Rolltreppe

28.2.2018

"Radikalisierung geht uns alle an"

Eröffnungsrede

"Denn Radikalisierung geht uns alle etwas an. Es sollten nicht nur Gewalttaten sein, die uns alarmieren und wach rütteln. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Jugendliche wie Safia sich verändern, wenn sie mit ihrem gewohnten Umfeld brechen und immer stärker in ein Gut-Böse Denken verfallen."

von Hanne Wurzel

Lieber Herr Schmidt, sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, Sie zu der Veranstaltung "Mit Gewalt ins Paradies? – Fachtag zur Radikalisierungsprävention" in Schwerin begrüßen zu dürfen.

Gestern vor zwei Jahren, am 26. Februar 2016, stach die 16jährige Safia einem Bundespolizisten am Bahnhof Hannover ein Messer in den Hals und verletzte ihn schwer. Keine "bloße" Gewalttat - sondern ein religiös motivierter Angriff. Denn schnell stellte sich heraus, dass das Mädchen in Kontakt mit Anhängern des sogenannten Islamischen Staats stand und bereits seit einiger Zeit ein Attentat auf deutschem Boden plante.

Es sind Fälle wie diese, die uns aufhorchen lassen. Die uns zu Umsicht aufrufen müssen. Die aber auch folgende Frage aufwerfen: Was muss im Leben dieses Mädchens passiert sein? Wenngleich das Forschungsfeld noch sehr jung ist, ist bereits eine zentrale Erkenntnis leitend: Radikalisierungsprozesse sind sehr komplex und individuell und soziale Faktoren spielen vor allem in der Anfangsphase der Radikalisierung eine größere Rolle als die Ideologie. Wir stellen uns also die Frage, wie die Radikalisierungsprävention arbeiten kann, um solche Taten zu verhindern. Um jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Um ihnen die Möglichkeit zu bieten, wieder ein Teil unserer Gemeinschaft zu sein.

Wenn wir als Bundeszentrale für politische Bildung von Prävention sprechen, ist das übergeordnete Ziel dabei nicht - wie der Titel vermuten lassen könnte- das Verhindern von Terroranschlägen. Das maßen wir uns nicht an. Unsere Arbeit setzt weit vor der Arbeit der Sicherheitsbehörden an. Denn auch das gehört zu Prävention: eine ganze Reihe unterschiedlicher Akteure, die verschiedene Rollen einnehmen und dennoch zusammenarbeiten. Von Zivilgesellschaft über Sicherheitsbehörden, von Schulen über Jugendhilfeeinrichtungen, bis hin zu Journalismus und eben der politischen Bildung.

Denn Radikalisierung geht uns alle etwas an. Es sollten nicht nur Gewalttaten sein, die uns alarmieren und wach rütteln. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Jugendliche wie Safia sich verändern, wenn sie mit ihrem gewohnten Umfeld brechen und immer stärker in ein Gut-Böse Denken verfallen. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn extremistische Ideologien den Alltag bestimmen, wenn ganze Gruppen von Menschen abgewertet werden und das Leben nach dem Tod den Alltag bestimmt.

Damit uns dies gelingt, ist ein differenzierter Blick notwendig. Dem Narrativ des Generalverdachts gegenüber allen Muslimen müssen wir immer wieder entgegentreten. Ausschlaggebend für diese Tagung sind nicht die über 4 Millionen in Deutschland lebenden Muslime. Es sind die weniger als 0,2 Prozent dieser 4 Millionen. Wir subsumieren sie häufig unter dem Schlagwort Salafismus. Besonders durch die Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staats zogen Salafisten den Blick auf sich. Der Verfassungsschutz berichtete zuletzt von 10.800 Anhängern dieser Strömung in Deutschland. Tendenz steigend.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat den besonderen Handlungsbedarf erkannt und die Palette der entsprechenden Angebote deutlich erweitert. Seit einigen Jahren bieten wir regelmäßig Fachkonferenzen in den Themenfeldern Salafismus und Islamismus an, haben unsere politische Bildungsarbeit um die Perspektive aus dem Sicherheitsbereich erweitert, bieten Plattformen für den professionellen Austausch an und entwickeln neue digitale Formate, wie den Infodienst Radikalisierungsprävention, dessen Newsletter Sie abonnieren können. Der unten aufgestellte Büchertisch gibt einen Einblick in die vielfältigen Publikationsangebote.

Der Fachtag heute in Schwerin stellt die Prävention in den Mittelpunkt. Viele von Ihnen haben Erfahrungen mit Rechtsextremismusprävention. Wir möchten auf Ihren Erfahrungen aufbauen und gerade Sie ermutigen, sich aktiv bei diesem Fachtag einzubringen, um stets die Übertragungsmöglichkeiten zwischen Rechtsextremismus- und Salafismusprävention neu auszutarieren.

Die Idee zu diesem Fachtag entstand im letzten Jahr, als die Bundeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit der Landeszentrale Baden-Württemberg eine große, internationale Fachtagung in Mannheim ausrichtete. Die Nachfrage zum Thema Islamismus / Salafismus und Radikalisierungsprävention war so groß, dass wir uns in der Pflicht sahen, dieses Thema erneut aufzugreifen und die vorhandenen Erfahrungen und Erkenntnisse bekannt zu machen und in die Fläche zu tragen.

Der heutige Fachtag ist jedoch bei weitem mehr als eine Wiederauflage der Mannheimer Tagung. Durch die enge Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern konnten wir den Fokus verändern. Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Herrn Jochen Schmidt, Frau Ute Schmidt und Herrn Dr. Eckart Schörle. So ist unter anderem die Frage der Übertragungsmöglichkeiten aus der Prävention im Bereich Rechtsextremismus auf den Bereich Islamismus / Salafismus in den Vordergrund gerückt. Wir freuen uns zudem, dass sich in fast allen Arbeitsgruppen Referentinnen und Referenten sowie Moderatorinnen und Moderatoren aus Mecklenburg-Vorpommern wiederfinden. Die Perspektive und Expertise vor Ort einzubeziehen ist ein Anliegen dieses Fachtages. Der länderspezifische Blick ergibt sich jedoch nicht nur aus den Beiträgen der Vortragenden, sondern wird maßgeblich von Ihnen als Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestimmt.

Wir in der Bundeszentrale für politische Bildung sehen eine unserer grundlegenden Aufgaben - neben der Bereitstellung von Informationen und der Wissensvermittlung - im Bereich der Vernetzung. Nutzen Sie daher nicht nur die Pausen und das gemeinsame Abendessen, um sich auszutauschen, sondern auch gerne die Suche und Biete-Karten in Ihren Tagungsmappen, die Sie mit Ihren Wünschen draußen anpinnen können.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen interessante Gespräche, neue Erkenntnisse und einen spannenden Fachtag.
Es gilt das gesprochene Wort.
Hanne Wurzel, Schwerin, 27. Februar 2018


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