Rolltreppe

28.2.2018

Tagungsbericht

Akteure, die sich im Arbeitsfeld der Radikalisierungsprävention engagieren, stehen oft vor den gleichen Fragen: Was steckt hinter den individuellen Radikalisierungsprozessen? Wie lassen sie sich unterbrechen oder gar umkehren? Welche Hilfsangebote gibt es vor Ort? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Fachtag "Mit Gewalt ins Paradies" in Schwerin.

Dass der Islamische Staat als Bewegung seinen Zenit überschritten hat, sprach Michael Kiefer während seines Vortrages an. Dass der Terrorismus damit aber nicht ende, daran erinnerte er auch. Für Deutschland und die Präventionsarbeit in Deutschland ist diese Einschätzung dennoch von Belang: Noch vor zwei Jahren beherrschten Berichte über die hohe Zahl deutscher Dschihadisten, auf dem Weg in das syrische Kriegsgebiet zum sogenannten Islamischen Staat (IS) die mediale Debatte, heute geht es um die Rückkehrerinnen und Rückkehrer sowie den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen.

Vor alledem steht jedoch die Frage: Wie kommt es zu Radikalisierung? Denn auf den ersten Blick wirkt es paradox, dass sich insbesondere Jugendliche zu radikal islamistischen Ideologien hingezogen fühlen und sich extrem konservativen Glaubensauslegungen zuwenden. Was steckt also hinter den individuellen Radikalisierungsprozessen und wie lassen sie sich unterbrechen oder gar umkehren?

"Mit Gewalt ins Paradies?". Unter dieser Überschrift hatte die Bundeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern zur Fachtagung nach Schwerin eingeladen. Rund 130 Teilnehmende beschäftigten sich mit neuen Ansätzen der Radikalisierungsprävention und lernten die unterschiedlichen Akteure des Arbeitsfeldes sowie aktuelle Beispiele aus der Praxis kennen. Und schließlich wurde erörtert, welche Übertragungsmöglichkeiten aus dem Bereich der Rechtsextremismusprävention möglich sind.

Hanne Wurzel von der Bundeszentrale für politische Bildung eröffnete die Tagung und erinnerte zu Beginn ihrer Rede an den Fall der damals 16-jährigen Safia, die im Februar 2016 auf dem Hannoveraner Bahnhof einen Bundespolizisten niedergestochen und schwer verletzte hatte. Keine "bloße Gewalttat" sei das gewesen, denn Safia habe in Kontakt mit Anhängern des Islamischen Staates gestanden und das Attentat zuvor bewusst geplant. Anspruch der Bundeszentrale könne es nicht sein, Terroranschläge dieser Art verhindern zu können, dies sei Aufgabe der Sicherheitsbehörden, so Wurzel. Die Arbeit der politischen Bildung setze weit vorher an, in der Radikalisierungsprävention.

Ihre Eröffnungsrede im Wortlaut finden Sie hier.
Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück sprach anschließend über "Salafismus und seine Überschneidungen und Unterschiede zum Rechtsextremismus". Kiefer leitet unter anderem das von der bpb geförderte Modellprojekt "Clearingverfahren und Case Management: Prävention von gewaltbereitem Neosalafismus und Rechtsextremismus" an Schulen in Berlin und Nordrhein-Westfalen.

Zu Beginn seines Vortrags kam Kiefer auf wichtige Begrifflichkeiten zu sprechen und erklärte, dass es mittlerweile eine Verschiebung gäbe: Auf der einen Seite der Begriff des Salafismus, der allgemein genutzt würde. Auf der anderen Seite der Begriff des Islamismus, der weniger genutzt und oft falsch verstanden würde. Die Verwendung des "Salafismus" als Sammelbegriff für eine extrem strenge und konservative Auslegung des Islam würde jedoch bei vielen Muslimen zu Missverständnisse führen und auch daher wenig zur Abgrenzung zu anderen Muslimen taugen. Im sunnitischen Islam wäre der Begriff "Salaf" (abstammend von dem arabischen "salaf as-salih") als Kollektivbezeichnung für die "Altvorderen" bzw. die "frommen Vorfahren" grundsätzlich positiv besetzt und stehe für eine geistige Rückbesinnung. Dies sei jedoch nicht gleich bedeutend mit der radikalen und militanten Auslegung des Islams, wie sie von Personen gelebt wird, die allgemein als Salafisten bezeichnet werden. Er würde sich daher für die Nutzung des Begriffs "Neosalafisten" aussprechen, um die Unterscheidung zu anderen strenggläubigen Muslimen kenntlich zu machen.

Unter Islamisten könnten hingegen allgemein hin Muslime verstanden werden, die Koran und Sunna heranzögen, um politisch zu gestalten. Diese Grundhaltung würde sich auch in dem besonderen Umgang mit den Texten kennzeichnen: nämlich dem Lesen im Wortsinne. Allerdings würden Islamisten auch nur bestimmte Verse nutzen und diese dann für absolut erklären. Diese Kennzeichen gelten nicht nur für die Salafisten, sondern auch für andere islamistische Gruppierungen.

Generell sei das islamistische Spektrum sehr heterogen. Hier gäbe es auf der einen Seite beispielsweise Anhängerinnen und Anhänger der türkischen Regierungspartei AKP, die mit politischer Macht eine sukzessive Islamisierung der türkischen Gesellschaft voranzutreiben versucht. Deren Anhänger würden andere demokratische Regeln jedoch befolgen. Auf der andern Seite – und ganz weit weg davon – stünden die Dschihadisten. Sie lehnten demokratische und parlamentarische Konzepte komplett ab. Für sie sei Gott alleiniger Souverän, dessen mutmaßlichen Willen gelte es umzusetzen. Ein Mandat bräuchten sie dafür nicht. Legitimiert fühlten sie sich allein durch die Texte. Damit sei man dann beim Salafismus. Auch diese Gruppe sei nicht homogen. Auch hier gäbe es Puristen, die Politik und Gewalt ablehnten, zurückgezogen seien und sich nur um sich selbst kümmerten.

Anschließend kam Kiefer ausführlich auf die Strukturmerkmale von Neosalafismus zu sprechen. In diesem Zusammenhang nannte er u.a. das dichotome Weltverständnis von Neosalafisten und den von ihm so genannten "Haram-Halal-Diskurs", also die Klassifizierung von Dingen, Gedanken und Handlungen in "richtig" und "falsch", in "gut" und "böse". Er transportierte dazu ein Bild aus der Kindererziehung und die Frage, wann es notwendig oder richtig sei, ein Kind für schlechtes Benehmen zu bestrafen: "Wir kennen das wahrscheinlich alle: man geht abends ins Bett und ist verärgert über ein bestimmtes Verhalten, am nächsten Morgen sieht die Welt aber schon wieder anders aus und wir sind uns nicht mehr sicher, ob eine Strafe wirklich notwendig ist. Es gibt Grautöne in unserem Leben, wir wissen nicht immer absolut was richtig und was falsch ist." Neosalafisten hätten es in solchen Fragen "leichter": da alles in gut und böse, in richtig und in falsch einteilbar sei. Die genannten Grautöne, fügte er noch hinzu, seien zwar im Islam theologisch natürlich vorhanden, aber auf der ideologischen Ebene des Neosalafismus gänzlich verschwunden.

Neosalafisten würden den eigenen Glauben zudem als Überwältigungsakt inszenieren. Beispielsweise die mittlerweile verbotene Koran-Verteilungsaktion "Lies!": Die dort engagierten Personen hätten ein enormes Sendungsbewusstsein gezeigt. Beinahe ausschließlich habe es sich dabei um Konvertiten gehandelt. Die wenigen nicht konvertierten an der Aktion Beteiligten seien zudem Muslime mit einem Wiedererweckungserlebnis gewesen, also Menschen die von sich sagen, den Islam "neu" entdeckt zu haben. "Mit diesen Leuten", so Kiefer, "brauchen Sie auch nicht zu reden, die lehnen jeden interreligiösen Dialog ab". Neosalafisten leugneten jede Kontextgebundenheit der Quellen und würden Koran und Sunna wörtlich lesen.

Als wichtiges Merkmal nannte der Islamwissenschaftler außerdem die Jenseitsorientierung der Gruppe: Dort stehe auf der einen Seite die Androhung der Hölle und auf der anderen das Paradies. Selbstmordattentate würden in dieser Logik keine Selbsttötung darstellen - die sündhaft wäre - sondern einen Akt der Kampfhandlung, der direkt ins Paradies führt. In diesem Zusammenhang nannte er auch die Gewaltphantasie als typisches Merkmal, das sich in den vergangenen Jahren überdeutlich in den Handlungen des sogenannten "Islamischen Staates" gezeigt habe.

Schließlich nannte er die Geschlechtersegregation als wichtiges Strukturmerkmal, also die Ausgrenzung von Frauen: Neosalafisten würden eine strikte Geschlechtertrennung vollziehen. U.a. würde die direkte und freie Wahl des Ehepartners, bzw. der Ehepartnerin abgelehnt.

Zusammenfassend erklärte Kiefer, die Attraktivität der neosalafistischen Ideologie läge im Angebot eines festen transzendentalen Bezugspunkts und in klaren Orientierungshilfen: "Man erfährt eine Entlastung in der eigenen Weltdeutung." Aber auch ganz praktisch würde die Ideologie den Alltag erleichtern, da sie Entscheidungen abnehme und das Leben "strikt ritualisiert". Der Neosalafismus sei eine überaus vereinfachte reduktionistische Ideologie. Beispielhaft erklärte Kiefer, Anhängerinnen und Anhänger würden auf die Benutzung von Zahnbürsten verzichten und stattdessen Holzstäbchen zur Reinigung der Zähne nutzen, da auch der Prophet so gelebt haben soll. Da Neosalafisten jedoch auch "Autos benutzen und nicht auf Kamelen durch die Stadt reiten", sei dieses Verhalten und diese Auslegung von Religion und überlieferter Tradition allerdings recht paradox. "Man kann die Ursprünglichkeit nicht herstellen, das wäre die eigene Auslöschung. In der Bewegung ist genau diese Ursprünglichkeit aber ein wichtiger Punkt."

Um die neosalafistische Ideologie zu verstehen sei es außerdem wichtig, zu berücksichtigen, dass ihre Anhänger das unbedingte Gefühl hätten, einer Avantgarde anzugehören. Das mache sie zum "Teil einer höheren Sache", ihre Handlungen zur "Exekutierung göttlichen Willens". In diesem Zusammenhang habe auch die Selbstauffassung der Anhänger des IS gestanden, Teil einer "finalen Bewegung" zu sein. Die Kriegerethik und vom IS nach außen dargestellte "Hypermännlichkeit" gehörten ebenso zu diesem Bild wie der Gemeinschaftsethos, mit dem die Terroristen um neue Anhänger warben.

All diese Merkmale der neosalafistischen Ideologie zeigten zusammengefasst Gemeinsamkeiten mit dem Rechtsextremismus als Phänomen, eröffnete Michael Kiefer den zweiten Teil seiner Analyse. Dies seien zum einen die Selbsterhöhung und das avantgardistische Element der Bewegung, ebenso die Selbstermächtigung, Kriegerethik und Hypermännlichkeit, die Nostalgie und das Streben nach Ursprünglichkeit und schließlich der Kameradschaftsgedanke und das Gemeinschaftserleben.
Auf der anderen Seite gebe es jedoch auch klare Merkmale der Unterscheidbarkeit: Das sei die Gottesfigur als Souverän, der Glaube als Überwältigung, die dichotome Weltdeutung und der Literalismus sowie die Jenseitsorientierung und auch die Geschlechtersegregation bei den Neosalafisten. Der extremen rechten Ideologie eigen sei hingegen das Konzept völkischer Geschichten. Damit zusammenhängend sei auch ein zentraler Unterschied: Die neosalafistische Ideologie sei universalistisch, würde sich folglich an alle Menschen richten. Die Ideologie der extremen Rechten hingegen richte sich exklusiv an die eigene Ethnie und damit an eine begrenzte Anzahl von Menschen.

Diskussion

Die sich dem Vortrag anschließende Diskussion im Plenum begann mit der Frage nach der Bedeutung von "Gemeinschaft" für die Radikalisierung. Michael Kiefer erklärte, dass beispielsweise Moscheegemeinden nur selten Orte der Radikalisierung seien und wenn, dann solche, die schon zuvor einseitig als neosalafistische Anlaufstellen bekannt gewesen seien. Es gebe Beispiele für Radikalisierung in Gruppen, es gebe aber auch Beispiele in denen sich Personen alleine radikalisiert hätten.

In ähnlichem Zusammenhang wurde Kiefer anschließend auf die Formel des Leiters des Landesamtes für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen Burkhard Freier angesprochen, wonach sich ein Drittel der Betroffenen über die Aktion "Lies!", ein Drittel in der Familie und ein Drittel im Internet radikalisiert habe. Kiefer erklärte, dass er diese Art von Cluster ablehne, da der Forschung profunde Einblicke weiterhin fehlten. Zudem sei jeder Fall anders und müsse einzeln bewertet werden. Durchaus gebe es zum Beispiel auch Personen, die in den bekannten Kontexten auftauchten, die aber nicht gläubig seien. In diesen Fällen stehe eher "eine Suche nach Irgendwas", nicht immer die Suche nach Gott am Anfang. Das sei dann vor allem eine Suche nach Halt und Anerkennung. Dann erst gerieten diese Personen in "Gruppen und Zusammenhänge" hinein. "Der soziale Prozess kommt zuerst, dann die Ideologie", erklärte Kiefer und merkte an, dies seien seine Beobachtungen und bedeuteten nicht, dass es nicht auch andere Fälle geben könnte. Bekannt seien auch Beispiele in denen die Konversionen gründlich überlegt und vorbereitet gewesen und nicht aus Gruppendynamik entstanden seien, dann aber doch in der Radikalisierung endeten.

Eine Teilnehmende entgegnete Kiefer, anders als von ihm postuliert würde sich die extreme Rechte hinsichtlich der Geschlechtersegregation nicht vom Neosalafismus unterscheiden. Auch die extreme Rechte sei männerdominiert. Kiefer bejahte das, entgegnete aber, dass beispielweise auf Demonstrationen der extremen Rechten Frauen und Männer gemeinsam auftreten würden. Das sei bei neosalafistischen Kundgebungen nicht im gleichen Maße der Fall.

Auf das von ihm angesprochene Kennzeichnungsmerkmal der Gewaltphantasie wurde der Wissenschaftler von einer anderen Teilnehmerin angesprochen. Kein Merkmal seien diese Erscheinungen, sondern vielmehr aus der Gruppendynamik entstandene Produkte. Kiefer widersprach dieser Einschätzung deutlich: In erschreckender Weise habe der IS Gewalt inszeniert. "Das hat sich jemand ausgedacht, das ist nicht einfach so passiert", erklärte er. Die Gräueltaten des IS und vor allem die Verbreitung dieser Taten durch Fotografien und Videos seien in ihrer Inszenierung und Visualisierung geplant und gewollt gewesen und keine Zufallsprodukte. Keine andere militante Bewegung der jüngeren Geschichte habe vergleichbar agiert, insofern sei die Gewaltphantasie ganz klar ein wichtiges Kennzeichnungsmerkmal.
In diesem Zusammenhang erinnerte Kiefer noch einmal an die erschreckend professionelle Medienarbeit des IS: zielgruppenspezifisch aufbereitet seien die Angebote der Organisation gewesen, "das ging von einer Art Bravo für junge Menschen bis hin zum Intellektuellenmagazin".

Im Anschluss an den Vortrag Michael Kiefers startete die zweiteilige Arbeitsphase. Zwischen zwei mal vier Themen konnten die Teilnehmenden der Fachtagung wählen.

Arbeitsgruppenphase 1

Workshop 1: Politische Bildung als Prävention

Die Politologin Mirjam Gläser leitete den Workshop "Politische Bildung als Prävention" mit der Vorstellung des Berliner Vereins ufuq.de ein. Dort wird ein primärer Präventionsansatz vertreten, der mit Jugendlichen zu Fragen von Religion und Alltag, Identität und Zugehörigkeiten arbeitet. Gleichzeitig gibt es das Angebot für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, sich zu den Themen Islam, Islamismus und antimuslimischem Rassismus fortzubilden. Ausgangspunkt ist, dass nicht nur die Religion des Islam, sondern auch rassistische Diskurse über Muslime als Themenfelder der politischen Bildung mehr Anerkennung finden müssten – denn gerade Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen haben sich als radikalisierender Faktor erwiesen. Es gelte Jugendliche zu "empowern", an der Gesellschaft teilhaben zu lassen.

Fadl Speck von "Dialog macht Schule" sprach über das Demokratiebildungsprogramm und konstatierte ein grundlegendes Problem politischer Bildung: Während politische Bildnerinnen und Bildner durch den Beutelsbacher Konsens an das Überwältigungsverbot gebunden sind, müssen dennoch grundlegende Werte einer pluralistischen, liberalen Demokratie vertreten werden – ohne dies den Jugendlichen "überzustülpen". Dafür müsse Schülerinnen und Schüler – gerade mit niedrigeren Bildungschancen – demokratische Handlungs- und Urteilsfähigkeit vermittelt und ihre Persönlichkeitsentwicklung gestärkt werden.

Es wurde diskutiert, wie eine Debatte um gemeinsame Normen und Werte gelingen kann, ohne einzelne Schülerinnen und Schülern zu stigmatisieren – auch und gerade wenn menschenverachtende Aussagen fallen. Stattdessen sollten demokratische Werte und deren Grenzen thematisiert werden. Zielführend sei ein lebensweltorientierter Dialog ohne dichotomisierende Diskurse über "wir und ihr". Abschließend wurde der Präventionsbegriff problematisiert.. Hier bestehe die Gefahr, dass sich die Zuschreibung bspw. junger Muslime als Problemkategorie verfestige.

Workshop 2: Prävention und Beratungsstellen

Thyra-Valeska von dem Bussche vom Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands Nord in Neubrandenburg und Andrea Dänzer von der Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein stellten zu Beginn des Workshops die Präventionsarbeit in ihren Einrichtungen vor. Ute Schmidt von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern erläuterte, dass man die vorhandenen Strukturen im Land der Migrations- und Jugendarbeit sowie der Zivilgesellschaft für die religiös begründete Radikalisierungsprävention nutzen möchte. Dafür sei aber die Erweiterung von spezifischem Wissen notwendig. Zudem sei das landesweite Beratungsnetzwerk Demokratie und Toleranz dafür gut, dass die Akteure untereinander verbunden sind und auch bei schwierigen Fällen Hilfe finden. Der Workshop machte deutlich, dass die flächendeckende Radikalisierungsprävention für religiösen Extremismus in Mecklenburg-Vorpommern sich zurzeit im Aufbau befindet, jedoch von tatkräftigen und motivierten Personal vorangetrieben wird.

Workshop 3: Genderreflektierte Radikalisierungsprävention im Bereich des religiös begründeten Extremismus

Gleich zu Beginn des Workshops wurde deutlich, dass das Phänomen der weiblichen Islamistinnen in der Arbeit der Teilnehmenden einen mehrheitlich blinden Fleck darstellt. Diesen Punkt griff Silke Baer, die pädagogisch-wissenschaftliche Leiterin von "Cultures Interactive e.V." gleich auf und demonstrierte anhand von aktuellen Zahlen die Ausmaße des Phänomens: Von 950 Ausreisenden handle es sich bei 20 Prozent um weibliche Anhänger islamistischer Ideologien. Gerade jene von ihnen, die nach Deutschland zurückkehrten, möglicherweise mit eigenen Familien, stellten eine große Herausforderung für die Präventionsarbeit dar. Auch der Verfassungsschutz warne vor einem "globalen Cyberkalifat", der von geschlechterspezifischen Rekrutierungsmethoden Gebrauch macht.

Dass weibliche Anhänger extremistischer Ideologien aber in den seltensten Fällen als eine derartige Herausforderung wahrgenommen würden, liege daran, dass sie sich in anderen, eher unauffälligeren Räumen der islamistischen Organisationen aufhielten. Sie würden meist als Übersetzerinnen, Autorinnen oder Bloggerinnen in der Rekrutierungsarbeit eingesetzt oder auch als "Religionskriegerinnen im Klassenraum", die sich für den "wahren Islam" einsetzen.

Die Hinwendungsmotive dieser weiblichen Anhänger könnten vielfältig sein und häufig auf die in der Gruppe typischen Geschlechterrollen zurückgeführt werden. Gerade dann, wenn es sich um Frauen und Mädchen aus Familien handle, in denen Religion auf einem strengen Regelwerk mit geringer "spiritueller Unterfütterung" basiert und keine Gleichberechtigung gelebt wird, würden islamistische Organisationen eine Lösung für das "Anspruchs-Dilemma" zwischen Gesellschaft und Familie bieten.: Ordnung und persönliches Empowerment. Um dem entgegenzuwirken seien die Wahrnehmung und die Aufnahme genderspezifischer Motive in der Präventionsarbeit essentiell. Ebenso notwendig sei es, Raum für mehr Angebote zu schaffen, die junge Frauen mit Distanzierungsbedarf sowie Kinder und Jugendliche aus hochideologisierten Familien unterstützen.

Workshop 4 Übertragungsmöglichkeiten Rechtsextremismus- und Salafismusprävention

Dr. Volker Haase ist Berater in einem Ausstiegsangebot. Er berichtete zu Beginn des Workshops über seine Erfahrungen in der praktischen Arbeit und referierte über Einstiegs- und Ausstiegsfaktoren in die bzw. aus der extremen Rechten sowie in den und aus dem Salafismus. Beispielsweise sei das Verhältnis zu den Eltern sehr unterschiedlich: Bei radikalisierten Jugendlichen, die sich dem Salafismus zugewandt hätten, würde man oft feststellen, dass der Kontakt zu den Eltern abgebrochen würde. Das sei bei radikalisierten Jugendlichen in der extremen Rechten nicht der Fall. Ähnlich sei hingegen die Bedeutung des persönlichen Leidensdrucks: Erst wenn dieser sich erhöhe, würden Veränderungen einsetzen. Aus solchen Ähnlichkeiten und Unterschieden ließen sich gemeinsame Präventionsansätze ableiten, erklärte Dr. Haase.

Heike Habeck, Studienleiterin für Demokratiebildung im Regionalzentrum für demokratische Kultur der Evangelischen Akademie der Nordkirche, erinnerte anschließend an die Bedeutung der Sozialisation: "Das machen wir alle, wir geben Normen weiter". Daher sei es von großer Bedeutung die Kinder von radikalisierten Eltern als Gesellschaft zu stützen: Dies könne vor allem dadurch gelingen, Kindern eine positive Selbstwahrnehmung und Konfliktstärke beizubringen und die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis zu lehren. Daher seien die Kindertagesstätten als Ort von Prävention so bedeutsam. Diese Kinder zu erreichen sei allerdings sehr schwierig. Familien in der extremen Rechten seien eine hermetisch geschlossene Welt und auch Daten zu Kindern von Salafisten seien nur in geringem Maße vorhanden. Habeck erinnerte in diesem Zusammenhang an die entscheidende Gemeinsamkeit "beider Welten": nämlich die Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Die Sozialarbeiterin Mehlike Eren-Wassel vom Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit Bremen stellte schließlich ihre Arbeit und den Ansatz ihres Vereins vor: Akzeptanz sei hier ein konzeptioneller Ansatz, auch Extreme müssten in der Sozial- und Jugendarbeit akzeptiert werden, um das Vertrauen der jeweiligen Personen gewinnen zu können. Das dürfe nicht bedeuten, dass keine Grenzen aufgezeigt würden, aber die Beziehung würde auch bei Fehlverhalten nicht abgebrochen: “Man redet miteinander, begegnet sich auf Augenhöhe und mit Respekt.“

Arbeitsgruppenphase 2

Workshop 1: Schulen im Fokus der Prävention

Jens Landt vom Institut für Qualitätsentwicklung Mecklenburg-Vorpommern berichtete über die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften in seinem Institut. Unter anderem würden Fortbildungen für Sprachentwicklung und interkulturelle Bildung angeboten, auf regionaler Ebene auch spezifische Bildungsangebote für die Unterrichtsgestaltung über den Islam.

Ada Quade, Leiterin der Abteilung Migration im Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern erwähnte, dass es in ihrem Land noch keine Vorfälle mit Salafisten an Schulen gegeben habe. Gleichwohl versuche man derzeit ein flächendeckendes Netzwerk zur Beratung an Schulen sowie einen Leitfaden für interkulturelle Bildung aufzubauen. Zudem arbeite das Ministerium mit der Landeszentrale für politische Bildung eng zusammen: Zwei Mitarbeiter würden junge Geflüchtete an beruflichen Schulen zu Werten schulen und grundlegendes Wissen über Staat und Ausbildung vermitteln. Zügig konnten positive Entwicklungen bei den Schülerinnen und Schülern beobachtet werden.

Lisa Kiefer von der Aktion Gemeinwesen und Beratung e.V. stellte am Ende des Workshops das Clearingverfahren ihrer Institution vor: Insgesamt sechs Schulen werden von pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut. Ziel sei es, in den Schulen eine Umgebung zu schaffen, in der schon frühzeitige Anzeichen für rechtsextremistische oder salafistische Radikalisierung von Schülerinnen und Schülern erkannt werden können. Durch ein strukturiertes Verfahren solle dann zuerst erläutert werden, ob sich die Schülerin oder der Schüler überhaupt radikalisiert habe. Wenn ja, würde die betreffende Person durch viele Gespräche und mit Hilfe weiterer präventiver Methoden intensiv betreut. Ein Fallbeispiel verdeutlichte, dass dieses Vorgehen auch voreilige Maßnahmen verhindern kann. Abschließend betonte Kiefer die Notwendigkeit, alle Lehrkräfte in die Präventionsarbeit einzubinden und sie hier fortzubilden.

Workshop 2: Islamistische Propaganda im Netz

Ingrid Hofmann von jugendschutz.net startete den Workshop mit einem Einblick in ihre Arbeit. Sie betonte die zentrale Bedeutung von sozialen Medien, bereits im jüngsten Alter. Islamisten würden sich das zu Nutze machen: die Ersteller und Verbreiter von islamistischer Propaganda im Netz seien zwar oft selber noch sehr jung, technisch aber sehr versiert.

Den Messenger Telegram hob Hoffmann in ihren Ausführungen hervor, er habe Facebook und Youtube als wichtige Plattform islamistischer Propaganda mittlerweile abgelöst und sei vor allem im Umfeld der Rekrutierung sehr beliebt.

Manjana Sold, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung Frankfurt am Main, erinnerte daran, dass Radikalisierung heute ein Zusammenspiel von online und offline sei und berichtete über ihre Forschung. Beobachtungsobjekt seien primär Facebook und Telegram. Und ähnlich den Beobachtungen von Ingrid Hofmann beschrieb auch sie die zur Propaganda eingesetzten Inhalte als äußert vielfältig - von auf den ersten Blick unpolitischen "Katzenfotos" über Bilder des Koran, bis hin zu Fotografien von Ermordungen und abgetrennten Köpfen.

Zwei Videos als Beispiele islamistischer Propaganda zeigten die Referentinnen den Teilnehmenden im Anschluss an ihre Vorträge: Das erste Video zeigte einen "Nasheed", also einen mit Bildern unterlegten Sprechgesang, der sowohl inhaltlich als auch in drastischen Bildern den Dschihad, bzw. den Kampf des Islamischen Staates verherrlichte. Das andere Video war gänzlich anderer Art und als Erklärvideo im "Sendung mit der Maus-Stil" aufgemacht, wie ein Teilnehmer es später beschrieb. In diesem Video wurde eine angebliche Verfolgung von Muslimen im Deutschland mit den Anfängen des Holocaust gleichgesetzt. Die Teilnehmenden diskutierten anschließend die unterschiedliche Wirkungsweise der Propaganda und bestätigten den Eindruck, dass das zweite Video das deutlich subtilere und damit auch gefährlichere sei. Ingrid Hofmann erklärte dazu, hierin läge eine der Schwierigkeiten ihrer Arbeit: Als sie das Video zum ersten Mal gesehen habe, hätten bei ihr "alle Alarmglocken geläutet". Die Aussagen im Video seien hochproblematisch, die versuchte Indoktrination offensichtlich. Rechtlich habe sie da aber keine Chance: "Auch beim Jugendschutz müssen wir die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit und die Berichterstattungsfreiheit in alle Entscheidungen miteinbeziehen."

Workshop 3: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – Radikalisierung als Herausforderung für die Jugendhilfe

Die Teilnehmenden erhielten während des Workshops Einblicke in die Praxisarbeit mit mutmaßlich radikalisierten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Alexey Manevich stellte die "Beratungsstelle Radikalisierung" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vor: An diese können sich Bürgerinnen und Bürger wenden, die bei jungen Menschen eine Radikalisierung vermuten. Nach einer Erstberatung würden die Fälle bei Bedarf an zivilgesellschaftliche Kooperationspartner weitervermittelt werden.

Einer dieser Partner ist André Taubert. Er leitet Legato, eine Fach- und Beratungsstelle für religiös begründete Radikalisierung in Hamburg. Taubert erklärte, seiner Arbeit eine besondere Definition von Radikalisierung zugrunde zu legen: "Sie ist immer eine Brücke über eine persönliche Krise." Entsprechend helfe es nicht, nur gegen die Radikalisierung zu arbeiten, sondern es müssten stets andere Auswege aus der Krise gefunden werden. "Wir analysieren systemisch das soziale Umfeld, die Biografie und die Persönlichkeit – dabei suchen wir Schlüsselklienten, die den besten Draht zu ihnen haben." Diese Schlüsselklienten würden dann dahingehend beraten, wie sie mit der radikalisierten Person arbeiten können, um ihr bestmöglich zu helfen.

Manevich und Taubert waren sich einig: Die Radikalisierungsprozesse von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen liefen viel komplizierter, individueller und vielschichtiger ab, als bei im Inland sozialisierten Jugendlichen. Ihr Vertrauen zu gewinnen sei daher umso wichtiger. Ein Gefühl für die Arbeit konnten die Teilnehmenden im Praxisteil gewinnen: Die Analyse eines fiktiven Fallbeispiels.

Workshop 4: Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden

Zu Beginn des Workshops "Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden" betonte Michael Ebert, Leiter der Polizeiinspektion Rostock, die Bedeutung von Kommunikation und Zusammenarbeit: Das Verständnis von Extremismus und Sicherheit habe sich gewandelt und würde nicht ausschließlich als Domäne der Sicherheitsbehörden wahrgenommen. Stattdessen beschäftigten sich Netzwerke aus Polizei, Verwaltung und Zivilgesellschaft damit. Dies funktioniere in Rostock gut, weil ein vertrauensvoller Dialog gepflegt werde.

Auch Imam-Jonas Dogesch vom Netzwerk der Migrantenorganisationen in Mecklenburg-Vorpommern sagte, dass man vor allem bei gewaltbereiten Personen in Kontakt mit den Sicherheitsbehörden treten müsse. Die Voraussetzung hierfür sei, dass den betreffenden staatlichen Stellen vertraut werden könne. Für jeden Fall neu geklärt werden müsse dabei, wo die Grenzen der Sozialarbeit liegen und ab welchem Punkt die Polizei hinzugezogen werden muss. Thorsten Schörner, Mitarbeiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Rostock, bestätigte, dass diese Frage auch immer schon in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus gestellt worden sei.

Problematisiert wurde zudem, dass es vor allem für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter kein Zeugnisverweigerungsrecht gebe. Dies gefährde im Falle von polizeilichen oder gerichtlichen Vorladungen jegliche Vertrauensvorschüsse von Jugendlichen. Abschließend wurde betont, dass sich in der Auseinandersetzung mit rechtsextremer Radikalisierung die Netzwerke der kommunalen Präventionsräte bewährt hätten: Diese lokalen Strukturen kooperieren sowohl mit der Polizei als eben auch mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und mit der Zivilgesellschaft.

Abschlussgespräch

Prävention im Rampenlicht

Den Abschluss der Tagung gestaltete die Islamwissenschaftlerin Marfa Heimbach im Dialog mit der Schauspielerin Kirsten Hess. Hess ist beim Jungen Schauspiel Düsseldorf engagiert und wirkt aktuell an der Inszenierung von "Paradies" mit. Das Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz handelt von Hamid. Es spielt in der Nacht vor Hamids erstem Terroranschlag. Der junge Mann soll einen anderen mit einem Messer töten. Aber Hamid ist aufgeregt und eine Stunde zu früh am vermeintlichen Tatort. Hier setzt das Stück ein. Hamids Leben zieht noch einmal an ihm vorbei: erlebte Urlaube mit der Familie, Gespräche und Auseinandersetzungen.

Hess berichtete, als Theatermacher hätten sie sich gefragt, wie sie sich künstlerisch in die Debatte einbringen könnten. "Paradies" sei sozusagen die Antwort darauf. Zu Beginn hätte es eine Vielzahl an Überlegungen gegeben. U.a. habe man lange darüber diskutiert, ein Musical über Islamismus auf die Bühne zu bringen – als krasse Gegensätzlichkeit. Nach der Vielzahl an Attentaten in den vergangenen Jahren seien sie aber schlussendlich von dieser Idee abgerückt, "weil wir das nicht mehr würdig fanden", erklärte die Schauspielerin.

In jedem Fall aber sollte das Thema so angegangen werden, dass es für junge Menschen zugänglich ist. Konkret ab 14 Jahren, und das betonte die Schauspielerin: ab 14 Jahren, also kein Stück ausschließlich für junge Menschen.

Als Theater hätten sie dann versucht das Thema so auszuarbeiten, dass deutlich wird, was faszinierend an radikalen Ideologien sein kann. Dafür habe man auch einen besonderen künstlerischen Ansatz gewählt: den eigentlichen Zuschauerraum abgehängt, das Publikum auf die Bühne geholt und eben diese Bühne in einen Club verwandelt, in dem sich dann auch die Zuschauer befanden. Durch durchlaufende Beats sei so eine reelle Clubatmosphäre entstanden, die gerade eben auch anziehend auf junge Menschen wirkt.

Besonders sei außerdem, dass das Stück den Zuschauern keinerlei Applaussituation bietet. In keiner Situation der Inszenierung gebe einen Moment der Stille oder eine Pause. "Paradies" endet dann mit einem Picknick, an das sich Hamid erinnert. Sein Vater fragt ihn in dieser Erinnerung nach einem Messer und er, Hamid, hat das Tatmesser in der Hand und fragt sich, was er machen soll. Kann er seinem Vater das Messer geben? Dann fährt der Beat hoch und die Darsteller beginnen auf der Bühne zu tanzen.

"Meistens", berichtete Kirsten Hess, "beginnt das Publikum dann mitzutanzen". Marfa Heimbach, die die Inszenierung bereits kannte, sprach dann die an die Vorführungen sich obligatorisch anschließenden Fragerunden an, und nach Hess Erfahrungen damit. Die Schauspielerin betonte, dass es sich vielmehr um Gespräche handeln würde, nicht um klassische Fragerunden mit den Schauspielern: "Oft sind es auch die Darsteller, die Fragen an das Publikum richten, wie sie die Inszenierung erlebt hätten".

Ob es Kritik an der Darstellungsform gäbe, wollte die Islamwissenschaftlerin außerdem wissen. Immerhin würde ein im Stück auftretender Imam von einer Schauspielerin mit rosa Bart gespielt werden. "Kommt da nicht die Frage auf, wollt Ihr den Islam lächerlich machen?" Solche Fragen gebe es natürlich auch, aber oft käme dann die Antwort schnell sogar aus dem Publikum, von anderen Zuschauern: Nicht ein Imam sei hier dargestellt worden, sondern ein Hassprediger. Und den dürfe man, müsse man sogar lächerlich machen. Generell sei ihre Erfahrung, dass insbesondere muslimische Jugendliche kein Problem mit der Darstellungsform hätten. Hingegen würde Kritik oder Skepsis eher von Menschen ohne Bezug zum Islam geäußert werden: "Darf man das denn? Ist das nicht schwierig?"

Von den Teilnehmenden der Tagung wurde die Frage aufgeworfen, wie man sich in der Vorbereitung auf das Stück dem Thema genähert habe. Mit Radikalisierung, erklärte Hess, habe man sich natürlich intensiv beschäftigt. Aber es sei nie die Idee der Inszenierung gewesen, ein Stück "über den Islam" zu machen. Deswegen habe Regisseurin Mina Salehpour auf die Idee, gemeinsam mit dem Ensemble eine Moschee zu besuchen, auch ablehnend reagiert: "Natürlich sollt ihr eine Moschee besuchen, aber nicht wegen des Stückes."

Auch kam die Frage auf, ob "Paradies" als Blaupause für den Bereich der Rechtsextremismusprävention dienen könnte. Die Schauspielerin bejahte das: Denn man könne sich ansehen, wie Menschen radikalisiert werden können. Generell sei Theater gut darin, Widersprüche auszuarbeiten und so Reflexion anzuregen.

Heimbach fasste zusammen, dass mit Theater also konkret Präventionsarbeit geleistet werden könne und erklärte abschließend mit Nachdruck: "Ja, ich bin überzeugt, Kultur kann Prävention leisten."

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