Auf einem Tisch stehen Teller mit weißen Käse und Tomaten-Gurken-Salat.

30.5.2018 | Von:
Ulrike Müller

6. Die Jugend auf dem Sprung: Ministerium für Sport und Jugend

Datum: 23.02.2018

Im Gespräch mit Tamara Torosyan im Ministerium für Sport und Jugend konnte ein Einblick in die Perspektive der Regierung erlangt werden. Besonders interessant war hier die Bewertung der hohen Emigration junger Armenier*innen.

Jugend- und SportministeriumJugend- und Sportministerium (© Ingrid Schneider)

Nein, sie ist nicht die Ministerin für Sport und Jugend in Armenien – das ist ein Mann. Tamara Torosyan, lange dunkle Haare und Mitte vierzig, ist Abteilungsleiterin im Ministerium und zuständig dort für Jugendpolitik. Dass sie von einem aus unserer Gruppe für die Ministerin gehalten wird, findet sie dann doch recht komisch – und lässt sie ziemlich herzlich lachen. Das Ministerium für Sport und Jugend in Armenien ist klein und der Frauenanteil ist hoch. Tamara Torosyan ist nicht die einzige Abteilungsleiterin im Ministerium, der Chef allerdings ist ein Mann.

Wir haben mir ihr vor allem über die vielen 16- bis 30-jährigen gesprochen, die jedes Jahr das kleine Land verlassen, nach Angaben der Behörden sollen es etwa dreißig-bis vierzigtausend im Jahr sein. Die Gründe liegen für Tamara Torosyan auf der Hand: An erster Stelle ist es die schwierige wirtschaftliche Lage in Armenien, an zweiter Stelle der Wunsch nach neuen Erfahrungen, nach Selbstverwirklichung und nach einer guten Ausbildung.

Armenien hat in seiner Geschichte viele Auswanderungswellen erlebt, vielleicht kommt daher auch eine gewisse offizielle Gelassenheit bei dem Thema. Tamara Torosyan hält es jedenfalls nicht für sinnvoll und auch nicht für möglich Auswanderung zu verhindern. Ihrer Erfahrung nach halten die Menschen auch weiter ihre enge Verbindung zu Armenien aufrecht, schon wegen der ihrer Familien. Manche kämen auch zurück, gut ausgebildet und mit neuen Impulsen für das Land.

Zwei Aspekte die sie nicht erwähnt hat, könnten die offizielle Gelassenheit weiter befördern. In Armenien drücke sich Protest in Auswanderung aus, nicht in Unruhen oder Demonstrationen – so haben das jedenfalls einige unserer armenischen Gesprächspartner gesehen. Zudem schicken die Auswanderer viel Geld in ihre alte Heimat, derzeit macht das laut einer deutschen Statistik um die 13 Prozent des armenischen Bruttosozialprodukts aus.

Das armenische Jugend-und Sportministeriums hat auf seiner Homepage eine Studie zur Lage der Jugend in Armenien veröffentlich. Die ganz große Mehrheit, die auswandert, geht danach nach Russland, nämlich 78 Prozent. Dann folgen die USA und Kanada mit jeweils sechs Prozent und erst an letzter Stelle die europäischen Staaten mit 2 Prozent. Wenn die Auswanderer frei entscheiden könnten und ohne auf Visum und Aufenthaltserlaubnis angewiesen zu sein, sähe das etwas anders aus, dann würde zwar immer noch eine Mehrheit von 51 Prozent am liebsten nach Russland gehen. Auf Platz 2 kämen aber die USA, gefolgt von Frankreich und Deutschland.

Auch wenn Auswanderung kein wirklich brennendes Thema für die Behörden zu sein scheint: für jungen Menschen in Armenien ist es das offensichtlich schon. Fast zwei Drittel der jungen Armenier und Armenierinnen denken darüber nach, ihr Land zumindest vorläufig zu verlassen – auch das ist ein Ergebnis der Studie.


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