Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

"Der Satan schläft nie. Mein Leben bei den Zwölf Stämmen"

Lesung von Robert Pleyer und Diskussion


27.1.2017
Zwanzig Jahre verbrachte Robert Pleyer bei der Religionsgemeinschaft der "Zwölf Stämme", dann stieg er aus. Die Entscheidung war richtig, daran zweifelt er nicht. Leichter ist sein Leben jedoch nicht geworden.

Zwanzig Jahre verbrachte Robert Pleyer bei der Sekte "Die Zwölf Stämme", 2011 schaffte er den Ausstieg.Zwanzig Jahre verbrachte Robert Pleyer bei der Sekte "Die Zwölf Stämme", 2011 schaffte er den Ausstieg. (© bpb/Tobias Vollmer)

Robert Pleyer ist Anfang Zwanzig, als er im südfranzösischen Sus zu der Gemeinschaft der Zwölf Stämme stößt. Zwei Wochen später lässt er sich taufen und wird Teil der Sekte. Geplant hatte er das nicht, beginnt Robert Pleyer die Lesung aus seiner Biographie "Der Satan schläft nie. Mein Leben bei den Zwölf Stämmen".

Eigentlich ist er nur auf "Sinnsuche", erzählt er. Er bewundert Che Guevara, ist politisch, denkt viel nach, sucht eine alternative Lebensweise. Irgendwann verschlägt es ihn dann nach Frankreich.

Was er bei den Zwölf Stämmen erlebt, gefällt ihm: Gemeinschaft, Ideale, Sinn. Für ihn bedeutete das das Ende einer Reise und das Ende einer Suche. Bei den Zwölf Stämmen erhält Pleyer Antworten auf alle seine Fragen, sogar auf Fragen, die er gar nicht gestellt hat.

Einfach ist es in den ersten Monaten nicht für ihn. Mit den neuen Regeln tut er sich schwer. Für Außenstehende machen die Regeln keinen Sinn, sondern nur für die Menschen, die in der Gemeinschaft, innerhalb der Mauern der Zwölf Stämme leben. Für neue Mitglieder macht es das natürlich schwierig, sagt Pleyer. Reisen, die Gemeinschaft mal für einige Tage verlassen, darf er fast gar nicht. Selbst die Fahrt zur Beerdigung der Großeltern wird ihm verwehrt.

Und dennoch: Er ist zufrieden bei den Zwölf Stämmen, seit langer Zeit zum ersten Mal. Das Evangelium lernt er nun in englischer Sprache kennen, das "packt" ihn auf völlig neue Art und Weise. "Authentisch" sei das alles gewesen, sagt er, und benutzt damit eine ganz ähnliche Formulierung wie am Vormittag bereits Dominic Musa Schmitz. Der hatte berichtet, den Salafismus als "besonders glaubwürdig" erlebt zu haben und u.a. aufgrund dessen fasziniert von der strengen Glaubensauslegung gewesen zu sein.

In der Gemeinschaft "aufgelöst"



1993 geht Pleyer dann mit den Zwölf Stämmen von Frankreich nach Bayern, wo er eine neue Gemeinschaft mitaufbaut. Er ist engagiert in der Sekte. Das Befolgen der Regeln fällt ihm auch nicht mehr so schwer wie zu Beginn. Auch eine Frau lernt er kennen. Sie heiraten und zeugen in den folgenden Jahren vier Kinder.

Zum Nachdenken kommt er in dieser Zeit gar nicht. Immer gibt es etwas zu tun, immer ist man unter Kontrolle, nie ist man allein. Aber Pleyer nimmt das in diesen Jahren gar nicht so wahr. In der Gemeinschaft "aufgelöst" habe er sich.

Aber auch Konflikte gibt es. Die Zwölf Stämme sind nach innen stark hierarchisch organisiert. "Wer dem Ältestenrat widerspricht, hat Gottes Wort nicht verstanden. Es ist beinahe, als widerspräche man Gott selbst." Dennoch sprach er Themen an, die unbequem waren. Gut angekommen ist das nicht, liest Pleyer aus seinem Buch vor, und, dass ihn diese Konflikte stark belastet hätten.

Kinderspielzeug gibt es nicht, drakonische Strafen schon



Der Grund, die Gemeinschaft zu verlassen, war jedoch ein anderer: "Ich konnte einfach keine Kinder mehr schlagen". Viel spricht Pleyer über die "Kindererziehung" bei den Zwölf Stämmen. In einem Abschnitt seines Buches geht es darum, wie er seinen Kindern Spielzeug wegnimmt und in den Müll wirft, "weil Spielzeug nicht zu Gott führt". Er liest: "Das Kind weint, aber daran bin ich gewöhnt". Kinderleben mit Spaß und Spiel gibt es bei den Zwölf Stämmen nicht, sagt Pleyer. Erlaubt ist nur, was zu Gott führt. Drakonische Strafen für Kinder, die gibt es hingegen schon, unter anderem die Weidenrute.

Dass er seine Kinder damit früher selber geschlagen hat, daran verzweifelt Robert Pleyer bis heute. Er weiß, dass sein Handeln durch nichts zu rechtfertigen ist, sagt er. Er müsse es aber akzeptieren, "auch um weitermachen zu können". Die "Kindererziehung" bei den Zwölf Stämmen ist eines der Themen mit dem größten Konfliktpotential nach außen, da es einen Bereich berührt, in dem der deutsche Staat eine Fürsorgepflicht gegenüber Minderjährigen hat. Ein Grund, warum die Gemeinschaft 2016 von Bayern nach Tschechien gezogen ist. Dort herrscht eine andere Rechtslage.

Der Auslöser – nicht der Grund – für das Verlassen der Zwölf Stämme ist am Ende dann eine Erkrankung seiner Frau. Der Ältestenrat spricht sich gegen einen stationären Aufenthalt aus. Pleyer widersetzt sich dem und lässt seine Frau medikamentös im Krankenhaus behandeln. Eine Entscheidung, die ihm von der Gemeinschaft nicht verziehen wird. Er trage die Schuld an der Erkrankung. Seiner Frau gehe es schlecht wegen seiner Sünde, sagt man ihm.

"Die Welt innerhalb der Mauern wurde mir unerträglich"



Nachdem seine Frau genesen ist, will er gemeinsam mit ihr und den Kinder die Zwölf Stämme verlassen, sein Entschluss ist gefasst. Seine Frau aber will bleiben. Pleyer steht vor der Entscheidung, seine Kinder von der Mutter zu trennen oder seine Fluchtgedanken aufzugeben. Er bleibt bei der Gemeinschaft. 2011 versucht er es erneut und diesmal gelingt der Ausstieg gemeinsam mit seinen Kindern, seine Frau aber bleibt. Sie lebt bis heute bei den Zwölf Stämmen.

"Die Welt innerhalb der Mauern wurde mir unerträglich" liest Robert Pleyer zum Abschluss vor.

Ob die Zwölf Stämme eine fundamentalistische Gemeinschaft seien, möchte Pleyer auf Nachfrage nicht beurteilen, "das sollen Wissenschaftler machen".
Großes Interesse zeigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Robert Pleyers Lebensweg und seinem Ausstieg auf der Glaubensgemeinschaft der "Zwölf Stämme".Großes Interesse zeigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Robert Pleyers Lebensweg und seinem Ausstieg auf der Glaubensgemeinschaft. (© bpb/Tobias Vollmer)
Bezogen auf den von Heinrich Schäfer formulierten Fundamentalismusbegriff fügt er hinzu: "Gewalt nach außen, in Form von Anschlägen, gibt es bei den Zwölf Stämmen nicht. Aber Gewalt nach innen, psychische Gewalt, die gibt es durchaus." Aber, das sagt er auch, in den ersten Monaten nach seiner Flucht habe er große Angst gehabt, dass seine Kinder von Anhängern der Gemeinschaft entführt würden.

Einzelne Episoden seines Lebens bei der Sekte für sich genommen sind für ihn heute ein Rätsel. Aber in den zwanzig Jahren habe es auch viele schöne Dinge gegeben. Das Leben in Gemeinschaft zum Beispiel, das vermisse er. Leichter sei das Leben für ihn nicht geworden. Die Entscheidung, die Zwölf Stämme zu verlassen, sei zwar richtig gewesen, das betont er. Aber die Ideale würde er vermissen, die seien das Schöne an fundamentalistischen Strukturen. Und der Kapitalismus, dem alle Ideale zu fehlen scheinen, würde den Start in das neue Leben, in der für ihn nach so langer Zeit beinahe unbekannten, individualistischen Gesellschaft, sehr erschweren.
Während seiner Zeit bei den Zwölf Stämmen habe er gewusst, was richtig ist und was falsch. Das sei heute anders, auf viele Fragen hätte er nun keine Antwort. Soll er seinen Kindern zu einer Ausbildung raten oder zu einem Studium? "Keine Ahnung", sagt Pleyer.

Geprägt hat ihn das Leben bei den Zwölf Stämmen. "Aus der Institution kommt man heraus, aber die Institution nicht so schnell aus sich", sagt er dazu. Bis heute sei er in allem ein Hundertprozentiger. "Schummeln" könnte er zum Beispiel gar nicht. Während der Arbeitszeit mal eine Runde durch den Park drehen, undenkbar. Andernfalls plage ihn sein Gewissen, so hat er es bei den Zwölf Stämmen gelernt.



Robert Pleyer arbeitet heute als Hausmeister in einem Alten- und Pflegeheim. Sein Buch "Der Satan schläft nie. Mein Leben bei den Zwölf Stämmen" erschien im Jahr 2014.



 

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