Auf einem Tisch stehen Teller mit weißen Käse und Tomaten-Gurken-Salat.

4.6.2018 | Von:
Jörg Wimalasena

10. Aktiv für Menschenrechte und Zivilgesellschaft: PINK, Women’s Resource Center und Socioscope

Datum: 24.02.2018

Im Human Rights House Yerevan bot sich die Möglichkeit auf Tuchfühlung mit Aktivist*innen der LGBT-Organisation PINK, der Frauenrechtsorganisation Women’s Resource Center sowie Socioscope, die Studien zur Zivilgesellschaft macht, zu gehen.

Aktiv für MenschenrechteAktiv für Menschenrechte (© Ingrid Schneider)

Es ist gar nicht so leicht, das Human Rights House (HRHY) im Norden Jerewans zu finden. Die Zufahrtsstraße ist zu eng, als dass dort ein Bus halten könnte und auch von außen ist der zweistöckige Bau kaum von der Umgebung zu unterscheiden. Vielleicht liegt die mangelnde Sichtbarkeit an den politischen Themen, denen sich die Menschen widmen, die im Human Rights House arbeiten. Hier beschäftigt man sich mit Konfliktfeldern, die weite Teile der armenischen Gesellschaft und Politik kaum wahrnehmen. Im HRHY kämpfen Aktivisten unter anderem für die Rechte von Frauen, Homosexuellen und HIV-Infizierten. Es ist eine Art Coworkingspace für Menschenrechtler.

Da ist zum Beispiel Gohar Shanhnazaryan. Im geräumigen Konferenzraum im Untergeschoss begrüßt die Co-Chefin des Woman’s Ressource Centers (WRC) ihre Gäste. Gemeinsam mit anderen Menschenrechtsorganisationen hat das WRC sein Büro im Human Rights House eingerichtet. Die Aktivistinnen kämpfen für Frauenrechte und unterstützen Opfer von häuslicher Gewalt. „70 Prozent der Frauen in Armenien berichten, dass sie psychisch oder körperlich von ihren Partnern missbraucht wurden – und dennoch erkennen Politik und Gesellschaft das Problem nicht an“, klagt die Aktivistin. Häusliche Gewalt werde als Familienangelegenheit abgetan. Gerade in ländlichen Gegenden gebe es kaum Ansprechpartner für Frauen. Die Behörden würden Betroffene außerdem schikanieren. Zumindest gibt es seit November in Armenien ein Gesetz, das häusliche Gewalt problematisiert. Doch Shanhnazaryan geht es nicht weit genug: „Statt Gewalt zu bestrafen geht es in dem Gesetz lediglich um ‚Prävention’“. Die einflussreiche armenische Kirche habe sogar den Titel des Gesetzes geändert. Abgeschwächt ginge es nun lediglich noch um die „Harmonisierung familiärer Beziehungen“. Ein Schritt in die richtige Richtung sei das Gesetz dennoch.

Die LGBT-Aktivisten von Pink Armenia haben sich ebenfalls im Human Rights House niedergelassen und kämpfen für die Rechte sexueller Minderheiten – und das in einem Land, in dem vor allem Homophobie sehr verbreitet ist. „98 Prozent der Armenier halten Homosexualität für unmoralisch und 90 Prozent wollen gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisieren“, sagt Nvard Margaryan. Schwule litten besonders unter körperlicher Gewalt durch Verwandte und Übergriffe in der Öffentlichkeit. Zwischen 2010 und 2015 führte Pink Armenia 200 Interviews mit jungen Homosexuellen durch. „198 berichteten, dass sie bereits Opfer eines Hassverbrechens geworden seien“, sagt Margaryan. Die Behörden würden Verbrechen nur unzureichend verfolgen. Die Aktivisten möchten vor allem die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. „Es geht darum, die Sichtbarkeit schwulen Lebens zu erhöhen und die Einstellungen der Menschen zu verändern“ fasst Margaryan ihre Arbeit zusammen.

Die Organisation Socioscope hat sich dem Ziel verschrieben, politische Entwicklungen in der armenischen Zivilgesellschaft wissenschaftlich zu dokumentieren. „Es gibt immer mehr konservative NGOs als Gegenbewegung zu wirklichen Graswurzelorganisationen“, sagt Socioscopin Anna Zhamakochyan. Die NGOs würden aus Russland und von regierungsnahen Oligarchen unterstützt, um kritischere Organisationen in der öffentlichen Wahrnehmung zu „ersetzen“. In Zusammenarbeit mit Medien versuchen Zhamakochyan und ihre Mitstreiter auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Aus Europa komme allerdings wenig Unterstützung. Dort sei man so an einer Zusammenarbeit mit der armenischen Regierung interessiert, dass man die Marginalisierung der Zivilgesellschaft nicht entschieden genug kritisiere.

Alle Aktivisten im Human Rights House können nur vergleichsweise kleine Erfolge feiern. Entmutigen lässt sich hier dennoch niemand. Die Hoffnung bleibt, dass Minderheitenrechte eines Tages ein Thema sein werden, das nicht nur in unscheinbaren Häusern am Stadtrand von Jerewan diskutiert wird.


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