Auf einem Tisch stehen Teller mit weißen Käse und Tomaten-Gurken-Salat.

4.6.2018 | Von:
Ingrid Schneider

18. Auf einen Tee bei Molokanen

Datum: 26.02.2018

Kontraste spielten während der gesamten Studienreise eine große Rolle. Zu dem diversen Bild trug auch Familie Rudometkin bei, die bei Tee und Gebäck ihre Gemeinschaft vorstellten und zum Nachdenken über Individualität, Zusammenhalt und Identität anregte.

MalokanenMalokanen (© Ingrid Schneider)

Am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes konnten wir überraschenderweise einer molokanischen Familie einen Besuch zum Tee abstatten. Unsere anfänglichen Befürchtungen, in die Situation eines „menschlichen Zoos“ zu geraten, zerstreuten sich rasch. Unsere Gastgeber, Michail und Natalja Rudometkin, ein älteres Paar, strahlten eine große Souveränität und angenehme Selbstverständlichkeit aus. Sie bewirteten uns in ihrer mit Tischen und Bänken ausgestatteten Küche reichlich mit selbstgebackenen Pfannkuchen, gefüllten Teigtaschen, köstlicher Kürbis-Aprikosen-Marmelade und Käse, alles aus eigener Herstellung. Die beiden Gastgeber lachten viel, hatten einen sehr herzlichen und bisweilen verschmitzten Umgang miteinander, vermittelten eine große innere Ruhe und hatten etwas Strahlendes an sich. Aus zwei großen Samowars wurde reichlich leckerer schwarzer Tee ausgeschenkt und ohne Zögern alle unsere Fragen beantwortet.

Die Molokanen (übersetzt: „Milchtrinker“) sind Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Russland entstand und dort v.a. bei der Landbevölkerung des Südwestens Zuspruch erfuhr. Sie bezeichnen sich als spirituelle Christen, die sich gegen den Prunk und die Institutionen der russisch-orthodoxen Kirche und deren Nähe zum Zarentum wandten. Molokanen berufen sich allein auf die Bibel als religiöses Zeugnis. Sie besitzen keine Kirchen, sondern nutzen einfache Versammlungsräume zu gemeinsamen Gebet und Gesang. Es gibt weder Priester noch sind Kreuz und Ikonen erlaubt, sondern nur einfache weiße Gebetstücher. Das Kreuz gilt als Zeichen der Schmach und Hinrichtung Christi, während die Molokanen die Auferstehung Christi betonen und Ostern als höchsten Feiertag anerkennen. Zum Protest der Molokanen gegen die russisch-orthodoxe Kirche zählt auch die Ablehnung strenger Fastenregeln wie des Milchverbots, woher sie ihren Namen erhielten. Wegen ihrer Auflehnung gegen weltliche und kirchliche Autorität und der Verweigerung des Militärdienstes erfuhren die Molokanen Repressionen und wurden ab 1825 unter Zar Nikolaus I. zwangsweise an die äußersten Ränder des Zarenreichs umgesiedelt. Insbesondere wurden sie benutzt, um die neu dem russischen Imperium einverleibten Kaukasusgebiete zu kolonisieren und zu russifizieren. Molokanen leben nach strengen Regeln: Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Tanz. Geheiratet wird nur innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Man lebt in der dörflichen Abgeschiedenheit, Kontakte nach außen gibt es wenige. Miteinander wird allein Russisch gesprochen. Ihre Religion leben die Molokanen in der eigenen Gemeinschaft. Einen Priester in herausgehobener Stellung gibt es nicht. Vielmehr wird eine Art Dorfältester gewählt, der bei auftauchenden Problemen mit Rat und Tat beiseite steht. Gebetet wird dreimal täglich zu den Mahlzeiten, am Wochenende wird ein gemeinsamer Gottesdienst im dorfeigenen Versammlungsraum abgehalten.

Michail und Natalja Rudometkin haben sich schon im Jugendalter füreinander entschieden. Als der zweijährige Militärdienst des Mannes abgeleistet war, wurde geheiratet. Einen Dienst an der Waffe lehnen die Molokanen ab, sie leisten stattdessen einen zivilen Dienst in der Armee. Das Paar hat drei Kinder. Zwei Söhne arbeiten in Russland. Dort haben sie die beiden bereits besucht und sie halten über Skype mit ihnen Kontakt. Im Übrigen nutzen sie das Internet genausowenig wie Fernsehen, Radio oder Zeitungen. Bildung hat einen niedrigen Stellenwert. Die dörfliche Gemeinschaft lebt von der Landwirtschaft, insbesondere vom Gemüseanbau. Alle Familien versorgen sich weitestgehend selbst, eine dörfliche Arbeitsteilung im strengen Sinne gibt es nicht. Molokanen sind sehr arbeitsam, beginnen bereits morgens in der Frühe mit der Feldarbeit und schon die Kinder arbeiten mit. Im Sommer zählt das Dorf zu Hochzeiten insgesamt um die hundert Kühe, die in der Umgebung weiden und von den Frauen gemolken werden. Schon ein achtjähriges Mädchen melkt 6-8 Kühe zweimal täglich per Hand. Die Landwirtschaft ist kaum mechanisiert, Pestizide werden nicht genutzt.

Früher gab es 22 rein molokanische Gemeinden in Armenien, heute nur noch eine. Zu Sowjetzeiten sei es ihnen besser gegangen, berichtet das Paar. Die Frau arbeitete in einer Textilfabrik und trug so zum Familieneinkommen bei. Die Fabrik ist längst geschlossen. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit migrieren viele Männer nach Russland und arbeiten dort meist im Baugewerbe als Hilfsarbeiter. Früher war der Krautsalat der Molokanen in der Sowjetunion begehrt, ebenso wurde das Fleisch der Kühe und Schafe exportiert. Nach dem Erdbeben von 1988 und dem Zerfall der Sowjetunion ist diese Einkommensquelle versiegt, man beliefert nur noch lokale Märkte.

Frauen im Jugendalter dürfen das Dorf nur in Begleitung verlassen. Und wenn männliche Jugendliche aus dem armenischen Nachbardorf ein Auge auf ein molokanisches Mädchen würfen, gebe es schon mal Raufereien. Ansonsten gebe es kaum Konflikte im Dorf, alles würde friedlich geregelt. Die Aufrechterhaltung der Gemeinschaft steht über allem. Familien in Notsituationen, etwa bei Krankheit, wird solidarisch geholfen. Die ganze Gemeinde sammelt Geld und hilft in praktischen Dingen. Deshalb sehen unsere beiden Gastgeber auch ihrem eigenen Alter mit Zuversicht entgegen. Man werde für sie sorgen, niemand werde allein gelassen. Das Erbrecht sieht vor, dass der jüngste Sohn den Hof erbe. Dies sei so geregelt, weil die Eltern den älteren Kindern helfen können, ein Haus zu bauen und Felder zu bekommen. Wer nach „außen“ heiratet, wird von der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Auf die Frage, ob sie nach Paris reisen würden, wenn ihnen eine solche Reise finanziell ermöglicht würde, antworten unsere Gastgeber, sie wären nicht abgeneigt, aber da das Dorf viel darüber reden und es wohl eher missbilligen würden, würden sie wohl darauf verzichten. Auch von Armenien selbst habe man bisher wenig gesehen.

Die Entscheidung, Touristen in ihr Dorf und Haus zu lassen, bedurfte der Zustimmung der Gemeinschaft. Diese war einverstanden, sofern kein Alkohol und Tanz erfolge und das Ganze nicht ausarte.

Den Besuch empfand die ganze Gruppe als sehr eindrucksvoll und er zog lebhafte abendliche Diskussionen nach sich. Angetan waren alle von der inneren Strahlkraft, der Authentizität, dem Humor und der herzlichen Zugewandtheit des Paares, sowohl im Umgang miteinander wie mit uns BesucherInnen. Hier war nichts gestellt oder zur Touristenshow degradiert. Die herzliche Gastfreundschaft war wohltuend, alle saßen bald mit glühenden Gesichtern, aßen und lauschten. Freilich war allen klar, dass der Preis für die Aufrechterhaltung der molokanischen Gemeinschaft in strengen Regeln und einer hohen sozialen Kontrolle liegt. Individualität zählt wenig, der Begriff der Selbstverwirklichung liegt fern. Die große Zufriedenheit, welche die beiden in ihrem einfachen, aber sauberen und sehr zweckmäßig ausgestatteten Haus ausstrahlten, hatte nachhaltige Wirkung. Sie machte jedenfalls sehr deutlich, dass es auch ganz andere, kommunitäre Lebensformen gibt. Einige TeilnehmerInnen meinten, sie hätten gerne noch Fragen nach Diskriminierungserfahrungen durch Armenier gestellt und ob in eventueller Abwertung seitens der Mehrheitsgesellschaft ein Grund für den starken Rückzug läge. Auch die Frage, ob das Dorfleben nicht sehr einengend sei, haben sich wohl viele gestellt. Der Gegensatz zwischen der morgens besuchten internationalen Eliteschule und der dörflichen Gemeinschaft der Molokanen hätte kaum krasser ausfallen können. Auch in Armenien gibt es viele Welten nebeneinander. Wissenschaftlich spricht man seit einiger Zeit von einer neuen Trennlinie, die sich quer zum Links-Rechts-Gegensatz entwickelt, nämlich der zwischen Kosmopolitismus und Kommunitarismus. Kosmopoliten bejahen die Globalisierung, sind polyglott, geben sich weltoffen und tolerant anderen Religionen und kulturellen Unterschieden gegenüber. Kommunitaristen hingegen beziehen sich vor allem auf die Gemeinschaft, sei sie religiös, geographisch oder ethnisch konstruiert. Globalisierung weckt bei ihnen vor allem Angst, abgehängt zu werden. Die Gefahr liegt im Nationalismus und der Ausgrenzung alles Anderen. Beim Kosmopolitismus liegt die Gefahr darin, dass man sich nur noch in der eigenen Blase unter Gleichgesinnten (und oft auch: ähnlich Privilegierten) bewegt, dabei Kontakt und Verankerung zur Basis, den so genannten einfachen Leuten, verliert.

Jedenfalls hat der eindrückliche Besuch bei der molokanischen Familie bei Manchen Zweifel gesät, ob der Individualismus, die Leistungsorientierung und der Druck zur Selbstoptimierung wirklich das Nonplusultra eines gelungenen Lebens darstellen. Uns wurde eindringlich vor Augen geführt, dass es Alternativen gibt und diese gelebt werden. Ohne dass dies in Ausgrenzung des Anderen umschlagen muss. Die (mehr oder weniger) freiwillig gewählte Selbstbeschränkung jedenfalls, das sich Aufgehobenwissen in der Gemeinschaft, die solidarische Sorge füreinander und das Miteinander stellen jedenfalls eine bewusste Abkehr vom Materialismus und dem Schneller-Höher-Weiter dar. Ohne einer Idealisierung und einem Romantizismus zu verfallen, brachte der Besuch jedenfalls einen wertvollen Anstoß, den Gemeinsinn zu pflegen – und das kann auch zuhause in der eigenen Familie, Nachbarschaft, im Stadtteil und in sozialen Gruppen geschehen.


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