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Veranstaltungen: Dokumentation

13.5.2019 | Von:
Dr. Gereon Flümann

Theater | Macht | Gleichwertigkeit. Autoritäre Bedrohungen der Demokratie

Bericht vom #jugendforum19. Eine Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung mit dem Jungen Schauspiel Düsseldorf

Ausgrenzung, Diskriminierung und Abwertung. Wem die Welt zu komplex ist, der macht sie sich einfacher. Das geht oft mit Vorstellungen von Ungleichwertigkeit einher. In Düsseldorf haben Anfang Mai Jugendliche aus ganz Deutschland darüber diskutiert, wie unsere Gesellschaft für alle ein Ort der freien individuellen Entfaltung sein kann.

Teilnehmende vor dem Eingang des Jungen SchauspielhausesTeilnehmende vor dem Eingang des Jungen Schauspielhauses. (© bpb, BILDKRAFTWERK)

Hamid hört Stimmen in seinem Kopf. Sie wollen, dass er es tut. Aber will er es wirklich? Was passiert mit seiner Freundin? Hat Tayfun, der Leiter des Jugendclubs, wirklich den Tod verdient?

Energiegeladen, emotional und bisweilen – trotz aller Ernsthaftigkeit – auch komisch eröffnet am Abend des 1. Mai 2019 das Theaterstück "Paradies" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz das Jugendforum "Theater | Macht | Gleichwertigkeit – Autoritäre Bedrohungen der Demokratie". Und kommt dem zentralen Tagungsthema "Ideologien der Ungleichwertigkeit" schon ziemlich nahe. Es erzählt von der islamistischen Radikalisierung, aber auch und vor allem von den Zweifeln des jungen Hamid, der zwischen Erinnerungen an sein altes und den Anforderungen an sein neues Leben unter einer autoritären, gewalttätigen Ideologie gefangen ist. Wird er es tun? Das bleibt offen. Lisa Kiefer und Michael Kiefer vom Düsseldorfer Präventionsverein Aktion Gemeinwesen und Beratung übernahmen im Anschluss an das Stück mit einer zur Diskussion anregenden Performance die politisch-bildnerische Aufarbeitung des zuvor Gesehenen.

Die mit 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Jugendforums prall gefüllte Studiobühne des Jungen Schauspiels und das Theaterfoyer waren die zentralen Orte der viertägigen Veranstaltung für junge Leute zwischen 16 und 23 Jahren aus ganz Deutschland. Da der Theaterbetrieb mit Proben und Umbauten nicht einfach eine 70-stündige Pause einlegen kann, fanden einige Programmpunkte im nahe gelegenen Hotel statt. Dort erläuterte am nächsten Morgen Matthias Quent vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena die Rahmenbedingungen und die Verbreitung von Ideologien der Ungleichwertigkeit. Mit für die meisten vermutlich erstaunlichen Ergebnissen: Während die öffentliche Präsenz zum Beispiel von rassistischen und antisemitischen Äußerungen, Abwertungen von Muslimen oder Sinti und Roma durch neue parteipolitische Formierungen und alte rechtsextremistische Kader sowie "normale" Mitbürger/-innen, sowohl in Sozialen Medien als auch offline gefühlt zugenommen hat, befinden sich die dahinter liegenden Einstellungen im Laufe der vergangenen 20 Jahre eher auf dem Rückzug. Sie nehmen langsam aber kontinuierlich ab. Aufgrund der stärkeren öffentlichen Konfrontation mit solchen Einstellungen und beispielsweise angesichts einer Zustimmung von 16,5 bis 28,6 Prozent der Befragten einer repräsentativen Studie zur Aussage "Ich hätte Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten"[1] ist das jedoch sicher kein Grund zur Entwarnung.

Nach einer darauf folgenden Vertiefung des Vortrags in acht parallelen Workshops zu einzelnen Ungleichwertigkeitsvorstellungen und autoritären Ideologien war frische Luft angesagt: Der Tagungsort Düsseldorf sollte erkundet werden. Aber nicht in roten Touristenbussen, sondern durch Stadtführungen der anderen Art: Jeweils zwei Gruppen erkundeten den urbanen Raum mit Obdachlosen beziehungsweise Flüchtlingen. Weitere zwei Gruppen nahmen an einer Stadtführung aus postkolonialer Perspektive teil. Dass über wahrgenommene Andersartigkeit auch gelacht werden kann und soll, stellte dann am Abend Abdelkarim klar: Stand-up-Comedy mit Einbindung des Publikums vom Feinsten.

"Jugend ohne Gott" betitelte Ödön von Horváth im Jahr 1937 seinen Roman, den das furiose Ensemble des Jungen Schauspiels am folgenden Morgen in einer Theaterfassung von Kristo Šagor aufführte. Wenngleich die Rahmenbedingungen andere sind, bleibt die Erzählung von der mitunter schwierigen Positionierung gegen umgreifenden Menschenhass und den fatalen Folgen eines Mangels an demokratischer Haltung erschreckend aktuell. Die Theaterpädagoginnen und -pädagogen sowie Schauspieler/-innen des Jungen Schauspiels nahmen die Teilnehmer/-innen des Jugendforums anschließend mit auf eine Erkundungstour durch verschiedenste Deutungen und Aufarbeitungsmöglichkeiten des Stücks. Von Rap- und Chormusik über Urban Act bis hin zu einer Schrei- und Schreibwerkstatt oder der Thematisierung von Pressefreiheit reichte das Spektrum der sieben Workshops.

Der inhaltliche Abschluss des Jugendforums lag bei der Auseinandersetzung mit Verschwörungsideologien, deren Charakter stets autoritäre Züge trägt und die häufig aus Ungleichwertigkeitsideologien heraus entstehen. Die Teamer/-innen des Berliner Vereins BildungsBausteine führten in die Strukturen und Mechanismen von Verschwörungsideologien ein und rüsteten die Teilnehmer/-innen damit für ihre nächste Aufgabe: Verschwörungstheorien selber basteln![2] Ob die in einem Workshop entwickelte Entenverschwörung nun wahr oder falsch ist? Wer weiß das schon? Abends las der Theatermacher und Autor Tobias Ginsburg aus seinem Undercover-Bericht aus der Reichsbürgerszene vor.[3] Für ihn sind die kruden Ideologiesplitter der Reichsbürger/-innen auch nichts weiter als der Glaube an eine Verschwörung, die sich gegen ein vermeintlich homogenes deutsches Volk richte. Wer die Szene deshalb unterschätze, begehe einen Fehler. Das Gewaltpotential sei beachtlich. Noch gefährlicher für die Demokratie sei jedoch die Anknüpfungsmöglichkeit der Reichsbürgerideologie an die Diskurse von Teilen der politischen Öffentlichkeit.

Drei Tage vollgepacktes, nicht immer erheiterndes Programm und deswegen zu erschöpft für eine Abschlussparty? Nicht doch! Die DJane traf den Geschmack ihres Publikums und füllte recht bald den Tanzboden. Mehr oder weniger ausgeschlafen schlugen die Teilnehmer/-innen des Forums dann am Samstagmorgen nahezu vollzählig zum Abschluss des Jugendforums im Foyer des Jungen Schauspiels auf. Die beiden Moderatorinnen Ketie Saner und Susanne Eckler wissen, wie Morgenmuffel mobilisiert werden: Sie manövrierten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Methoden aus dem "Theater der Unterdrückten" durch den Vormittag und reflektierten so en passant die vergangenen Tage. In Düsseldorf fällt der Vorhang. Im Alltag und in den Köpfen der Teilnehmer/-innen spielt das kontroverse und diskussionsreiche viertägige Stück im Grenzgebiet zwischen politischer und kultureller Bildung (hoffentlich) weiter eine Rolle.

Das Programm zum Jugendforum als PDF-Icon PDF-Download (229 KB).

Impressionen des Jugendforums


Fußnoten

1.
Vgl. Andreas Zick, Beate Küpper, Wilhelm Berghan, Verlorene Mitte – Feindselige Zustände, Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19, Bonn 2019.
2.
Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Gekonnt handeln, Kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus, 11 Aktivitäten für die schulische und außerschulische politische Jugend- und Erwachsenenbildung, Bonn 2016, S. 19-20. Auch online einsehbar.
3.
Vgl. Tobias Ginsburg, Die Reise ins Reich, Unter Reichsbürgern, Berlin 2018.

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