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Sonnenaufgang am Sevansee in Armenien.

28.3.2019 | Von:
Max Schwendemann

Russische Piroschki in Armenien

Die Gastgeber Natalja und Michail Rudometkin.Die Gastgeber Natalja und Michail Rudometkin. (© Vera Katzenberger)

Trotz einiger Wolken am Himmel scheint die Abendsonne hell, als wir das Haus von Michail und Natalja Rudometkin betreten. Wir werden in das lichtdurchflutete Esszimmer gebeten, nehmen dort Platz an den zwei hergerichteten Tischreihen. Unmittelbar nach Betreten des Raumes wandern unsere Blicke durch die Fensterfront hinaus auf den riesigen Garten, der direkt an das Haus anschließt. Während sich in erster Reihe bunte Blumen an eine Vielzahl von Kohlköpfen und allerlei anderem Gemüse reihen, pendelt etwas weiter entfernt eine Baumschaukel hin und her. Der noch etwas dahinter gelegene Teich fügt sich perfekt ein ins Bild vom grünen Idyll. Gestört wird die bilderbuchhafte Atmosphäre lediglich durch eine kaum auszumachende Bahnstrecke in größerer Entfernung. Schnell macht sich bei uns Begeisterung breit, denn der Kontrast zwischen dem vor Fruchtbarkeit strotzenden Garten und dem bislang als sehr karg und trocken erlebten Armenien könnte größer kaum sein.

Doch warum sind wir hier? Das Ehepaar Rudometkin gehört der spirituell-christlichen Religionsgemeinschaft der Molokanen an. In der fünften Generation leben die beiden nun schon im armenischen, jedoch russischsprachigen Molokanendorf Fioletovo, in dem heute rund 1 800 Molokanen ansässig sind. Bei einem Abendessen wollen wir im Gespräch mit den beiden mehr darüber in Erfahrung bringen, wie die Molokanen in Fioletovo ihren Alltag verbringen und worin ihr Glaube sich von anderen unterscheidet. Molokanen siedelten ursprünglich auf russischem Staatsgebiet, wurden allerdings in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Zarenregierung dazu gezwungen, in den Südkaukasus zu immigrieren. Ziel dabei war es, Bevölkerungsgruppen, die sich von der russisch-orthodoxen Kirche abgewandt hatten, aus Zentralrussland zu vertreiben und Transkaukasien mit ethnischen Russen zu besiedeln.

Doch zurück ins Jetzt: Nach kurzer Erkundungstour durch Garten und Stallung finden wir uns wieder zusammen, um gemeinsam mit dem Abendessen zu beginnen. Die Teetassen warten bereits darauf, von uns gefüllt zu werden, als uns die Vorspeisenteller gereicht werden. Es gibt Nudelsalat, Pilze mit Ei, Salat und russische Piroschki – ein Kontrastprogramm zu dem armenischen Essen der letzten Tage. Nachdem jede und jeder sich am reichlichen Essen bedient hat, ist endlich Zeit, um mit Natalja ins Gespräch zu kommen. Wir haben viele Fragen mitgebracht. Natalja erzählt uns zunächst einiges über den Ort. Alle sprächen hier Russisch, erklärt sie uns, doch es gäbe eine Schule im Dorf, dort lernten die Kinder neben der russischen Sprache auch Armenisch. Leben würden die Leute hier sehr einfach, vor allem von der Landwirtschaft. "Was nicht selbst gegessen wird, bieten wir auf dem Markt zum Verkauf an", erklärt sie uns. Schwer würde das besonders dann, wenn viel Regen und Hagel die Ernte beschädigten. Die Rudometkins, die bereits Großeltern von sechs Enkelkindern sind, verdienten sich außerdem noch etwas hinzu, indem sie seit ungefähr fünf Jahren Gruppen wie uns bewirteten, so Natalja. Vor allem kämen Italiener und Armenier, die sich eine Auszeit in der grünen und kälteren Umgebung gönnten, Fotos machten und das gute Essen genießen wollten. Neben diesem Einkommen unterstützten sie auch ihre Kinder, die zurzeit teilweise in Russland lebten, um dort Geld zu verdienen. Innerhalb des Dorfes sei Arbeit rar, weshalb das notwendig sei. Ziel sei aber, als eine Gemeinschaft zusammen zu leben. Einen Kirchenoberhaupt wie den Papst gäbe es nicht bei den Molokanen, so Natalja, jedoch sei durch zwei Dorfvorsteher auf lokaler Ebene eine gewisse Struktur vorhanden. Der eine beschäftige sich eher mit den Verwaltungsaufgaben des Dorfes während der andere sich als Ehrenamtlicher um die geistlichen Aspekte innerhalb der Gemeinde kümmere. So wäre letzterer beispielsweise dafür zuständig, dass der Zehnt vom Einkommen, der von jedem an die Gemeinde abgegeben würde, an bedürftige Familien umverteilt wird. Weiterhin kümmere er sich auch um die drei Gebetshäuser im Dorf, in denen einmal wöchentlich gebetet würde.

Der molokanische Glauben unterscheidet sich in einigen Punkten von anderen christlichen Religionen. Im Gegensatz zu den Katholiken, Protestanten oder Orthodoxen ist das Kreuz nicht zentrales Symbol der Molokanen, denn sie sehen es viel mehr als Zeichen der Schmach. Im Mittelpunkt stehen stattdessen die Bibel und ihre Lehren, Ikonen spielen folglich ebenso keine Rolle. Auf Alkoholkonsum und den Verzehr von Schweinefleisch wird bei Molokanen verzichtet, ohnehin isst man nur selbst geschlachtetes Fleisch, was mit einer speziellen Gebetstradition beim Schlachten zusammenhängt. Weiterhin tragen Frauen keinen Schmuck und keine Hosen und sollen stets bedeckt bekleidet sein, weshalb auch das Kopftuch nach der Hochzeit fester Teil der Frauenbekleidung ist. Vor der Ehe beruht das Tragen des Kopftuchs auf Freiwilligkeit. Geburtstage werden nicht gefeiert, Musik gibt es vor allem in Form der eigenen Gesänge. Weiterhin sind Scheidungen nicht möglich, ebenso wenig wie der Eheschluss mit Andersgläubigen, allerdings ist eine Konversion zum molokanischen Glauben durchaus möglich, wenn auch selten. Neugeborene werden nicht durch eine Wassertaufe ein vollwertiges Mitglied der Glaubensgemeinde, sondern durch den Eintrag in das Buch des Lebens am achten Tag nach der Geburt. Abtreibungen sind nicht gestattet. Molokanen feiern einmal im Jahr eine Festwoche, in der sie Gott für das vergangene Jahr danken.

Was für die meisten von uns klingt, wie Regeln aus früheren Zeiten, zumindest hinsichtlich unserer Lebensrealitäten, ist hier gelebter Alltag. Und doch beschleicht uns nicht das Gefühl, dass Natalja und Michail mit diesen Vorgaben haderten. Und überhaupt: Die beiden scheinen sehr zufrieden, trotz der doch eher einfachen und körperlich anstrengenden Umständen, unter denen sie hier leben. Immer wieder werden Späßchen gemacht, stets blicken wir in freundliche Gesichter, die uns vermitteln: Ihr seid hier willkommen. Klar, es ist nur ein kurzer, ein sehr subjektiver Einblick in das Leben in Fioletovo, den wir hier bekommen. Und doch mag so manch einer darüber nachdenken, ob es so etwas wie einen Zusammenhang geben mag zwischen der Einfachheit und Zufriedenheit, die wir hier vorfinden.

Doch sind es zunächst eher die alltäglichen, praktischen Fragen, auf die wir versuchen eine Antwort zu bekommen. So fragt jemand nach dem Tagesablauf des Ehepaars. Natalja antwortet, dass der Tag für sie morgens um 5 Uhr anfange. Nach dem Beten würde sie mit ihrem Mann die Kühe melken, anschließend Kaffee kochen und danach würden sie sich der Arbeit im Garten und Haus zuwenden. Um zwölf Uhr nachts ginge es dann nach dem Gebet zu Bett. "Arbeit gibt es immer genug, wer mag, darf gerne zum Mitarbeiten hierbleiben!", scherzen die beiden. Frauen- oder männertypische Arbeiten gäbe es nicht, sagen Michail und seine Frau, alle würden überall mit anpacken. Dass Michail bei unserer Bewirtung mithilft, Tee ausschenkt und Teller verteilt, passt zu dieser Aussage. Es folgt die Frage, was passiere, wenn ein Dorfbewohner medizinische Versorgung benötigt. Natalja berichtet, dass die Molokanen das staatliche Gesundheitssystem Armeniens nutzen könnten, etwa bei Geburten oder schweren Erkrankungen würden sie ins 20 Kilometer entfernte Krankenhaus in Vanadzor fahren. Dafür könnten sie den Bus nutzen, der täglich drei Mal dorthin fährt, denn Autos besäßen die meisten im Dorf nicht. Außerdem würde auch jeden Morgen ein Sammeltaxi nach Jerewan fahren, das abends zurückkehre, so Natalja. Neben der Versorgung im Krankenhaus gäbe es aber auch Hilfe durch Hebammen im Dorf, allerdings sei es bei einer Hausgeburt schwieriger, die nötigen Geburtsurkunden zu erhalten. Bluttransfusionen sind laut Natalja übrigens erlaubt, allerdings nur innerhalb der weiteren Familie. Wir wollen danach wissen, ob Mobiltelefone und Computer im Dorfleben eine Rolle spielen, da wir im Voraus gehört hatten, dass diese von Molokanen abgelehnt würden. Zu unserer Überraschung bejahte man unsere Frage, man nutze Laptops und Mobiltelefone.

Es folgt der zweite Gang: Borschtsch, eine traditionelle Suppe. Als diese verteilt war, konnte die Fragerunde weitergehen. Nachdem Natalja uns mehr über molokanischen Hochzeitsbräuche erzählt hat, interessiert uns, wie sich die jungen Leute innerhalb der Glaubensgemeinschaft kennenlernen. Natalja erklärt uns, dass ein Zusammentreffen junger Molokanen zwischen verschiedenen Dörfern stattfinde, indem diese sich ab und an in ortsübergreifenden Bibellesegruppen zusammenfänden. Das bringt uns schnell zur Frage, wie viele Molokanen es in Armenien und weltweit gibt. Natalja sagt, in Armenien seien es ihres Wissens 5000 Molokanen. Die weltweite Zahl kann sie uns nicht nennen. Sie weiß aber, dass es wohl auch in Russland, den USA und in Australien Molokanensiedlungen gäbe. Um dort oder anderswo hinzureisen, habe sie keine Zeit und Möglichkeit, allerdings würde sie auch nicht wirklich darüber nachdenken. Wir wollen außerdem wissen, ob die Molokanen in Armenien Repressionen erfahren. Die Antworte lautet: Nein, Armenien habe die Molokanen damals aufgenommen, als die Zarin Katharina sie aus Russland vertrieben habe. Die Geflüchteten hätten sogar eine Grundausrüstung für das landwirtschaftliche Arbeiten sowie Kühe und Pferde erhalten. Auch heute noch sei es so, dass sich die Armenier ihnen gegenüber sehr respektvoll verhalten würden, vertreiben wolle man sie dementsprechend nicht. Zur Frage nach der aktuellen politischen Lage in Armenien hat Natalja eine eher skeptische Sicht: "Gott bestimmt, was kommen wird. An einen Wandel im Land glaube ich nicht".

Als Nachspeise werden russische Bonbons und Pfannkuchen mit Marmelade gereicht. Dazu wird Tee serviert, der dreifingerbreit in die Tasse gefüllt und anschließend mit heißem Wasser aufgefüllt wird. Draußen ist es mittlerweile dunkler geworden. Die Blüten der Gartenblumen sind mittlerweile geschlossen. Einzig die Sonnenblumen, die als Muster auf den vor uns stehenden Wassergläsern abgedruckt sind, trotzen der nahenden Dunkelheit. Nach einer langen Runde des Fragens unsererseits wollen wir nun wissen, ob auch Michail und Natalja Fragen an uns haben. Nach kurzer Zeit des Überlegens fragt Natalja, wie uns Armenien gefallen habe. Außerdem will sie wissen, was wir über die Molokanen denken würden und wie wir unseren Lebensunterhalt in Deutschland verdienten beziehungsweise unser Studium finanzierten. Natürlich stehen nun auch wir Rede und Antwort, bevor es für uns allmählich Zeit wird, unsere Notizzettel und Stifte zusammenzupacken. Die Abenddämmerung naht bereits als wir dankbar über die vielen beantworteten Fragen und die große Gastfreundlichkeit der Rudometkins in den Bus steigen, der direkt vor der Haustür auf uns wartet. Nach kurzer Verzögerung, bedingt durch eine den Bus umschließende, vom Weiden in die Stallungen zurückkehrende Kuhhorde, verlassen wir das Dorf in Richtung Georgien. Was bleibt ist das Gefühl, eine besondere Einsicht in das Leben der armenischen Molokanen erlangt zu haben. Ein Leben, das sich stark von den unseren unterscheidet und so manch eine oder einen gerade deshalb zum Denken anregt.