Veranstaltungen: Dokumentation

18.5.2011

"Die Mischung machts"

Interview mit Dr. Birgit Rehlender (Projektleiterin für Lebensmitteluntersuchungen bei der Stiftung Warentest. Vorsitzende der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission)

Dr. Birgit RehlenderDr. Birgit Rehlender
bpb: Neben Ihrer Tätigkeit bei Stiftung Warentest sind Sie Vorsitzende der Lebensmittelbuch-Kommission. Welche Funktion hat diese Kommission? Rehlender: Die gesetzlichen Regelungen und Verordnungen für Lebensmittel reichen oftmals nicht aus, um die Produkte in ihrer Beschaffenheit detailliert zu beschreiben. Für manche Lebensmittel ist nicht einmal eine Verkehrsbezeichnung definiert. An diesen Stellen greift das deutsche Lebensmittelbuch ein und beschreibt den redlichen Herstellungs- und Handelsbrauch und die berechtigte Verbrauchererwartung für einzelne Erzeugnisse.

Was passiert da konkret?

Es geht darum sicherzustellen, dass der Verbraucher auch das bekommt, was ihm versprochen wird und was er berechtigterweise erwarten darf. Dabei werden einzelne Produktgruppen angeschaut und die charakteristischen Merkmale erfasst. Die Ergebnisse werden anschließend in Form von Leitsätzen veröffentlicht. Die Lebensmittelüberwachung, Hersteller, Händler, Konsumenten und auch Wissenschaftler sind an diesem Prozess beteiligt.

Angesichts der Mitgliederbeschaffenheit (32 Mitglieder: Je acht Mitglieder stammen aus der Lebensmittelüberwachung, der Wissenschaft, der Verbraucherschaft und der Lebensmittelwirtschaft) gibt es doch sicher ein hohes Konfliktpotenzial. Wie schaffen Sie es, dass die Kommission handlungsfähig ist?

Konfliktpotenzial ist zwar da, aber das hält sich bei den produktbezogenen Leitsätzen in Grenzen. Es ist nicht so, dass Verbraucher und Hersteller grundsätzlich konträre Ansichten haben. Letztlich wollen alle Hersteller, dass ihre Produkte auch gekauft werden. Wir einigen uns in Regel auf der Basis des redlichen Herstellungsbrauchs, den man bei sehr vielen Lebensmitteln auch nachvollziehen kann. Das, was von seriösen Herstellern produziert wird, ist nicht sehr weit von dem entfernt, was Verbraucher haben möchten – sofern die Lebensmittel ordentlich hergestellt wurden. Klar ist: Verbraucher kaufen kein Produkt, dessen Herstellungsprozess fragwürdig ist. Insofern laufen die Diskussionen in der Kommission überwiegend sachlich und zielorientiert ab.

Sie haben in der Lebensmittelbuch-Kommission neue Leitsätze für Honig erarbeitet. Ist die Qualität von deutschem Honig in Ordnung?

Wir haben fast zwei Jahre gemeinsam mit allen Beteiligten – also auch mit den Imkern – darüber beraten, neue Leitsätze zu formulieren. Der Anstoß dazu kam vom deutschen Imkerbund selbst, weil die Formulierungen der alten Leitsätze nicht mehr zeitgemäß waren. Ziel war es, die Honigsorten in ihrer Beschaffenheit und Kennzeichnung besser vergleichbar zu machen. Und das ist uns gelungen, so dass es nun einen einheitlichen Konsens für alle Honige, auch die deutschen, gibt.

Und wie sieht das beim Fleisch aus? Es wird immer mehr Fleisch konsumiert, bei zunehmend günstigeren Preisen. Was sagt das über die Qualität in der Fleischproduktion aus?
Beim Fleisch gilt, was auch bei allen anderen Konsumgütern gilt: Qualität hat ihren Preis. Und wenn ich als Verbraucher "ethisch einwandfreie" Fleischprodukte kaufen will, muss ich eben mehr bezahlen. Das gilt insbesondere für solche Produkte, die ohne Massentierhaltung hergestellt wurden. Das, womit die großen Lebensmittelproduzenten häufig werben, nämlich mit traditionellen Herstellungsverfahren, trifft meist nicht zu. Wir wollen überall in Deutschland die gleiche sichere Lebensmittelqualität. Das lässt sich aber nur mit Hightech erreichen und hat mit ländlicher Idylle nichts mehr gemein.

Klonfleisch ist auch so ein Hightech-Produkt. Was ist davon zu halten, dass solche Produkte im EU-Gebiet ohne Kennzeichnung in den Handel dürfen?

Leider sind wir noch lange nicht dort angekommen, wo wir hin wollen und was wir für den Verbraucher leisten können. Selbstverständlich wäre es schön, wenn die Fleisch-Fachverkäuferin im Supermarkt dem Kunden wie in der Werbung die genaue Herkunft seines Steaks sagen könnte. Das ist leider noch Utopie. Allerdings: Erste Ansätze gibt es schon, beispielsweise beim Spinat. Dieser ist über eine Nummer auf der Verpackung bis zum Anbaugebiet und Produzenten zurückzuverfolgen. Diese Praxis ist vorbildlich und wünschenswert für alle anderen Lebensmittel. Bei Rindfleisch wird inzwischen immerhin die Herkunft gekennzeichnet, bei Geflügel gibt es solche Auflagen leider noch nicht.

Gerade einmal sechs Prozent der Anbaufläche Deutschlands entfallen auf die ökologische Landwirtschaft. Angesichts der immensen Menge an Lebensmitteln mit Bio-Label in den Supermarkt-Regalen kaum vorstellbar. Wie kann man das erklären?

Die Produkte im Supermarkt kommen ja nicht alle aus deutscher Produktion. Es wird viel importiert. Der Anbau von Bananen ist hierzulande einfach nicht möglich, damit gibt es auch keine Biobananen. Sorgen muss der Verbraucher sich da aber nicht machen. Die Hersteller, die im Ausland für den deutschen Markt produzieren, sind verpflichtet, dieselben Standards zu erfüllen, die auch für deutsche Biobauern gelten.

Würden Sie unter diesen Gesichtspunkten generell raten, Lebensmittel nur frisch vom Markt zu kaufen, oder tun‘s Tiefkühlprodukte auch?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Wenn Verbraucher frisches Obst und Gemüse kaufen, sagt mir das, dass diese Menschen selbst kochen wollen. Das begrüße ich außerordentlich, zumal die Kinder in unserer heutigen Gesellschaft immer weniger gezeigt bekommen, wie Essen zubereitet wird. Auf der anderen Seite gibt es Tiefkühlprodukte, die im Vergleich gesünder sind als die, die sie auf dem Wochenmarkt erstehen können. Kommen wir zurück zum Spinat. Der wird nach der Ernte so schnell schockgefrostet, wie ihn der Bauer gar nicht auf den Markt schaffen kann. Insofern ist Tiefkühlspinat vitaminreicher. Auch hier gilt, wie bei allem im Leben: Die Mischung macht's.

Kriegen Sie es im stressigen Alltag denn immer hin, sich gesund und nachhaltig zu ernähren?

Das schaffen wir leider nicht immer. Mein Mann und ich sind beide berufstätig. Das heißt, dass wir immer wieder Kompromisse eingehen müssen. Wir lieben es aber beide zu kochen und kaufen in der Regel frisch und gesund ein.

Hand auf's Herz: Wissen Sie, woher Ihr Honig kommt?

Ja, ganz sicher. Und zwar durch meine Tätigkeit als Honig-Testerin. Ich habe in dieser Arbeit viele überzeugte Imker kennengelernt. Den Honig, den sie sorgfältig geimkert haben, trage ich – und wenn es noch so weit ist – gern bis zu mir nach Hause. Honigkauf ist für mich eine Frage des Vertrauens. Da zahle ich gern einen Euro mehr. Bienenzucht verschafft uns zudem nicht nur leckeren Honig, sondern ist volkswirtschaftlich sehr wichtig: ohne Bienen kein Obstanbau.

Das Gespräch führte Oliver Scheiner


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