Veranstaltungsgebäude Mapping Memories

6.12.2017 | Von:
Christina Lotter

Conference Report (in German)

Hamburg/Lüneburg 1.-3. November 2017

Erleben wir derzeit ein Wiederaufleben des Faschismus – und mit ihm eine Renaissance des Antifaschismus? Ist es zulässig, einen solchen Vergleich zwischen den Zwischenkriegsjahren und heute zu ziehen – und wenn ja, welche Schlüsse können wir für die Gegenwart daraus ableiten?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Konferenz "Fascism and Antifascism in Our Times – Critical Investigations", die im Rahmen der Mapping-Memories-Reihe vom 1. bis 3. November 2017 in Hamburg und Lüneburg stattfand. Die Veranstalter – die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), die Rutgers University New Brunswick und die Leuphana Universität Lüneburg – hatten sich zum Ziel gesetzt, die Themen Faschismus und Antifaschismus nicht nur aus historischem Blickwinkel, sondern auch unter gegenwärtigen Gesichtspunkten zu beleuchten und gleichzeitig für einen interdisziplinären Austausch zwischen der Zivilgesellschaft und Forschern und Forscherinnen verschiedenster wissenschaftlicher wie auch geografischer Herkunft zu sorgen.

Hierfür hatte die bpb im Frühjahr über einen Call for Participation 50 Reisestipendien ausgeschrieben, um Wissenschaftlerinnen und Aktivisten aus aller Welt die Teilnahme zu ermöglichen. Entsprechend international war das Teilnehmerfeld – aus knapp 30 Ländern waren die Teilnehmer angereist.

Die Auftaktveranstaltung fand im Zentralgebäude der Universität Lüneburg statt – ein symbolischer Ort, steht das Gebäude doch inmitten alter Kasernen in der ehemaligen NS-Garnisonsstadt Lüneburg, deren strenge und lineare Architektur Daniel Libeskind in seinem Entwurf bewusst aufbricht und dekonstruiert, wie der Dekan der Lüneburger Fakultät für Kulturwissenschaften, Ulf Wuggenig, erläuterte. In den Grußworten der beteiligten Institutionen wurde auf diese "fortwährende Gegenwart der Vergangenheit", so Caroline Hornstein-Tomić für die bpb, rege Bezug genommen. Sowohl sie als auch Wolfgang Knöbl, Direktor des HIS, wiesen auf die Bedeutung von Multiperspektivität hin, die es in der politischen Bildung zuzulassen gelte und die sich in der Geschichtsschreibung im Zeitverlauf ergebe, da die Konstruktion der historischen Realität immer auch vom gegenwärtigen Blick auf die Geschichte abhänge. Letzteres verdeutlichte der Historiker Video-Icon Geoff Eley von der Universität Michigan (Ann Arbor) in seiner Keynote, in der er der Frage nachging, ob Vergleiche zwischen der Zwischenkriegszeit und der Gegenwart gezogen werden können. In einem Prozess aus Kontextualisierung und Abstraktion kam er dabei zu dem Schluss, dass der unmittelbare historische Kontext– mit einem kaum zurückliegenden Weltkrieg und dem Aufstieg des Kommunismus – sich zwar grundlegend von der Gegenwart unterscheide, aber durchaus ähnliche Dynamiken festgestellt werden könnten, gerade bezüglich der globalen Wirtschaftskrisen. In deren Verlauf, so Eley, hätten Staaten Problemlösungskompetenzen eingebüßt, was wiederum radikale "Lösungen" von außerhalb des politischen Systems attraktiv mache. In dieser doppelten Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Legitimität des herrschenden Systems sei der Aufstieg des Nationalsozialismus zu verorten, und in einer ebensolchen "Faschismus produzierenden Krise" befänden sich derzeit die USA und Europa; sie ermögliche es der extremen Rechten, den politischen Diskurs immer weiter nach rechts zu verschieben. Im Anschluss griff der Historiker Video-Icon Robert Gerwarth (University College Dublin) die Thesen auf und kommentierte aus einem etwas optimistischeren Blickwinkel. So wies er unter anderem auf bestehende Unterschiede zwischen der Weimarer Republik und den USA des 21. Jahrhunderts hin.

Die an den nächsten beiden Tagen folgenden Podien am HIS arbeiteten sich von der Geschichte des Faschismus und Antifaschismus zur Gegenwart vor. Video-Icon Sven Reichardt (Universität Konstanz) warf im Podium "Fascism in History" zunächst einen globalgeschichtlichen Blick auf die verschiedenen Faschismen: Es ließen sich sieben Entwicklungsstadien von kleinen, nur lose miteinander verbundenen Zirkeln über gewalttätige Massenbewegungen bis hin zu einer total entgrenzten genozidalen Politik erkennen (s. auch Reichardts Beitrag in APuZ 42-43/2017 (Anti-)Faschismus: Globalgeschichte des Faschismus. Neue Forschungen und Perspektiven).

Im Anschluss ging Video-Icon Benjamin Zachariah (Universität Trier) auf die Zusammenhänge zwischen Faschismus und antikolonialem Nationalismus in Indien ein, die bis in die 1920er Jahre und zur indischen Abteilung der Deutschen Akademie (Vorläufer des heutigen Goethe-Instituts) zurückreichten. Da der Faschismus in Indien nach dem Zweiten Weltkrieg keine Delegitimierung erfahren habe, gebe es noch heute Kontinuitäten, die von der Deutschen Akademie zum RSS führten, dem nationalistischen Hindu-Freiwilligen-Korps, in dem auch Indiens derzeitiger Ministerpräsident Narendra Modi seine Karriere begann.

Einen anderen Aspekt untersuchte MP3-Icon Julie Gottlieb (University of Sheffield) in ihrem Vortrag über das Verhältnis britischer Frauen zum Faschismus der Zwischenkriegszeit. Britische faschistische Frauengruppenhätten sich im Gegensatz zu ihren kontinentaleuropäischen Pendants explizit als emanzipatorisch und gewannen bald auch Frauen für sich, die aus der Suffragettenbewegung stammten. Allerdings entwickelte sich auch ein sehr heterogener feministischer Antifaschismus (durchaus auch vonseiten konservativer Frauengruppen), der faschistischen Gruppen in der Öffentlichkeit entschieden gegenübertrat. Gottlieb endete mit der Feststellung, dass faschistische Bewegungen schon immer erfolgreich dabei gewesen seien, auch Frauen für sich einzunehmen. Faschistischen Gruppen dürfe keine Plattform gegeben werden, um sich und ihre Ziele darzustellen; ebenso dürften andere, nicht-faschistische Gruppen keine gemeinsame Sache mit ihnen machen– selbst falls es gemeinsame Ziele gebe.

Das zweite Podium zu "Antifascism in History" eröffnete die Filmwissenschaftlerin MP3-Icon Jennifer L. Barker (Bellarmine University Louisville) mit ihrem Vortrag zur Ästhetik des Antifaschismus. Darin arbeitete sie heraus, dass sich antifaschistische Gruppen oft faschistischer Symbole oder der Abbildung bekannter faschistischer Diktatoren bedienten, um zum Kampf gegen den Faschismus aufzurufen. Wie ihre Präsentation zeigte, arbeiteten antifaschistische Plakate in mitunter auch mit modernistischen oder surrealistischen Stilelementen.

Auf einen speziellen Aspekt in der Geschichte des Antifaschismus konzentrierte sich anschließend der Historiker MP3-Icon Jochen Hellbeck (Rutgers University): Er legte dar, dass der (staatliche) Antifaschismus in der Sowjetunion von Universalismus und Aktivismus geprägt war. Das liege einerseits daran, dass die Sowjetunion "Faschismus" als Bedrohung der Menschheit definiert habe, andererseits an einer speziellen Ästhetik der filmischen Dokumentation des Faschismus, die ihre Wurzeln in der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs habe. Um die eigenen Soldaten zu mobilisieren, seien die Gräueltaten der Deutschen möglichst ungefiltert und genau abgebildet worden. So habe gleichzeitig auch die moralische Überlegenheit des neuen sowjetischen Menschen unter Beweis gestellt werden können.

Der Historiker Video-Icon James Chappel (Duke University Durham) beschäftigte sich anschließend mit dem Phänomen des konservativen Antifaschismus. Ausgehend von einer Definition von Antifaschismus als Kampf gegen den Faschismus, verbunden mit einem spezifischen Lebensstil sowie mit der Überzeugung, dieser Kampf führe zu einer besseren Welt, gelangte Chappel zu der Überzeugung, dass ein konservativer Antifaschismus sehr wohl im Bereich des Möglichen liege – auch wenn seine Definition des "Konservativen" vage blieb. Anhand antifaschistischer Vorstellungen zu Geschlechterrollen und Familienbildern zeigte er danach die Anschlussfähigkeit des historischen Antifaschismus bei konservativen, besonders bei christlichen Kreisen: So werde etwa in einigen literarischen Werken der Faschismus als Attacke auf ein traditionelles Familienleben dargestellt, die es zu überwinden gelte, so etwa in Steinbecks "Früchte des Zorns" oder Manns "Mario und der Zauberer". Die gegenwärtige zweite Welle des Antifaschismus, so Chappel weiter, habe diese Anschlussfähigkeit jedoch verloren, was gleichzeitig ihre Erfolgsaussichten mindere.

Am Nachmittag stand die Erinnerung an Faschismus und Antifaschismus im Mittelpunkt der Podien. Beim dritten, vollständig mit Historikern besetzten Podium "Mapping Fascism" ging es dabei zunächst um den Faschismus in jeweils ausgewählten Ländern.

Video-Icon Paul Hanebrink (Rutgers University) begann mit einem Vortrag zur Erinnerungspolitik in Ungarn, der besonders auf das "Haus des Terrors" Bezug nahm. Dieses Budapester Museum stelle das ungarische Volk ausschließlich als Opfer dar – einerseits des deutschen Faschismus, andererseits des sowjetischen Kommunismus – und vernachlässige sowohl die Mitverantwortung der Ungarn als auch politische und soziale Kontexte der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Faschismus, so Hanebrink, werde lediglich als Vorgeschichte der kommunistischen Herrschaft betrachtet, die als das weitaus schlimmere "Übel" präsentiert werde.

Video-Icon Grzegorz Rossoliński-Liebe (Freie Universität Berlin) beschäftigte sich anschließend mit der Ukraine und der erinnerungspolitischen Instrumentalisierung von Stepan Bandera und seiner Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) durch verschiedene Seiten. Ursprünglich, so Rossolinski-Liebe, habe man es mit einer nationalistischen Organisation zu tun gehabt, die jedoch rasch Ideen vor allem aus dem italienischen Faschismus übernahm und auch mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Bis heute reichten die Bandera zugeschriebenen Rollen von (ukrainischem) Nationalheld bis Verräter am (sowjetischen) Volk (s. auch Rossoliński-Liebes Beitrag in APuZ 42-43/2017 (Anti-)Faschismus: Verflochtene Geschichten. Stepan Bandera, der ukrainische Nationalismus und der transnationale Faschismus).

Video-Icon Cornelia Siebeck (Berlin) bot den vielen internationalen Tagungsgästen schließlich einen kritischen Überblick über deutsche Erinnerungspolitik: Seit den 1990er Jahren gebe es eine neue Meistererzählung über die deutsche Nationalgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie werde dargestellt als ein Kampf zwischen liberaler Demokratie und Totalitarismus, der letztendlich durch die Wiedervereinigung überwunden wurde – eine Entwicklung von der metaphorischen Dunkelheit hin zum Licht, geradezu ein Erlösungsnarrativ. Dieses Narrativ, so Siebecks These, ermögliche die Externalisierung vergangener wie gegenwärtiger Gewalttaten und diene gleichzeitig der Selbstvergewisserung der demokratischen Gegenwart. Gerade aufgrund seines großen Einflusses auf unsere Wahrnehmung der Gegenwart warnte Siebeck jedoch vor der Dominanz dieser affirmativ-staatlichen Meistererzählung (s. auch Siebecks Beitrag in APuZ 42-43/2017 (Anti-)Faschismus: Dies- und jenseits des Erinnerungskonsenses. Kritik der postnationalsozialistischen Selbstvergewisserung).

Im Podium "Mapping Antifascism", das die Erinnerung an den Antifaschismus zum Thema hatte, setzte Soziologe und Zeithistoriker Video-Icon Mischa Gabowitsch (Einstein Forum Potsdam) dort an, wo Jochen Hellbeck geendet hatte: Dem Antifaschismus in Russland nach dem Ende der Sowjetunion. Dieser habe sich bald in drei Strömungen geteilt: dem sogenannten Stiob-Antifaschismus, der sich durch ironische Überidentifikation mit dem Faschismus auszeichne, einem westlich inspirierten subkulturellem Antifaschismus, und einem "Neuen-Kreml-Antifaschismus". Letzerer, so Gabowitsch, sei auch als Antwort auf die Orangene Revolution in der Ukraine entstanden und unterstelle Protestbewegungen gegen das herrschende Regime Respektlosigkeit gegenüber den sowjetischen Siegen in beiden Weltkriegen.

Der Amerikanist Video-Icon Christopher Vials (University of Connecticut Storrs) arbeitete in seinem Vortrag zunächst Kennzeichen eines US-amerikanischen Protofaschismus heraus (parteiungebunden, starke Bezüge zum Katholizismus und zur Verfassung), bevor er auf die Merkmale des US-amerikanischen Antifaschismus einging, der Faschismus mitunter als Spielart des Rassismus‘ verstanden habe. In Bezug auf den derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump gab Vials sich teilweise optimistisch: Es werde ihm nicht gelingen, ein jahrhundertealtes demokratisches System in einen faschistischen Staat zu verwandeln, gleichwohl wende er sich in Inhalte und Sprache radikal vom üblichen republikanischen Duktus ab und einer faschistischen Sprache zu.

Video-Icon Susanne Rohr (Universität Hamburg), ebenfalls Amerikanistin, stellte in ihrem Vortrag schließlich die Beschäftigung mit dem Faschismus in der Popkultur, vor allem in Film und Fernsehen, vor. Ausgehend von "der Mutter aller Holocaust-Filme", dem polnischen Film "Die letzte Etappe" von 1947, erläuterte sie die verschiedenen Entwicklungsstufen dieses Genres. So zeige etwa "Jakob der Lügner" (1974) bereits erste Ansätze eines humorvollen Umgangs mit dem Holocaust, der sich in den folgenden Jahrzehnten ausbreitete. Solche neuen Entwicklungen dieses Genres konnten sich jedoch nur in einem passenden Kontext durchsetzen. Lachen, so Rohrs Fazit, sei ein Akt der Selbstermächtigung, und dadurch zutiefst antifaschistisch.

Der letzte Konferenztag startete mit dem Podium "The Contemporary Far Right and Populism". MP3-Icon Rafal Pankowski (Collegium Civitas Warschau), Sozialwissenschaftler und Mitglied der polnischen Organisation "Nie wieder", definierte Faschismus zunächst als "Politik der totalen kulturellen Hegemonie", bevor er die Kontinuitätslinien im polnischen Faschismus von der Zwischenkriegszeit bis in die Gegenwart nachzeichnete. Trotzdem riet Pankowski dringend davon ab, die gegenwärtige Situation in Polen als bloßes "Wiederaufleben" der faschistischen Vergangenheit zu sehen: Traditionen dienten eher als "kulturelles Setting für zeitgenössische Bewegungen", als dass sie tatsächlich fortgesetzt würden, wie etwa die jährlich von konservativen bis extrem rechten Gruppen organisierten Aufmärsche zum polnischen Unabhängigkeitstag zeigten. Besonders beunruhigend sei dabei das zunehmende Verschwimmen der Grenzen zwischen Konservativen, Populisten und der extremen Rechten sowie der "Kollaps des liberal-demokratischen Konsenses".

Im Anschluss daran zeichnete der Historiker Video-Icon Volker Weiß (Hamburg) das internationale Netzwerk der Neuen Rechten nach, ausgehend von ihren deutschen Vertretern und der österreichischen Identitären Bewegung. Was die verschiedenen Strömungen eine, sei eine Strategie der Metapolitik, bei der es darum ginge, eine kulturell-diskursive Hegemonie in der Gesellschaft zu erlangen. Zu diesem Zweck suche die deutschsprachige Neue Rechte ihre theoretischen Wurzeln in den 1920er Jahren und vermeide Bezüge auf den Nationalsozialismus. Eine Gemeinsamkeit der verschiedenen nationalen neu-rechten Bewegungen, so Weiß abschließend, sei der Wunsch nach einer "revolutionären Revision" und, damit einhergehend, die totale Ablehnung demokratisch-politischer Kultur (s. auch Weißʼ Beitrag in APuZ 42-43/2017 (Anti-)Faschismus: Faschisten von heute? "Neue Rechte" und ideologische Traditionen).

Der Historiker Video-Icon Michael Wildt (Humboldt Universität Berlin) reflektierte in seinem Vortrag den Begriff des Volkes und damit verbundene Politiken der Exklusion. Er betonte, dass "das Volk" nicht gleichzusetzen sei mit "der Gesellschaft"; dass vielmehr gerade in der Vergangenheit das "(Wahl-)Volk" nur eine Minderheit der Gesellschaft ausgemacht habe. Für das frühe 20. Jahrhundert konstatierte Wildt einen Wandel hin zu einer biologistischen, exklusiven Definition von "Volk", die sich gerade auch im Begriff der Volksgemeinschaft nicht um etwaige, mit der Zugehörigkeit zum Volk verknüpfte Bürgerrechte drehe, sondern vielmehr um Exklusionsprozesse und eine kollektive Mobilisierung. Auf dieses imaginierte Kollektiv, so Wildt, werde auch heute noch Bezug genommen, etwa von der AfD.

Das letzte Podium versammelte unter dem Titel "Resisting Authoritarianism" die Historiker Nigel Copsey, Belinda Davis und Pawel Machcewicz, Gründungsdirektor des polnischen Museums des Zweiten Weltkriegs. MP3-Icon Nigel Copsey (Teesside University Middlesbrough) rekapitulierte zunächst die Geschichte des militanten Antifaschismus als in erster Linie reaktiver, von Beginn an international vernetzter Bewegungen. Inhaltlich zeichneten sie sich heute alle durch die Verknüpfung antifaschistischer und antikapitalistischer Elemente aus. Eine weit verbreitete antifaschistische Strategie, so Copsey, sei es, faschistischen Strömungen nach Möglichkeit jeglichen Zugang zum öffentlichen Raum zu verwehren – durchaus auch unter Anwendung konfrontativer oder gewalttätiger Methoden. Die typische schwarze Kleidung und Vermummung sei dabei erst Ende der 1990er in Deutschland das erste Mal aufgekommen (s. auch Copseys Beitrag in APuZ 42-43/2017 (Anti-)Faschismus: Von Rom nach Charlottesville. Eine sehr kurze Geschichte des globalen Antifaschismus).

Video-Icon Belinda Davis (Rutgers University) warf einen Blick auf das Verhältnis von Antifaschismus und Individuum. Exemplarisch griff sie auf Interviews mit Rainer Langhans zurück, um den Antifaschismus der westdeutschen außerparlamentarischen Opposition zu illustrieren. Diese Generation habe ihre ersten Erfahrungen mit dem Faschismus in Gestalt patriarchischer Familienstrukturen und gewalttätiger Väter gemacht. Dies, so Davisʼ These, habe ihre Wahrnehmung des Politischen entscheidend geprägt wie auch ihre Protestformen, die radikal am Individuum und der Veränderung der eigenen Lebensumstände ansetzten. Wie die interventionistischen Aktionsformen der 68er heute von der "anderen Seite", insbesondere der Identitären Bewegung, adaptiert werden, und ob sich auch das politische Engagement der neuen Rechten mit frühen familiären Erfahrungen erklären lässt, wurde jedoch nicht diskutiert. Der letzte Sprecher, MP3-Icon Pawel Machcewicz (Polnische Akademie der Wissenschaften Warschau), zeichnete den Kontext nach, in dem die rechtspopulistische Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die "polnische Demokratie kapern" konnte. Einerseits, so Machcewicz, sei die Demokratie in Polen viel weniger tief verwurzelt als bisher angenommen, andererseits habe es eine Kombination aus niedriger Wahlbeteiligung und verschiedensten populistischen Wahlversprechen der PiS ermöglicht, die absolute Mehrheit im Parlament zu erhalten. Die weitreichenden Pläne zum Umbau des politischen Systems, die PiS daraufhin umzusetzen begann, stießen nur bei wenigen, konkreten Vorhaben auf großen Widerstand der Bevölkerung, allerdings auch dann unter weitgehender Nichtbeteiligung der jüngeren Generationen. Machcewicz endete mit der alarmierenden Feststellung, dass "das Überleben der polnischen Demokratie auf dem Spiel" stehe und es jetzt vor allem auf die Gerichte sowie unabhängige Medien ankomme.

In der Abschlussdiskussion zeigte sich, dass es durchaus lohnend gewesen wäre, in einem der Podien eine Metaposition einzunehmen und die Rollen von Wissenschaftlern und Aktivisten zu beleuchten: Gerade einige der internationalen Teilnehmer bedauerten die Abwesenheit von Aktivisten aus dem antifaschistischen Bereich auf den Podien. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob Akademiker nicht im Dienst des Kampfes gegen den Faschismus stünden – ob es "im Kampf gegen den Faschismus nicht für jeden gleichermaßen zwei Aufgaben gibt: auf der Straße zu sein und in der Wissenschaft zu sein". Auch wurde die wichtige Rolle der Medien im Umgang mit Faschismus ersichtlich, die sich in einem Dilemma befinden zwischen der Rolle als unabhängige Beobachter und Themensetzer, einem mitunter liberal-belehrenden Impetus den Lesern und Zuschauern gegenüber, und dem Aufgreifen und unfreiwilligen Verstärken durch die Berichterstattung über neurechte Parolen und Provokationen.

Insgesamt war die Konferenz jedoch in zweierlei Hinsicht sehr erfolgreich: Zum einen vermittelte sie vielfältiges inhaltliches Wissen sowohl zum Faschismus als auch zum Antifaschismus und schaffte es so, in sehr konziser Weise beide Seiten dieser Medaille gleichermaßen zu beleuchten. Dazu trugen sicherlich auch Internationalität und Interdisziplinarität der Podiumsteilnehmer bei, auch wenn hier berechtigterweise noch Luft nach oben war – so wurden auf den Podien etwa weitere nicht-westliche Stimmen vermisst. Zum anderen kann die Konferenz auch als gelungene praktische Reflexion über historische Vergleiche gesehen werden: Gegenwart und Vergangenheit nebeneinander zu stellen, kann durchaus erkenntnisreich sein. Unbedingt notwendig dafür sind aber genaue Kenntnisse beider Vergleichsgegenstände. Gerade vor diesem Hintergrund kann eine Zusammenarbeit von Forschern aus Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften sehr fruchtbar sein – und sollte noch viel alltäglicher werden.

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