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Sonnenaufgang am Sevansee in Armenien.

25.3.2019 | Von:
Chiara Marquardt-Tabel

Eine Bildungsreise

Ich entschied mich für die Teilnahme an einer Bildungsreise und war doch von dem Konzept nicht ganz überzeugt. Bei dem Wort Bildungsreise musste ich an eine Gruppe Monokel tragender weißer Mitte-Fünfziger denken: Mit großen Augen beugen sie sich über ein Giraffenjunges: “Nech, sieh an, und sowas gibt’s auch in der Welt - wenn ich dat den Leudn zuhause erzähle, die werden dumm kucken, du.“ Ich verstand darunter, eine Woche lang durch Museen und durch die Anhörungszimmer irgendwelcher Politiker geschleust zu werden. Kleine Häppchen klar definierten Wissens an jeder Station die wir uns artig einprägen: “ Im Jahre 1846 klagte man hier Hubertus Schlagmichtot eines nicht minder schweren Vergehens als Wasweiß ich - “, “ Die Regierung macht bereits alles in ihrer Macht stehende um Bla und benennt diese Missstände klar und deutlich um Problembewusstseinblubb- “, “ Georgien umfasst eine Fläche von dreiXzwölftsiebenzehn Quadratkilometern und seine Einwohnerzahl wasauchimmer -“ - Häppchen für Häppchen über das Kurzzeitgedächtnis in den Papierkorb.

Aber unsere Köpfe wurden in den letzten 10 Tagen nicht einfach geöffnet, mit Input vollgestopft und wieder verschlossen. Rückblickend merke ich viel mehr, dass mein Denken durch diese Reise in Bewegung geriet. Wie eine alte sovietische Fabrikanlage die von den Einwohnern ihrer Geisterstadt mit neuem Unternehmergeist gefüllt und wieder in Betrieb gesetzt wird. Oder - für die jüngeren - wie Thor, der den Neutronenstern Nidavellir wieder zum Laufen bringt.

Die Konfrontation mit den Stimmen, Meinungen und Erfahrungen so vieler Personen hat in mir neue Fragen entstehen lassen, denen ich im Verlauf der Reise nachgehen konnte und die ich unseren nachfolgenden Gesprächspartnern stellen konnte.


Ich entschied mich für die Teilnahme an einer Bildungsreise und war doch von dem Konzept nicht ganz überzeugt. Bei dem Wort Bildungsreise musste ich an eine Gruppe Monokel tragender weißer Mitte-Fünfziger denken: Mit großen Augen beugen sie sich über ein Giraffenjunges: “Nech, sieh an, und sowas gibt’s auch in der Welt - wenn ich dat den Leudn zuhause erzähle, die werden dumm kucken, du.“Ich verstand darunter, eine Woche lang durch Museen und durch die Anhörungszimmer irgendwelcher Politiker geschleust zu werden. Kleine Häppchen klar definierten Wissens an jeder Station die wir uns artig einprägen: “Im Jahre 1846 klagte man hier Hubertus Schlagmichtot eines nicht minder schweren Vergehens als Wasweiß ich -“, “Die Regierung macht bereits alles in ihrer Macht stehende um Bla und benennt diese Missstände klar und deutlich um Problembewusstseinblubb-“, “Georgien umfasst eine Fläche von dreiXzwölftsiebenzehn Quadratkilometern und seine Einwohnerzahl wasauchimmer -“ - Häppchen für Häppchen über das Kurzzeitgedächtnis in den Papierkorb.

Aber unsere Köpfe wurden in den letzten 10 Tagen nicht einfach geöffnet, mit Input vollgestopft und wieder verschlossen. Rückblickend merke ich viel mehr, dass mein Denken durch diese Reise in Bewegung geriet. Wie eine alte sovietische Fabrikanlage die von den Einwohnern ihrer Geisterstadt mit neuem Unternehmergeist gefüllt und wieder in Betrieb gesetzt wird. Oder - für die jüngeren - wie Thor, der den Neutronenstern Nidavellir wieder zum Laufen bringt.

Die Konfrontation mit den Stimmen, Meinungen und Erfahrungen so vieler Personen hat in mir neue Fragen entstehen lassen, denen ich im Verlauf der Reise nachgehen konnte und die ich unseren nachfolgenden Gesprächspartnern stellen konnte.

Ein Beispiel hierfür ist die nationale Identität Armeniens. Sie begegnete mir in einem Volkslied, spontan angestimmt von verschiedenen NGO-Vertretern mit denen wir uns zum Abendessen trafen. Lachend besingen sie den gebackenen Kürbis der uns vorgesetzt wurde - “Hey Jan Ghapama!“ Sie begegnete mir im Genozidmuseum Yerevans, wo uns der Direktor von den alljährlichen Gedenkfeiern des 24. Aprils berichtete. Sie legen die Stadt um Museum und Denkmal lahm und ziehen eine Jede aus ihrem Haus, in Gedenken an eine gemeinsame Vergangenheit. Und sie begegnete mir im Diasporaministerium, einem Ministerium, welches die Verbindungen zu den 7 Millionen teils seit Generationen im Ausland lebenden Armeniern aufrechterhält. Auch in den jungen Menschen die aus dem Ausland zurückkehren oder gar nicht erst weggehen weil sie stattdessen ihr Land aufbauen wollen. Gute Patrioten. In den Armeniern, die über Generationen Armenier bleiben, selbst in anderen Kulturen. Die teils nur Armenier heiraten, die Kulturvereine und Kirchen gründen. In Schülern, die wie überall aussahen wie Justin Bieber oder Demi Lovato, uns aber ihre Volkstänze vortanzten ohne sich für so viel Folklore zu schämen. Die dabei nicht wirkten, als führten sie etwas vor, sondern als spielten sie ein Spiel, untereinander, Freude an den gemeinsam verstandenen Regeln. Und in Ghazar, der sein Fahrrad in der Hauptstadt nicht abschließt, weil er den Dieb ohnehin kennen würde, weil jeder jeden kennt und auch der Dieb das weiß und das Rad daher stehen lässt.

Und sie begegnete mir in der Antwort des Vizediasporaministers auf meine Frage, ob er, aufgewachsen in den USA, seine Identität nicht als Mischform verschiedener Nationen sehe. Er sprach von einer Fülle kultureller Einflüsse, Küchen und Sprachen die ihn geprägt haben aber – und sein “aber“ leitet seine Zugehörigkeit ein, abgegrenzt und unabhängig von den eigenen Erfahrungen, als hätte jede Nation der Welt an ihm vorbeiziehen und durch seinen Kopf marschieren können - aber er selbst sei eben Armenier, er gehöre nach Armenien. Als wäre das armenische tief in den Stein seiner Identität gemeißelt. An dieser Stelle hingen große Gefühle, folgenschwere Konzepte und viel Bedeutung im Raum. Er schien das, was ihn mit diesem Land verbindet nicht weiter ausführen zu brauchen oder zu wollen. Und ich als sein Gegenüber merkte die Nüchternheit aus 25 Jahren deutscher Politik in mir: Was außer Erfahrung sollte meine Identität prägen können? Bin ich Teil eines Volkes? Kann und sollte es so etwas geben, Verwurzelung, Liebe zu einer Nation, Solidarität zu Menschen gleicher Herkunft, zelebrierte und betonte Gemeinsamkeiten, eine Gleichheit, die erhalten, gepflegt und als gemeinsame Identität manifestiert wird?

In der Schule lernte ich, dass Patriotismus das positive Gefühl dem eigenen Land gegenüber und Nationalismus, das negative Gefühl anderen Ländern gegenüber sei. Aber positiv benutzt wurde das Wort Patriotismus nie, eher in einem Atemzug genannt mit seiner nationalistischen Kehrseite. So habe ich in Armenien das erste Mal die helle Seite der Medaille gesehen, die Schönheit dieser gegenseitigen Verbindlichkeit und Vertrautheit, dieses familiäre Gefühl von Einheit. Gesehen und genossen und war dabei doch stets auf der Suche nach einer Schattenseite. Denn weiter spielte in mir das alte Lied von Inklusion und Exklusion: Wo wir Menschen in unsere Gruppe aufnehmen schließen wir auch welche aus, je stärker die Passion für das Innere desto stärker die Aggression gegen das Äußere. Die armenische nationale Identität zu erleben hat vermutlich viele unserer Gruppe zum Nachdenken gebracht, zelebriert sie doch so offenkundig Gefühle, die sich Deutschland seit 1945 abtrainiert hat. Wo, wann und gegen wen schlagen so positive Gefühle in das Gegenteil um? Unter welchen Bedingungen lassen sich Patriotismus und Weltoffenheit vereinen? Was an Zugehörigkeit ist problematisch, was gut und wichtig und wo sind die Grenzen?

Nun, für diese Fragen, mit denen wir uns jetzt rumschlagen, nicht für Vorträge und Museumsbesuche, steht wohl das Wort “Bildung“ in Bildungsreise.