Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

Begrüßungsrede

Fachtagung "Höhere Gewalt – Fundamentalismus und Demokratie" am 23.01.2017 im Maternushaus in Köln

27.1.2017
Hanne Wurzel eröffnet die Tagung "Fundamentalismus und Demokratie".Hanne Wurzel eröffnet die Tagung "Fundamentalismus und Demokratie". (© bpb/Tobias Vollmer)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Flugzeuge, die 2001 in die sonnenbeschienenen Hochhäuser New Yorks einschlagen. Verpixelte Youtube-Videos, immer wiederkehrende Bilder von Enthauptungen und weiteren Gräueltaten des so genannten "Islamischen Staates". Ein Sattelschlepper auf dem winterlichen Breitscheidplatz in Berlin, im Dezember 2016. Hinter ihm eine Schneise der Verwüstung, mit Toten und Verletzten.

Dies alles waren Taten von Fundamentalisten.

Fundamentalismus. Ein schwerer Begriff. Er lässt Bilder in unseren Köpfen entstehen. Und wohl vor allem die des Terrors.

Diese Bilder stehen für den radikalen, den dschihadistischen Fundamentalismus mit seinen Angriffen auf Leib und Leben. Sie stehen für den Versuch der Destabilisierung ganzer Gesellschaften. Und diese Bilder sind bei uns fest verankert. So wird der Begriff des "Fundamentalismus" in der Öffentlichkeit fast synonym für die extremistischen Strömungen des Islam benutzt.
Es erscheinen Unmengen von Berichten, Artikeln und Reportagen. Und sie alle nutzen den Begriff als Umschreibung für die Rückwärtsgewandheit der salafistischen Bewegung. Es scheint fast, als ob "fundamentalistisch" in der Öffentlichkeit einzig die islamische "Spielart" des Salafismus beschreibt.

Und dennoch: fundamentalistisches Denken ist nicht auf den Islam beschränkt.

"Fundamentalismus ist der selbstverschuldete Ausgang aus den Zumutungen des Selberdenkens. Dieser Satz vom Dortmunder Politikwissenschaftler Thomas Meyer stand im Einleitungstext des Tagungsflyers. Er ist keine allgemein gültige Definition dessen, was wir als Fundamentalismus verstehen. Aber er zeigt doch etwas auf, was allen fundamentalistischen Bewegungen eigen zu sein scheint. Die Aufgabe des eigenen Willens zugunsten strenger, religiöser Vorgaben. Die wortgetreue Auslegung des "Wort Gottes", als Handlungsanleitung für jeden Aspekt des eigenen Lebens. Die Rückkehr zum ursprünglichen "Fundament" des Glaubens.

Ein Freimachen von den Entscheidungen und Herausforderungen, die die moderne Welt an den Einzelnen stellt. Diese Auslegung findet sich in den unterschiedlichsten Ausprägungen in vielen Religionen.

In mehreren Teilen der Welt, insbesondere in den USA, existieren feste Strukturen des christlich evangelikalen Fundamentalismus. Zahllose freie Kirchen predigen die uneingeschränkte Rückbesinnung auf das Wort Gottes und die Abwendung von der Moderne. Gewaltanwendung lehnt ein Großteil dieser Bewegung ab, eine Vielzahl der Mitglieder lebt in Einklang mit der Gesellschaft. Doch auch hier findet sich Hass auf das andere: auf Homosexuelle, auf die Gleichstellung von Mann und Frau - und auch auf Andersgläubige.

Im Katholizismus, im Judentum, im Hinduismus und Buddhismus… überall finden sich Strömungen, auf die die Bezeichnung "Fundamentalismus" zu passen scheint – auch hier treibt es die Anhängerschaft hin zu einem Glauben, der sich von der modernen Welt abwenden will. Von einer Welt, die sich weiterentwickelt. Der fundamentalistische Glauben will zurück.

Eines ist unstrittig: Der islamistische Fundamentalismus ist in seiner Gewaltanwendung und der Verbreitung in dieser Zeit die auffälligste Form des Fundamentalismus. Eine Gleichstellung darf, soll und kann hier selbstverständlich nicht stattfinden.

Aber: Differenzierung tut not!

Lassen Sie mich an dieser Stelle kurz in fünf Punkten erläutern, welche Leitfragen diese Tagung verfolgt.

Erstens steht die Frage im Raum, was das eigentlich ist: Fundamentalismus. Dies will die Tagung abseits der oft unscharfen, und auch nicht zuletzt reißerischen Verwendung des Begriffs in den Medien zu klären versuchen. Denn eins muss klar sein: Bei all der Sorge um die Sicherheit der Menschen und der Demokratie in diesem Land dürfen wir nicht in Aktionismus und Panikmache verfallen. Diese Tagung will informieren und einen Einblick verschaffen.

Zweitens will sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den unterschiedlichen Strömungen der Fundamentalismen aufzeigen. Ich hatte es eben schon erwähnt: Ein Aufwiegen, ein Gleichstellen der Bewegungen kann hier nicht geschehen. Aber es soll doch klar gestellt werden, dass Fundamentalismus mehr ist als die brennenden Türme des World Trade Centers oder grausame Handyvideos aus Syrien und dem Irak.
Dass der Drang nach dem "Zurück" nicht allein im Islam zu finden ist. Und dass er sich nicht nur dort seinen Raum sucht.

Drittens will die Tagung Erklärungen für diesen Drang nach dem "Zurück" finden. Wieso wählen immer mehr Menschen die eigene Unmündigkeit? Wo liegt die Faszination darin, sich unterzuordnen? Sich unfrei zu machen? Die Entscheidungen über das eigene Leben in die Hände einer Schrift oder in die Worte anderer zu legen?

Viertens steht die Frage der Bedrohung im Raum. Beim Dschihadismus ist diese klar gegeben. Aber auch abseits davon müssen wir die Frage der Grenzziehung stellen. Eine auf Vielfalt ausgerichtete Gesellschaft soll der Religion ihre Freiheit bieten. Sie soll der Religion Platz einräumen.
Bloß: Welche Freiheit muss eine moderne Demokratie einer Bewegung einräumen, die sich von der Moderne abwendet? Wo ziehen wir die Grenze? Aus Sicht der Bundeszentrale für politische Bildung ist die Antwort klar: bei den Grundrechten. Es gibt die Religionsfreiheit. Es gibt aber auch das Recht, frei von Glauben zu sein. Und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Genauso wie das Recht der Frau, selbst über ihr Leben zu bestimmen und frei von Diskriminierung an einer Gesellschaft teilzuhaben.

Werden diese Rechte durch religiöse Ansichten beschränkt, werden sie in ihrer Allgemeingültigkeit angezweifelt, ist die Demokratie in ihren Idealen bedroht. Unabhängig davon, aus welcher religiösen Bewegung heraus diese Rechte beschnitten werden sollen.

Und zuletzt fünftens: Als Bundeszentrale für politische Bildung müssen wir an dieser Stelle selbstverständlich auch die Frage nach den Möglichkeiten der Entgegnung aufwerfen. Wie reagieren wir auf fundamentalistische Agitation, auf die eben beschriebene Überschreitung der Grenze, hin zu einer Einschränkung der Menschenrechte? Wie reagieren wir als einzelne Person? Als Institution? Als Gesellschaft?

Diese fünf Punkte möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben. Die Tagung ist dazu da, Wissen zu vermitteln. Sie will Wissen vermitteln, denn das ist oft der beste Schutz vor unbestimmter Angst und daraus resultierender Panikmache. Deswegen wünsche ich Ihnen nun einen guten, informativen und wissensreichen Tag.

Die Bilder des Terrors in unseren Köpfen werden wohl bleiben, wenn wir an Fundamentalismus denken. Die Bilder von Flugzeugen und von Handyvideos. Aber vielleicht kommen durch die Tagung auch andere, differenziertere Bilder hinzu.

Bevor wir nun inhaltlich in die Tagungsthematik einsteigen, habe ich noch ein paar kurze Anmerkungen zur Tagung. Sie alle haben sich, wie wir hoffen, bei der Anmeldung in eine der Listen der Vertiefungsmodule eingetragen, die von halb zwei bis viertel nach drei gehen. Falls dies bis jetzt nicht geschehen sein sollte, haben Sie im Anschluss an den Vortrag von Herrn Prof. Schäfer dazu Gelegenheit.
Ein zweiter Punkt: Zur Dokumentation der Tagung werden Fotos während der Veranstaltung gemacht. Falls Sie auf diesen Bildern nicht erscheinen möchten, haben Sie die Möglichkeit, bei der Anmeldung Aufkleber zu erhalten. Diese kleben Sie sich bitte sichtbar auf den Ärmel.

Den Auftakt der Veranstaltung wird nun Herr Professor Schäfer bestreiten. Heinrich Schäfer ist Professor für Evangelische Theologie und Religionssoziologie an der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie sowie an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Sein 2008 erschienenes Werk "Kampf der Fundamentalismen: Radikales Christentum, radikaler Islam und Europas Moderne." gibt einen tiefen Einblick in die Ideologie des Fundamentalismus.

Er wird uns in der kommenden Stunde seine Überlegungen, betitelt mit "Fundamentalismus – Annäherungen an ein Schlagwort" vorstellen. Anschließend wird ausreichend Zeit für Rückfragen bestehen.

Herr Prof. Schäfer, ich freue mich auf Ihren Vortrag!


Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereichs Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung
(Es gilt das gesprochene Wort.)



 

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