Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

Fundamentalismus der westlichen Moderne


27.1.2017
Was ist Fundamentalismus? Wo verlaufen die Grenzen? Woran erkennt man fundamentalistische Strömungen? Heinrich Wilhelm Schäfer stellte eine Definition vor. Wie schwierig das ist, zeigte die an den Vortrag anknüpfende Diskussion.

Heinrich Wilhelm Schäfer von der Universität Bielefeld stellte einen formalen Fundamentalismusbegriff vor.Heinrich Wilhelm Schäfer von der Universität Bielefeld stellte einen formalen Fundamentalismusbegriff vor. (© bpb/Tobias Vollmer)

"Man muss die Moderne verstehen, um den Fundamentalismus zu verstehen." Prof. Heinrich Wilhelm Schäfer machte zu Beginn seines Vortrags klar, dass die Entstehung fundamentalistischer Strömungen und die Entwicklung der modernen Gesellschaften untrennbar miteinander verbunden sind. "Moderne" bedeutet für den Bielefelder Religionssoziologen unter anderem die "Fähigkeit der Perspektivenübernahme", also die Fähigkeit zur Selbstreflexion: "In den Stiefeln des Anderen zu laufen", wie das Sprichwort sagt. Das heißt, verstehen zu wollen, unter welchen Bedingungen jemand seine Lebensentscheidungen trifft. Diese "kulturelle Kompetenz" würde der Fundamentalismus jedoch verweigern. Dadurch sei der Fundamentalismus Antwort auf die Moderne und zugleich Teil von ihr: "Fundamentalistische Bewegungen sind moderne Bewegungen", so Schäfer. Die vom Politikwissenschaftler Thomas Meyer vertretene Entgegensetzung von Moderne und Fundamentalismus halte er daher für "inakzeptabel", da sie einen Fundamentalismus der westlichen Moderne a priori ausschließe.

Umgekehrt sei nicht jede eindeutige religiöse Selbstdefinition automatisch fundamentalistisch, erklärte der Wissenschaftler. Er schlüge daher einen "strikt formalen" Fundamentalismusbegriff vor. Zwei Kriterien seien dabei maßgeblich: "Eine religiöse Bewegung ist dann fundamentalistisch, wenn sie erstens im weiteren Kontext einer Moderne bestimmte religiöse Überzeugungen absolut setzt und zweitens, wenn sie damit Strategien zur Kontrolle gesellschaftlicher Machtzentren verfolgt."

"Ohne die Moderne ist Fundamentalismus nicht denkbar"



Der Soziologe führte dazu aus, dass fundamentalistische Positionen sich immer absolut setzten und einen absoluten Wahrheitszugang beanspruchten, den sie auch nicht anzupassen oder zu verändern brauchten. Zum zweiten besäßen fundamentalistische Bewegungen immer eine Machtstrategie, mit der sie die Gesellschaft oder zumindest Bereiche davon zu dominieren versuchten. Entscheidend sei, dass beides zusammenspiele: "Die reine Gewaltanwendung, beispielsweise in einer demokratischen Revolution gegen einen Diktator, reicht nicht aus." Andersherum ist die "Absolutsetzung des Eigenen" – solange sie niemandem zu nahe tritt – für sich alleine gestellt ebenfalls noch kein Fundamentalismus. Erst, wenn beides zusammenspielt, entsteht Fundamentalismus. In diesem Zusammenhang betonte Schäfer nochmal
Mitschreibende Teilnehmer während der Fachtagung in Köln."Höhere Gewalt": Mitschreibende Teilnehmer während der Fachtagung in Köln. (© bpb/Tobias Vollmer)
den wichtigen Gesamtkontext der Moderne, ohne den fundamentalistische Bewegungen nicht denkbar seien.

Zur Erläuterung sprach der Wissenschaftler im Anschluss die Religionsgemeinschaft der, vor allem in den USA lebenden, Amischen (auch "Amish people") an. Schäfer erklärte, die Amischen würden ihre Überzeugungen zwar absolut setzen, gesellschaftliche Macht jedoch nicht anstreben. Als fundamentalistisch gemäß dem anfangs vorgestellten Fundamentalismusbegriff könnte die Religionsgemeinschaft daher nicht bezeichnet werden. "Hier fehlt eine der Komponenten; beide Kriterien müssen jedoch verbunden sein.", so der Wissenschaftler.

Anders der radikale Protestantismus in den USA: Ihn brachte Schäfer als Beispiel, in dem beide Kriterien miteinander verbunden sind. Nach einer ersten Phase zur Zeit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert befänden sich große Teile des Protestantismus heute in einer zweiten starken Phase fundamentalistischer Aktivität. Die Absolutsetzung eigener Auffassungen erfolgt "postmodern", insofern, als die Führer der Bewegung auf charismatische Weise unmittelbare Offenbarungen Gottes für sich reklamieren. Die Dominanzstrategie hat den Charakter einer rückwärtsgewandten Utopie: Als "perfekter Zustand" der Gesellschaft würde die Zeit nach Erringen der Unabhängigkeit Ende des 18. Jahrhunderts gepriesen. Dieser imaginierte Idealzustand solle wiederhergestellt werden. Auch im Wahlkampfslogan des neuen US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump könne man das wahrnehmen: "Make America great again". Der radikale US-amerikanische Protestantismus würde eben nicht nur die eigene Überzeugung absolut setzen, sondern auch eine eindeutige Dominanzstrategie verfolgen. Seine Vertreter, u.a. "Prediger mit florierenden Medienunternehmen", würden gut organisiert und öffentlichkeitswirksam ihre Botschaft verkünden, professionell politischen Lobbyismus betreiben und sich in diesem Zusammenhang u.a. auch für die Aufnahme der Zehn Gebote in die Verfassung der Vereinigten Staaten einsetzen.

Wie auch für den Protestantismus nannte Schäfer für den fundamentalistischen Islam zwei entscheidende Entwicklungsphasen: Die erste Phase sei vor allem von den Muslimbrüdern getragen worden und habe in bewaffneten Aktionen gegen die säkulare ägyptische Regierung unter Präsident Gamal Abdel Nasser und in der Ausbreitung der Bruderschaft im arabischen Raum gegipfelt. Die zweite Phase sei bestimmt von Al-Qaida und dem "Islamischen Staat" als "fundamentalistischen Akteuren par excellence". Interessant seien die Unterschiede zum radikalen Protestantismus, denn historisch sei der islamische Fundamentalismus unter genau umgekehrten Voraussetzungen entstanden als der protestantische: Die Moderne sei nicht im Zuge einer de-kolonisierenden Revolution gekommen, sondern genau andersherum als Kolonisierung durch den Westen. Bis heute sei dieser Kontext entscheidend, um die Interpretation des Verhältnisses von Westen und Orient durch islamische Fundamentalisten – als Ehrverletzung des Islam – zu verstehen. Durch Bezugnahme auf die Autorität des Koran und konservative Utopien einer islamischen Theokratie setzten islamische Fundamentalisten ihre Position gegenüber Gegnern absolut, führte Schäfer weiter aus. Im Terrorismus gegen westliche Gesellschaften hingegen würde auch ein universaler Anspruch des islamischen Fundamentalismus sichtbar. Die wohl entscheidende Differenz zwischen den beiden angesprochenen Fundamentalismen sei die propagierte sozialpolitische Ausrichtung. Während der islamische Fundamentalismus für soziale und internationale Gerechtigkeit optiere, sprächen sich US-amerikanische Fundamentalisten für "neoliberale Prosperitäts- und Exklusionsstrategien" aus. Gemein sei beiden untersuchten Fundamentalismen, dass sie bestimmte religiöse Inhalte absolut setzten und die Beherrschung eines übergeordneten Machtzentrums anstreben würden.

"Die Absolutsetzung des Eigenen ist für die verschiedensten Inhalte möglich"



Ob der vorgestellte Fundamentalismusbegriff auf andere als religiöse Bereiche anwendbar sei? Durchaus, so der Soziologe, und erinnerte an die Reflexionskompetenz, die er zu Beginn seines Vortrages als maßgeblich für die Moderne genannt hatte. Als Beispiel spielte er auf neoliberale Wirtschaftstheorien an, die besagen, dass individuelle Nutzenmaximierung in der Summe zum Wohle aller führt. "Wenn Vertreter solcher Theorien an dieser Idee festhalten
Einigen Teilnehmern war der von Schäfer definierte Begriff zu eng gefasst.Einigen Teilnehmern war der von Schäfer definierte Begriff zu eng gefasst. (© bpb/Tobias Vollmer)
und sie absolut setzen, obgleich sie sehen, dass die Unterschiede in Bezug auf Einkommen und Lebenschancen immer größer werden, dann ist auch das Fundamentalismus. Absolutsetzung ist für die verschiedensten Inhalte möglich."

Die an den Vortrag anschließende Diskussion zeigte, dass die Definition von Fundamentalismus anhand der beiden von Schäfer vorgestellten Kriterien kontrovers ist. "Nicht ganz so eng" dürfe man den Begriff auffassen, lautete eine geäußerte Kritik. Beispielsweise könnten die Amischen durchaus, nämlich aufgrund ihrer Lebensweise, als fundamentalistisch charakterisiert werden, auch wenn die Komponente der Gewalt bzw. der Dominanzstrategie fehle. Eine ähnliche Anmerkung zu Schäfers Vortrag bezog sich auf die von ihm genannten "Strategien religiöser Mobilisierung" im Islamismus. Darin stellte er einen Verlauf extremer Handlungen vor, den er mit dem "Rückzug aus der Gesellschaft" begann, also beispielsweise dem gesellschaftlichen Rückzug eines strenggläubigen Muslim – eines "Salafi" – und der mit dem "Staatsterrorismus in revolutionärem Kontext" unter Khomeini oder auch Ahmadinedschad endete. Schäfer erklärte dazu, dass der streng konservative Salafi – ähnlich den Amischen – zwar die eigene Überzeugung absolut setze, aber eben keine Dominanzstrategie verfolge und auch keine Gewalt anwende. Auch hier greife also eines der beiden
"Unterschiedliche Stufen von religiös Verrückten" gäbe es, so eine weitere geäußerte Kritik aus  dem Plenum der Tagung."Unterschiedliche Stufen von religiös Verrückten" gäbe es, so eine weitere geäußerte Kritik aus dem Plenum der Tagung. (© bpb/Tobias Vollmer)
notwendigen Kriterien des Fundamentalismusbegriffes nicht. Auch an dieser Stelle bezog sich die Kritik auf eine zu enge Definition von Fundamentalismus.

Ein anderer Teilnehmer spielte auf das von Schäfer zuvor genannte Beispiel des Protestantismus an und kritisierte die von ihm so verstandene "Gleichsetzung" von fundamentalistischen Protestanten in den USA und den Terroristen des "Islamischen Staates". Es gäbe "unterschiedliche Stufen von religiös Verrückten: wenn eine Gruppe von Menschen die 10 Gebote in die Verfassung der USA aufnehmen möchte, dann ist das etwas anderes als der Terrorismus von Islamisten."

Zum Abschluss sprach Prof. Schäfer noch einmal die Bedeutung der "Perspektivenübernahme" als entscheidenden Impuls der westlichen Moderne an. "On the long run" sei die Nutzung dieser Fähigkeit die einzige Möglichkeit, Frieden zu erzielen.



Referent: Prof. Dr. Dr. Heinrich Schäfer, Universität Bielefeld



 

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