Auf einem Tisch stehen Teller mit weißen Käse und Tomaten-Gurken-Salat.

30.5.2018 | Von:
Ingrid Schneider

2. Medizin, Gesundheit und Bildungspolitik: Staatliche Medizinische Hochschule

Datum: 22.02.2018

Beim Treffen mit Vertretern der Staatlichen Medizinischen Hochschule fand ein reger Austausch über das armenische Gesundheitssystem und die Bildungspolitik statt – aber auch Themen wie Brain Drain und Geschlechterverhältnisse konnten diskutiert werden.

Staatliche Medizinische HochschuleStaatliche Medizinische Hochschule (© Ingrid Schneider)

Der Rektor der Hochschule, Prof. Armen Muradyan empfing uns stolz im Beisein seiner vier männlichen Vize-Rektoren. Die Yerevan State Medical University after Mkhitar Heratsi (YSMU), so der volle Name, wurde vor 100 Jahren gegründet und hat sechs Fakultäten, darunter neben Allgemein- und Zahnmedizin auch Pharmazie und Militärmedizin. Es werden zwei große Krankenhäuser unterhalten, ein drittes soll gebaut werden. Fast jeder vierte der 8000 Studierenden stammt aus dem Ausland, aus über 30 Ländern. Seit 30 Jahren besitzt die Hochschule internationale Erfahrungen und baut entsprechende Programme weiter aus. Auch mit Deutschland gibt es Verbindungen, zwischen 2012 und 2017 haben 46 Armenier über ein DAAD-Stipendium in Deutschland studiert, weitere Ärzte haben in Berlin, Hamburg und Münster Weiterbildungsprogramme u.a. in der Onkologie besucht. 2017 empfing die YSMU den brandenburgischen Wissenschaftsminister.

Der Zugang zum Studium verläuft über eine zentralisierte Aufnahmeprüfung. Das Studium ist kostenpflichtig und kostet je nach Fakultät durchschnittlich 2000 US-$ im Jahr für Armenier und 5000 US-$ für ausländische Studierende. Gelehrt wird auf Englisch, Russisch und Armenisch. Nur ein geringer Teil der Studierenden wird staatlicherseits mit einem Stipendium gefördert.

Im Bildungsbereich stellt die Hochschule ein regionales Zentrum dar. Derzeit arbeiten 80 Absolventen in 40 Ländern. Nun soll ein Alumni-Verein gegründet werden, um den Absolventen zu ermöglichen, eine enge Verbindung zu ihrer Alma Mater zu halten. In Moskau, Delhi und Lateinamerika habe es bereits Treffen von ehemaligen Absolventen gegeben. Allein in Kalifornien gebe es 500 Ärzte, welche die Ausbildung in Jerewan absolviert haben. 50 Gastprofessoren, auch von renommierten Unis wie Oxford, Harvard, MIT wurden beschäftigt. Besonderen Austausch pflegt die YSMU in der Telemedizin – Patienten werden in Armenien untersucht und von Ärzten in Philadelphia behandelt. Die Gefahr eines brain drain sieht Rektor Muradyan nicht, vielmehr handele es sich um einen wertvollen internationalen Austausch und er wäre froh, noch mehr Spezialisten ins Ausland entsenden zu können, um die Internationalität weiter zu entwickeln. Die 1800 ausländischen Studierenden kehrten fast alle in ihre Heimat zurück und armenische Ärzte könnten im Ausland viel lernen und ihre Erfahrungen anwenden.

Die Frauenquote bei den Studierenden betrage 63 Prozent, „was die Atmosphäre wärmer und besser“ mache. Auch unter den Lehrenden seien mehr Frauen. Dass wir vom Rektorat heute nur Männer zu Gesicht bekämen, läge allein daran, dass die Vize-Rektorin heute krank sei.

Die Hochschule hat eine Ethikkommission, die alle Doktorarbeiten und klinischen Forschungen begutachtet und ein Disziplinarkomitee, welches das Verhalten und die Kontakte aller Hochschulangehörigen begutachten kann.

Angesprochen auf die in Armenien weit verbreitete Praxis der vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung und die Abtreibung weiblicher Föten verweist Prof. Muradyan auf ein unlängst verabschiedetes Gesetz, das nicht auf ein Verbot setzt, sondern darauf, den Paaren nach der Mitteilung eine Karenzzeit von drei bis fünf Tagen zu geben, binnen derer sie ihre Entscheidung treffen können. Es bestehe die Absicht, in dieser Zeit „Erklärungsarbeit“ zu leisten. In Ultraschallräume würden Bilder von fröhlichen Mädchen gehängt und es habe einen Flashmob gegeben, bei dem Väter stolz über ihre Töchter erzählt hätten.

In Bezug auf die allgemeine Gesundheitsversorgung in Armenien äußert Prof. Muradyan, der zwischenzeitlich (bis November 2016) als Gesundheitsminister fungierte, dass diese sich gebessert habe. In allen außer einer Region wurden mithilfe eines Weltbank-Kredits neue Kliniken errichtet, die für die Versorgung gut eingerichtet seien. Probleme gebe es eher, Mitarbeiter zu finden, denn Ärzte blieben lieber in der Hauptstadt Jerewan und auch Patienten ließen sich lieber dort behandeln. Die Ziele der WHO–Politik lägen darin, Fachleute auszubilden, Studierende anzuhalten, zurück in ihrem Heimatland zu arbeiten und die Bedingungen in den Regionen zu verbessern, um die Rückkehr insbes. finanziell attraktiv zu machen. (In anderen Gesprächen wird uns mitgeteilt, dass die medizinische Versorgung zu wünschen übrig lässt. Ärzte an Kliniken verdienten wenig und forderten von Patienten oft noch zusätzlich Bargeld. Medikamente müssen selbst bezahlt werden, selbst wenn es sich um teure Krebsmittel handelt.)

Zur Frage nach dem Umgang mit übertragbaren Krankheiten wie Tbc und HIV wird uns berichtet, dass beide erfolgreich behandelt werden. Seit zehn Jahren gebe ein nationales Tbc-Programm, die Dynamik habe abgenommen. Seit 2001 sei im Land kein Fall mehr bekannt geworden, bei dem HIV durch eine Blutspende übertragen wurde. Seit 2008 gab es keinen Fall mehr einer HIV-Übertragung von der schwangeren Mutter auf das Kind, was die WHO als besonderen Erfolg ausgezeichnet hat. Was Multiresistenzen angeht, erhofft man sich Verbesserung durch die Einführung der Rezeptpflicht ab März 2018, für Antibiotika ab Oktober 2018. Bisher werden fast alle Arzneimittel frei verkauft. Mit der Rezeptpflicht soll ein rationalerer Arzneimittelgebrauch gefördert werden.

Mit stolzgeschwellter Brust und im weißen Kittel führt uns Rektor Muradyan sodann durch das Krankenhaus Nr.1, die älteste Klinik in Jerewan, gegründet 1914, die vor kurzem sehr schön und stilgerecht renoviert wurde. Dort befindet sich ein von der Weltbank finanziertes sog. Simulationszentrum. An Puppen können medizinische Untersuchungen bis hin zur Reanimation geübt werden. An anderen Puppen von Schwangeren werden gerade indische Ärzte in der Geburtshilfe ausgebildet. Der ganze Stolz der Klinik ist ein neu errichtetes Reha-Zentrum für Kriegsveteranen, die „Helden“ genannt werden. Dort kommen modernste Physiotherapie-Geräte zum Einsatz, die das Laufen, Aufrichten, und das Wiedererlernen von Bewegungsabläufen trainieren. Darunter ein 350000 € teures Gerät zum Lauftraining. Auch ein Schwimmbecken ist im Einsatz. Das Zentrum wurde von einem Oligarchen finanziert und nennt sich „Rehabilitation Centre for Motherland’s Defenders“. Damit hinterlässt der Bergkarabach-Konflikt auch hier deutliche Spuren. Ein bürgerlich eingerichteter Salon lässt hinsichtlich von Komfort keine Wünsche übrig. Auch Patienten aus dem Ausland werden hier behandelt.

Unser gesamter Besuch in der Klinik wird gefilmt und live ins Internet gestreamt. So erweist sich Rektor Muradyan als brillanter Marketingmann, der uns hinsichtlich seines Habitus von Macht, Kompetenz und Autorität ein eindrucksvolles Schauspiel geliefert hat.


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