Auf einem Tisch stehen Teller mit weißen Käse und Tomaten-Gurken-Salat.

4.6.2018 | Von:
Alexander Diehl

11. Journalismus und Medien: Express.am

Datum: 24.02.2018

Im Gespräch mit den Journalisten von express.am fand ein reger Austausch über die armenische Medienlandschaft, alternative Geschäftsmodelle und Pressefreiheit statt. Auch das Erbe von Radio Erivan war ein heiß diskutiertes Thema.

ExpressAMExpressAM (© Alexander Diehl)

Epress.am ist ein (selbst) erklärt unabhängiges journalistisches Netzwerk und seit acht Jahren aktiv. In erster Linie arbeitet man webbasiert, also über die Seite www.epress.am. Dort erscheinen Texte in derzeit drei Sprachen: Armenisch, Russisch und Englisch; bis zu 95 % der armenischen Artikel werden den Angaben nach ins Russische übersetzt, rund 50 % auch ins Englische ("wenn das Thema interessant genug ist"). Anfangs erschien man teilweise auch auf Türkisch, wofür aber das Geld ausgegangen sei. Bespielt werden auch Social Media: Facebook und Twitter, FB sei dabei manchmal reichweitenstärker als die Homepage selbst.

Derzeit sind neun Leute (inkl. Buchhalterin) beteiligt, die Gehälter, die man sich zahle, lägen etwa auf dem branchenüblichen Niveau vor zehn Jahren. Zur Finanzierung der Arbeit versuchte epress.am anfangs auch Werbeplätze zu vermarkten. Man habe das aber wieder habe aufgeben müssen, weil Kunden Einfluss auf Inhalte verlangt hätten. Yuri: Unabhängigkeit beansprucht epress auch solchen Geldgebern gegenüber; „wer sich nicht einmischt, kann uns unterstützen". Zwei Jahre lang (2009/10) sei Geld vom norwegischen Außenministerium gekommen; dann ein Jahr ohne Finanzierung -- da wurde unbezahlt gearbeitet. Seit 2013 sei Geld von einer US-Organisation geflossen, im laufenden Jahr komme welches vom (Norwegischen) Helsinki-Komitee.

In Armenien seien die Medien zu 95 % kontrolliert von der Regierung: das Fernsehen etwa vollständig. Dort würden politische Nachrichten von der Regierung ausgesucht/freigegeben; allenfalls am Ende einer (Nachrichten-)Sendung sei es möglich, freiere Nachrichten zu liefern. Print schwinde, was Reichweite und Bedeutung angeht: Armeniens führende Zeitung habe vor zehn Jahren 10.000 Exemplare täglich gedruckt, heute seien es noch 3.000 – und dahingestellt, ob je auch alle Exemplare verkauft wurden; allen anderen gehe es noch schlechter.

Die meisten politischen Nachrichten erscheinen demnach online – wo der Markt wiederum zu rund 90 Prozent staatlich kontrolliert sei: Von den fünf populärsten Online-Medien im Land geschehe das bei zweien direkt, bei zweien indirekt (diese seien Teil einer Holding, die wiederum dem Schwiegersohn des Präsidenten gehöre); die fünfte Seite werde von der Polizei gleich selbst betrieben, dort finde sich viel "Blaulicht"-Berichterstattung (und wenig sonst).

Beliebte Themen in den Massenmedien seien der Genozid von 1915 und der Konflikt um Berg-Karabach; auch der Präsident spreche gerne über 1915, aber nicht über die heutige Lage im Land. Beim Thema Berg-Karabach erfahre man ebenfalls nichts über die Lage der Menschen dort, stattdessen über symbolträchtige Vorgänge wie das Ändern von Ortsnamen.

Von den dabei epress-MacherInnen hätten einige zuvor bei großen Medien gearbeitet, seien aber im Streit (über von ihnen verlangten Verlautbarungsjournalismus) dort weggegangen. Armen: „Bei epress.am treffen Journalisten die Entscheidungen, was gebracht wird (und wie).“ Die Reichweite der eigenen Arbeit beschreiben die drei als begrenzt, allerdings werde man nach bestimmten Ereignissen als glaubwürdige Quelle wahrgenommen: „Wir schreiben nicht über Showbusiness und Sport.“ (Armen) – Yuri: „Wir halten uns ans Zwei-Quellen-Prinzip, hören den Schüler an und den Lehrer, den Sträfling und den Gefängnisdirektor.“

In der politischen Rhetorik im Land gebe es "nur einen Zauberstab": Dass im benachbarten Aserbaidschan alles stets noch viel schlimmer sei. Wie es dort tatsächlich sei, vermittelten aber einzig staatlich kontrollierte Medien, seien es armenische oder aserbaidschanische. Armen sieht epress.am durchaus als eine Art von Feigenblatt, oder wörtlich: (nützlichem) Clown: Man werde deshalb nicht wirklich behindert bei der Arbeit. Die Meinungsfreiheit sei aber in der ganzen Region unter Druck – also etwa auch in Georgien und der Türkei.


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