30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Dossierbild Doku "Wir zuerst!" – Nationalismus in Europa und Deutschland.

29.11.2018 | Von:
Luisa Rath

Tagungsbericht:
"Wir zuerst!" – Nationalismus in Europa und Deutschland

5./6. September 2018, InterCity Hotel Mainz

Nationalismus in Europa? Galt das übersteigerte Bewusstsein vom Wert und der Bedeutung der eigenen Nation nicht längst als überwunden? Verkörpert nicht die Europäische Union eine Wertegemeinschaft, die nationale Grenzen überwindet und ihren Bürgerinnen und Bürgern Freiheit und Frieden auf der Basis gemeinsamer politischer Prinzipien garantiert? Aktuelle Entwicklungen in Europa zeigen, dass die Europäische Union kein Garant für die Eindämmung von Nationalismen darstellt. In vielen Ländern sind nationalistisch geprägte Parteien und Agenden erneut erfolgreich.

Die Mainzer Fachtagung "Wir zuerst!" Nationalismus in Europa und Deutschland widmete sich dem internationalen Feld der Nationalismusforschung, deren Fokus dem gegenwärtigen Nationalismus in Europa und in Deutschland galt. Hochkarätige Expertinnen und Experten thematisierten in Vorträgen oder in einzelnen Panels beispielsweise einen neuen Nationalismus in Osteuropa, die Konsequenzen des Brexit für Großbritannien, den Konflikt in der spanischen Region Katalonien, die Rolle von Minderheiten im Nationalismus und die Bedeutung des Sports für nationalistische Positionierungen. Dabei waren das intensive Interesse und der Wunsch nach konstruktiven Diskussionen nicht nur von Beginn an spürbar, sondern verhalfen auch zu einem vollständigen Gelingen der Tagung.

1. Tag: Mittwoch, 5. September 2018

Die Begrüßung der 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfolgte durch Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereiches "Extremismus" der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn (Hier finden sie die Abschrift der Begrüßungsrede). Zum Auftakt der Veranstaltung sprach sie über einen Nationalismus des 21. Jahrhunderts, der spätestens seit 2016 die Programmatik Donald Trumps konstituiert: "America first!". Auch in Europa finden wir Variationen dieser Formeln. Abgewandelt trug die Veranstaltung daher den Titel "Wir zuerst!". Eine Formel, die immer auch den Wunsch nach Abschottung in sich trägt.
Die deutschen Feuilletons, Bücher oder Angebote der politischen Bildung, so Wurzel, setzten sich mit dem gegenwärtigen Nationalismus jedoch kaum auseinander. In Deutschland gelte der Nationalismus historisch als ein Metier der Rechten. Die Forschung zeige jedoch, dass ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Gesellschaft für nationalistische Slogans und Ideen empfänglich ist. Das Defizit an Diskussionen, Seminaren oder Methoden zur Bearbeitung von Nationalismus in der politischen Bildung sei Anlass genug, die Mainzer Fachtagung in ihrem internationalen Format und vielseitigen Ansätzen durchzuführen.

Der Internationalität des Themas wurde nicht nur durch den inhaltlichen Blick auf verschiedene Regionen Europas getragen. Die bemerkenswerte Übersetzungsleistung dreier Dolmetscherinnen und Dolmetscher verwies auf die grenzübergreifende Relevanz und Resonanz der Thematik. Sämtliche Vorträge im Plenum konnten entweder in englischer oder deutscher Übersetzung verfolgt werden.

Nationalismus? Eine Einführung

Überwindung und Wiederkehr: Es sei ein Strukturmerkmal des Nationalismus, so Professor Christian Geulen von der Universität Koblenz-Landau, dass dieser die gesellschaftliche Debatte in zwei Modi dominiert (Video-Icon zum Vortragsvideo). So war beispielsweise die Überwindung des Nationalismus der Grundkonsens für eine neue europäische Ordnung nach 1945 und für die Realisierung weltpolitischer Großprojekte wie die Vereinten Nationen oder die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. In den 1990er Jahren wuchs angesichts des Zerfalls Jugoslawiens die Furcht vor einer Rückkehr zum Nationalismus vor dem Ersten Weltkrieg. Gegenwärtig sehen wir eine scheinbar instabile Europäische Union und das Erstarken von Populismus und nationalistischen Ideen als Indizien für eine Rückkehr zum Weimarer Nationalismus der Zwischenkriegsjahre. Vor solchen historischen Parallelisierungen warnt Professor Geulen jedoch eindringlich.
Während die Nationalismusforschung das Prinzip von Überwindung und Wiederkehr erkennt, spricht der Nationalismus von einer gewünschten Rückkehr der Nation als verloren geglaubte Gemeinschaft. In allen Nationalismen, so Geulen, finde sich die Idee eines mythischen und idealen Ursprungs wieder. Diese kontrastiert jedoch mit der Absicht der modernen Nation, Volkssouveränität als Legitimationsquelle für staatliche Herrschaft in Form einer rationalen politischen Willensgemeinschaft zu etablieren. So sei es gemäß dem Leitsatz der Nationalismusforschung seit den 1980er Jahren nicht die Nation, die den Nationalismus, sondern der Nationalismus, der die Nation hervorbringe.
Geulen sieht den politischen Sinn der Nation in Gefahr und verweist auf aktuelle Problematiken: der Nationalismus versuche, das Politische und die Demokratie neu zu erfinden. Dabei soll eine Verschmelzung von "ethnos" und "demos" stattfinden – von Ethnie und politischer Gemeinschaft. Als zusätzliche Herausforderung sieht Geulen die nationalen und populistischen Bewegungen in Europa, die sich als staatsübergreifende Interessensgemeinschaften basierend auf Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit präsentiere. Der europäische Einigungsprozess dürfe nicht länger als die Überwindung des Nationalen gelten, da wir somit die Instanz und die Idee der Nation jenen neuen Nationalismen überließen, die längst versuchten, sie in ihrem Sinne neu zu erfinden. Es sei an der Zeit, die Nation gegen ihre Ächter und Liebhaber zu verteidigen. Politische Gemeinschaften, so Geulen, gelingen am ehesten dort, wo sie hergebrachte Zugehörigkeitsformen nicht einfach überwölben oder verdrängen, sondern auf diesen aufbauend eine neue übergreifende Form der Solidarität stiften.

Nationalismus, Kultur und Nationale Identität

Nachdem Professor Geulen die Bedeutung der nationalen Zugehörigkeit thematisierte, diskutierte Professor John Hutchinson von der London School of Economics den Begriff der "Identität" (Video-Icon zum Vortragsvideo). Eine partikulare nationale Identität vereint Kultur, Geschichte und den Glauben an ein heiliges Vaterland. Die Existenz des Staates wiederum verwandelt die Aspekte nationaler Identität in soziale Normen: manifestiert in Sozialstaatlichkeit, Staatsbürgerschaft, Sprach- und Bildungspolitiken oder einer Wehrpflicht. Hutchinson verweist auf die Macht des Nationalismus, die anhand des Bündnisses globaler Institutionen erkennbar wird. Nach wie vor ist es der Nationalstaat, der in solche Bündnisse eintritt. Als politische Ideologie scheint der Nationalismus jedoch sehr schwach. Die aktive Gestaltung des Nationalstaates gelingt ihm alleine nicht, sodass er ausschließlich als Ausdruck der Opposition wirksam bleibt. Die Annahme, nationalistische Reaktionen auf Krisen seien immer rechtsorientiert, hält Hutchinson für vereinfachend. Vielmehr bilden die kosmopolitische Ablehnung eines nationalistischen Erbes Europas, die Entfremdung einer Elite von der Bevölkerung und der Populismus einen Nährboden für den Nationalismus. Es sei die Schwäche komplexer Ideologien (z. B. Liberalismus), nur an die Vernunft der Menschen, nicht aber an ihre Emotionen zu appellieren. Dieses Defizit kennt der Nationalismus nicht.

Können wir Europa vorwerfen, dass es die Relevanz nationaler Identität zu lange unterschätzt und kulturelle Debatten somit der radikalen Rechte überlassen hat? Professor em. David McCrone lehrte an der schottischen University of Edinburgh und erkennt in der Verbindung von Kultur und Politik eine entscheidende Notwendigkeit für die Debatte über unsere Identität und Zukunft (Video-Icon zum Vortragsvideo). Nationale Identität und Staatsbürgerschaft, so McCrone, seien keine identischen Konzepte. Folglich könne die nationale Identität nicht durch einen Verfassungspatriotismus, wie ihn Jürgen Habermas postuliert, ersetzt werden: der Verfassungspatriotismus ignoriert kulturelle Aspekte, die für die Definition einer nationalen Identität essenziell sind. Wie schon Hutchinson argumentierte auch McCrone, dass der Nationalismus nicht grundsätzlich ein rechtsorientiertes Phänomen darstelle. Vielmehr erlaube sein Chamäleon-ähnlicher Charakter dem Nationalismus viele Manifestationsmöglichkeiten, die sowohl explizit als auch implizit sein sönnen. McCrone forderte eine explizite gesellschaftliche Debatte über den Charakter der Nation, damit wir den Nationalismus und die Definition einer nationalen Identität nicht einer radikalen Rechten überlassen. Nationale Identität darf nicht als selbstverständlich angesehen werden.

Radikaler Nationalismus in Westeuropa – Gestern und Heute

Nationen sind flexible Einheiten. Auch Timothy Baycroft, Geschichtsprofessor an der University of Sheffield, bestätigte in einer von fünf parallel stattfindenden Paneldiskussionen, dass Nationen von Kultur, Geschichte und einer Identität getragen werden (Video-Icon zum Vortragsvideo). Der Nationalismus sei für die politische Dimension der Nation verantwortlich: er legitimiert die verkündeten Interessen einer Nation. Nationen sind außerdem Mythen und somit nicht "fake", sondern Träger einer symbolischen Bedeutung beziehungsweise einer mythischen Wahrheit. Baycroft differenzierte zwischen einem universalistischen, liberalen und demokratischen Nationalismus, der mit der Französischen Revolution begann und bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts andauerte. Dieser Nationalismus basierte auf der Idee, dass Nationen und Völker identisch sind und als souveräne Körper eine demokratische Opposition zum Absolutismus bilden. Ein partikularer, exklusiver und konservativer Nationalismus hingegen dominierte Europa nach 1848, als die Volkssouveränität in staatliche Verfassungen integriert war und sich der Konflikt somit verlagerte. Der Feind war nicht länger die absolutistische Monarchie, sondern die rivalisierende Nation. Vor allem nach 1945 entstand eine neue Kategorisierungsebene, die bürgerlichen (civic) von ethnischem (ethnic) Nationalismus voneinander trennte. Diese Typologie nennt den bürgerlichen Nationalismus einen "guten" Nationalismus, während sie den ethnischen Nationalismus als "schlechten" Nationalismus verurteilt. Somit ließe sich argumentieren, dass nicht der Nationalismus per se für die Weltkriege verantwortlich war, sondern alleine dessen ethnische Variante. Für Baycroft funktionieren diese Typologie und ihre Konsequenzen nicht. Nationalismus erstarkt in Krisen, in welchen er für die politische Mobilisierung instrumentalisiert wird. Radikalität erfährt der Nationalismus infolge eines ihm zugrunde liegenden Konfliktes, den es zu analysieren gilt.

Professor Tamir Bar-On von der Universität Tecnológico de Monterrey in Mexico war neben Baycroft der zweite Referent in der Paneldiskussion um einen radikalen Nationalismus in Westeuropa (Video-Icon zum Vortragsvideo). Er fragte angesichts der Adaption des Nationalismus durch Radikale Rechte, ob wir uns mit Neo-Faschismus, Populismus oder einer Demokratie in Aktion konfrontiert sehen. Eine eindeutige Antwort gab er nicht. Und dennoch gelang es ihm, die Charakteristika eines rechtsradikalen Nationalismus klar zu formulieren. So äußere dieser sich missverständlich über eine faschistische Vergangenheit, tendiere dazu, vom Aufstieg und Verfall einer dominanten ethnischen Gruppe besessen zu sein und wünsche sich die Errichtung homogener Nationen und Staaten (ethnischer Nationalismus). In den Zwischenkriegsjahren repräsentierte die radikale Rechte einen integralen Nationalismus: der Glaube an das Kollektiv, ein ausgeprägter Antiindividualismus, ein autoritäres oder totalitäres Staatswesen und ein aggressiver und expansionistischer Militarismus. Gegenwärtig sieht sich Europas radikale Rechte als Gegner eines solchen integralen Nationalismus. Sie spielen weitestgehend nach den parlamentarischen Regeln und lehnen Imperialismus oder Kolonialismus ab. Somit erreichte Bar-On das folgende Fazit: die radikale Rechte sollte immer historisch kontextuell analysiert werden, das Label "faschistisch" sollte nicht missbraucht werden und die Forschungsliteratur über die radikale Rechte sollte ihre Voreingenommenheit ablegen.

Geschichtsbilder und -politiken des Nationalismus

In die Paneldiskussion "Geschichtsbilder und -politiken des Nationalismus” leitete der Historiker Professor Christian Jansen aus Trier mit der Vorstellung verschiedener wirkmächtiger historischer Mythen ein. Wichtig sei es, so Jansen, zwischen zwei Phänomenen des Nationalismus zu unterscheiden: Der Begriff bezeichne sowohl ein Konglomerat politischer Ideen, Gefühle und damit verbundener Symbole, die zu einer geschlossenen Ideologie führen können, als auch politische Bewegungen, die diese Ideen tragen. Zwischen Ideen und Bewegungen müsse differenziert werden. Innerhalb der Sphäre des Nationalismus als Konglomerat politischer Ideen wiederum solle zwischen den Ebenen "Ideologie", "Symbole und (staatliche) Identifikationsangebote", sowie "offizielle Geschichtsbilder", unterschieden werden. Nationalismus als politische Ideologie habe Jansen zufolge drei zentrale Komponenten: Erstens die Behauptung der Existenz der "Nation" oder des "Volkes" als handelndes Subjekt der Geschichte; zweitens die Festlegung exklusiver Zugehörigkeit eines jeden Individuums zu einer speziellen Nation und drittens die Stilisierung der Nation zu einem hohen sittlich-moralischen Wert, in der die Zugehörigkeit zu einer Nation über alle anderen Loyalitäten gestellt und die Nation selbst zur wichtigsten Richtschnur menschlichen Handelns erhoben wird. Die dabei hochgehaltenen Grundwerte des Nationalismus seien die nationale Einheit, nach innen und nach außen und die nationale Autonomie als jene Freiheit und Macht, die eine Nation selbstbestimmt und erfolgreich agieren lässt. Das Phänomen Nationalismus als politische Bewegung teilt Professor Jansen in ein Drei-Phasen-Modell ein: Am Anfang stünde die literarische und kulturelle Entwicklung der nationalistischen Idee, die Konstruktion einer Nationalgeschichte inklusive Helden, Mythen und Identifikationsangebote – ein Prozess den der britische Historiker Eric Hobsbawm als "invention of tradition” bezeichnet hat. Der Bezug auf eine vermeintlich gemeinsam erlebte (National-)Geschichte ist dabei von immenser Bedeutung. Die zweite Phase sei Jansen zufolge charakterisiert durch die systematische Agitation der Nationalisten mit dem Ziel zu einer Massenbewegung zu wachsen, auf die die dritte Phase folge, in welcher der organisierte Nationalismus den Charakter einer Massenbewegung bekomme. Dies ist in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts geschehen. Dieses theoretische Modell könne am Beispiel der deutschen Nationsbildung veranschaulicht werden: Den Ausgangspunkt bildeten die Intellektuellen, die Dichter und Denker von der Klassik zur Romantik, die an der Konzeption eines nationalistisch aufladbaren Geschichtsbildes mitschrieben. Wichtige Motive waren dabei die alten Germanen, mittelalterliche Kaiser, die Reformation sowie Frankreich als angeblicher "Erbfeind”. Turner, Sänger und Burschenschaften trugen zur wachsenden Mobilisierung von Städtern und Bildungsbürgern im Rahmen der nationalistischen Bewegung bei. Begleitet wurde diese Entwicklung von politischen Konflikten um konservative, liberale und demokratische Leitideen. Spätestens mit der gescheiterten Revolution von 1848/49 wurde in Deutschland der Nationalismus zu einer Massenbewegung. Diese konnte im Zeichen der Realpolitik mit der politischen Elite, allen voran Bismarck, kooperieren, woraufhin der preußisch geprägte, deutsche Nationalstaat nach den Einigungskriegen zwischen 1864 und 1871 gegründet wurde. Als "zweite”, innere Reichsgründung ließe sich die Kriegsbegeisterung bei Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 beschreiben. Jansen betont abschließend, dass es keine Inklusion ohne Exklusion, und somit keinen Nationalismus ohne Ausgrenzung gebe. Der Potsdamer Politologe, Rechtsextremismusforscher und Privatdozent Dr. Gideon Botsch, zweiter Redner im Panel um Geschichtsbilder und -politiken des Nationalismus, zeigte sich vor allem am Verhältnis von Nationalismus und Nationalstaat interessiert. Botsch beschrieb Nationalismus in erster Linie als Mobilisierungsideologie. Er unterschied zwischen einem defensiven, einem fundamental-oppositionellen Nationalismus und einem Nationalismus an der Macht. Botsch zeigte auf, dass sich aktuelle Akteure des Nationalismus auffallend eklektizistisch auf die deutsche Geschichte beziehen würden. Beispielsweise betone die Alternative für Deutschland (AfD) die Bedeutung der Revolutionen von 1848 und 1989, messe dabei aber der Revolution 1918/19 ein bemerkenswert geringes Gewicht bei, obwohl aus diesem Systemumsturz die erste deutsche Demokratie hervorging. Ferner betonte Botsch, dass der historische Nationalismus sich in der Belletristik, Dramaturgie, in der Historiographie, in der Musik und anderen Feldern als kulturschöpfend erwiesen habe, was für den aktuellen Nationalismus nicht gelte.

Nationalismus und Minderheiten

Professor Samuel Salzborn von der Technischen Universität Berlin erörterte drei Konfliktlinien innerhalb des Konzepts der Minderheiten. Die erste Konfliktlinie richtet ihren Fokus auf die Differenzierung von "Ethos" und "Demos" – mögliche Kategorien der nationalen Zugehörigkeit auf Basis der Abstammung (Ethos) oder eines freien Willens (Demos). Die zweite Konfliktlinie erkennt fremde/zugewanderte und seit mehreren Generationen in einem Staat beheimatete Minderheiten. Die dritte Konfliktlinie thematisiert den Adressat von Minderheitenrechten: entweder der Mensch als Individuum oder eine Minderheit als Kollektiv. Thorsten Afflerbach leitet das Büro des Sonderbeauftragten für Roma-Fragen des Generalsekretärs des Europarats. Er schließt sich den theoretischen Überlegungen seines Vorredners an und veranschaulicht diese am Beispiel der Minderheit der Roma, deren Situation in Europa er zunächst schildert. Konkrete Zahlen über die Anzahl der Roma gäbe es bis heute nicht, so Afflerbach. Viele Staaten verbieten statistische Erhebungen über Ethnizität. Schätzungen zufolge leben in den Mitgliedsstaaten des Europarats zehn bis zwölf Millionen Roma. Sie gelten als eine in vielerlei Hinsicht stark diskriminierte Minderheit in Europa. Zwangsräumungen, Zählungen und gar (tödliche) Gewalt gegenüber Sinti und Roma in Italien oder der Ukraine machen einen noch immer aktuellen Antiziganismus deutlich. Die abschließende Diskussion im Panel thematisierte die Lebensweise der Roma und deren Rolle im Zusammenhang mit gewaltvollen Übergriffen. Zwar seien in Camps lebende Roma äußerst angreifbar, doch die wachsende Gewalt resultiere nicht alleine aus dieser Lebensart. Vielmehr sei sie die Konsequenz einer tief verwurzelten Einstellung. Eine kontroverse Diskussion entfachte auch die Frage, ob Roma durch Kollektiv- oder Individualrechte zu schützen seien. Einerseits trieben Kollektivrechte die Abgrenzung einer Minderheiten voran, andererseits sei es nahezu unmöglich, die so stark diskriminierte Minderheit der Roma anderen Mitgliedern der Gesellschaft ohne die Etablierung spezifischer Gruppenrechte gleichzustellen.

Nationalismus in Deutschland – früher und gegenwärtig

Die Entstehung des deutschen Nationalismus im Kontext der Napoleonischen Kriege skizzierte Frau Dr. Wiebke Wiede von der Universität Trier. Flankiert mit Zitaten von Gottfried Herder und Ernst Moritz Arndt sowie anhand von Bildmaterial vollzog sie die Entwicklung, die Ideologie und die Formierung des so in Abgrenzung entstandenen Nationalismus bis ins Wilhelminische Kaiserreich fort. Daran knüpfte Dr. Volker Weiß, Publizist aus Hamburg, an. Er zeigte, wie sich dieser Nationalismus am Vorabend des Ersten Weltkriegs radikalisierte und dann in den "Ideen von 1914" mündete und sich während des Kriegs im Stellungskrieg gegen den so genannten "Erbfeind" schliff. Durch die Niederlage von 1918 und den Friedensvertrag von Versailles, der weit über die Kreise der radikalen Rechten hinaus als "Schandvertrag" wahrgenommen wurde, radikalisierte sich der Nationalismus erneut. Dieser, um mit einem Wort Ernst Jüngers zu sprechen, "Neue Nationalismus" verstand es, die Elemente der Moderne konzeptionell zu integrieren. Er entwickelte sich zu einer dynamischen und aggressiven Bewegung gegen die Republik, die sich eine "totale Mobilmachung" (Jünger) der Gesellschaft zum Ziel gesetzt hatte. Damit positionierten sich seine Protagonisten nicht nur offensiv gegen die Demokratie, sondern wollten auch den traditionellen wilhelminischen Konservativismus überwinden. Gerade ihr modernes Selbstverständnis als "Revolutionäre" von rechts machte sie zu Wegbereitern des Faschismus beziehungsweise des Nationalsozialismus. Die Fortführung der Traditionslinie des "Neuen Nationalismus" obliegt heute der so genannten Neuen Rechten, hielt Weiß fest.

Nationalismus in Polen

Frau Dr. Świder, Professorin für Geschichte an der Universität Opole, eröffnete die Paneldiskussion mit einem Vortrag über die Geschichte des Nationalismus in Polen. Am Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert war Polen geteilt, sodass der Aufbau einer nationalen Kultur für das Volk schwierig war. Die Bewohner der Grenzgebiete waren gegenüber der Bevölkerung im Kernland nicht gleichberechtigt und weigerten sich, polnische Kulturelemente zu übernehmen. Die nationalistischen Bestrebungen strebten eine Einigung aller polnischen Kräfte an. Ihre Gegner waren Demokraten, Intellektuelle, die Besatzungsmächte und Sozialisten. Juden wurden zu Feinden erklärt, da die katholische Religion als eine Basis für kulturelle und staatliche Einigung galt. Nach dem Ersten Weltkrieg radikalisierte sich im "Lager der großen Polen" die nationalistische Ideologie, sodass in den 1930er Jahren Juden und Sozialisten zur Zielscheibe von Gewalt wurden. Nach der Auflösung des Lagers gründeten sich acht teils faschistische und nationalsozialistische Bewegungen oder Parteien, darunter das Lager, dessen Absicht die Gründung eines "polnischen Staates katholischer Konfession" war. Nationalistische Bestrebungen vor dem Zweiten Weltkrieg waren vor allem antisowjetisch, antideutsch und antisemitisch geprägt. Trotz eines 1945 ausgesprochenen Verbots aller nationalistischen Vereinigungen existierten deren Gedankengut und Strukturen weiter. Der kommunistische Staat nutzte die polnische Hymne, die Flagge und eine teils nationalistische Sprache bewusst, um das Volk hinter ihren Gedanken zu vereinen.
Im Anschluss an Dr. Świder referierte Bartosz Dudek, Leiter der Polen-Redaktion der Deutschen Welle, über den polnischen Nationalismus nach 1989 und dessen Akteure, Ideologien und Ziele. Nach dem Umsturz gründeten sich nationalistische und extrem rechte Parteien (wieder), beispielsweise NOP, ONR, Großpolnische Jugend oder Nationale Bewegung. Gegenwärtig sind nationalistische und extremistische Parteien im Europa- und im polnischen Parlament vertreten. Auch wenn diese rechten Parteien nicht geeint seien, so zeigen sie klare Gemeinsamkeiten: Antikommunismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie, katholischer Fundamentalismus, EU-Ablehnung und NATO-Feindschaft.
Die Diskussion im Plenum konzentrierte sich vor allem auf die aktuelle Situation in Polen. Das Land wird von der PiS-Partei regiert, die nationalistische Elemente hegt: die Abwertung von Menschen muslimischen Glaubens und "Fremden" und die Berufung auf die polnischen Werte. Für Dr. Świder sei die PiS-Partei jedoch keine nationalistische, für Herrn Dudek noch eine rechtspopulistische Partei. Außerdem wurde die Frage aufgeworfen, warum die polnische Bevölkerung der EU trotz massiver Subventionen abwertend gegenüber stünde. Dr. Świder erklärte, dass ca. 70 Prozent der polnischen Bevölkerung der EU-Politik zustimmen. Die Ablehnung sei jedoch vor allem in östlichen Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit sichtbar.

Auf die bisher dargestellten Panels folgten fünf weitere. Vier dieser anschließenden Diskussionen richteten ihren Fokus auf einen Nationalismus in Länder oder Regionen in Europas, während Robert Claus und Professor Dieter Reicher die Rolle des Nationalismus im Sport analysierten.

"SIEG!!!" Nationalismus im Sport

Professor Dieter Reicher ist Soziologe an der Karl-Franzens-Universität in Graz, Österreich. Er eröffnete seinen Vortrag mit der Charakterisierung von Nationalismus. Der Begriff des Nationalismus, so Reicher, sei ein normativer. Außerdem könne der Nationalismus sowohl aus einer emischen als auch aus einer etischen Perspektive heraus betrachtet werden – das heißt von einem Standpunkt innerhalb eines Systems oder einer Kultur oder von einem Standpunkt außerhalb des zugrundeliegenden Systems. Es gäbe verschiedene Perspektiven auf den Nationalismus in Verbindung mit Sport, so Reicher. Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen zeigte er Bilder von fröhlich miteinander feiernden Fans, von schwarz gekleideten Männern mit Deutschlandfahne, deren Wirkung eher abschreckend ist und nannte einen Werbespot, den der DFB vor rund zehn Jahren für Integration und gegen Rassimsu drehte. Der Sport vereine unterschiedliche Wir-Vorstellungen. Professor Reicher referierte besonders über den Nationensport. Ursachen und Gründe für den Nationensport sind ihm zufolge eine funktionale Demokratisierung und Massenkultur, die Massenmedien, die internationale Ordnung und die fehlenden gesellschaftlichen Verwerfungen. Anschließend an Professor Reicher sprach Robert Claus, Projektleiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFaS gGmbH)" in Hannover. Sein Input thematisierte nationalistische Aussagen von Sportfunktionären wie dem ehemaligen DFB-Präsidenten Gerhard Meyer-Vorfelder und den Nationalismus in den Fanszenen, wie er beispielsweise durch Liedgut erkennbar wird. Beim DFB, so Claus, ließen sich sicherlich Veränderungen erkennen. So habe man schon vor Jahren mit dem Anwerben deutscher Spieler mit türkischen Wurzeln für die DFB-Auswahlmannschaften begonnen. Nationalismus im Fußball funktioniere als Abgrenzungsstrategie: "Wir" gegen "Die". Fußball sei affin für Diskriminierung und Nationalismus, da die Frage nach Zugehörigkeit deutlich sichtbar wird. Darüber hinaus biete der Fußball ein kompetitives Umfeld, in dem auch die körperliche Auseinandersetzung relativ zentral ist. Claus sprach auch die sogenannte Özil-Debatte an. Nach dem frühen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft 2018 wurde Mesut Özil vielfach rassistisch beschimpft. Der DFB gab seinem Spieler nicht ausreichend Rückendeckung. Die Debatte, so Claus, sei Beispiel dafür, wie sportliche Belange, Erfolg und Misserfolg, nationalistisch aufgeladen werden. Im Spektrum gewaltbereiter Ultras und Hooligans sei offener Nationalismus und Rechtsextremismus nach wie vor sehr problematisch. Es seien auch Mischszenen aus Hooligans, Kampfsportlern und Mitgliedern freier Kameradschaften entstanden. Die Vorfälle in Chemnitz haben gezeigt, wie stark und wie schnell diese Szenen für Aufmärsche mobilisieren können.
Die folgende Frage beherrschte die anschließende Diskussion: Ist (organisierter) Sport – speziell Fußball – demokratisch oder nicht? Die beiden Referenten waren unterschiedlicher Meinung. Professor Reicher charakterisierte den organisierten Sport eher als demokratisch. Der Sport nivelliere Unterschiede und könne positive Identifikationen herstellen, bei der es weniger um Herkunft, sondern um Leistung geht. Robert Claus hingegen bezeichnete den organisierten Sport als eher undemokratisch. Sport fordere Bekenntniszwänge, die mit Pluralismus und Vielfalt nicht gut zu vereinbaren ist. Darüber hinaus lebe der Fußball von Abgrenzung und funktioniere in binären Begrifflichkeiten (Sieg oder Niederlage). Die Özil-Debatte habe verdeutlicht, dass die Vermittlung komplexer Identitäten im Fußball-Kontext schwierig ist. Somit habe der Fußball eine strukturelle Ähnlichkeit zum Nationalismus.

Should I stay or should I go? Zerfällt Großbritannien?

Der Eindruck, dass der Nationalismus gegenwärtig starken Zuspruch erfahre, wird für viele Bürgerinnen und Bürger durch einen Blick in die Nachrichten aus aller Welt gestärkt. So war beispielsweise Großbritanniens Entscheidung, die Europäische Union zu verlassen, ein viel thematisiertes und kontrovers diskutiertes Ereignis, welches die Rückkehr zum Nationalismus scheinbar deutlich darlegte. Seit dem Brexit-Referendum sind mehr als zwei Jahre vergangen. Dennoch bleiben Fragen: Wie gestalten sich die zukünftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU? Werden nationalistische Stimmen in Schottland und Nordirland versuchen, sich vom Vereinten Königreich zu lösen? Dr. Cathal McManus von der Queen’s University im nordirischen Belfast und Dr. Neil McGarvey von der University of Strathclyde im schottischen Glasgow gaben Einblicke in die Debatten über die Frage "Should I stay or should I go?".

In Nordirland verharren Nationalismus und Unionismus noch immer in einem kulturellen Konflikt. Welche Konsequenzen der Brexit auf diesen Konflikt haben wird führt zu vielen Spekulationen. Jedoch, so McManus, sei der nordirische Unionismus der EU gegenüber skeptischer als der Nationalismus (Video-Icon zum Vortragsvideo). 56 Prozent der nordirischen Wählerinnen und Wähler stimmten für den Verbleib in der Europäischen Union. Meinungsumfragen zeigen, dass diese Prozentzahl seit Juni 2016 sogar noch stieg. Weitere Umfragen bestätigen jedoch auch, dass eine wachsende Zustimmung zur EU nicht gleichzeitig eine wachsende Zustimmung zur irischen Einheit seitens jener Bürgerinnen und Bürger bedeute, die angeben, protestantisch oder britisch zu sein. Nordirische Katholiken hingegen äußern Frustration in Bezug auf die Politik im Land und verlangen zunehmend die Einheit mit der Republik Irland. Angesichts dieser Entwicklungen formulierte McManus die Frage, ob der Brexit eine neue Front im kulturellen Krieg Nordirlands darstelle?

In Schottland, so McGarvey, fand die Brexit-Kampagne keine sonderlich große Resonanz: Das nostalgische Erinnern an die Nation Englands vor dem europäischen Binnenmarkt und xenophobe Debatten über Migration erweckten vielmehr den Eindruck, dass Brexit ein englisches, aber kein schottisches Thema sei (Video-Icon zum Vortragsvideo). 62 Prozent der schottischen Wählerinnen und Wähler forderten den Verbleib in der EU. McGarvey erörterte das Paradoxon des Schottischen Nationalismus: Die schottische Nationalpartei (SNP) erfreue sich weiterhin eines großen Zuspruches. Aus dem Regierungsauftrag ließe sich jedoch keine Mehrheit ablesen, die eine schottische Unabhängigkeit, wie von der SNP gefordert, befürwortet. Gleichzeitig existiere ebenjene Befürwortung unter Teilen der Bevölkerung, die sich nicht als Nationalisten bezeichnen. Schottischer Nationalismus und Unionismus, so betonte McGarvey, seien nicht zwangsläufig polare Gegensätze: Beide Ideologien verbindet die Ablehnung eines englischen Chauvinismus und der Annahme, dass Schottland nur eine Provinz innerhalb des Empires gewesen sei. Schottischen Unionismus bezeichnete McGarvey als eine politische Ideologie, die sowohl die britische Identität anerkennt, als auch ein schottisches Element bewahren möchte. Der moderne schottische Nationalismus sei inklusiv. Er spricht von "allen Menschen aus Schottland" anstelle von "Schottischen Menschen". Eine wichtige Komponente der nationalen Identität sei die Darstellung Schottlands als "einladende Nation", die bereit sei, ethnische und kulturelle Vielfalt anzuerkennen. Somit sei der moderne schottische Nationalismus eine Ideologie politischer Dimension.

Nationalismus in Osteuropa – ein kommunistisches Erbe?

Philipp Fritz, Korrespondent für WELT und WELT AM SONNTAG in Warschau, führte in das Panel ein und beschrieb die Diskussionsgrundlage: Nationalistische Bewegungen und Parteien erhalten in vielen Ländern Ost- und Südosteuropas seit Jahren Zuspruch und sind auch in Regierungen vertreten. Ist dieses ein speziell osteuropäisches Problem und sogar ein Erbe der kommunistischen Herrschaft? Professorin Marie-Janine Calic, Historikerin der Ludwig-Maximilian-Universität München, erläuterte die nationalistischen Entwicklungen anhand der Region des westlichen Balkans. Im Gegensatz zum homogenen Polen war Jugoslawien ein Vielvölkerstaat, dessen Zusammenleben von einem friedlichen Klima geprägt war. Josip Broz Tito wollte den Staat auf Brüderlichkeit, Einheit und Gleichberechtigung aufbauen. Der Schlüssel dazu seien ethnische Beteiligung und Repräsentanz gewesen. Zudem fand die Förderung nationaler Kulturen statt. Dennoch gab es ethnische Konflikte und Ablehnung. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Personen keine Kommunisten, sondern infolge des Bürgerkrieges Nationalisten. Vor allem an Universitäten habe man nationalistisches Gedankengut gefördert. In Jugoslawien zeichnete sich weiterhin ein hohes Entwicklungsgefälle zwischen einem armen Süden und einem reichen Norden ab. Infolge wachsender Ungleichheit entstand ein Wirtschaftsnationalismus, so Celic. Slobodan Milošević stachelte in der Zeit des Zerfalls Jugoslawiens den bereits vorhandenen serbischen Nationalismus an. Er propagierte die Benachteiligung Serbiens und die Bedrohung durch andere Völker. Für Celic sei Milošević der Idealtyp eines Populisten: er habe sich als starker Führer und als Garant für die Macht des Volkes und deren Interessenvertretung dargestellt.
Anhand zweier Beispiele schilderte Professor Celic die gegenwärtige Situation des Nationalismus im Balken. Bosnien-Herzegowina sei ethnisch, politisch und kulturell tief gespalten. Die drei herrschenden Völker bosnischer, serbischer und kroatischer Herkunft hätten kein gemeinsames Staatsverständnis. Auch durch eine schwache Wirtschaft und eine einhergehende hohe Arbeitslosigkeit sei die Unzufriedenheit sehr groß. Der jeweilige Nationalismus wird von vielen politischen Kräften vorangetrieben, jeweils mit unterschiedlichen Zielen. Demgegenüber steht die Republik Mazedonien. Dort würden Albaner und slawische Mazedonier im friedlichen Einverständnis leben. Nach der Abwahl einer nationalistischen Regierung hätte die Politik um den neuen sozialdemokratischen Ministerpräsident Zoran Zaev den Albanern mehr Rechte eingeräumt und den Namenstreit mit Griechenland vorerst beendet. Celic stellte in ihrem Fazit klar, dass der Nationalismus auf dem Balkan keine Konstante sei, es gäbe Beispiele der Verhärtung und der Verbesserung. Die kommunistische Herrschaft habe mit Sicherheit Einfluss auf die Ausweitung des Nationalismus gehabt. Eventuell, so Celic, zeige uns der Balkan mit seinem voranschreitenden Nationalismus jedoch nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft.
Der Referent Reinhold Vetter, freier Wissenschaftler und Publizist, konnte leider nicht an der Veranstaltung teilnehmen, stellte aber sein Skript, welches zeithistorische, politische und ökonomische Hintergründe für die Phänomene des Nationalismus und Populismus in Osteuropa analysierte, zur Verfügung. Gerade die Geschichtspolitik, so Vetter, sei für Nationalisten und Populisten ein wichtiges Betätigungsfeld, denn eine nationalistische Geschichtsschreibung erlaube nur die Darstellung des Heldentums des eigenen Volkes, nicht aber die selbstkritische Reflektion eigener Verfehlungen. In seinem Skript erörtert Vetter ein vom polnischen Parlament verabschiedetes Gesetz, welches eine Änderung des Status des Instituts des Nationalen Gedenkens vorsieht. Dieses Institut war bis dato vor allem mit der Aufarbeitung kommunistischer und nationalsozialistischer Verbrechen betraut. Laut Gesetzesänderung soll es nun jedoch auch "den guten Namen der polnischen Republik und des polnischen Volkes" wahren. Damit möchte man gegen den Begriff "polnische Lager" und gegen diejenigen vorgehen, die Polen eine gewisse Mitverantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten zuschreiben. Das neue Gesetz entfachte einen heftigen diplomatischen Streit mit Israel, woraufhin es entschärft wurde. Die Intention des Gesetzes bleibt jedoch und öffnet die Türen dafür, in Zukunft jeden öffentlichen Verweis auf polnische Verbrechen währen des Zweiten Weltkriegs zu verdammen. Der Blick in die sozialen Medien in Polen zeigt, dass die Gesetzesänderung die Schleusen für einen neuen Antisemitismus öffnete. Der Nationalismus, so Vetter, sei eine Ideologie, deren Protagonisten auf andere Völker herabsehen und Menschen anderer Nationen und Kulturen verachten. Dies führe zu einem Bedürfnis nach Homogenität der Gesellschaft und somit zur Ausgrenzung all derer, die nicht ins Bild passen. Darüber hinaus sähen Nationalisten ihre Nation ständig in Not und entmündigt durch Flüchtlinge, Brüssel oder die Auflösung der Familien in ihren tradierten Formen. In seiner extremen Form könne Nationalismus zu einer politischen und militärischen Gefahr für andere Staaten und Völker werden. Der Begriff "Nationalismus" fällt häufig im Zusammenhang mit dem Begriff des "Populismus" – dabei können sie sich überschneiden, müssen es aber nicht. Es gibt einen Nationalismus ohne Populismus und einen linken Populismus. Populisten, so Vetter, benötigten keine stringente Ideologie. Vielmehr sei die Programmatik des Populismus variabel und als Strategie zur Machtergreifung zu verstehen. Populisten zeichneten sich dadurch aus, dass sie sich auf einen Volkswillen berufen und Eliten und Institutionen gegenüber feindlich gesinnt sind. Wesentliche Merkmale des Populismus seien auch die intensive Nutzung von Symbolen und die Instrumentalisierung von Geschichte. Das Auftreten von Nationalisten und Populisten habe politische und gesellschaftliche Konsequenzen unterschiedlichen Ausmaßes. So sei der Aufbau eines starken Staates mit autoritären Zügen sowohl in Polen als auch in Ungarn stark vorangeschritten. Die verfassungsrechtlichen und staatspolitischen Auffassungen der regierenden Parteien spiegelten sich in deren Umgang mit der Verfassung, dem Rechtsstaat und wichtigen Institutionen wider. Geschichtspolitik, Kultur und Bildung werden den nationalistisch-schematischen Grundsätzen dieser Parteien untergeordnet. Kaczyňski in Polen und Orbán in Ungarn möchten eine historische Mission erfüllen. Nach Jahren einer tiefen Krise befänden sich die Staaten nun im Aufbau eines "nationalen Systems" – charakterisiert durch eine klare Gemeinschaftsordnung und traditionelle Werte wie Nation, Heimat, Familie und Christentum. Das Denken von Kaczyňski und Orbán basiert auf der Überzeugung, dass nicht eine primär staatsbürgerlich definierte Gesamtheit (Demos) den Souverän darstellt, sondern die Nation. In diesem Narrativ verfügt die Nation über eine stark ausgeprägte, gemeinschaftliche Identität. Folglich sind Andersgläubige, Menschen mit anderen Lebensauffassungen, anderer sexueller Identität, Flüchtlinge und sogar regierungskritische Demonstranten nicht Teil der nationalen Gemeinschaft. Es stellt sich die Frage, warum Politiker wie Kaczyński und Orbán an die Macht kommen. Beide Politiker betonen, dass der ökonomische Wandel Ende der 1980er Jahre zu Fehlentwicklungen führte. Tatsächlich entsprachen die damaligen marktwirtschaftlichen Reformen nicht den Wünschen vieler Bürgerinnen und Bürger. Außerdem kritisieren Nationalisten im Osten die in den frühen neunziger Jahren erfolgte Privatisierung staatlicher Unternehmen. Diese Kritik funktioniert, weil die damalige Eigentumsübertragung nicht selten ein undurchsichtiges Geschäft war. Direktoren sozialistischer Staatsunternehmen verwandelten sich in private Eigentümer "ihrer" Firmen. Die Suche nach den Gründen für den Aufstieg der Rechten in Osteuropa führt auch zu der Tatsache, dass die Verantwortlichen in Politik, Pädagogik, Kultur und Medien in den letzten 25 Jahren wenig dafür getan haben, den Sinn der Menschen für die Rolle des Staates und für die Dreiteilung der Staatsgewalt zu fördern. Bis heute fühlen sich viele Menschen als Verlierer der neuen marktwirtschaftlichen Zeiten. In Ländern wie Polen und Ungarn ist die Verbitterung über den Neoliberalismus unverkennbar. Angesichts diverser Krisen haben die westlichen Gesellschaften an Strahlkraft verloren.

In der anschließenden Diskussion im Plenum wurden die religiösen Beziehungen der Völker auf dem Balkan erfragt. Zudem wurde kritisch reflektiert, ob die Demokratisierung Osteuropas ein Eliteprojekt war, welches die Gesellschaft nicht ausreichend integriert hat. Wurde dadurch der Nationalismus verstärkt?

Separatismus in Spanien

Professor Fernando Vallespin leitete das Panel mit den historischen Hintergründen des Konflikts um die aktuellen katalanischen Separationsbestrebungen ein. Er gab einen kurzen Überblick über die spanische Geschichte mit mehreren historischen milestones. So betonte er in konstruktivistischer Tradition, dass Nationen im Grunde genommen "erfunden” seien und erst daraus geschichtliche Narrationen abgeleitet werden würden. Für das Verständnis um die katalanische Situation sei unter anderem von Bedeutung, dass Katalonien seit Spaniens Einigung 1492 zum spanischen Teil der iberischen Halbinsel gehöre. Die Einigung wurde durch die Vertreibung von Muslimen und Juden begleitet und verlief parallel zu Spaniens Aufstieg zu einer kolonialen Weltmacht. Die beiden vereinigten Königreiche Kastilien und Aragon genossen bis zum Spanischen Erbfolgekrieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine große Autonomie, dieses politische Gefüge wurde nach dem Krieg zentralistischer. Der Niederlage der Truppen Aragons am 11. September 1714 wird noch heute mit einem Feiertag in Katalonien gedacht – obwohl es sich dezidiert um einen Erbfolge- und nicht einen Sezessionskrieg handelte. Damit endeten die Privilegien Aragons – zu dem Katalonien gehörte. Fast einhundert Jahre darauf, als Reaktion auf die napoleonische Invasion 1812, begann sich eine nationale Idee Spaniens zu entwickeln. Etwas später im 19. Jahrhundert, im Zuge einer sich rasch vollziehenden Industrialisierung in Katalonien und im Baskenland, entwickelte sich in diesen Regionen ein jeweils eigener Nationalismus. Für die Perspektive der spanischen Zentralregierung auch wichtig in Erinnerung zu behalten sei die "nationale Tragödie” Spaniens: der Verlust eines Großteils der verbliebenen Kolonien nach dem spanisch-amerikanischen Krieg 1898. Im 20. Jahrhundert von großer Bedeutung für den katalanischen Separatismus war die Ausrufung – und Niederschlagung - einer eigenständigen katalanischen Republik 1934, der republiktreue Widerstand in Katalonien gegen Franco im Spanischen Bürgerkrieg sowie die Erfahrung der Franco-Diktatur, inklusive der Unterdrückung aller nicht-spanischen Sprachen. Dass gut 90 Prozent der Katalanen nach Francos Tod die neue spanische Verfassung billigten, in der Katalonien, das Baskenland und Galizien als "Nationalitäten” anerkannt und Autonomiestatuten zuerkannt wurden, widerlege den Topos, Katalonien sei eine "Kolonie Spaniens”, referierte Vallespin. Mit dem Beginn der spanischen konstitutionellen Monarchie setzte auch der "nation building”-Prozess in Katalonien ein. Dieser wurde vor allem durch das nun hauptsächlich katalanisch sprachige Bildungswesen und öffentliche Medien getragen. Es gelte jedoch zu beachten, dass gut 50 Prozent der katalanischen Familien zuhause spanisch sprechen – es handele sich also um eine bilinguale Gesellschaft. Vallespin fasste die für ihn wichtigen Punkte zusammen: Einerseits ließe sich Katalonien mit einem deutschen Bundesland vergleichen, jedoch gebe es große Unterschiede zwischen den verschiedenen politisch-territorialen Untereinheiten. Katalonien und wenige andere gelten dabei als "Nationalitäten”, während die meisten anderen als "Regionen” bezeichnet werden. Abschließend betonte Vallespin, dass Spanien – als Staat und als Idee – top-down entstanden sei.

Maria Batllori ging in ihrem Inputvortrag "Separatismus in Katalonien: Eine Bewegung, die über Nacht entstand? Die jüngsten Entwicklungen der Unabhängigkeitsbewegung” vor allem der Frage nach, warum es gerade jetzt zu einer Eskalation des Konflikts komme. Dabei stellte sie mehrere bedeutsame Ebenen heraus: das Gerichtsurteil über das Autonomiestatut für Katalonien 2010, die Wirtschaftskrise, die katalanische Kulturpolitik, die zentralistische Politik aus Madrid sowie die strategische Entscheidung der spanischen Zentralregierung, den Konflikt juristisch denn politisch lösen zu wollen. Die Forschung geht mittlerweile davon aus, dass das Jahr 2010 als Beginn der separatistischen Bewegung zu bewerten sei. 2010 kippte das spanische Verfassungsgericht nach einer Klage der konservativen Partei Partido Popular (PP) große Teile der 2006 verabschiedeten katalanischen Regionalverfassung, was als Demütigung aufgefasst wurde und zu großen Demonstrationen führte. Aus dieser Enttäuschung habe sich das Ziel verschoben, nicht mehr Reformen, sondern Separatismus anzustreben und als realpolitische Lösung faktischer Problemlagen anzusehen. So werde seit der Wirtschaftskrise von einzelnen katalanischen Politikerinnen und Politikern zunehmend der katalanische Finanzausgleich als Problem angesehen. Tatsächlich existiere ein Missverhältnis zwischen den vom wirtschaftlich starken Katalonien an Madrid abgetretenen Steuern und den Investitionen Spaniens in Katalonien. Auch die Rolle der regionalen Medien sei bedeutend. So habe beispielsweise der der katalanischen Regionalregierung unterstehende Fernsehsender TV3 einen nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf, dass das separatistische Bestreben zu einem Massenphänomen wurde. Batllori betonte, dass aber nicht nur der katalanische Nationalismus gewachsen sei, sondern auch der spanische. Dies sei Ausdruck wechselseitiger Prozesse. Auf katalanischer Seite werde zunehmend artikuliert, dass die spanische Regierung als Last und als Bremse für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt in Kataloniens zu interpretieren sei. So führte es zu großem Unmut in Katalonien, dass die spanische Regierung Teile katalanischer Sozialgesetzgebung durch das Verfassungsgericht kippen ließ. Fatal sei auch, dass die Regierung Rajoy juristisch gegen katalanische Vorstöße vorgegangen sei, anstatt diese politisch zu behandeln. Dies habe die Situation auch bezüglich des Unabhängigkeitsreferendums verschärft. Dabei gelte es zu beachten, dass zwar die Mehrheit der Wahlberechtigten nicht für eine Unabhängigkeit von Spanien gestimmt hätten, dennoch in einer unkontrollierten und durchaus gefährlichen Gemengelage eine relevante Masse den Urnengang für die Unabhängigkeit auf sich genommen habe. Seit Juni 2018 ist Spaniens ehemaliger Ministerpräsident Rajoy nicht mehr im Amt. Seitdem habe sich auch der Konflikt etwas entschärft. Vor allem schwand die Angst vor einer gewaltvollen Eskalation.

In der gemeinsamen Diskussion wurde die Schwierigkeit der politischen Lage betont: zwar würden circa zwei Drittel der Katalanen die Unabhängigkeit befürworten, doch wie solle damit umgegangen werden, wenn nach der Gründung eines katalanischen Staates ein Drittel loyal gegenüber Spanien sei? Batllori bestätigte, dass die katalanische Regionalregierung den Separatismus durch das Malen einer unrealistischen Zukunftsutopie attraktiv gemacht habe – was das Unabhängigkeitsstreben weiter attraktiv gemacht habe. Beide Referenten waren sich einig, dass es derzeit in Katalonien einen politischen Stillstand gebe, eben weil sich alle politischen Diskussionen auf ein einziges Thema beziehen würden – den Separatismus.

Türkischer Nationalismus – in der Türkei, in Deutschland

Nachdem Gereon Schloßmacher die Paneldiskussion "Türkischer Nationalismus – in der Türkei, in Deutschland" eröffnete, stellten zunächst die beiden Referenten Dr. Yasar Aydin und Ismail Küpeli in ihren jeweiligen Inputs einige Überlegungen vor. Dr. Aydin konzentrierte sich dabei auf die Entstehung des türkischen Nationalismus. Diese teilte er in vier historische Phasen ein: die Nationsbildung Ende des 19. Jahrhunderts, die Nationalstaatsbildung nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs, die Zeit des Kalten Kriegs sowie die Zeit nach dem Ost-West-Konflikt. Alle diese Phasen seien durch unterschiedliche Vordenker geprägt wurden. Während in der ersten Phase die Türkisierung und somit die Ethnisierung eine wichtige Rolle spielten, ging es in der zweiten Phase darum, eine Nation zu bilden, auf deren Grundlage ein Nationalstaat errichtet werden konnte. In dieser Zeit dominierte der Kemalismus, der die Ethnie und Kultur mit dem Territorium der Türkei in Einklang bringen sollte. In der dritten und vierten Phase veränderte sich der türkische Nationalismus durch die Öffnung nach Außen und die Integration in den globalen Weltmarkt. Während für die Regierung der Zusammenhalt des Nationalstaats im Vordergrund stand, bildeten sich beispielsweise unter den islamischen Nationalisten anti-westliche Strukturen heraus. Der Islam spielte in allen vier Phasen immer eine bedeutende, wenn auch unterschiedlich wichtige Rolle. Türkisierung und Islamisierung gingen in der Geschichte des türkischen Nationalismus Hand in Hand, sodass es heute fast unvorstellbar ist, Türke aber nicht Muslim zu sein. Den Nationalismus der heutigen Türkei kann man in zwei Arten aufteilen. Der türkisch-islamische Nationalismus ist der heutige "Mainstreamnationalismus", der eine konservative Einstellung gegen westliche Modernisierung beschreibt. Der Ethno-Nationalismus oder auch Muslim-Turkism sieht allein die Ethnie der Türken als Staatsvolk und richtet sich gegen Minderheiten. Er agiert anti-westlich und wird teilweise auch mithilfe von Waffengewalt angestrebt.

Ismail Küpeli ging daran anschließend in seinem Input auf den heutigen türkischen Nationalismus in der Türkei, aber vor allem in Deutschland ein. Dabei bezog er sich zu großen Teilen auf die Ergebnisse eine Studie der Amadeu Antonio Stiftung, an der er mitarbeitete. Die staatstragende nationalistische These beruft sich immer wieder auf Feinde von Innen und Außen. Dabei werden verschiedene Narrative genutzt, die schnell und einfach Räume für Extremisten und Ultranationalisten eröffnen: Die türkische Nation habe keine Fehler, ihre Anführer seien perfekt. Die Türkei befinde sich in einer Welt, in der alle Nationen gegeneinander kämpfen. Der Westen war schon immer und werde auch immer gegen die Türkei sein. Unter den türkischen Nationalisten in Deutschland spielt der Kampf gegen den äußeren Feind (z. B. der Westen) eine deutlich größere Rolle als der Kampf gegen den inneren Feind. Der Grund, aus dem es türkischen Nationalismus in Deutschland gibt, kann oftmals in der Diskriminierung von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund festgemacht werden. Die Benachteiligung als "Nicht-Deutscher" wird in ein "Türke sein mit Weltmission" oder in ein "Wir, die Türken, sind eh besser" umgewandelt.

In der anschließenden Diskussion wurde vor allem der Umgang mit türkisch-nationalistischen Jugendlichen in Deutschland thematisiert. Zunächst einmal müsse man zwischen einem "gesunden" Nationalismus, dem Stolz auf die türkische Herkunft, und einem demokratiefeindlichen Ultranationalismus unterscheiden. Diesen wiederum dürfe man nicht wie etwas vollkommen Exotisches behandeln. Man könne sich im Umgang mit türkischen Ultranationalisten am Umgang mit deutschen Rechten orientieren. Oftmals fehle es in Deutschland jedoch schon an Grundkenntnissen über bestimmte nationalistische Codes oder Zeichen. Durchaus dürfe auch die Rolle der Jugendlichen als Minderheit in Deutschland nicht vernachlässigt werden. Diese sei aber dennoch keine Entschuldigung für bestimmte Einstellungen. Ein grundlegendes Problem sei es, dass es in Deutschland keinen türkischen Träger liberaler Gegennarrative gebe. Außerdem spielten die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland bei vielen politischen Entscheidungen eine immens wichtige Rolle.

2. Tag: Donnerstag, 6. September 2018

In den zweiten Tag der Veranstaltung führte Martin Langebach, Referent im Fachbereich "Extremismus" der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn, ein. Artefakte des Nationalismus finde man, skizzierte er wortreich anhand von Bildern unterschiedlicher Nationaldenkmäler, heute noch vielerorts. Sie werden besucht, begangen, bewundert. Oft wären sich Besucherinnen und Besucher aber gar nicht im Bilde, welche Funktion sie historisch erfüllen sollten. Nationalismus wurde und wird bis heute oft auf ganz banale Art und Weise inszeniert, konstatierte er und leitete über zum Eröffnungsvortrag des Tages.

Banal? Über Nationen und Nationalismus

Professorin Cynthia Miller-Idriss von der American University in Washington gelang es mit ihren Ausführungen die Zuhörerinnen und Zuhörer zu fesseln (Video-Icon zum Vortragsvideo). Das Konzept "everyday nationhood" könne uns helfen, so die Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin, die Gründe für die Rückkehr eines xenophoben und euroskeptischen Nationalismus besser zu verstehen. Nationen, so Miller-Idriss seien Körperschaften, die von Unten konstruiert werden. Den Begriff "nationhood" differenzierte die Referentin bewusst von den Begriffen "nation" und "nationalism", um dessen Abstraktheit herausstellen. Nationhood integriere diverse Ideen der Nation, die manchmal bewusst, oft jedoch auch unbewusst von der Bevölkerung herangezogen werden. Wir als Bevölkerung, so Miller-Idriss, sprechen über die Nation, beispielsweise durch Labeling ("American Idol"), wir singen Nationalhymnen, hängen Flaggen und stellen Denkmäler auf, begehen Nationalfeiertage oder feuern unsere Nationalmannschaft in internationalen Wettbewerben an. Soziale Medien erleichtern die Entwicklung antidemokratischer Tendenzen, indem sie den visuellen und emotionalen Zugang zur Nation erlauben. Miller-Idriss akzentuierte die Bedeutung von Emotionen und moralischen Argumentationsweisen im Prozess der Entwicklung nationalistischen Denkens. Der Aufstieg eines radikalen Nationalismus sei einem individuellen Bedürfnis nach Sinn, Moralität und Zugehörigkeit geschuldet. Diese These werde gestärkt von der Beobachtung, dass die zunehmende Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft mit wachsenden Angststörungen und Hoffnungslosigkeit unter jungen Menschen einhergeht. Die Fähigkeit, die Emotionen eines Individuums anzusprechen, stelle für die liberal-demokratische Gesellschaft den Ausgangspunkt für den Umgang mit dem radikalen Nationalismus dar. An dieser Stelle helfe uns das Konzept der nationhood, da es uns erklärt wie die Mehrheit der Bevölkerung die Nation wahrnimmt und sie "lebt". Miller-Idriss schloss ihren Vortrag mit Handlungsempfehlungen und Appellen an die Gesellschaft ab. Sie rät, Empathie und Mitgefühl zu lehren, auf emotionale Bedürfnisse des Individuums zu antworten und zu verstehen, wie Menschen die Nation im Alltag erleben.

Auf den Eröffnungsvortrag des zweiten Tages folgte erneut das breite Angebot an Paneldiskussionen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten durch die Wiederholung der Panels vom Vortag die Möglichkeit, sich mit einem weiteren Aspekt der Nationalismusforschung zu befassen. Ein bis dahin jedoch noch nicht thematisierter Ansatzpunkt war die Verknüpfung von Religion und Nationalismus. Ein entsprechendes Panel wurde von Ina Merdjanova und Philip Barker angeboten.

Religion und Nationalismus

Prof. Dr. Ina Merdjanova vom Trinity College in Dublin referierte über den Islam und Nationalismus und erkannte einige Ähnlichkeiten zwischen Religion und Ideologie (Video-Icon zum Vortragsvideo). Zunächst verwies sie auf die umma als muslimische Gemeinschaft und Trägerin einer nationalen Identifikationsquelle. Außerdem sei der Nationalstaat, so Merdjanova, in zahlreichen Fällen eine islamische Institution. Den Fokus ihres Vortrages richtete die Referentin anschließend auf die Situationen der türkischen Gemeinschaft und der Pomaken in Bulgarien. Für beide Gruppen spielte der Islam eine bedeutende Rolle im "nation-building"-Prozess der Balkanstaaten. Nationalismus und Transnationalismus waren für die muslimischen Gemeinschaften eng miteinander verflochten. Die Öffnung des Balkans zur islamischen Welt nach dem Ende der kommunistischen Ära führte zu der wachsenden Wahrnehmung, dass Muslime im Balkan Muslime "auf ihre eigene Art" seien. Diese Wahrnehmung stärkte ethnisch-nationale Identitäten.

Juniorprofessor Philip Barker, der am Keene State College in New Hamphire, USA, ging wiederum auf die Frage nach jenen Bedingungen ein, unter denen Christentum und Nationalismus miteinander verschmelzen (Video-Icon zum Vortragsvideo). Gleichwohl skizzierte er auch die Rolle, die Religion im Kontext des gegenwärtigen europäischen Nationalismus spielt. Nationalismus, so Barker, sei eine civic religion. Nationalismus und Religion verbindet ein sinnstiftender Charakter, Gründungsmythen (z. B. St. Patrick/Irland) und sakrale Symbole. Nicht selten instrumentalisieren politische Eliten Religion, um ihre Standpunkten zu legitimieren. Auch das moderne europäische Staatsverständnis lässt christliche Einflüsse erkennen: So ist es die Bibel, die von einem "auserwählten Volk" und einer "city upon the hill" spricht. Es sei außerdem wichtig, so Barker, die Identität eines Menschen weder als ein unverrückbar festgelegtes noch als ein singuläres Konzept zu verstehen. Ein einzelner Mensch kann viele Identitäten besitzen: An der eigenen Person zeigte Barker auf, dass er Mann, Vater, Amerikaner, englischer Muttersprachler, Professor, Mitglied der Kirche etc. sei. Auf welche Identität wir uns berufen, sei abhängig vom Kontext. Wichtigen Einfluss auf das Formen einer Identität haben jedoch empfundene Bedrohungen. Oftmals legen wir den Fokus auf den Teil unserer Identität, der uns von jenem Aspekt differenziert, den wir als größte Bedrohung wahrnehmen. Somit werden nationale Identitäten als Abgrenzungsmerkmal vom "Fremdem" geformt. Die empfundene Bedrohung, so Barker, müsse keinen religiösen Charakter aufweisen. Religion stelle aber einen einfachen Weg dar, sich zu distanzieren: Nach den Terroranschlägen vom 11. September dominierte in den USA die Wahrnehmung "Wir sind Christen, die sind Muslime". Barker erklärte, dass die Vereinigung von Religion und Nationalismus stattfindet, sobald die größte Gefahr für eine Nation von einem "religiösen anderen" ausgeht. Was verrät uns diese These über das gegenwärtige Europa? Barker sieht Europa an einem interessanten Punkt in der Geschichte. Für lange Zeit galt Europa als die große säkulare Region in der Welt, innerhalb derer die Religion an Bedeutung verlor. Aber wenn wir uns daran erinnern, dass nationale Identitäten als Antwort auf Bedrohungen geformt werden, müssen wir auf einige wichtige Ereignisse in den vergangenen zwei Jahrzehnten hinweisen: der Krieg gegen den Terror, die Weltwirtschaftskrise, Migration aus muslimischen Regionen. Europa, so Barker, erfüllt die Bedingungen für das Neuformen nationaler Identitäten. Da die ökonomischen, sozialen und kulturellen Unsicherheiten weitgehend mit Migrantengruppen aus der islamischen Welt in Verbindung gebracht werden, scheint die Gelegenheit günstig, einen neuen Nationalismus entlang religiöser Linien in Europa zu formen. Es sei daher von immenser Bedeutung, Gemeinsamkeiten zu betonen und Gefahren zu relativieren. Nationalismus, so beendet Barker seinen Vortrag, müsse nicht exklusiv oder fremdenfeindlich sein.

Parallel zur Paneldiskussion über Religion und Nationalismus wurden die vier Panels vom Vortag ("SIEG!!!" Nationalismus im Sport, Nationalismus und Minderheiten, Nationalismus in Deutschland – früher und gegenwärtig, Türkischer Nationalismus – in der Türkei und in Deutschland) wiederholt. Diese stießen wiederum auf großes Interesse und führten zu eben solch regen Diskussionen wie am ersten Tag.

Alles besser ohne Nationen?

Zum Abschluss der Tagung blickte der Politikwissenschaftler Professor Andreas Nölke von der Goethe Universität in Frankfurt in einem voll besetzen Saal auf die Zukunft der Nation. Hatice Akyün, Journalistin und Schriftstellerin, moderierte den letzten Veranstaltungspunkt und fasste die zu diskutierenden Fragen vorab zusammen: Ist es möglich, Nationalismus in unserer heutigen Zeit positiv zu besetzen? Wie vertragen sich Migration und Integration mit dem Konstrukt des Nationalstaats? Sehnen sich die Menschen wieder nach dem Nationalstaat und geht der Trend folglich dorthin zurück? In seinem Vortrag bezog Nölke klar Stellung: "Wir brauchen weiterhin die Nation!". In seiner Leitthese formulierte er die Notwendigkeit des Nationalstaates trotz verheerender Konsequenzen des Nationalismus. Alternativen zum Nationalstaat, so Nölke, seien unrealistisch. So käme alleine die EU als Möglichkeit, den Nationalstaat zu ersetzen, infrage. Allerdings stünden viele Länder der EU nicht sehr positiv gegenüber. Ein weiteres Argument für die Unverzichtbarkeit des Nationalstaates sieht Nölke in der Vielzahl seiner Funktionen, allen voran in der Demokratiefunktion. Bisher funktioniere die Demokratie am besten auf der Ebene des Nationalstaates, wie Wahlbeteiligung und die Existenz einer Öffentlichkeit zeigen. Außerdem thematisierte Nölke die Wirtschaftsfunktion eines Staates. In Europa existieren verschiedene Kapitalismen und die EU sei wirtschaftspolitisch nicht neutral. Der Verfassungsrang des Liberalismus verdeutlicht dies. Auch die Organisation von Solidarität ließe sich am besten auf nationaler Ebene realisieren, wie beispielsweise der Solidaritätszuschlag. An ihre Grenzen stößt die EU auch hinsichtlich der Garantie von alltäglicher Sicherheit. Dazu brauche es den Rechtsstaat, den Schutz der Schwachen und ein staatliches Gewaltmonopol, so Nölke. Ein letztes und sicherlich nicht zu unterschätzendes Argument gegen die Abschaffung des Nationalstaates sieht Nölke in der gesellschaftlichen Unterstützung: kosmopolitische Werte seien vor allem durch Eliten vertreten, während die Bevölkerung eher auf kommunitaristische Werte setze. Sie fordere nach wie vor den Schutz durch den Nationalstaat. Ein Ignorieren dieser Gruppen sei gefährlich, wie Brexit oder die Wahl Trumps zeigten. Das Argumentieren für den Nationalstaat, so betont Nölke auch, bedeute ausschließlich, dass dieser als Organisationsform "Staat" unverzichtbar sei. Dass wir den Staat jedoch ausschließlich als Nationalstaat kennen, habe nicht zwangsläufig die Unvermeidbarkeit von Nationalismus zur Konsequenz. Nölke sieht keine sachliche Notwendigkeit der Verknüpfung von Nationalstaat und nationaler Kultur, Religion oder Ethnie. Der Nationalstaat funktioniere auch ohne solche Verbindungen. Dennoch seien Identifikationsangebote für alle Mitglieder einer Gesellschaft von großer Bedeutung. Den Verfassungspatriotismus als ein solches Angebot bezeichnet Nölke als zu abstrakt. Stattdessen lehnt sein Vorschlag an den amerikanischen Philosophen Richard Rorty an, der Möglichkeiten der Identifikation in einem gemeinsamen Stolz auf das eigene Land als das gerechteste, demokratischste, friedlichste, umweltfreundlichste etc. erkennt. Natürlich, so Nölke, müssten sich auch diese Werte zuerst einmal praktisch realisieren lassen. Die an den Vortag anschließende Diskussion im Plenum demonstrierte die Kontroversität der Frage nach der Zukunft von Nationalstaaten. Auf Nachfrage der Moderatorin erklärte Nölke die Staatsbürgerschaft zum Kriterium für die Zugehörigkeit zum Nationalstaat. Eine sogenannte "Leitkultur" sei für ihn äußerst problematisch, da sie vor allem konservative und reaktionäre Kategorien repräsentiere. Nölkes Ausführungen erfuhren viel Widerspruch und gar recht flammende Brandreden zur Verteidigung der Europäische Union und des Kosmopolitismus. Nölke hielt hingegen am Argument der Wahlbeteiligung als Indikator für eine lebendige Demokratie fest. Die geringe Wahlbeteiligung bei Europawahlen zeige, dass die EU den Nationalstaat nicht ersetzen kann.

Den deutlichen Widerspruch des Publikums begrüßte Hanne Wurzel von der Bundeszentrale für politische Bildung in ihrer Verabschiedung. Bildung basiere auch auf der Fähigkeit, kontrovers zu diskutieren und ein beliebtes Ziel der politischen Bildung sei es, keine fertigen Antworten zu geben, sondern weitere Fragen aufzuwerfen. Das Erreichen dieses Zieles zeige deutlich, dass das Konzept der Tagung voll und ganz gelungen sei.


Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 48/2018)

Nation und Nationalismus

Versteht man "Nationen" als "vorgestellte Gemeinschaften", sind auch andere Formen der Gemeinschaftsbildung jenseits der Nation zumindest denkbar. Angesichts einer weltweit wahrzunehmenden Rückbesinnung auf die Nation und ihre Interessen, mithin nationalistischer Töne, scheinen solche Visionen zurzeit weit davon entfernt, Wirklichkeit zu werden.

Mehr lesen

Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

Mehr lesen

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

Mehr lesen

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

Mehr lesen

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

Mehr lesen