Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

Einmal Salafismus und zurück


27.1.2017
Sechs Jahre lang war Dominic Musa Schmitz Teil der salafistischen Szene in Deutschland. An der Seite radikaler Prediger wie Pierre Vogel und Sven Lau lebte Schmitz einen fundamentalistischen Islam. 2010 holten ihn jedoch Zweifel ein.

Dominic Musa Schmitz auf dem Podium der Fachtagung: für ihn auch Präventionsarbeit.Dominic Musa Schmitz auf dem Podium der Fachtagung: für ihn auch Präventionsarbeit. (© bpb/Tobias Vollmer)

"Die erste Berührung mit dem Islam erlebte ich in einem Gefühl völliger Orientierungslosigkeit". Sätze wie dieser gehen Dominic Musa Schmitz heute leicht von den Lippen – er klingt routiniert. Seit seinem Ausstieg aus der salafistischen Szene ist Schmitz ein gefragter Gesprächspartner geworden. Nur wenige Aussteiger suchen die Öffentlichkeit. Für Dominic Schmitz hingegen ist sein öffentliches Auftreten auch Präventionsarbeit.

"Einmal Salafismus und zurück – wie kam das?" beginnt die Islamwissenschaftlerin Marfa Heimbach den Dialog mit Dominic Musa Schmitz, und führt die Tagungsteilnehmer so durch das Leben des 27-jährigen. Schmitz erklärt, diese Frage in zwei Varianten beantworten zu können: zum einen sei natürlich sei die erste Berührung mit dem Islam entscheidend für seine weitere Entwicklungen gewesen, die Voraussetzungen dafür hätten jedoch viel früher begonnen: nämlich mit der Scheidung seiner Eltern. Das sei die zweite Variante. Damals war Schmitz fünf Jahre alt. "Wenn ich heute alte Fotos von mir als Kind betrachte, sehe ich auf den Aufnahmen ein fröhliches, immer lachendes Kind. Mit der Scheidung meiner Eltern änderte sich das, die Unbeschwertheit war weg." Introvertiert sei er geworden. Ein Kind, das wirke, als trüge es eine tonnenschwere Last mit sich herum, ohne viel Selbstwertgefühl. Im Alter von 13 Jahren hätte er dann neue Interessen entdeckt: Musik, Kleidung – und natürlich auch Mädchen. In dieser Zeit, so erzählt Schmitz, habe er dann auch angefangen, Cannabis zu rauchen. "Es gab Phasen, in denen ich jeden Tag gekifft habe". Nach seiner Erzählung ging das einige Jahre so weiter, gut sei es ihm dabei aber nicht gegangen.

Die mittlere Reife schaffte er so gerade noch. Das daran anschließende Fachabitur hingegen brach er ab. Zu diesem Zeitpunkt war Schmitz 17 Jahre alt, wusste weder wohin mit sich, noch hatte er eine Autorität in seinem Leben, die ihm Antworten auf die vielen Fragen geben konnte, mit denen er sich beschäftigte: "Warum gibt es Ungerechtigkeit, warum Krieg?"

Später im Gespräch erzählt er, zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich auch für andere Formen fundamentalistischen Denkens anfällig gewesen zu sein. "Nazi wäre ich sicher nie geworden, aber hätte ich damals einen strenggläubigen Juden getroffen und hätte der sich mir angenommen, wäre ich wahrscheinlich zum Judentum konvertiert". Religiös sei er schon immer gewesen.

Eines Tages, so erzählt Schmitz, habe dann ein Bekannter an sein Fenster geklopft. Jemand, den er länger nicht gesehen hatte, mit dem er früher zusammen gekifft und Rap gehört habe. Den Bekannten habe all das aber nicht mehr interessiert, weder die Drogen noch die Musik. Ihm gehe es jetzt gut, er brauche all das nicht mehr, habe er erzählt. "Das klang glaubhaft für mich", so Schmitz. Der Bekannte war es dann auch, der Schmitz das erste Mal mit in die Moschee nahm. Wenig später konvertierte Dominic Schmitz und nahm den Islam an.

"Ein gemäßigter Islam war für mich uninteressant"



Dass er direkt bei einer strenggläubigen oder sogar radikalen Gemeinde gelandet war, das sei ihm bewusst gewesen. "Klar wusste ich, dass es auch einen gemäßigten Islam gibt, aber der war für mich uninteressant. Gerade die absolute Konsequenz war spannend für mich, weil sie sich von der Art, wie bei uns zu Hause Religion gelebt wurde, unterschied."

Seine eigene Radikalisierung sei danach schnell vorangeschritten. Nach nur wenigen Monaten sei er sich so sicher in seinem Glauben gewesen, dass er meinte, die Religion besser verstanden zu haben als Menschen, die schon ihr Leben lang Muslime waren. Dieser Aspekt sei auch bei der Missionsarbeit zentral gewesen: "Nach nur wenigen Monaten und zwei Büchern über den Islam wusste ich mehr über Religion als die meisten Menschen. Das wollte ich ausleben, anderen erzählen, was ich weiß."

"Der Islam war die Antwort auf alle Fragen"



"Auf alle Fragen, die für mich so lange unbeantwortet blieben, hatte ich nun eine Antwort. Der Islam erschien mir wie die Antwort auf alle Fragen und als Lösung aller Probleme." Kiffen habe sich auf einmal "unrein" angefühlt, erzählt Schmitz. Daher sei es ihm auch nicht schwergefallen, damit aufzuhören. Sein neues Leben, seine neue Welt habe er als absolut rein und sauber erfahren – die Gewänder, die eindeutigen Regeln und die Halt gebende Gemeinschaft. Enorm wichtig sei auch die Hoffnung für ihn gewesen, ein Gefühl, das neu für ihn war: "es lohnte sich wieder zu leben, alles ergab wieder einen Sinn", berichtet Schmitz von dem Gefühl, das er bei der Gemeinschaft erlebte.

Die Islamwissenschaftlerin Marfa Heimbach führte durch das Gespräch mit Dominic Musa Schmitz über seine Erfahrungen im radikalen Salafismus in Deutschland.Die Islamwissenschaftlerin Marfa Heimbach führte durch das Gespräch mit Dominic Musa Schmitz über seine Erfahrungen im radikalen Salafismus in Deutschland. (© bpb/Tobias Vollmer)
"Wäre in dieser Zeit jemand an Sie heran gekommen?", will Marfa Heimbach an dieser Stelle von Schmitz wissen. "Mittlerweile glaube ich, ein guter Sozialarbeiter oder Pädagoge hätte das schaffen können, in Momenten in denen es mir nicht gut ging – auch die gibt es bei Salafisten. Aber theologisch und argumentativ: keine Chance! Außer gegenüber dem Imam wäre ich damals für niemanden empfänglich gewesen."

Dennoch habe es auch Momente der Unsicherheit gegeben, berichtet Schmitz weiter. Keine wirklichen Zweifel an der Richtigkeit des gewählten Lebens, aber Momente der Sehnsucht nach der alten Normalität, Sehnsucht danach nicht so anders zu sein als die Mehrheit. Letztlich hätten sich aber auch diese Phasen mit Hilfe des Glaubens, mit Hilfe der Lehre von Versuchung, von Gut und Böse, erklären lassen.

Die großen Zweifel begannen dann erst einige Jahre später, erzählt Schmitz Marfa Heimbach weiter. Im Rahmen der Koran-Verteilaktion "Lies!"[1] erklärte ihm ein Glaubensbruder, dass das, was sie hier täten, in islamischen Ländern nicht möglich sei: "Mitten auf der Straße, in Saudi-Arabien Bibeln verteilen, völlig unmöglich? Das hat mich gestört. Vieles in diesen Jahren habe ich nicht verstanden, aber akzeptiert. Aber dass das Verteilen von Koranen in Deutschland möglich ist, aber umgekehrt in der islamischen Welt nicht, das hat mich gestört." Die Abwendung vom fundamentalistischen Islam begann dann erst langsam, wurde aber mit der Zeit stärker. Irgendwann kam dann der Ausstieg. "Das ist nicht meins, merkte ich", erzählt Schmitz.

Zum Abschuss fragt die Islamwissenschaftlerin, was Schmitz betroffenen Eltern heute raten würde. Wie solle man damit umgehen, wenn man merkt, dass die eigenen Kinder unter dem Einfluss von Fundamentalisten stehen? "Sofort Hilfe suchen! Auch wenn es schwierig ist, weil man vielleicht denkt, als Elternteil eine Mitschuld zu tragen. Es gibt zahlreiche gute Beratungsstellen, an die sollte man sich unbedingt wenden."



Eine Beratungsstelle, an die sich Betroffene wenden können ist Hayat Deutschland.

Dominic Musa Schmitz hat ein Buch über sein Leben im Salafismus und den Weg zurück in sein Leben geschrieben. "Ich war ein Salafist" ist u.a. erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung


Fußnoten

1.
Die Koran-Verteilaktion "Lies!" wurde in Deutschland von dem Verein „Die wahre Religion“ organisiert. Der Verein wurde im November 2016 vom Bundesministerium des Inneren verboten, u.a. weil er einen einen totalitären Anspruch vertrat und in engem Zusammenhang mit der Ausreise zahlreicher kampfbereiter Dschihadisten nach Syrien und in den Irak steht.

 

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