Sonnenaufgang am Sevansee in Armenien.

19.3.2019 | Von:
Lara Nonhoff

Weltcafé Armenien

Angeregte Diskussion im WeltcaféAngeregte Diskussion im Weltcafé. (© Vera Katzenberger)

An unterschiedlichsten Stellen im Programm haben wir das Land nicht nur durch unsere eigenen Augen betrachtet, sondern durch unterschiedliche Leute aus dem Land selbst, die sich bereit erklärten mit uns als Gruppe zu sprechen, und von denen wir von unterschiedlichen Ausprägungen des Alltagslebens, Geschichten und Zukunftswünschen hören konnten. Ich glaube, diese zwischenmenschlichen Erfahrungen hätte mir kein Buch ermöglichen können.

Eine der ersten solcher Begegnungen war bei einem sogenannten "World Café" in Armenien. Zu Gast waren Sprecher*innen aus den Themenfeldern Medien (Express Independent Journalists' Network), Jugend (Save the Children), Frauenrechte (Women’s Right Center) und Umweltschutz (Environmental Front Armenia).

Zum Format: In Kleingruppen haben wir uns eine gewisse Zeit mit einer Person unterhalten können und dann immer wieder rotiert, sodass am Ende alle einmal mit jedem und jeder der Gäste sprechen konnte.

Meine erste Begegnung war mit Gohar Shahnazaryan vom Women’s Right Zentrum. Es wurde 2003 als Non-Profit Organisation gegründet und bietet einen sicheren Raum für Frauen, in dem über sensible Themen gesprochen werden kann. Während an armenischen Schule Sexualkunde häufig übersprungen wird, versuchen sie diese Lücke zu füllen. Außerdem betreibt das Women’s Right Center ein Krisenzentrum, in welchem Frauen zum Beispiel Hilfe während der Abtreibung suchen können. Während Abtreibungen zwar legal in Armenien sind, ist der Prozess für Frauen dennoch meist recht schwierig (sie müssen drei Tage lang aktiv darüber "nachdenken" und werden dann mit Videos konfrontiert - auch auf sozialen Medien gibt es viele Attacken gegen Frauen, die abtreiben wollen und gegen Abtreibungen im Allgemeinen). Das Women’s Right Center arbeitet auch viel mit der LGBTQ+ Gemeinde und sucht Gespräche mit den Eltern. Zuletzt hat Gohar uns noch davon berichtet, dass sexuelle Übergriffe in Armenien noch immer schwer zu verklagen sind, unter anderem weil es noch keine einheitliche Definition gibt. Das Center möchte sich in Zukunft um die Ausformulierung einer solchen Definition kümmern. Gohar Shahnazaryan hat mich sehr beeindruckt und inspiriert und ich finde es faszinierend, wie vielfältig deren, nur auf freiwilliger Arbeit basierende, Projekte sind.

Die nächste Begegnung war mit Anna Shahnazaryan von der Environmental Front. In ihr brannte ein aktivistisches Feuer, das nur so von Funken sprühte und die ganze Gruppe angesteckt hat. Sie erzähle uns vor allem von ihrem aktuellen Projekt, bei dem es darum geht, Abbau in Minen in Armenien zu stoppen, unter anderem aufgrund der Verschmutzung der umliegenden großen Flüsse. Im Gespräch wurde die Bedeutung von Energie als wichtiger geopolitischen Fragestellung deutlich. Minenabbau jedoch ist eine der größten wirtschaftlichen Einnahmequellen Armeniens. Es ist einer der (vielen) Bereiche, in denen die starke Abhängigkeit von Russland spürbar wird.

Im Bereich der Medien haben wir mit Armen Melikbeykan gesprochen. Er erzählte von seiner Zeit als Autor für die Zeitung und wie sich der Druck der Regierung zunehmend verstärkte, je bekannter die Zeitung wurde. Er berichtete von zahlreichen Prozessen vor Gericht, bei denen man darum kämpfe, dass Journalist*innen wieder frei sein dürfen. Er erzählte von Interviews, die sie mit Menschen aus dem Azerbaijan führen, obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist.

Es war beeindruckend zu hören, wie alle diese Menschen, nicht zögern sich selbst in Gefahr zu bringen, weil sie überzeugt waren, für das Richtige zu kämpfen. Sie waren der staatlichen Willkür ausgesetzt, die ich so noch nie in meinem Heimatland erfahren musste. Und sie brennen für dieses Land, für Armenien, sie haben eine Vision von einem Land, für das sie kämpfen.

Als letzten Gesprächspartner hatten wir Arsen Simoyan von Save the children. Er berichtet davon, dass die Regierung deutlich zu wenig Geld hat, welches in Kinder investiert werden kann, weshalb es mehr als wichtig ist, eine Organisation wie die ihre zu haben. Er berichtet von einem Ungleichgewicht von Männern und Frauen im Land, weil viele Männer auswandern um außerhalb des Landes Geld zu verdienen. Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch in Armenien einen Mangel an Kindergärten, sowie einen großen Unterschied in der Bezahlung von Männern und Frauen. Es gäbe keine klare Korrelation von der Bildung, die man erhält, und dem Arbeitsplatz, den man später bekäme. Auch er betont erneut die starke Bindung zu Russland, wirtschaftlich, politisch und durch die enge Verstrickung der Menschen (2 Millionen der Armenier*innen leben in Russland). Die Verstrickung mit Europa sei nicht ganz so stark, da es keinen so starken wirtschaftlichen Beziehungen gäbe. Ihm zufolge jedoch fühlte sich Armenien, wie man auch anhand der Revolution erkennen kann, näher an den europäischen Werten.