Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

2.3.2017 | Von:
Benjamin Weiß

Katholischer Fundamentalismus

Dogmatismus, die Ablehnung von Pluralismus und Glaubensfreiheit, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: auch in der katholischen Kirche existiert ein „fundamentalistischer Sektor“. Aber an welche kirchlichen Traditionen und theologischen Positionen schließt dieser an? Von welchen Akteuren wird er getragen? Im ihrem Vortrag skizzierte Dr. Sonja Angelika Strube Entstehung und Ausprägung des katholischen Fundamentalismus.

Vernetzungsstrategien in der katholisch-fundamentalistischen Szene bestünden bis heute fort, das zeige sich auch an der Mitwirkung von Christen in der AfD, bei "Pegida", aber auch auf Portalen wie PI News, erklärte Sonja Angelika Strube von der Universität Osnabrück. Rechts im Bild Moderator Resa Mermania von der bpb."Vernetzungsstrategien in der katholisch-fundamentalistischen Szene bestehen bis heute (...), das zeigt sich auch an der Mitwirkung von Christen in der AfD, bei "Pegida" und auf Portalen wie PI News", erklärte Sonja Angelika Strube von der Universität Osnabrück. Rechts im Bild Moderator Resa Mermania von der bpb. (© bpb/Tobias Vollmer)

2012 wurde die Internetseite kreuz.net abgeschaltet. Die Staatsanwaltschaft Berlin hatte Ermittlungen wegen des Verdachts auf Volksverhetzung aufgenommen, die Betreiber der von Servern aus den USA betriebenen Seite blieben allerdings im Dunkeln. 2013 wurden bei Hausdurchsuchungen in Österreich Computer beschlagnahmt, die der Website zuzuordnen waren. Diese befanden sich im Besitz zweier katholischer Priester.

Für Dr. Sonja Angelika Strube, Dozentin für biblische und praktische Theologie, ist kreuz.net das Paradebeispiel für katholischen Fundamentalismus im Netz, der durch eine besondere inhaltliche Deckungsgleichheit zum Rechtsextremismus und einen extremen Grad gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auffällt. So bot kreuz.net eine Plattform für Antisemitismus, Holocaustleugnung und Homophobie, zeichnete sich unter anderem durch hasserfüllten Sprachgebrauch, die Skandalisierung abweichender Meinungen und Lebensweisen sowie durch ein patriarchal-frauenfeindliches Geschlechterbild aus.

Das Portal zählte auch bekannte Rechtsextremisten zu seinen Autoren. So publizierte dort der wegen Volksverhetzung verurteilte Reichsbürger Christian Bärthel einen Artikel, in dem er sich über das Verbot des von ihm angemeldeten Gedenkgottesdienstes für Rudolf Heß in Wunsiedel echauffierte ("In der BRD werden jetzt sogar schon Gottesdienste verboten").

"Pianische" Epoche und Zweites Vatikanisches Konzil

Portale wie kreuz.net sind ein absolutes Extrembeispiel. Die katholische Kirche machte sehr deutlich, dass die dort vertretenen Positionen in keiner Form mit christlichen Glaubenslehren vereinbar sind. Nichtsdestotrotz gebe es, so Sonja Strube, einen "fundamentalistischen Sektor", der in Opposition zu den innerkirchlichen Modernisierungen der letzten Jahrzehnte stehe.

Bezugspunkt für das Gros der katholischen Fundamentalisten sei, so führte Strube weiter aus, die kirchenhistorisch als "pianische Epoche" bezeichnete Zeit von 1846 – 1958. Papst Pius IV. (ihm folgten in diesem Zeitraum noch Pius X., Pius XI. und Pius XII.) lehnte Werte wie Religionsfreiheit und Säkularisierung entschieden ab und stand für eine antimoderne Antwort auf die gesellschaftlichen Umbrüche zur Zeit der Industrialisierung.

Erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) unter Johannes XXIII. brach die Abwehrhaltung gegen die Moderne auf. Es stellt, so Strube, eine "tiefe anti-fundamentalistische Zäsur" in der Geschichte der katholischen Kirche dar, hielt die Akzeptanz anderer Weltreligionen fest und öffnete die Kirche so unter anderem für den interreligiösen Dialog. Die überwiegende Mehrheit aller Katholiken unterstütze, so Strube, diese Offenheit, die sich auch an dem hohen Zuspruch für Papst Franziskus zeige.

Traditionalismus und Opposition zum Konzil: Die Piusbruderschaft

Aber gerade aufgrund dieses Bruchs mit dem Antimodernismus der hundert Jahre vor dem Konzil lehnen katholische Fundamentalisten das Zweite Vatikanische Konzil ab. In seiner Folge hat sich eine Strömung herausgebildet, die Strube als Traditionalisten bezeichnet. Ein zentraler Akteur dieser Strömung ist die sogenannte Piusbruderschaft (Priesterbruderschaft St. Pius X FSSPX), gegründet von Erzbischof Marcel Lefebvre, der später wegen unerlaubter Bischofsweihen (u.a. der des Holocaust-Leugners Richard Williamson) exkommuniziert wurde.

Der Piusbruderschaft hängen weltweit geschätzt ca. 500 Priester an. Bei Mitgliedern der Bruderschaft lasse sich, so Strube, Antijudaismus, Antisemitismus, Holocaustleugnung, die Ablehnung des weltanschaulich neutralen Staates, Islamfeindlichkeit, Homophobie, Frauenfeindlichkeit sowie die Nähe zu faschistischen Regimen oder rechtsextremen Parteien feststellen.

kreuz.net, PI News, Pegida: Christen im rechten Spektrum

Das Beispiel kreuz.net (und Nachfolgeprojekte wie kreuz-net.at) zeigt, wie diese Einstellungen auch im Zeitalter der digitalen Vernetzung zur Geltung kommen. Auch wenn kreuz.net seit einigen Jahren eingestellt ist, bestehen Vernetzungsstrategien in der katholisch-fundamentalistischen Szene fort, was sich, so Strube, auch an der Mitwirkung (nicht nur) katholischer Christen in der AfD, bei Pegida, aber auch auf Portalen wie PI News zeigt. Strube zufolge wird diese Vernetzung strategisch betrieben, stellt aber keine Basis- oder Massenbewegung katholischer Gläubiger dar, vielmehr gäbe es einzelne Protagonisten mit großer Aktivität.

Abschließend fasste Dr. Sonja Angelika Strube nochmals Kernelemente des katholischen Fundamentalismus zusammen. Neben der eklektizistischen Auswahl passender Aussagen aus Bibel und Tradition, der Ignoranz gegenüber anderslautenden Traditionen und der Verabsolutierung des pianischen Antimodernismus wird eine Verbindlichkeit der eigenen Glaubensinhalte für alle proklamiert, die auf einer strikten dualistischen Weltanschauung ('gut' gegen 'böse', 'Gott' gegen 'Satan') basiert, die die Aktivisten auch politisch durchsetzen wollen.



Referentin: Dr. Sonja Angelika Strube, Universität Osnabrück
Moderation: Resa Memarnia, Bundeszentrale für politische Bildung


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