Perzeption – Partizipation – Politische Teilhabe Podium

26.6.2018 | Von:
Felix Schlagwein

Workshop 2: Politische Bildung = Politinformazija?

Fördern und fordern. Welche Spezifika gibt es in der politischen Bildungsarbeit mit Deutschen aus Russland und russischsprachigen Gruppen?

Panelteilnehmer und- teilnehmerinnen:

  • Edgar Born, Aussiedlerbeauftragter der Evangelischen Landeskirche, Schwerte
  • Dr. Natalia Roesler, Vorstandsmitglied BVRE e.V, Berlin
  • Alexandra Dornhof, Deutsche Jugend aus Russland, Frankfurt am Main
  • Dr. Dmitri Stratievski, Stellvertretender Vorsitzender des Osteuropazentrums, Berlin
Moderation: Sarah Laukamp, bpb, Berlin

Workshop 2Aussiedlerbeauftragter der Evangelischen Landeskirche Edgar Born diskutiert beim Workshop 2 Politische Bildung = Politinformazija? Fördern und fordern. Welche Spezifika gibt es in der politischen Bildungsarbeit mit Deutschen aus Russland und russsischsprachigen Gruppen? (© Lars Welding)

"Politische Bildung = Politinformazija?" Eine provokante Gleichung, die man aber so nicht aufstellen kann – darin waren sich alle Teilnehmer*innen des Workshops einig. Natalia Roesler, Vorstandsmitglied des BVRE e.V. Berlin, plädierte dafür, das "=" durchzustreichen. Wer wie sie selbst die ideologisch und politisch motivierte Form der Bildung der Politinformazija erfahren habe, wisse, dass politische Bildung genau das Gegenteil sei. Denn sie sollte vor allem unparteiisch sein und auch nicht zwangsläufig politisch. Zu politischer Bildung gehörten ihrer Meinung nach ebenso Themen wie Atomkraft oder sexuelle Aufklärung. Das Ergebnis solle sein, dass Menschen Zusammenhänge in der Gesellschaft verstehen und anschließend in ihr partizipieren – was nicht zwangsläufig ein politisches Engagement bedeuten müsse, so Roesler.

Ihr Verein, der Bundesverband russischsprachiger Eltern, setze deshalb auf politisch-gesellschaftliche Bildung in russischer Sprache, um auch Einwanderer, die des Deutschen nicht mächtig sind, zu integrieren. Dabei experimentierten sie und ihre Kollegen*innen mit verschiedenen Formaten (online sowie offline) wie Diskussionsrunden und Treffen in verschiedenen Städten. Diese würden oft gefilmt und online zur Verfügung gestellt.

Roesler eröffnete mit der Vorstellung ihrer Person und ihrer Arbeit den Workshop "Politische Bildung = Politinformazija? Fördern und fordern. Welche Spezifika gibt es in der politischen Bildungsarbeit mit Deutschen aus Russland und russischsprachigen Gruppen?". Moderatorin Sarah Laukamp (bpb) hatte zu Beginn um eine kurze Vorstellungsrunde der Panelteilnehmer*innen gebeten, um im Anschluss so schnell wie möglich in die Interaktion mit dem Plenum zu treten. Das Konzept ging auf. Untereinander wurde engagiert diskutiert. Oft war man sich einig, manchmal auch nicht.

Dr. Dmitri Stratievski, Stellvertretender Vorsitzender des Berliner Osteuropazentrums, kritisierte Roeslers monolingualen Ansatz. Zweisprachige Bildung sei hingegen das Erfolgs- wenn auch nicht das Patentrezept in Bezug auf Russlanddeutsche. Nur deutsche Angebote bereitzustellen wäre fatal, so Stratievski. Damit blieben viele Menschen unter dem Radar. Aber durch das Angebot in ausschließlich russischer Sprache würde das Integrationspotential der zu Bildenden angezweifelt. Politische Bildung in russischer Sprache sei dennoch nötig, so Stratievski. Sie müsse sich aber mit deutschen Angeboten gegenseitig ergänzen. Diese seien unter anderem wichtig, um Rechtsextremismus einzudämmen. Die russisch-deutsche Community habe eine "gewisse Affinität" gegenüber dieser Ideologie. "Dem müssen wir Paroli bieten", betonte Stratievski.

Für Alexandra Dornhof von Deutsche Jugend aus Russland e.V. steht bei der politischen Bildung junger Russlanddeutscher die Frage der Identität im Mittelpunkt. Bei ihrer Arbeit vor Ort in Frankfurt am Main stehe sie immer wieder vor zwei Herausforderungen. Zum einen hätten viele junge Russlanddeutsche mit ihren "multiplen Identitäten" zu kämpfen, erklärt sie. Die Jugendlichen hätten unterschiedliche kulturelle und politische Prägungen und Einflüsse aus beiden Ländern, die sie gegeneinander abwägen müssen. Deshalb fühlten sie sich oft zwischen den Stühlen, erklärte Dornhof. Zudem würden viele sowohl deutsche als auch russische Medien konsumieren, was eine Selbstfindung zusätzlich erschwere. Vor allem durch mediale Bildung versuche sie deshalb mit ihrem Verein die deutsch-russische Jugend "zu kritikfähigen und reflektierten Menschen zu machen."

Auf die Frage von Moderatorin Laukamp, mit welchen Stereotypen sich deutsch-russische Jugendliche konfrontiert sehen, antwortete Dornhof prompt: "Aus Russland kennen wir den ständigen Vorwurf des Verrats, in Deutschland denkt man wir seien die 'fünfte Kolonne Putins'." Stereotype wie diese, gepaart mit starkem Druck von außen, hätten einen negativen Effekt auf junge Russlanddeutsche. Sie würden enttäuscht und dadurch genau in diese kritische Ecke gedrängt. In diesem Kontext bezeichnete Dornhof die ARD-Dokumentation "Deutschland – Heimat – Fremdes Land" über Russlanddeutsche als "beschämend". Anstatt mit Klischees aufzuräumen und ein differenziertes Bild der großen deutsch-russischen Minderheit in Deutschland zu zeigen, habe sie ein tendenziöses, fatales Signal gesendet. "Das war ein Rückschlag für unsere aufklärerische Arbeit", kritisierte Dornhof.

Edgar Born sieht beim Thema politische Bildung von Russlanddeutschen neben den staatlichen Trägern auch die Kirchen in der Pflicht. Da rund die Hälfte der Spätaussiedler evangelisch sei habe die Evangelische Kirche in Deutschland eine "Bringschuld gegenüber ihren neuen Mitgliedern." Der Aussiedlungsbeauftragte der Evangelischen Kirche Westfalen sieht seine Aufgabe darin, den Russlanddeutschen "Lust zu machen auf eine Streitkultur, die eine demokratische Gesellschaft braucht." Er kritisierte, dass man sich bei der Integration von Zugewanderten jahrelang zu einseitig auf die Sprache konzentriert habe. Dabei müsse man gleichzeitig auch Werte wie Meinungsfreiheit und die Gleichstellung von Mann und Frau vermitteln, so Born.

Neben Inhalten gehe es bei politischer Bildung auch immer um Haltung. Die Krim-Krise und der Fall Lisa hatten gezeigt, dass es Konfliktlinien innerhalb der deutsch-russischen Community gebe. "Es brannte an allen Ecken", sagte Born. Die Aufgabe der Bildenden bestehe darin, sich unparteiisch in diese Streitigkeiten einzumischen und einen konstruktiven Dialog zwischen beiden Fronten wiederherzustellen. "Auf diesem Weg müssen wir bleiben und miteinander und voneinander lernen", bekräftigte er.

Anschließend leitete Moderatorin Sarah Laukamp die Diskussion ein, indem sie verschiedenen Zuhörern im Plenum das Wort erteilte. Die Beiträge aus dem Publikum waren zahlreich und regten die Diskussion an. Viele Anmerkungen stammten von Teilnehmern*innen, die selbst in der Integrationsarbeit oder politischen Bildung aktiv sind. Einer der Anwesenden erklärte, die politische Bildung befinde sich in einer Krise. Nach den sozialen Umbrüchen Ende der Sechzigerjahre habe man große Teile der Zielgruppe verloren, wodurch folglich auch die Partizipation abgenommen habe. Zudem kritisierte er eine mangelnde Finanzierung der politischen Bildung, vor allem kleinerer Einrichtungen und Angebote.

Natalia Roesler entgegnete, dass man politische Bildung nicht mit politischen Umbrüchen verwechseln dürfe. Politische Bildung finde sehr wohl statt, sowohl in den Schulen als auch in der Erwachsenenbildung und zudem außerschulisch durch andere Institutionen. Man müsse nur die richtigen Formen und Zugänge finden, um auch Inaktive zu integrieren und zur Partizipation zu bewegen, erklärte sie. Außerdem müsse es zusätzliche Bildungsmaßnahmen für Gruppen geben, die aufgrund von mangelnden Sprachkenntnissen nicht partizipieren können. Dmitri Stratievski fügte hinzu, dass reichlich finanzielle Mittel zur politischen Bildung zur Verfügung ständen. Es fehle jedoch an vielen Ecken an ordentlicher Lobbyarbeit für diese Gelder.

Edgar Born bedankte sich für die Anregung aus dem Publikum und unterstrich die Bedeutung von Kooperationen zwischen den verschiedenen Vereinen und Trägern politischer Bildung. Seine Erfahrung habe gezeigt, dass dies zu einer "Win-Win-Situation" führe. Vor allem bei den "neuen" Zuwanderern habe ein kooperativeres Konzept zum Erfolg geführt. Man müsse daran arbeiten, mehr gemeinsame Formate und Methoden der politischen Bildung zu finden und die Expertise aus unterschiedlichen Bereichen miteinander teilen, erklärte Born. Alexandra Dornhof hob noch einmal die Bedeutung der Identitätsfrage hervor. Sich dieser anzunehmen, müsse die Basis aller politischen Bildung sein.

Eine weitere Stimme aus dem Plenum kritisierte das Ausmaß der bürokratischen Hürden für Vereine und andere Träger der politischen Bildung. Sie würden die erfolgreiche Arbeit stark behindern, so der Zuschauer. Zudem sehe er die aktuelle Entwicklung mit Sorge, dass rechte Verlage und Medien zunehmend versuchten die politische Bildung vor allem junger Russlanddeutscher zu kapern.

Stratievski stimmte dem Zuschauer zu. Man müsse vielschichtige Maßnahmen treffen, um diese Probleme anzugehen, sagte er. "Wir müssen auf jeden Fall bürokratische Hürden abbauen", pflichtete er dem Zuschauer bei. Zudem müssten Russlanddeutsche, die rechtsextreme Medienangebote im In- und Ausland konsumieren, vermehrt und in besonderem Maße von Angeboten der politischen Bildung berücksichtigt werden. Es müssten Angebote geschafften werden, die sich an diese spezifische Gruppe richten, erklärte Stratievski.

Dornhof schloss sich ihrem Vorredner an und veranschaulichte das Problem mit einem zweisprachigen Plakat der AfD. "Rechtspopulisten haben das Potential erkannt", sagte sie. Mit zweisprachiger politischer Werbung auch in den sozialen Netzwerken versuchten sie, die Russlanddeutschen auf einer besonders emotionalen Ebene anzusprechen. Dies sei eine problematische Entwicklung, der sich die politische Bildung entgegenstellen müsse, forderte Dornhof.

Ein weiterer Beitrag aus dem Plenum leitete die abschließende Diskussionsrunde ein. Die meisten deutsch-russischen Familien seien hochpolitisch, so der Zuschauer. Innerhalb der Familie würde engagiert über politische und gesellschaftliche Themen diskutiert, dieser Diskurs jedoch selten öffentlich geführt. Diese Diskrepanz müsse überwunden werden, argumentierte er. Dafür müsse eine verstärkte aber vor allem gleichberechtigte Kooperation zwischen kleinen Vereinen und den großen Sozialverbänden und Trägern der politischen Bildung stattfinden, die bisher oft fehle.

Born schloss sich dem Beitrag an. Auch er plädierte für eine Kooperation auf Augenhöhe und fügte in Bezug auf die Diskrepanz zwischen privater und öffentlicher Partizipation hinzu: "Brücken zwischen diesen beiden Welten zu bauen, das ist die Aufgabe der politischen Bildung." Stratievski formulierte sein abschließendes Statement kurz und bündig: "Die, die politische Bildung machen und die, die sie wollen müssen noch viel dazu lernen."

Im Anschluss an den Workshop fanden sich alle Teilnehmer im Foyer zusammen und konnten im "Open-Space-Format" über Inhalte der verschiedenen Workshops diskutieren und sich austauschen.


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