Fachtagung Politische Gewalt

Gewalt in Medien des IS


16.9.2016
Der Eindruck täuscht: Gewalt spielt nicht die bedeutendste Rolle in der Propaganda des "Islamischen Staats". Dennoch ist sie wichtig für seine Außenwirkung. Welchen Nutzen verspricht sich die Terrormiliz davon und an wen richten sich propagandistische Videos, die brutale Gewalt so drastisch darstellen?

Matenia Sirseloudi erläutert im Workshop die Bedeutung von propagandistischer Gewalt im Radikalisierungsprozess.Matenia Sirseloudi erläutert im Workshop die Bedeutung von propagandistischer Gewalt im Radikalisierungsprozess. (© bpb/Nils Pajenkamp)

Wie kann medial dargestellter islamistischer Gewalt begegnet werden und wie kann und soll man mit der Darstellung brutalster Gewalt umgehen? Cornelius Strobel, Referent im Fachbereich Extremismus der bpb, eröffnete den Workshop mit dem Hinweis, dass auch die Bundeszentrale in zunehmender Regelmäßigkeit angesprochen würde, wie mit diesem Phänomen umzugehen sei. Auch deshalb habe man sich entschlossen im Rahmen der Tagung einen Workshop zum Thema anzubieten.

"Terrorismus ist per se kommunikative politische Gewalt"



Matenia Sirseloudi, von der Hochschule für Öffentliche Verwaltung Bremen, erklärte zu Beginn ihres Vortrags, Terrorismus sei "per se kommunikative politische Gewalt". Früher hätte diese sich primär in Form von Bekennerschreiben oder politischen Pamphleten geäußert, das Internet hätte den Absendern dieser Botschaften aber ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Dabei gehe es nicht nur um die Möglichkeit der Verbreitung von Bildern und Videobotschaften, sondern genauso auch um die Möglichkeit der Interaktivität, der Vervielfältigung und Bearbeitung. Anders als die Instrumente dieser kommunikativen Gewalt hätten sich ihre propagandistischen Ziele jedoch nicht verändert: Neben dem Versuch, eine Überreaktion des Gegners zu provozieren, sei das bedeutende Ziel nach wie vor die Rekrutierung. Insbesondere im Falle islamistischen Terrorismus sei Propaganda, und konkret die Rolle der Gewalt, ein bedeutender Bestandteil innerhalb des Radikalisierungsprozesses.

Der Irakkrieg als Startschuss jihadistischer Videopropaganda



In der Genesis jihadistischer Propaganda sei vor allem der Irakkrieg von großer Bedeutung: 2003 begann dort der extensive Einsatz von Videopropaganda durch Al-Qaida und die Nutzung des Internets als Verbreitungsmedium. In diesem Zusammenhang seien auch die ersten Enthauptungsvideos erschienen. Mit dem Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh im Jahr 2004 in Amsterdam sei es dann zu einem ersten islamistischen Mord in Europa gekommen, der auf diese Art der Propaganda zurückzuführen war. In der Folge habe auch die deutschsprachige Propaganda stark zugenommen.

Mittlerweile, so die Sozialwissenschaftlerin, habe sich in Europa und konkret auch in der Bundesrepublik eine zweite Konfrontationslinie "islamfeindlich vs. militant salafistisch" neben "links- vs. rechtsradikal" etabliert. Diese Feindbildkonstruktion würde sich sowohl durch reale als auch medial dargestellte Gewalt noch verstärken, was wiederum der Identitätsstabilisierung innerhalb der eigenen Gruppe diene.

Behnam Said, Wissenschaftlicher Referent beim Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg, vertiefte im Anschluss Sirseloudis Vortrag und ging konkret auf die aktuellen Propagandamethoden des "Islamischen Staats" ein. Insgesamt sechs Themenfelder würde die Propaganda der Terroristen bedienen: "explizite Brutalität", "Vergebung", "Opfererzählung", "Krieg", "Kameradschaft und Zugehörigkeit" und "Utopie". Anders als erwartet würde jedoch nur ein äußert geringer Anteil der Propagandavideos explizite Brutalität und damit "politische Gewalt" darstellen. Unterm Strich käme auf einhundert Videos weniger als ein Video, das diese Art der Gewalt zeige. Dennoch seien dies genau die Videos, die medial rezipiert würden: Amputationen, Enthauptungen und andere brutale Morde.

Für den IS seien dabei die übrigen fünf Themenfelder, insbesondere im arabischen Raum, viel bedeutender: Diese würden es ihm erlauben sich als funktionierender, prosperierender Staat darzustellen.

Gewalt darstellen, oder nicht?



Im Anschluss kündigte Said an, einen Propagandafilm des IS in voller Länger zeigen zu wollen. In dem Film würde unter anderem die Verbrennung des jordanischen Piloten Moaz al-Kassasbeh im Frühjahr 2015 bei lebendigem Leibe gezeigt werden. Die Teilnehmenden des Workshops diskutierten unter welchen Vorrausetzungen es angebracht sein könnte,
Brutale propagandistische Gewalt des IS zeigen, oder nicht? Die Teilnehmer des Workshops diskutierten darüber, in welchem Rahmen Propagandavideos der Terrormiliz gezeigt werden sollten.Brutale propagandistische Gewalt des IS zeigen, oder nicht? Die Teilnehmer des Workshops diskutierten darüber, ob und in welchem Rahmen Propagandavideos der Terrormiliz gezeigt werden sollten. (© bpb/Nils Pajenkamp)
ein so drastisches Zeugnis menschlicher Brutalität vorzuführen, wenn der Inhalt auch mit Worten ausreichend beschrieben werden könnte: Die Darstellung von Gewalt dieser Art gehe über das hinaus was für Multiplikatoren nötig und sinnvoll sei, lautete eine dabei vertretenen Meinung. Said hingegen vertrat die Ansicht, dass es in einem geschützten, nicht öffentlichen Rahmen durchaus sinnvoll sei Filme dieser Art zu zeigen, da es helfen würde die Mechanismen der IS-Propaganda zu verstehen.

Das Video dauerte etwa 15 Minuten. In den ersten zehn Minuten wird die Gefangennahme von Moaz al-Kassasbeh durch den IS gezeigt, anschließend in arabischer Sprache und mit englischem Untertitel die vermeintliche Verbindung des jordanischen Königshauses zu den USA erklärt. Zudem werden Kampfflieger gezeigt, die Ziele am Boden bombardieren. Die darauf folgenden Bilder zeigen zerstörte Häuser nach einem Bombenangriff und tote Menschen, darunter auch explizit getötete Kinder. Schließlich wird der jordanische Pilot Moaz al-Kassasbeh gezeigt, gekleidet in einen orangenen Overall: Al-Kassasbeh schreitet in dem Video zwischen Häuserruinen entlang, vorbei an maskierten und bewaffneten Kämpfern des "Islamischen Staates". Zwischendurch wird sein Gesicht mehrfach in Nahaufnahme gezeigt. Am Ende steht Al-Kassasbeh in einem Käfig. Ein maskierter Kämpfer, der – so sagt es der Sprecher des Videos – zuvor seine Familie bei einem Bombenangriff der Internationalen Allianz verloren haben soll, entzündet eine Benzinspur, die zu dem Käfig führt und ihn entflammt.

Anschließend wurde das Video anhand eines von Said vorgestellten Analyserahmens besprochen. Mehrere Teilnehmer erklärten, einzelne brutale Ausschnitte vom Ende des Videos bereits einmal gesehen zu haben. Das Video in voller Länge kannte jedoch niemand. Auch in diesem Zusammenhang wurde die Verantwortung von Medien angesprochen, die bei der Verbreitung der Propaganda des IS eine enorme Rolle spielen.

Ein Video, viele Adressaten



Im Rahmen der Analyse erläuterte Said, dass das Video direkt mehrere Adressaten anspreche: Im arabischen Raum würde es, durch die aufgezeigte Verbindung zwischen Jordanien und den USA, Kritik am jordanischen König schüren, gegenüber jordanischen Kampffliegern sei es als Warnung zu verstehen, gegenüber dem Westen diene es als Abschreckung und in Europa lebenden Islamisten biete es direkt mehrere Schritte innerhalb des Radikalisierungsprozesses.

Abschließend erklärte Said, dass die Narrative des Videos nicht leicht widerlegt werden könnten. Die Handlung sei so konstruiert, dass die Täter-Opfer-Rollen miteinander verschwimmen. Solche Konstruktionen aufzulösen sei eine große Herausforderung der politischen Bildung.
Referenten:
Dr. Behnam T. Said, Wissenschaftlicher Referent beim Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg
Matenia Sirseloudi, Hochschule für Öffentliche Verwaltung Bremen

Moderation: Cornelius Strobel, Bundeszentrale für politische Bildung


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