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28.3.2019

Stalin-Museum

Statue von Josef Stalin vor dem ihm gewidmeten Museum in Gori.Statue von Josef Stalin vor dem ihm gewidmeten Museum in Gori. (© Christoph Velling)
Für die meisten völlig überraschend befindet sich der Geburtsort von Josef Stalin in Georgien. Also stoppten wir auf dem Weg nach Batumi in Gori, um uns das Museum dort anzuschauen. Vorbereitet durch einen kleinen Input erwartete uns eine Führung voller Superlative. Unmengen von Statuen, Büsten und Bildern von Stalin zeigten den Menschen Josef Stalin, der als Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili geboren wurde. Seine Familie und seine jungen Jahre in Georgien wurden sehr ausführlich beleuchtet, man fühlte sich zwischendurch an eine der unzähligen Gossip-Zeitschriften erinnert, so eine unserer Teilnehmerinnen.

Seine politischen Taten und die Diktatur in der Sowjetunion wurden komplett ausgeblendet und das gezeichnete Bild während der Führung war einzig positiv, denn der Georgier Stalin wäre ja ein großer Mann gewesen, den die Russen verdorben hätten.

Als alle die Hoffnung auf eine kritische Beleuchtung der politischen Karriere Stalins aufgegeben hatten, erzählte die Museumsführerin etwas von einem kritischen Teil der Ausstellung. Wir wurden hellhörig und folgten ihr in einen staubigen Kellertrakt unter der Haupttreppe im Museum. Nach einem kurzen Telefonat mit der Leitung wurde für unsere Gruppe das Licht in diesem Teil des Museums eingeschaltet. In zwei kleinen Räumen wurde versucht, die Gräueltaten Stalins mit dem Kaukasus-Krieg von 2008 zu verknüpfen. Eine interessante Idee, die uns allen etwas aufstieß und kontrovers diskutiert wurde. Auf etwaige Fragen zur politischen Seite Stalins reagierte die Museumsführerin ausweichend und erklärte, dass sie nur Fakten präsentiere. Für uns blieb der Eindruck, dass sie stark subjektiv ausgewählte Fakten präsentierte.

Anschließend führte sie uns noch zum eigentlichen Geburtshaus von Stalin, welches sich unmittelbar vor dem Museum befindet. Dieses ist geschützt durch ein Dach, dass in der sowjetischen Zeit errichtet wurde und laut der Museumsführerin das einzige Gebäude in ganz Georgien, an dem Hammer und Sichel angebracht sind, ist, da diese per Erlass verboten sind.
Diese rote Samtfahne zeigt das Konterfei von Lenin über einem Ährenkranz mit Hammer und Sichel.Diese rote Samtfahne zeigt das Konterfei von Lenin über einem Ährenkranz mit Hammer und Sichel. (© Christoph Velling)

Zum Schluss führte sie uns zur letzten Attraktion des Museums, den alten Eisenbahnwaggons, mit dem Stalin durch die Welt reiste.

Uns alle beeindruckte nachhaltig, wie unreflektiert Museen sein können und wie positiv Diktatoren dargestellt werden können, wenn man Teile des Lebens ausblendet. Die Ausstellung wurde 1957, nur drei Jahre nach Stalins Tod und zu Zeiten der Sowjetunion konzipiert.

Einige Teilnehmer/-innen verglichen dieses Museum mit einem Museum über die frühen Jahre Adolf Hitlers in Braunau am Inn. Dies wäre für uns alle unvorstellbar. Dieser Punkt unserer Reise ist für alle empfehlenswert, die über genug Vorwissen verfügen, um die Ausstellung kritisch zu hinterfragen und gerne mal eine surreale Erfahrung machen möchten.