Sonnenaufgang am Sevansee in Armenien.

1.4.2019 | Von:
Parzival Andreas Borlinghaus

Politik, Presse und Musik

Man spricht von ihnen, den Medien, gerne als "Vierte Gewalt" - Grund genug sie sich genauer anzusehen! Haben Journalisten in Georgien die Bezeichnung "Vierte Gewalt" verdient und wenn nein, was macht sie so ohnmächtig? Wir sprechen darüber mit Niko Nergadze, 39, der schon im Alter von 16 Jahren den Journalismus für sich entdeckt hat. Seine Karriere hat ihn über Umwege, zum Beispiel über das Playboy Magazin, schließlich zu Radio Liberty geführt. In seiner Rolle als Radio Liberty-Redakteur heißt er uns auch heute in einem kleinen Park-Café in Tiflis willkommen.
Der Redakteur Niko Nergadze vom Radio Liberty im Gespräch mit Teilnehmern der Studienreise.Der Redakteur Niko Nergadze vom Radio Liberty im Gespräch mit Teilnehmern der Studienreise. (© Vera Katzenberger)

Medien sind "partly free"

Radio Liberty Georgia entstand, wie die gleichnamigen Radiosender in anderen ehemaligen Ostblock-Ländern, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Amerikaner versuchten, oft gegen den Willen der betroffenen Regierungen, Radioprogramme in abgeschirmtes Gebiet zu transportieren und so Zugang zu alternativen (amerikanischen) Informationen, Musik und Perspektiven zu bieten. Auch heute ist Radio Liberty noch aus US-Mitteln finanziert. Diese hätten aber, so Niko, kaum Einfluss auf das operative Geschäft. Für ihn zeichnet sich Radio Liberty viel mehr durch die vielen hochkarätigen Journalist*innen aus. Diese lieferten spannende und tiefreichende Hintergründe, die sich, gemessen an der Verbreitung des Radios, gewisser Beliebtheit erfreuten.

Niko erzählt weiter, dass Georgien im Ranking zur Pressefreiheit der Reporter ohne Grenzen den Platz 61 belege (Deutschland: Platz 15), oder um es in Worten auszudrücken: Die Medien in Georgien sind "partly free". Grund für diese Bewertungen sei, dass zwar rechtlich der Rahmen für eine umfassende Pressearbeit gegeben sei, so würden auch keine Journalist*innen verschwinden oder um ihre Unversehrtheit fürchten müssen, aber dennoch gäbe es subtile Wege die Arbeit zu erschweren. Einfluss werde nicht über Gewalt, sondern über Eigentum an den Medienanstalten ausgeübt. So verfüge Bidsina Iwanischwili, der reichste Mann Georgiens, durch Beteiligungen, auch an Medienanstalten, durchaus Einfluss auf die Berichterstattung. Auf die Frage ob Fake News ein Problem seien, reagiert Niko gelassen. Zwar sei zu beobachten gewesen, dass zwei Wochen vor den Wahlen die Anzahl der Falschmeldungen gestiegen sei, aber nicht mehr oder weniger als in anderen Ländern.

Techno als soziale Bewegung?

Das Gespräch wandert weiter. Von der Politik hin zur Musik: Niko produziert drei Mal die Woche einen Musikpodcast, der sich großer Beliebtheit erfreut. Zumeist mit Gästen spricht er über neue Trends, Songs und Hintergründe. Trotz der starken Musikszene wimmelt Niko ab, als er auf den Hype, dass Tiflis das neue Berlin sei, angesprochen wird: Techno sei im Vergleich zu Hip-Hop keine Musik, die soziale Belange transportiere. Das sei aber gerade das, was den jungen Leuten in Tiflis auf dem Herzen läge. Deshalb sollte aus seiner Sicht Tiflis weniger für seine Techno- als vielmehr für seine spannende Hip-Hop-Szene Anerkennung erhalten.

Die Themen rauschen an diesem Nachmittag nur so durch: Wir sprechen viel über Politik, Presse und Musik. Niko macht bei alledem einen sehr gewinnenden und offenen Eindruck. Schön, dass er Zeit für uns gefunden hat.