Fachtagung Politische Gewalt

16.9.2016 | Von:
Viola Röser

Psychologische Bedingungen politischer Gewalt

Die meisten Menschen halten sich zeitlebens eher fern von der Ausübung von Gewalt, erst recht von politischer Gewalt. Kommt es doch zur Gewaltausbrüchen, können dem verschiedene Ursachen zugrunde liegen. Eine wichtige Rolle dabei spielen psychische Störungen und sozialpsychologische Bedingungen. Deswegen sind die Kenntnis und Thematisierung psychischer Bedingungen politischer Gewalt unbedingt notwendig für eine erfolgreiche Präventionsarbeit. Eine Diskussion mit dem Sozialpsychologen Christian Gudehus.

Teilnehmer in der Diskussion während des Workshops zu "Psychologischen Bedingungen politischer Gewalt".Teilnehmer in der Diskussion während des Workshops zu "Psychologischen Bedingungen politischer Gewalt". (© bpb/Nils Pajenkamp)

Zur Einführung berief sich Moderator Felix Steinbrenner auf das Ziel des Workshops, die inhaltliche Diskussion fortzuführen, und zu diskutieren, wie die Kenntnisse in die Präventionspraxis eingebunden werden könnten. "Psychologie gibt es gar nicht" erklärte der Sozialwissenschaftler und Psychologe Christian Gudehus von der Universität Bochum zu Beginn überraschend. Gemeint sei damit, dass die einzelnen Bereiche der Psychologie so stark sich widersprechende Auffassungen vertreten, dass man nicht von den psychologischen Ansätzen sprechen könne, sondern einzelne Teilbereiche in den Fokus nehmen müsse.

Ansätze der Sozialpsychologie

Vor rund 80 Jahren führten Soziologen in den USA ein banales Experiment durch: Sie ließen ein asiatisches Ehepaar durch die USA fahren, Hotels und Restaurants besuchen und verschiedenste Erfahrungen machen. Im Nachhinein wurde an den betreffenden Orten gefragt, ob man das asiatische Paar bewirten würde. Alle Befragten lehnten ab, obwohl sie das Paar aber tatsächlich bewirtet hatten. Warum? Routiniertes, logisches Handeln sei etwas anderes, als theoretisch angenommenes Handeln. Die Studie offenbare eine Differenz zwischen politischer Äußerung und politischem Handeln. Viele ähnliche Studien lieferten vergleichbare Ergebnisse. Die Frage bestehe darin, was einen Menschen letztlich dazu bringt, gewaltvoll (hier im Sinne physischer Gewalt) zu handeln.

Was ist Psychologie? Was kann Sie?

Die experimentelle Sozialpsychologie beschäftige sich mit durchschnittlichem Verhalten und ziele darüber hinaus nicht auf Einzelfälle. Die Persönlichkeitspsychologie hingegen mache individuelles Handeln erklärbar, wobei die Voraussagefähigkeit nicht so aussagekräftig sei,
"Probleme entstehen immer dort, wo soziale Anerkennung fehlt." Christian Gudehus im Workshop über die psychologischen Bedingungen politischer Gewalt."Probleme entstehen immer dort, wo soziale Anerkennung fehlt." Christian Gudehus im Workshop über die psychologischen Bedingungen politischer Gewalt. (© bpb/Nils Pajenkamp)
wie man es sich wünsche. Psychologen definierten Aggressionen mitunter als abweichendes, problematisches Verhalten. Vielleicht verstehe man sie aber besser, wenn man sie nicht ausschließlich als Abweichung betrachte. Um individuelles Handeln in Kontexten kollektiver Gewalt verstehen zu können, sollte in einem ersten Schritt darüber diskutiert werden, was konkretes Handeln auslöse und was Menschen zu einem bestimmten Handeln motiviere. Die Teilnehmer äußerten Motive wie Bedürfnisse, Triebe, gesellschaftliche Zwänge, Anerkennung, Ideen und Emotionen. Christian Gudehus unterteilte sie in verschiedene Kategorien, wie Handeln zur Lebenserhaltung oder Handeln um soziale Anerkennung zu erlangen. Auffällig sei, dass sobald soziale Anerkennung fehle, Probleme entstünden. Zudem existierten Gegensätze von bewusstem und unbewusstem/automatisiertem Handeln, die sich in jeder Definition fänden und wichtig seien, um Handeln zu verstehen.

Spezifika politischer Gewalt?

Politisches Handeln und Gewalthandeln seien zwei Phänomene, aus denen sich die Frage ergebe, ob politische Gewalt bestimmte Spezifika in Abgrenzung dazu aufweise. Hat sie Formen die sie fundamental von anderen unterscheidet? Im Krieg gebe es zum Beispiel eine unterschiedliche Anzahl von individuellen Handlungsmotiven, die Christian Gudehus in drei Motivlagen unterteilte: Erstens die routinierte, technische Ausübung von Gewalt, die im Gespräch überhaupt nicht thematisiert würde, zweitens die explizite Thematisierung von Zerstörung, die von einer kleineren Gruppe praktiziert würde und drittens "Freude am Töten", was wiederum nur eine ganz kleine Gruppe empfinde.

Ansätze der Prävention

Daneben gebe es aber noch weitere Gruppen: Menschen die aus bestimmten Motiven bewusst gewaltvoll handeln. Eine Studie zum Thema "Helfer im Nationalsozialismus" untersuchte, was Menschen veranlasst zu helfen, obwohl es gegen Normen verstößt. Besser verstanden werden könne ein solches Verhalten, wenn Helfen als Handeln begriffen würde. Dies werfe die Frage auf, ob es ausreiche mit Hilfe von Präventionsarbeit die "Verführung" zu verhindern. Felix Steinbrenner erwähnte in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Konzepts Zivilcourage. Christian Gudehus betonte abschließend die Bedeutung sozialer Anerkennung, die ein fundamentaler Handlungsantrieb in bestimmten Gemeinschaften sei. Weil Gruppen oft gezwungen seien Gewalt aufrecht zu erhalten, da sie ansonsten ihre Rechtfertigung verlören, sei es besonders wichtig, Zivilcourage zu vermitteln.
Referent: Dr. Christian Gudehus, Ruhr-Universität Bochum

Moderation: Felix Steinbrenner, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

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