Perzeption – Partizipation – Politische Teilhabe Podium

26.6.2018 | Von:
Tobias Rinn

Workshop 5: Heimkehrer, (Spät-) Aussiedler, russische Diaspora

Bundesbürger: Fremd- und Selbstzuschreibungen, Erfahrungen und Analyseperspektiven – Was macht einen Migranten zum Mitbürger?

Panelteilnehmer und- teilnehmerinnen:

  • Ernst Strohmaier, Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Stuttgart
  • Medina Schaubert, Vision e.V., Berlin
  • Andrej Novak, Dekabristen e.V., Nürnberg
  • Greta Zelener, Erwachsenenbildnerin, Berlin
Moderation: Kornelius Ens, Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

Workshop 5 (© Lars Welding)

Ob "Aussiedler", "Spätaussiedler" oder "Heimkehrer" – unterschiedliche Begrifflichkeiten bestimmen die Diskurse über Deutsche aus Russland und russischsprachige Gruppen in Deutschland. Unter der Leitung von Kornelius Ens, Direktor des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte, richtete der fünfte Workshop den Fokus auf solche Fremd- und Selbstzuschreibungen sowie die damit verknüpften Integrationsstrategien und Stereotype. Neben den Impulsen der vier Fachreferent/-innen spielten dabei insbesondere die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer/-innen eine zentrale Rolle.

Auch Kornelius Ens begann den Workshop mit einem Einblick in seine persönlichen Berührungspunkte mit der Thematik. Er berichtete den rund 20 Workshopteilnehmer/-innen, dass er in seinem privaten Umfeld immer wieder mit gegensätzlichen Selbst- und Fremdwahrnehmung konfrontiert werde. So habe er beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass eine Familienangehörige nicht als Russlanddeutsche wahrgenommen werden möchte und aus dieser Haltung heraus auch seiner Position als Leiter des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte skeptisch gegenüberstehe – eine Episode, die aus seiner Sicht stellvertretend für die Relevanz des Themas stehe.

Dieser Einstieg wurde von den Referent-/innen aufgegriffen, die ebenfalls einen kurzen Einblick in ihre Alltagserfahrungen gaben. Neben Ernst Strohmaier, stellv. Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, und Andrej Novak, Politikwissenschaftler und stellv. Vorsitzender von Dekabristen e.V., waren die Erwachsenenbildnerin Greta Zelener sowie Medina Schaubert, Geschäftsführerin von Vision e.V., als Expert/-innen auf dem Podium vertreten.

Greta Zelener, deren Eltern in den 1990er Jahren als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, legte dar, inwiefern ihre Familie in der Ukraine grundsätzlich als "jüdisch" klassifiziert worden sei, obwohl sie keine wirkliche Verbindung mehr zur hebräischen Kultur gehabt hätte. Deshalb seien ihre Eltern nach der Emigration nach Deutschland in der jüdischen Gemeinde in Berlin auch von Anfang an als "Russen" bezeichnet worden. "Ihr Verhältnis zu Fremd- und Selbstzuschreibungen war deshalb immer ambivalent", betonte Zelener.

Daran anknüpfend berichtete Medina Schaubert, dass sie ihre russlanddeutsche Herkunft lange Zeit nicht als besonderes Merkmal eingestuft habe. Erst nach dem Eintritt in eine politische Partei sei ihr dieses Gefühl vermittelt worden, da sie als "Aussiedlerin" sofort mit dem Themenfeld der Integrationspolitik betraut wurde. "Ich wurde von meiner Umgebung in diese Rolle zurückkatapultiert", bewertete Schaubert die damalige Situation. Dies sei mit dem eigenartigen Gefühl verbunden gewesen, dass der fremde Blick eine unmittelbare Auswirkung auf die eigenen Fähigkeiten und Interessen gehabt habe.

Anschließend an diese schlaglichtartigen Einblicke in die alltäglichen Erfahrungen der Referent/-innen wurden von diesen in einem zweiten Teil des Workshops allgemeine Thesen zum Thema Selbst- und Fremdzuschreibungen präsentiert und diskutiert. In diesem Zusammenhang rückte nun auch die Frage "Was macht einen Migranten zum Mitbürger?" in den Vordergrund.

Der einleitende Beitrag von Andrej Novak stütze sich dabei auf die Migrationsforschung des amerikanischen Wissenschaftler John Berry, der modellhaft zwischen Assimilation, Integration, Separation und Marginalisierung von Migranten in einer Gesellschaft unterscheidet. Aus wissenschaftlicher Sicht wird demnach die Integration als erfolgversprechendste Einwanderungsstrategie angesehen, bei der die eigene kulturelle Herkunft akzeptiert und gleichzeitig Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft gesucht wird. Viele Russlanddeutsche hätten laut Novak jedoch nach ihrer Ankunft in Deutschland die eigene kulturelle Identität zunächst zurückgestellt, um sich der deutschen Gesellschaft anzupassen. Diese Assimilationsstrategie sei allerdings mit hohen Hürden verbunden gewesen und habe oft zu einer unsicheren Selbstwahrnehmung geführt. Gleichzeitig betonte Novak, dass für eine erfolgreiche Integration von der Aufnahmegesellschaft auch entsprechende Integrationsangebote bereitgestellt werden müssten – ein Befund der sich auch auf die aktuelle Migrationsdebatte übertragen lasse.

Ernst Stohmaier ergänzte, dass ebenjene Integrationsangebote in den 1990er Jahren, als zahlreiche (Spät-)Aussiedler nach Deutschland gekommen sind, gefehlt hätten. Auf der anderen Seite kritisierte er an dem von Andrej Novak vorgestellten Modell, dass dieses zu oberflächlich sei und viele Feinheiten – etwa die Vielschichtigkeit der kulturellen Identität – nicht berücksichtige. Seiner Ansicht nach liege die Grundlage für eine differenzierte und reflektierte Selbstwahrnehmung vor allem in der Selbstorganisation von Russlanddeutschen und russischsprachiger Gruppen in Deutschland, erläuterte Strohmaier.

Auf einen weiteren Themenkomplex fokussierte sich Greta Zelener, welche auf die Gemeinsamkeiten und Differenzen der Einwanderung von Russlanddeutschen und sogenannten jüdischen Kontingentflüchtlingen einging. Die Umstände der Zuwanderung würden die beiden Gruppen zwar einen. Da den Kontingentflüchtlingen jedoch die Einbürgerung versagt worden sei und ihnen bis heute kein Rentenanspruch in Deutschland zustehe, werde an dieser Stelle eine erfolgreiche Integration behindert. Dies erschwere allgemein auch die politische Partizipation, wodurch in dieser Hinsicht ein Vakuum entstehe, welches von rechten Gruppierungen ausgenutzt werden könne. Als Ernst Stohmaier diese Sichtweise als "Neiddebatte" bezeichnete, provozierte er damit eine äußerst kontroverse Diskussion, in deren Verlauf er für seine Aussage viel Kritik erntete.

In einer letzten Phase wurde der Meinungsaustausch schließlich für die Teilnehmer/-innen des Workshops geöffnet, die sich mit eigenen Fragen und Beiträgen einbrachten. Dabei wurde auch der Begriff der kulturellen Identität durchaus kritisch beleuchtet. So wurde unter anderem die Gefahr hervorgehoben, dass sich die unterschiedlichen Einwanderergruppen aus dem postsowjetischen Raum zu sehr in inneren Streitigkeiten um die eigene Identität und Herkunft verstricken könnten. Dagegen hob Medina Schaubert hervor: "Es geht auch um die Aufarbeitung dessen, was uns geprägt hat. Darum kommen wir nicht herum."

Daran anknüpfend wurde das Thema Identität nochmals ausgehend von einzelnen persönlichen Erfahrungen in den Blick genommen. Eine ältere Dame aus dem Teilnehmerkreis, welche in den 1990er Jahren als Russlanddeutsche nach Deutschland kam, schilderte beispielsweise sichtlich aufgewühlt, dass sie selbst jahrelang von Freunden als "Deutsche" wahrgenommen wurde – dies habe auch ihrer Selbstwahrnehmung entsprochen. Erst als ihr Freundeskreis von ihrem russlanddeutschen Migrationshintergrund erfahren habe, sei sie als "Russin" angesehen worden.

Kornelius Ens wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass solche Fremdbezeichnungen oftmals mit negativen Stereotypen verknüpft seien. Als ein Grund für diese Sichtweise wurden vonseiten der Debattierenden die historischen Nachwehen des Kalten Krieges angeführt, die zu einer mangelnden Auseinandersetzung mit der osteuropäischen und russlanddeutschen Kulturgeschichte geführt hätten. Als eine Folge könne schließlich auch die fehlende Präsenz dieser Thematik in den vorherrschenden Geschichtsnarrativen angesehen werden, ergänzte der Moderator.

Medina Schaubert unterstrich in diesem Zusammenhang, dass Resignation jedoch nicht die richtige Antwort auf Ressentiments sei. Vielmehr müsse jeder Einzelne die Aufgabe annehmen, in der Gesellschaft immer wieder die Hintergründe der eigenen Herkunft zu erläutern und Wissenslücken zu schließen. "Wenn wir das nicht tun, werden wir das Problem noch mehrere Generationen lang haben", betonte die junge Berlinerin.

Mit welchen Herausforderungen diese Aufgabe verbunden sein kann, verdeutlichte der Umstand, dass das Publikum auch auf Begrifflichkeiten, welche von den Panelteilnehmer/-innen im Laufe der Debatte gebraucht worden waren, durchaus kritisch reagierte und deren Wortwahl hinterfragte. Dass die Diskussionsbeiträge im Verlauf des Workshops zwischen einer analytischen und einer emotionalen Ebene oszillierten, führte darüber hinaus vor Augen, wie vielschichtig und facettenreich sich der behandelte Themenkomplex darstellt. Der kontroverse Gedankenaustausch und die zahlreichen persönlichen Erfahrungsberichte haben aber ebenso aufgezeigt, dass unterschiedliche Fremd- und Selbstwahrnehmungen von Deutschen aus Russland und russischsprachigen Gruppen in Deutschland auch in Zukunft ein wichtiges Diskussionsthema bleiben werden – für die gesamte Gesellschaft.


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