Fachtagung Politische Gewalt

Einer bilderstürmischen Aktivität ausgesetzt

Darstellungen politischer Gewalt und die Verantwortung der Medien


16.9.2016
Die jüngsten Terroranschläge in Frankreich haben erneut die Frage aufgeworfen, wie Medien mit der Darstellung politischer Gewalt umgehen sollten. Müssen auch drastische Bilder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? Auch dann, wenn vielleicht genau dies die Intention der Terroristen ist? Welche Verantwortung haben Medien bei der Verbreitung solcher Bilder? Der Workshop zeigte, wir kontrovers die Debatte geführt wird und auch wie unterschiedlich Medien diese Fragen für sich beantworten.

Jan Piepenbrink, Petra Bernhardt und Olaf Sundermeyer auf dem Podium des Workshops zum Umgang der Medien mit der Darstellung von Gewalt.Jan Piepenbrink, Petra Bernhardt und Olaf Sundermeyer auf dem Podium des Workshops zum Umgang der Medien mit der Darstellung von Gewalt. (© bpb/Nils Pajenkamp)

Wo waren Sie am 11. September 2001? Wahrscheinlich hätte jeder der Anwesenden die Frage leicht beantworten können. Die Intention war jedoch eine andere: Denn nicht ohne Grund seien dieses Datum und die damit verbundenen Bilder bei uns allen so präsent. Damit begann Petra Bernhardt von der Universität Wien ihren Vortrag zur Darstellung politischer Gewalt und der Verantwortung der Medien.

9/11 als Zäsur



Der 11. September 2001 sei eine "bildmächtige Zäsur" gewesen: der Einschlag des zweiten Flugzeuges in den Südturm des New Yorker World Trade Centers wurde auf der ganzen Welt live im Fernsehen übertragen, da alle Kameras nach dem ersten Einschlag auf das WTC gerichtet waren. Terrorismus in einer zumindest wahrgenommen neuen Dimension, live und simultan. Das habe es zuvor nicht gegeben. Als "Aufmerksamkeitsterrorismus" definierte Bernhardt den Anschlag: Denn Terrorismus sei hier gleichsam Medienereignis und Bildproduzent gewesen. Seitdem habe die "Sichtbarkeit als strategischer Terrorismus" Schule gemacht und vom "Islamischen Staat" sei er in den vergangenen Jahren perfektioniert worden.

Ein weiteres Beispiel: die Ermordung des US-amerikanischen Bildjournalisten James Foley im Jahr 2014 durch den "Islamischen Staat". Auch dieses Bild – James Foley in einem orangenen Overall, ähnlich dem der in Guantanamo Inhaftierten, im Wüstensand kniend vor einem vermummten Terroristen – würden wir alle kennen, es habe sich eingebrannt.
Die Produzenten solcher Bilder, heute sei dies vor allem der "Islamische Staat", konzentrierten sich auf wiederkehrende Bildtypen visueller Terrordarstellung: die Zurschaustellung von Geiseln, die brutale Ermordung, bzw. "Hinrichtung" von Menschen.

Das Ziel: maximaler Propagandaeffekt



Allen Bildern dieser Art gleich sei dabei die hohe Symbolik. Dies gelte für das berühmte Foto Hanns Martin Schleyers als "Gefangenem der RAF", für die Aufnahmen der Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan im Jahr 2001 durch die Taliban, als auch für aktuellere Aufnahmen von Geiseln des IS im syrischen Palmyra. Mittlerweile seien wir, erklärte Bernhard weiter, einer regelrecht "bilderstürmischen Aktivität" ausgesetzt. Und diese hätte der IS perfektioniert, durch sorgfältig ausgesuchte und symbolisch aufgeladene Orte, an denen er die Bilder produziert sowie durch aufwendige Schnitt- und Kameratechnik. Das immer gleiche Ziel dabei sei ein maximaler Propagandaeffekt.

Medien, die solche Bilder nutzen, müssten sich immer den Deutungsrahmen, den frame, in den sie Bilder dieser Art einbetten, bewusst machen. Als Beispiele solcher frames nannte die Wissenschaftlerin u.a. den "Mastermind-frame", der den Täter als genialen Schurken ähnlich den Antagonisten eines James Bond aussehen ließe, den "Neuartigkeits-frame", der Anschläge und Opferzahlen als beispiellos darstelle sowie den "Serien-frame" der Zusammenhänge suggeriere oder sogar fälschlich deute.

Vermittlung von Medienkompetenz als Aufgabe politischer Bildung



Schließlich formulierte Petra Bernhardt einige Forderungen, sowohl an journalistische Redaktionen sowie deren Konsumenten: Am wichtigsten sei die Vermittlung von Bild- und Medienkompetenz. Diese müsse bereits in der Schule vermittelt werden, da insbesondere junge Menschen Medieninhalte über soziale Netzwerke konsumierten, in denen Unmengen ungefilterter Inhalte zu finden seien. Journalisten hingegen müssten sorgfältiger Quellenkritik mehr Zeit und Aufmerksamkeit einräumen: Nur weil eine Meldung oder ein Zusammenhang von einem anderen Medium verbreitet würde, seien diese noch nicht zwingend korrekt. Schließlich müssten auch die allgemein verbreiteten frames hinterfragt werden.

Der Journalist Olaf Sundermeyer griff im Anschluss Bernhardts Vortrag auf und argumentierte, die Frage ob und in welcher Art bestimmtes Bildmaterial verwendet würde, müsse immer eine Einzelfallentscheidung sein. Eindeutige Regeln dafür lehne er daher ebenso ab, wie die Haltung der französischen Zeitung Le Monde, generell keine Bilder von Terroristen mehr zu zeigen sowie Bildmaterial des IS generell nicht zu verwenden.

Die entscheidende Frage sei immer, in welchem Rahmen Bilder, die Gewalt darstellen, genutzt würden und wie sich verhindern ließe, nicht ungewollt zum Botschaftsüberbringer des Bildproduzenten zu werden. Als Beispiel nannte er die kürzlich von der AfD-Chefin gemachten Äußerungen, einen neuen Umgang mit dem Wort "völkisch" pflegen zu wollen. Dies sei ein provozierter und kalkulierter Skandal, auf den Redaktionen nicht herein fallen sollten. Die Live-Übertragung des Flugzeugseinschlags in das WTC halte er im Gegensatz dazu nicht nur für richtig, die Abbildung sei sogar zwingend erforderlich gewesen. Ebenso erforderlich sei es jedoch, vergleichbare Bilder nicht nur darzustellen, sondern einzubetten und zu erklären.

Zum Abschluss zeigten die Referenten einen Teil der Vice News-Dokumentation über den "Islamischen Staat" aus dem Jahr 2014: ein Negativbeispiel dafür, wie Journalismus nicht agieren sollte. In dem Video werden Kämpfer gezeigt, die die Grenze zwischen Syrien und Irak öffnen und es werden vermeintlich vor Ort lebende Menschen interviewt, die vor der Kamera erklären, dank des IS könnten sie nun endlich ihre Familie in dem jeweils anderen Land besuchen. Sundermeyer erklärte, da die Dokumentation und die Aussagen der dort Gezeigten weder hinterfragt noch von den Filmemachern kommentiert wurden, handele es sich um perfekte Propaganda im Sinne des "Islamischen Staates". Die Autoren der Dokumentation hätten dies entweder bewusst in Kauf genommen, oder sie seien den Terroristen des IS "auf den Leim gegangen".

Sundermeyer griff zum Abschluss noch einmal Bernhardts Plädoyer für die Bedeutung von Medienkompetenz auf, was von den Teilnehmenden ausnahmslos geteilt wurde. Die Vermittlung solcher Kompetenz sei eine Herausforderung und nicht zu unterschätzende Aufgabe schulischer und politischer Bildung.
Referenten:
Dr. Petra Bernhardt, Universität Wien
Olaf Sundermeyer, Rundfunk Berlin-Brandenburg

Moderation: Jan Piepenbrink, Bundeszentrale für politische Bildung


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