuschreibung nur mit einem Grinsen geantwortet. Für die Zuschauer und vor allem Zuhörer sind es absurd anmutende Dialoge, die so tun, als wären sie nicht von Daniil Charms oder Eugène Ionesco geschrieben, und das auch nur schaffen, weil sie so banal sind.

Ich muss zugeben, ich halte es kaum aus, eine Talkshow mit Frauke Petry oder Christian Strache oder früher Jörg Haider zu sehen, ganz einfach, weil ich weiß, dass sie auf einer Ebene immer gewinnen werden. Vielleicht ist das theoretisch falsch, erlebt habe ich es zu oft. Es bleibt immer etwas hängen, es ist eine Strategie, die komischerweise stets nur von ihnen auszugehen scheint und sie selber nie trifft. "Mut zur Wahrheit!" heißt der Slogan nicht umsonst, die Wahrheit scheint heute komischerweise ausschließlich von rechtspopulistischer Seite zu kommen, zumindest anzukommen. Warum? Der Politologe Jan Werner Müller hat uns hier mit seiner Keynote geholfen, etwas von dem Populismus zu verstehen. Die rechtspopulistische Konstruktion lautet, ich wiederhole ihn da kurz: Die anderen sprechen für ihre Klientel, wir sprechen direkt für das Volk! "Wir sind 100 Prozent Wien", "100 Prozent Italien", "100 Prozent Ungarn", die eigentlichen 100 Prozent, die wirklichen, nicht die unwirklichen 33 Prozent oder 15 Prozent oder was auch immer. "Wir sind das direkte Sprachrohr für das Volk, wir repräsentieren nicht." Insofern sind sie im Besitz der Wahrheit, egal, was sie machen. Zum Repertoire gehören, neben der Bezichtigung von Lüge und Uninformiertheit, die absolute Nichtreaktion, die Nichtantwort, da diese Frage nicht zu ihren 100 Prozent gehört. Ja, das, was Frauke Petry hauptsächlich macht, ist, nicht zu antworten. Das, was Jörg Haider gemacht hat, war, nicht zu antworten. Nicht darauf einzugehen. Was bewirkt dieses Nicht-Antworten bei uns? Ist es das Gefühl der Unantastbarkeit, der Stärke einer Person, die nicht antwortet? Dazu kommt dieses ständige Setzen anderer Fakten, anderer Zahlen, Themensprünge. Es ist äußerst verwirrend, so einem Podium zuzuhören, denn herauszufinden, welche Aussage jetzt stimmt, ist oft nicht möglich, eine Hierarchie der Information lässt sich auf dieser gleichberechtigten Gesprächsebene einer Talkshow meist nicht abbilden. Vor allem, wenn die eine Partei unverfroren ihre eigene antiinstitutionelle Wissenschaftlichkeit oder Rechtssophisterei betreibt. "Das ist doch Unsinn!", "Sie müssen sich schon über die geltende Rechtslage informieren.", hört man da. Entweder wird etwas unethisch genannt, wenn der politische Gegner über Rechtslagen spricht, oder rechtlich uninformiert, wenn dieser auf das politische Programm raus will, ein ständiges Vexierspiel. Und andererseits ist es verwirrend zu sehen, wie oft die anderen Gesprächsteilnehmer dieselben Kommunikationsstrukturen aufnehmen, die sie ja eigentlich verurteilen. Den Ausschluss der Ausschließenden, wir haben das ja gehört.

"Immer wieder verstehe ich es, und das heißt: Ich verstehe es nicht." Dieses Zitat stammt von dem ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy, geäußert vor zwei Wochen während seiner Lesung aus "die Markusversion" in Berlin, und es ging ihm um eine ganz fundamentale Frage der Sterblichkeit und des Leidens. Es lässt sich allerdings wunderbar nicht nur auf mein Verhältnis zur Finanzkrise anwenden, sondern auch auf dieses Vorgehen rechtspopulistischer Rhetoriken. Wenn ich es immer wieder von neuem verstehen muss, habe ich es wohl bisher noch nicht begriffen. Wenn sich die Aha-Effekte häufen müssen, aber sich nicht vernetzen können, bin ich politisch irgendwo blind. Das kann man als Naivität abtun, als Unerfahrenheit, doch meines Erachtens zieht sich dieser Vorgang des Immer-Wieder-Nichtverstehens durch ganze Gesellschaftsschichten und Milieus, es ist ein Grundprinzip unserer Zeit, und ich denke, dass es in Bezug auf Rechtspopulismus leider einen Großteil der in diesem Land lebenden Menschen betrifft, anders wäre es ja wohl nicht möglich, dass rechtspopulistische Rhetoriken so derartig um sich greifen. Menschen, die sich wundern, wie Rechtspopulisten es schaffen, den Diskurs derartig zu bestimmen, die Grenzen des ethisch Sagbaren ständig zu durchbrechen und daraus auch noch Wahrheitswerte zu schöpfen, so unter dem Motto: "Je brutaler ich bin, desto ehrlicher." Und die anderen Parteien richten sich wie die Kaninchen vor der Schlange ein, auf das, was da kommt. Liegt das an jener Diskursmechanik, die der Theaterdramaturg Bernd Stegemann entwickelt hat? Um als Guter dazustehen, brauche ich immer einen Schlechten, der mich allerdings ins Schlechte verschiebt? Er schreibt in der Zeit, man könne aus Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" viel über die derzeitige Situation von Angela Merkel lernen. Um ihren politischen Humanismus durchzuführen und gleichzeitig zu beschränken, braucht sie den schlechten Menschen, das heißt Osteuropa, die Türkei und die AfD wie im Stück die Tabakladenbetreiberin Shen Te den skrupellosen Shui Ta. Wir können ja nicht anders handeln, so die Aussage, weil wir politischen Druck von rechts außen bekommen. Man dürfe das sehr diffuse Klientel der AfD nicht der AfD überlassen, ist Stegemanns Schluss. Nur ist in dem Stück Shui Ta eine Erfindung von Shen Te, er ist ihre Maskerade, auch wenn er ein Eigenleben entwickelt. Hier ist das Eigenleben von vorneherein da.

Jan-Werner Müllers Beschreibung der auf Ausschluss beruhenden rechtspopulistischen Konstruktion, man sei der einzig legitime Vertreter und repräsentiere nicht, sondern sei direkt Volkes Stimme, zeigt uns, wie sogar das Paradox, dass oftmals korrupte und das Gemeinwohl schädigende rechtspopulistische Politiker, selbst mit extremer Klientelpolitik den Anschein erwecken können, sie tun dies im Namen des "wirklichen", des "echten" Volkes. Es ist eben ein wenig wie in der Fabel vom Hasen und Igel. Die traditionellen oder anderen Parteien können sich noch so abmühen und laufen, der Rechtspopulist steht immer schon am Ende da und sagt: Aber ich bin der wahre und einzig legitime Vertreter des Volkes. Nur ich darf den Anspruch erheben, es zu vertreten, egal was ich mache. Für diesen Destillationsvorgang des echten Volkes braucht es – wir haben es gehört - die Trennung in ein "Wir hier" und ein "Die dort", ein "Die da Oben" und "wir da unten, wenn auch nicht ganz unten". Als Othering ist das eine in der Soziologie bekannt und als plumpe Elitenkritik das andere. Links und rechts scheinen sich in diesem Prozess zu vermischen, die Motivlagen des Protests gehen wohl zumindest durcheinander.

Mich erinnert die ganze Situation an eine Erzählung einer Freundin über eine S-Bahnfahrt durch Berlin Ende der 90er Jahre, in der sich als linksradikal gebende Jugendliche mit rechtsradikalen Altersgenossen aneinandergerieten und sich gegenseitig als "Saujuden" beschimpften, als würden sie an einem Wettkampf um die an Absurdität unübertrefflichste Aktion teilnehmen. Ich weiß heute nicht mehr, was die Freundin gemacht hat, ob sie etwas gesagt hat, ob sie den Waggon gewechselt hat, ob sie sich mit anderen darüber unterhalten hat. "Es war ja kein Handlungsbedarf", höre ich sie allerdings schon in mein Ohr flüstern. Es war ja niemand "wirklich" bedroht. Ja, sie wird auf ihre Schuhspitzen gestarrt haben, nehme ich an, wie ich möglicherweise auf meine Schuhspitzen starren würde. Sollen sie sich die Köpfe einschlagen, solange sie niemand anderem was tun, kann es mir egal sein. Doch hate speech richtet durchaus was an. Um das zu wissen, brauchen wir nicht einmal Trolle mit ihren Trollfabriken oder Online-Communities und social media events mit ihren shitstorms.

Auf der anderen Seite wird schnell jegliche Kritik an der politischen Klasse als populistisch abgekanzelt, selbst, wer sich über mangelnde Verteilungsgerechtigkeit beschwert, ist heute ein Populist, wer sich fragt, in welcher Klientelwirtschaft manche Großprojekte ablaufen, ein Populist, etc., es werden von der AfD wie den anderen europäischen Rechtspopulisten sämtliche klassische Themen der Linken bedient und dann allerdings mit Lösungen versehen, die immer mit dem Bild des Identitären und der Wertesicherung operieren. (Und es wird eben nicht so sein, dass sich, sind sie mal an der Regierung, das Versagen ihrer Versprechen zeigen wird, Berlusconi sei kurz genannt, Sie wissen das.) Immer wieder hat man in letzter Zeit gesehen, wie Rechtspopulisten Begrifflichkeiten der kritischen Linken aufgegriffen haben, Jan Werner Müller erwähnt hier den Begriff der Postdemokratie.

Es ist jedenfalls schon erstaunlich, wie sie das Protestpotential eines ganzen Landes derartig anzapfen können. Ein Sloterdijk-Ableger, diesen botanischen Ausdruck müssen Sie mir heute verzeihen, ist der in der SZ als "Wutdenker der AfD" bezeichnete Marc Jongen, der das Thymotische, eine Art platonische Seeleneigenschaft der politischen Erregung, beschwört. Er verbindet es mit Motiven aus dem 19. Jahrhundert: Nationalstolz, eine gewisse Form des Souveränitätsgedanken, Ehre, Würde etc. Mir kommt das vor wie der verzweifelte Versuch der Überhöhung eines Denkens im Rückzug in aggressiven Bildern der Homogenität. Doch wie schafft es das ewig Gestrige, das ich mit Preussenwahn und Naziideologie verbinde, so eine breite Diskurswirkung zu entfalten? Der Soziologe Heinz Bude spricht in seinem Buch "Macht der Stimmungen" über den heimatlosen Antikapitalismus, einer sehr breiten Front von Ultraliberalen, über enttäuschte Sozialdemokraten bis zu biodeutschen Territorialisten. Eingebettet in eine Stimmung der Gereiztheit würden die sich zu Wort melden, die sich in ihrem eigenen Land und System nicht mehr zu Hause fühlten. Bei den meisten AFD-Mitgliedern sei es interessanterweise ein Aha-Erlebnis gewesen, das sie zu Mitgliedern gemacht hat, ein als paranoisch zu beschreibender Moment des plötzlichen Verständnisses, der eben im Unterschied vom Dauernichtverständnis eines Péter Esterházys zum ein-für-allemal rückwärtsgewandten Pauschalverständnis führt.

In dieser sehr merkwürdigen Situation weiß Angela Merkel gleichzeitig eine für Europa heikle Austeritätspolitik durchzusetzen so wie auch im Namen der Humanität die Grenzen zu öffnen. Wer die Kosten dieser Grenzöffnung trägt, fragt Bernd Stegemann, um gleich die Antwort zu geben: Die Zivilgesellschaft! Das dritte große Projekt der Alternativlosigkeit, so sieht es der Theaterwissenschaftler, der, wie schon ausgeführt, den "guten Menschen von Sezuan" als Modell für Europa nimmt. Die Kosten für dieses Gutsein werden an die Ränder der Gesellschaft delegiert, die sich nicht wehren kann, weil ihre Kritik an Merkels Politik als moralisch verwerflich gebrandmarkt würde. Stegemann kommt sogar zum Schluss, dass es sich bei der Flüchtlingskrise um eine besonders perfide Variante der Umverteilung handelt, willige Billigarbeitskräfte werden durch ehrenamtliches Engagement bereitgestellt. Ob diese Rechnung so aufgeht, ist mir nicht klar, Tatsache ist, dass das dem Guten gegenüberstehende Schlechte, Brechts Shui Ta, ganze Arbeit leistet und zu wachsen scheint. Und erstaunlich ist dabei, wie dieses Phänomen ständig die öffentlichen Rhetoriken verschiebt.

Wie hat sich alleine das Bild der Schutzbefohlenen in das Bild des Verbrechers oder gar Terroristen verwandelt, was wurde aus dem Wort "Flüchtling", wie ist es in eine so fatale Gleichung geraten, die "Flüchtling" mit Kriminellen und Terroristen gleichsetzt. Eine Gleichung, die den Begriff Flüchtling mit der Bedeutungsumgebung von "Misogyn, systemdestruktiv, antidemokratisch" versorgt. Was ist aus dem Bild derer geworden, die vor Krieg und Verfolgung fliehen? Die medialen Ereignisse nach den kriminellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht spielten darin eine sicherlich zentrale Rolle. Plötzlich schoben sich rassistische und sexistische Narrative so perfide ineinander, dass nicht nur unklar wurde, welches Narrativ jetzt von welchem instrumentalisiert wurde, es bot auch dank der üblichen medialen Berichterstattung Sexisten genüssliche Beschreibungsmomente von sexueller Gewalt. Viktimisierung und Reviktimisierung gaben sich im Rassismus die Hand und am Ende blieb im Raum die Vermutung stehen: Die sind alle so. Denn das ist der Islam, oder: Es sind ja Migranten aus dem Süden: Ist einer von ihnen kriminell, dann müssen sie alle so sein! Feministinnen wurden benutzt, um an der falschen Stelle verallgemeinernd rassistische oder islamophobe Statements abzugeben, und kaum hatte der Mohr - Sie verzeihen mir das absurd verkehrt rum laufende Sprachspiel - seine Schuldigkeit getan, wurde er abserviert. Es stimmt mich traurig, dass sexuelle Gewalt nur in diesem Kontext so prominent thematisiert wurde, und noch trauriger, dass diese Thematisierung (bis auf die Jungle World) auch schon wieder beendet ist. Rechte gerieren sich als Part-Time-Feministinnen, so haben es Thomas Edlinger und Matthias Dusini in ihrem Buch über Political Correctness "In Anführungszeichen" lange vor Köln ausführlich beschrieben. Ein unendlicher Knoten der politischen Erregung, der sich auch nicht durch die durchaus vernünftige Zurechtrückung von Margarete Stokowskis Kolumne im Spiegel, die viel häufigeren Opfer sexueller Gewalt seien meist Flüchtlingsfrauen, lösen lässt.

Dass Begriffe eine Reise machen und man sie nach einem halben Jahr nicht mehr wiedererkennt, ist schon vorgekommen, aber beim "Flüchtling" handelt es sich wirklich um eine völlige Verkehrung, die künstlerische Fotoaktionen provozierte wie die, die ich vor ein paar Tagen durch Facebook geistern sah. Es waren Portraitfotos von Menschen zu sehen, die jeweils ein Schild vor sich hielten, auf dem stand: "Ich bin Flüchtling, aber kein Krimineller", oder: "Ich bin Iraker aber kein Terrorist", oder: "Ich bin Marokkaner, aber kein Sexist", und: "Ich bin Syrer, aber ohne Autobombe unterwegs" und so weiter. Wer weiß, ob die Absurdität der Aktion überhaupt noch ankommt? Das habe ich mich zumindest gefragt. Am Ende nimmt das jemand ernst. Ernst und unernst sind heute schwer voneinander zu trennen, aber vielleicht ergibt sich auch daraus eine Chance? Als jedenfalls mein siebenjähriger Sohn zu Ostern mir in der nordhessischen Provinz stolz berichtet hat, er habe mit "den Flüchtlingen" Billard gespielt in der Scheune, hörte sich dieses Wort jedenfalls sehr merkwürdig an, als sei es eben vom Mond gefallen, und zwar von einem sprachlichen Mond. Es wollte so ganz und gar nicht ankommen in meinen Ohren, und ich warf es mir sofort vor: Das hat er also jetzt von uns gelernt, dieses Wort, und diese fremden Kinder haben jetzt also ihre Bezeichnung auch von dem verpasst bekommen, der sich das gar nicht selbst übersetzen kann. Aber Billard spielen funktioniert, immerhin. Fußball noch besser, entdecke ich ein wenig später.

Während der Begriff des "Flüchtlings" die Reise ins sprachliche Ungebiet unternommen hat und zum strategischen Spielball wurde, gelangte der "Unrechtsstaat" plötzlich in den Mund von Horst Seehofer, als er da gar nichts zu suchen hatte. Denn leben wir wirklich in einer Diktatur? Die Verrohung der politischen Sprache am Beispiel Seehofers müsste man mal untersuchen, habe ich mir überlegt, während ich auf ein Buchcover starrte: "Die Schonzeit des Westens ist vorüber", "Welche Chancen haben wir noch, uns und unsere Werte zu retten?" Diese Parolen stammen nicht von der AfD, sie sind auf dem Buchumschlag von Slavoj Žižeks neuem Buch über den neuen Klassenkampf zu lesen. Etwas konstruiert und thesenhaft erscheint mir seine Vorstellung davon, und etwas konstruiert das Bild über die Flüchtlinge und ihren kulturellen Hintergrund, der frauenfeindlich, antiliberal und schwulenfeindlich sein soll, zu sehr auf Pointe aus sein Stil. Fern von jeglicher Empirie, wirkten die Pointen plötzlich nur noch versimpelnd, vergröbernd, pauschalisierend, nur noch einer vulgärmarxistischen Kapitalismuskritik dienend und funktionalisiert. Auf der anderen Seite berichtete er aber über ein erstaunliches Phänomen anderer großer Widerstandsbewegungen wie "Nuit debout" in Frankreich, sowie auch die Jugendproteste der Banlieues. Sie würden keine politischen Forderungen stellen, nur abstrakt Respekt einfordern, eine Art Sichtbarkeit ohne Inhalt, eine neue Diskussionsmöglichkeit ohne Gegenstand. Der Politologe Yves Sintomer formulierte es im Spiegel so: "Es herrscht der Eindruck, man habe es mit einem blockierten System zu tun, einer sozialen und wirtschaftlichen Situation, die sich verschlechtert und Politikern, die nicht zuhören - einer ungerechten Welt." Dem stelle "Nuit Debout" "den Ausdruck von Werten, Visionen und einer Utopie" gegenüber. Das klingt alles wahrlich sehr schwammig, aber vielleicht hat Žižek Recht, und man muss die seltsame Inhaltsleere der Proteste mit etwas anderem in Verbindung bringen.

Und da wären wir vermutlich wieder bei der Sehnsucht, gesehen und gehört zu werden, und wie sie in so vielen Milieus in den letzten 20 Jahren extrem zugenommen hat: Bei den Kindern der Migrantinnen, bei den 68ern, die in die Jahre kommen, den Kulturbürgern, den Freaks? Der Schriftsteller Peter Waterhouse schreibt in seinem großen Werk "Krieg und Welt": "Gestern waren wir im Fernsehen, was so viel bedeutet wie: Wir waren an der ganz falschen Stelle. Wir sind in eine Art Wirkliches geraten, in eine Art von Gewinnzone, doch gehören wir der Verlustzone an." (S.163) Das Gefühl in jeder verfügbaren Sichtbarkeit immer schon an der falschen Stelle zu sein, nimmt zu, das Gefühl, die Gewinnzone betreten zu haben, die die eigene Verlustzone nicht mehr darstellen kann. Dazu gesellt sich der Eindruck, gleichzeitig über- wie unterinformiert zu sein. Immer wissen wir zu viel und zu wenig über ein Thema. Die Antworten rutschen ins Hysterische.

Meine Damen und Herren, zumindest mir geht es manchmal so. Ich weiß nicht, was in Deutschland los ist. Rezipiert man die Medien, geht man von einer gespaltenen Gesellschaft in Aufruhr aus, bedroht durch zahlreiche Szenarien. Höre ich allerdings auf Deutschlandfunk Christian Pfeiffer, ehemaliger niedersächsischer Justizminister und Kriminologe, klingt alles ganz anders: Noch nie sei es so ruhig und gefahrlos gewesen in diesem Land. Ich muss zugeben, diese offiziell festgestellte Ruhe schockiert mich fast. Ich kann damit weniger umgehen als mit dem Statement einer jungen georgischen Freundin, die meint, man könne als Frau nicht mehr nachts durch Berlin gehen. Letztens sei sie einer Gruppe arabisch aussehender Männer auf der Straße begegnet, die sie angetatscht hätten. Seither gehe sie nur noch in Begleitung aus. Solche Geschichten sind leichter einzuordnen ins derzeitige Weltbild, selbst wenn sie meinem Wunsch, meiner gewollten Einschätzung nicht entsprechen. Ich bin schon so sehr auf Problematik und Krise geeicht, lebe in einer Sprache der Superlative, der worst case Szenarios. Der Teufel wird auch bei mir buchstäblich dauernd an die Wand gemalt.

Sollten wir Künstlerinnen und Künstler da nicht anders agieren? Das werden Sie sich zurecht fragen. Ja, es gelte Gegenerzählungen zu schreiben, sagen die einen. Nein, ästhetische Überholmanöver wären zu leisten, überlegen die anderen. Man muss mal künstlerisch die Stopptaste drücken, kommt wieder von den einen, nein, es gelte Rahmenverschiebungen zu versuchen, rufen sofort die anderen. Das sind durchaus Diskussionen, die unter Künstlern stattfinden, während ich mich als Kunstvermittlerin, die ich ja durch die Akademie der Künste auch bin, plötzlich ganz andere Dinge sagen höre. Nämlich: "In einem Jahr ist das Thema durch." Das war zumindest einer der Sätze, die in den Planungsgesprächen des letzten Herbsts immer wieder zu hören waren. Niemand wird sich mehr mit dem Flüchtlingsthema beschäftigen wollen, man wird längst woanders sein, vielleicht war das etwas voreilig, doch mit Sicherheit nicht ganz falsch. Die Rasanz, mit der sich Kulturträger auf diese Thematik bezogen haben, wird sich in die Rasanz des Themenschwunds wandeln. Zu spüren, zu erahnen, wo ein Diskurs in einem Jahr stehen könnte, gehört zum Tagesgeschäft der Intendanten und Ausstellungsplaner. Das dafür benötigte Wissen geht von einer Mediendramaturgie aus, die der immer gleichen, steilen wie stupiden Kurve folgt. Wir haben uns daran gewöhnt, sie als hysterisch zu bezeichnen, und zu sagen: Im nächsten Herbst haben wir vielleicht eine neue Krise. Es wird dann auch die Dramaturgie dieser Krise geben, einen klaren Ablaufplan, dem dann die gewohnten Formate antworten werden. Sie wird in zehn Punkten für alle verständlich auf Spiegel Online erklärt werden, wir werden dann davon ausgehen, dass die Politik, das heißt die politische Klasse, das wieder nicht bewältigen wird können, es werden irgendwo Fakten gesetzt, denen wir hinterher müssen, ein bloß reaktives Spiel in der Öffentlichkeit. Jemand kann dann immer nur so handeln, wie er gerade handeln muss. Das gilt es zu unterlaufen!

Ja, immer wieder verstehe ich es, das heißt, ich habe es nicht verstanden, kommt mir vielleicht kurz in den Sinn. Vielleicht werden wir, gemeint ist, wir hier als Zivilgesellschaft, wieder so aktiv, wie wir oder zumindest einige von uns im letzten Herbst aktiv wurden, schließlich werden wir mit herzergreifenden Fotografien versorgt und in herzergreifende Fotografien verabschiedet, die für einen kurzen Moment klar machen, dass es sich um Menschen handelt, die da leiden, mit denen wir uns solidarisch fühlen wollen. Und manchmal kriegen wir auch direkt etwas mit. Das manchmal wird immer öfter. Wir ärgern uns, setzen uns in Bewegung. Da es sich um so viele Menschen handelt und wir uns emotional überfordert fühlen, werden wir, zumindest einige von uns, nach ihrem Burnout, irgendwie in einem Überschlag oder mit Resignation reagieren. Klar ist, diese zivilgesellschaftliche Ausgebranntheit wird in jedem Fall kommen und die ist es, die sich im Grunde schärfer und schärfer fortschreibt. Sie gebietet uns, Forderungen an die Politik zu stellen, wir brauchen etwas Längerfristigeres - Institutionen, höre ich mich dann sagen, während gerade auf meinem Bildschirm ein "Mit der Bitte um Hilfe!"-Mailheader aufpoppt, den ich zu den Change.Org-Anfragen und Avaaz-Protestmeldungen schieben kann, zu den Rundmails aus einem Frauennetzwerk bezüglich der einen oder anderen syrischen Künstlerin oder Akademikerin. Neben ein Schreiben einer Mutter aus unserer Schule, in der sie pflichtschuldigst allen Spenderinnen berichtet, wie sich "unsere syrische Familie macht", und neben den "Wir machen das!"-Logos der einen und der Freitisch-Arbeit der anderen. Es wirkt alles einen Tick im vorauseilenden Gehorsam zum allgemeinen Integrationsimperativ befindlich. Es ist immer alles schon ganz toll, die größeren Aktionen gebrandet, in neoliberaler Taktung, die kleineren ganz spontan, lebendig. "Willkommenskultur" eben, ein Wort, das sich von Anfang an für eine satirische oder gar rein böswillige Verballhornung anzubieten schien. Eine "Willkommenskultur", die der "Flüchtlingskrise" zu antworten versteht.

Das Problem an diesem Label "Flüchtlingskrise" ist die optische Verschiebung, machte Harald Welzer kürzlich in der taz klar. Die Titulierung ist deswegen unangemessen, weil letztlich dadurch die "Flüchtlinge" problematisiert würden und nicht etwa unsere fehlenden Mechanismen zum Umgang mit der Situation. Eine Verkehrung. Es ist ja nicht die Existenz der Flüchtlinge das Problem, sondern die Gründe, die sie zu Flüchtlingen machen, sowie die fehlenden Hilfsmaßnahmen.

Inzwischen werden leider in dieser Hinsicht andere Verkehrungen unternommen, die an Absurdität nicht zu überbieten sind. So zum Beispiel, man dürfe sich von Kinderaugen nicht erpressen lassen. Man müsse Bilder aushalten, Empathie wäre unvernünftig, und so weiter. Würde und Stolz reimen sich eben wieder auf Abhärtung und Rassismus, und das auf gesunden Menschenverstand. Als Teil einer Verrohungskampagne bezeichnet Oliver Trenkamp diese Aussagen, die leider von Thomas de Maizière bis zu Herrn Gauland reichen, und mittlerweile weite Kreise ziehen.

Meine Damen und Herren, ich habe im Moment immer öfter das Gefühl, das Falsche gesagt zu haben, bzw. nicht den richtigen Ton zu treffen. Vielleicht hätte ich noch deutlicher sein müssen, sage ich mir, die Nuancen gehen heute ohnehin immer mehr verloren, denke ich mir aber dann, die Selbstwidersprüchlichkeit ist eben unerwünscht. Ich höre Joachim Lux, dem Intendanten des Hamburger Thalia Theaters zu, wie er zu einer Preisverleihung begrüßt und dabei plötzlich eine Sorte Text von sich gibt, den ich als die richtigen Schlagworte bezeichnen würde. Er klingt plötzlich wie ein Politiker. Und diese Sprache erregt mein äußerstes Misstrauen. Die richtigen Sachen werden heute von Politikern gesagt, die diese damit an ein Publikum adressieren, eine Art Hinwendung: "Wir müssen das und das machen", als wären sie selbst hilflos, als wären sie selbst untätig. Plötzlich erscheint Joachim Lux wie einer, der eigentlich Dinge machen könnte und sie nun an ein Publikum adressiert, sie sozusagen sofort abgibt, wie einen Koffer auf die Bühne stellt und verschwindet. Es ist eine Verkehrung. Der moralische Appell geht von der Politik aus, wo er doch früher sich eher an die Politik gerichtet hat. Das Unwahre steckt weniger im Inhaltlichen, sondern mehr in der Kommunikationsrichtung. Es ist, als ob Eltern zu ihrem Kind sagen würden: Du musst die Erziehung ernst nehmen, die wir dir zu geben verweigern. Oder ein schwänzender Schüler zu seinem Lehrer: "Du musst mit meiner Abwesenheit einfach etwas machen!" Ich habe mich oft gefragt, warum das derzeit so realitätsversessene Theater sich von der Sprache, der Literatur abwendet, und das Wahre, Wirkliche, dem es bekanntlich seit einiger Zeit so hinterher ist, nur im Nichtsprachlichen sieht. Das Gefühl der sprachlichen Manipulation und einer permanenten PR-Strategie zu unterliegen, lässt uns anscheinend nicht mehr los. Ja, vielleicht ist das endlich meine Erklärung für den Verlust des künstlerischen Stellenwerts von Sprache. Sie sagt als Öffentliche nichts mehr aus.

Farbe bekennen, moralische Appelle starten, ins Gewissen reden, das geht heute immer in die falsche Richtung. Dazu kommt, dass die großangekündigten Maßnahmen der Politik sich oft als reine Augenauswischerei beschreiben lassen. So zumindest erklärte mir eine österreichische Freundin, die im boarder management unterwegs ist, also Grenzmanagement für internationale Organisationen betreibt. Die von Österreich angedrohte Maßnahme, man würde die Grenzen schließen, könnte in der Realität nie und nimmer durchgeführt werden. Keine Infrastruktur, kein Personal, gar nichts. Gottseidank, werden Sie sagen – Ich gebe zu, man freut sich über diese Nachricht – aber jeder von uns hier im Raum hat andere Erzählungen parat, die davon handeln, dass angedrohte, angepriesene, angekündigte Pläne von Seiten der Politik niemals umgesetzt werden können.

Bleiben wir in Österreich: Vor zehn Tagen gab es also diesen Vorfall im Wiener Audimax. In einem vollbesetzten Hörsaal, 800 Zuschauer, in dem "die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek von Studenten und Flüchtlingen aufgeführt wurden, stürmten an die 30 Männer und eine Frau den Saal und gerieten auf die Bühne, entrollten ein Transparent mit "Heuchler" und "Multikulti tötet" und unterbrachen so gewaltsam die Vorstellung. Acht Anklagen wegen Körperverletzung, Panik unter den Spielenden und Retraumatisierungen auf der Bühne waren das Ergebnis. Die Initiatoren nennen sich die Identitären, eine Bewegung, die im Grunde darauf hinauswill, dass jeder dort bleibt, wo er herkommt. Sie bezeichneten ihre Aktion als "ästhetisch", was mich mehr als nachdenklich machte. Es war, als würde ‘68 komplett umgedreht werden, schließlich war das Audimax damals der Protestort der Wiener Aktionisten, die das österreichische Bild der Studentenproteste geprägt hatten.

Ja, was ist mit den Künstlerinnen und Künstlern los? Nicht wenige meinen, man müsse jetzt Farbe bekennen. Während das Gros davon ausgeht, dass dies nur bedeuten könne, sich in einem unbestimmten Humanismus aufzuhalten, gibt es auch einzelne scharfe Haltungen. Als der litauische Regisseur Alvis Hermanis im Winter in einem Brief an den Intendanten des Thalia-Theaters seine Kündigung der Zusammenarbeit damit begründete, es gelte nun, sich auf die richtige Seite zu stellen, weil die theatrale Flüchtlingsarbeit auch die Terroristen unterstütze, ging eine Welle der Erregung durch die Theaterlandschaft. Nicht alle Flüchtlinge seien Terroristen, aber jeder Terrorist sei ein Flüchtling, lautete seine etwas absurd klingende Gleichung, als hätte man es mit Birnen und Äpfeln zu tun. Nicht alle Alvis Hermanisse sind heute rechtsradikal, aber alle Rechtsradikale heute sind Alvis Hermanis, könnte man verballhornend zurückäffen. Bemerkenswert war für mich allerdings diese überall auftauchende Forderung, Farbe zu bekennen, dieser Hang, sich zu äußern, ungefragt Position zu beziehen und es gleichzeitig doch nicht zu tun. Ein bisschen kommt es mir vor wie in einem permanenten Stück der israelischen Hausregisseurin und Autorin am Berliner Maxim Gorki-Theater, Yael Ronen, in dem alle versuchen, das Richtige zu sagen und sich immer mehr in Unrichtigem zu verstricken, weil sie von ihrem eigenen Rassismus, ihrer eigenen Widersprüchlichkeit nichts wissen wollen. Doch Stücke von Yael Ronen haben den Vorteil, dass sie auf Pointen zulaufen, hier wird daraus höchstens eine leere Forderung. Was heißt das schon, Farbe bekennen, in einer Zeit, die von politischen Dilemmata und Widersprüchen bestimmt ist, in der die gezielte Verdeckung eines Themas durch ein anderes Gang und Gebe, die ganze Mechanik der Lösungsvermeidung mit Pauschalisierungen, Vergröberungen allzu schnell loszutreten ist. Reicht es in so einem Vorgang, Farbe zu bekennen? Und was kann das schon heißen?

Wir hatten in der Akademie der Künste anlässlich unseres verstärkten Engagements in der Krise eine längere Diskussion über den Begriff des "Ankommens", den wir letztendlich als Titel oder Motto einer Veranstaltung ablehnten, weil er heute immer schon normativ klingt. Es gelte, endlich in unserer Gesellschaft, oder in der Mitte unserer Gesellschaft, anzukommen. Doch wer soll dort schon sein, und wer soll da noch ankommen können? Die Flüchtlinge natürlich, wird man leichthin sagen. Und dafür sollen sie sich bemühen, nämlich die Sprache lernen, sich als arbeitswillig und kulturwillig erweisen. Dass dem ein Behördenhickhack, fehlende Sprachlernplätze, erhebliche Schwierigkeiten bei der Reise, Traumatisierungen entgegenstehen, mal beiseite geschoben, entsteht alles in allem der Eindruck, die Flüchtlinge sollten vielmehr immer schon angekommen sein und gar nicht erst ankommen müssen. Der Prozess des Hereinfindens, sich Einrichtens, sich Kennenlernens wird als reine Belastung wahrgenommen, als Einbahnstraße und Krisenphänomen, anstrengend für alle, wenn nicht gar eine Gefährdung. Überflüssig zu erwähnen, dass das Gegenbild genauso unsinnig ist. Irgendwie bleibt immer das Bild einer ansonsten homogenen Gesellschaft aufrecht, in die man hinein ankommen soll. Ich als Österreicherin kann da nur anmerken: "Dafür bin ich nicht nach Deutschland gekommen, und schon gar nicht, um irgendwo anzukommen!"

Und ist ein Flüchtling sozusagen angekommen, dann bleibt, so lese ich in einem Blog der Historikerin Marion Detjen, die Angst, dass "ihre syrische Familie", die sie bei sich aufnahm, als nicht wirklich angekommen gelten könnte. Ist also vor lauter Ankommen kein Halten mehr bei uns? Oder ist das Ankommen etwa immer schon überall vorher da, bevor es um Gesetzestreue, Grundgesetz und Respekt vor irgendwelchen Werten gehen kann und bleibt als Maximalforderung? (Die natürlich auch als Minimalforderung unerfüllbar bleibt, solange die Möglichkeiten der Teilhabe nicht gewährleistet sind.)

Nüchterner sehen es Autoren wie Navid Kermani oder Ahmad Mansour, die eine ruhige, klare Ansage wünschen - vermutlich sind beide Positionen hier bekannt. Sie fordern ein Bildungsprogramm, und Ahmad Mansour setzt es mit seinem "Heroes"-Programm auch um, seine Aufforderung, vor allem Biographiearbeit mit den Schülern und Schülerinnen zu machen, sollte wirklich ernst genommen werden. Die Forderung, dass man sagen möge, jemand ist kriminell, wenn er kriminell ist, und diese Aussage trennen sollte von der Feststellung, ob jemand Muslim ist, bleibt immer noch eine unerreichte. Das Gebot der Gleichbehandlung der Delikte sollte doch Gewicht haben.

Ist das jetzt der Moment zu bemerken, wie die Widersprüche nicht zu nivellieren sind, und wie das Geld kosten wird, Anstrengungen erfordert, uns vor Probleme stellt, eine immense gesellschaftliche Herausforderung bedeutet? Ist das der Moment zu fragen, wieso unbemerkt das Ende des Mitgefühls gerade von jenen ausgerufen wird, die von Anfang an gar nicht so sehr mitfühlend waren? Oder festzustellen, wie wir uns im Futur verlaufen haben und den richtigen Ausgang in die Gegenwart nicht mehr finden, immer schon in der Vergangenheit landen.

Nein, es ist eher der Moment, an dem endlich das freundliche Gesicht von Elfi Mikesch, Kamerafrau, Filmemacherin und Fotografin vor meinem geistigen Auge auftauchen wird. Es ging in der Akademie um Flucht und Migration, und ich höre die über 75-Jährige immer wieder in ihrer typisch leisen und ruhigen Art sagen: "Müsst ihr immer die Welt neu erfinden? Es gibt doch Modelle!" Vielleicht wird sie dann noch einmal ihre Lieblingsszene aus Gendernauts schildern, aus dem Film von Monika Treut von 1999, in der die amerikanische Pornokünstlerin Annie Sprinkle die Tafel mit den Vogelarten aus der Bayarea hochhält, und uns eine Lektion in Vielfalt erteilt. Natur als Modell für weniger Chauvinismus - zum Piepen! - dachte ich mir: Aber ja, es gibt Modelle, und nach denen sollten wir uns umgucken. Es gibt nämlich nicht nur die Krisenfortschreibung, sondern auch die Konfliktbewältigungsfortschreibung.

Einen Ort dieser Konfliktbewältigungsfortschreibung ist die Neuköllner Rütli-Schule, die auch die Schule meiner Kinder ist. Sie wissen, es handelt sich um jene Schule, die vor zehn Jahren aufs Spiegelcover wegen der in ihr herrschenden Gewalt von Seiten der Schüler kam. Es ist einer der Orte, von denen das Buch von Ahmad Mansour über die "Generation Allah" erzählt, und er kommt tatsächlich mit seinem Heroes-programm seit einigen Jahren auch zu uns. Seither ist viel geschehen. Nun gibt es in dieser Schule eine Gesamtelternversammlung, und darin werden Möglichkeiten der Elternarbeit besprochen. Neben der zahlreichen innerschulischen Antidiskriminierungs- und Gewaltpräventionsarbeit, sowie der Demokratievermittlung, wird von Seiten der Eltern noch so einiges an Korrektur und Mitarbeit beigesteuert. Beim letzten Mal wurde nach den möglichen Themen für AGs gefragt. Die üblichen Verdächtigen sind die Klogruppe, die Mensagruppe, die Schulcafégruppe. Am meisten wurde allerdings eine Rassismusarbeitsgruppe gewünscht, und dann passierte erst einmal das, was typisch für diesen Wunsch ist: Alle wollen es, aber niemand möchte damit anfangen. Im ersten Moment wollte niemand dafür verantwortlich sein. Ich halte diesen kleinen Moment der Irritation, der mittlerweile behoben wurde, für typisch in unserer Gesellschaft. Wer fühlt sich für diese Themen wirklich zuständig –darum geht’s ja!

Was könnte in so einer Arbeitsgruppe vorkommen, schreibe ich als jemand, die an solchen Arbeitsgruppen noch nie teilgenommen hat, dafür in Theaterworkshops, aus denen sich auch durchaus etwas Brauchbares entwickeln ließe: Unser Erstaunen, dass jemand, den wir eben beruflich kennenlernen, Syrer ist, dass jemand türkische Eltern hat – "das hätte ich bei dir nie gedacht", "das sieht man dir aber nicht an!" – unser Erstaunen, dass die neue Freundin des Sohnes Afrikanerin ist oder Muslima oder Biodeutsche, wie es heute heißt, ein Erstaunen, das die zur Höflichkeit Bereiten nur mühsam verbergen, muss sich verwandeln, vielleicht in ein Gelächter, vielleicht in viele kleine zwischenmenschliche Gesten. Wir müssen die Bilder der angeblichen Überflutung des Landes durch Flüchtlinge, dem "Überflutunglein", wie der Schriftsteller Peter Waterhouse schreiben würde, zu einem "Massensturmlein", einem "Wellenlein" in zahlreiche Diminuitive auflösen. Man müsste dem künstlichen Groß-Wir mit einem Wir-chen begegnen, mit einem Dekonstruktion dieses repräsentativen Sprechens im Fluss ihrer Widersprüche. Als Schriftstellerin bin ich zudem höchst an dem Wort "auch" interessiert. Dieses "auch" kam mir in den letzten Monaten mehrfach entgegen: Zum Beispiel von Navid Kermani, er erwähnte es in seinem Buch "Wer wir sind?", und Esra Küçük - wir haben sie gehört - erwähnte es auf einem Podium in der langen Nacht der Wissenschaften: ich bin "auch Muslima", aber ich bin nicht nur das, ich bin viel. Ich bin "auch Muslima, unter anderem". Das Viele ist durchaus widersprüchlich, aber das gehört dazu.

In meinem Neuköllner Umfeld lebt das Wörtchen "auch" schon ganz gut, es muss sich gar nicht so sehr gegen das "auch" des schwulen Flüchtlingheims in Treptow nebenan stemmen, wie dieses wiederum mit dem "auch" des kleinbürgerlichen Britz zu kämpfen hat. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, das Wörtchen "auch" darf nicht in die Mühlen des Gegeneinanders von liberalen Werten und dem angeblichen Schutz dieser geraten. Dieses auch ist manchmal schwer verständlich, und in ihm erhält das Zitat von Péter Esterházy, "Immer wieder verstehe ich es, das heißt, ich habe es nicht verstanden", endlich seine positive Bedeutung, nach der ich lange gesucht habe.

Ja, wir Schriftsteller sind tatsächlich manchmal zu was gut, entdeckte ich vor zwei Wochen auf einer Tagung, man kann von uns beispielsweise lernen, dass Übersetzen Erzählen ist. Zumindest wurde dies mir bei der Lektüre von Peter Waterhouse klar, der übrigens nicht zufällig jene Jelinek-Theaterinszenierung im Wiener Audimax initiiert hat. In zwei Sprachen zu leben, im Dazwischen, trägt auch utopische Züge, und ist gleichzeitig, so erfahre ich vom Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein, der absolute Normalfall. Wie fantastisch. Die Monolingualen sind weltweit die Ausnahme. Die ganz basale zwischenmenschliche Frage nach dem Wie des Miteinanders, des Verständnisses. Man könnte sagen, der Zwischenraum der Sprachen ist ein Rest jener Ursprache, die wir nach Babylon verloren haben, Babylon, das uns in jenes Sprachchaos gestürzt hat. Diese Bewegung zwischen den Sprachen, diese Suche, dieses Abtasten und Begegnen, das ist eine von jenen gelebten, sich täglich umsetzenden Utopien, die nicht nur Schriftstellern gut ansteht.

Immer wieder verstehe ich es, doch mein Verständnis bleibt in Bewegung, kann ich nur hoffen. Nur so bleibe ich lebendig, nur so kommen wir miteinander aus.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld!"


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

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TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

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Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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bpb:magazin 2/2017
bpb:magazin

bpb:magazin 2/2017

"Stadt, Land, Fluss" sind Kategorien, die zentrale politische Themen aufgreifen. Die Reise über Städte, Land und Flüsse in diesem zwölften bpb:magazin führt, wie gewohnt, durch das breit gefächerte Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung.

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