Veranstaltungen: Dokumentation

18.5.2011

"Die Hälfte reicht"

Dr. Friedhelm Mühleib, Ernährungswissenschaftler und -journalist, im Gespräch mit der bpb.

Dr. Friedhelm MühleibDr. Friedhelm Mühleib
bpb: Sie sind nicht nur Ernährungswissenschaftler und -journalist, Sie beraten auch Lebensmittelhersteller. Was sagen Sie Unternehmen, die schon mal im Verdacht stehen, das Thema Nachhaltigkeit stiefmütterlich zu behandeln?

Mühleib: In meiner beratenden Tätigkeit stelle ich immer wieder fest: Gerade bei den großen Herstellern herrscht ganz viel guter Wille und – viel wichtiger – bei denen ist auch viel Qualität. Dabei müssen wir uns klar machen, dass uns gerade diese Konzerne mit Lebensmitteln versorgen. Eine Gesellschaft mit über 80 Mio. Menschen kommt ohne große Unternehmen, die Lebensmittel verarbeiten und verteilen nicht aus.

Woran machen Sie diese Qualität fest?

Allein an der Tatsache, dass es diese Produzenten schaffen, uns alle zu ernähren, ohne dass wir permanent Gefahr laufen, etwa durch verdorbene Lebensmittel zu Schaden zukommen. Tatsache ist: Es gab noch nie so wenig lebensmittelbedingte Erkrankungen wie heute. Die Qualitätssicherungssysteme bei den großen Konzernen sind kaum zu toppen. Das ist eine Leistung, die man würdigen muss, vor allem weil dieser Markt hart umkämpft ist. Das heißt allerdings nicht, dass es dort nicht auch viele Fehlentwicklungen gibt: Da werden Fertigprodukte, Limonaden, Süßwaren und viele andere Produkte hergestellt, die keine Mensch im Rahmen einer gesunden Ernährung braucht.

Und wie erklären Sie die vielen Lebensmittelskandale der letzten Jahre?

Natürlich gibt es unter Lebensmittelproduzenten auch schwarze Schafe. Die Regel ist jedoch – insbesondere bei den großen Herstellern –, dass alles getan wird, um solche Skandale zu vermeiden – schon deshalb, weil sich kein Unternehmen den damit verbundenen Imageschaden leisten kann.

Der Anbau von genetisch veränderten Lebensmitteln nimmt weltweit zu. Lässt sich die Ausbreitung dieser veränderten Saaten etwa durch Pollenflug verhindern?

Hier liegt in der Tat ein großes Problem vor, und zwar ein politisches. Man kann sich nicht an die Felder stellen und die Pollen mit Windrädern zurück pusten. Leider ist das Bewusstsein dafür noch viel zu wenig vorhanden.

Inwiefern?

In den USA gibt es zum Beispiel mit Monsanto einen großen Produzenten, der mit genmanipuliertem Saatgut arbeitet und handelt, und noch dazu eine Monopolstellung anstrebt. Der Widerstand gegen die Aktivitäten solcher Konzerne hat in den USA in den letzten Jahren enorm an Zuwachs gewonnen. Trotzdem sind die Initiativen zu schwach, um die Entwicklung verhindern zu können. Hier kann nur die Politik etwas erreichen.

Einen Konzern wie Monsanto würden Sie also nicht beraten?

Die würden mich bestimmt nicht um Rat fragen. Ich meine: Man sollte auch als Berater Position beziehen. Für die Fleischwirtschaft zu arbeiten, könnte ich mir z.B. nur noch schwer vorstellen. Nicht, weil ich grundsätzliche Probleme mit dem Lebensmittel Fleisch hätte. Sondern weil ich aus Gründen der Nachhaltigkeit, Gesundheit und Ökologie der Überzeugung bin, dass wir den Fleischkonsum reduzieren sollten. Meine Meinung: Die Hälfte reicht!

Wie soll das erreicht werden?

In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch bei rund 60 kg pro Jahr. Das ist viel mehr, als wir brauchen. Der Lösung liegt in unserem Verhalten als Verbraucher: Wer bewusst weniger Fleisch einkauft und isst, hat seinen Beitrag zum Erreichen dieses Ziels schon geleistet. Unser momentaner "Fleischhunger" zieht auch fragwürdige Produktions- und Vertriebsmaßnahmen nach sich. So darf zum Beispiel sogenanntes "Klonfleisch", also Fleisch, das von geklonten Tieren oder deren Nachkommen stammt, im EU-Gebiet weiterhin in den Handel, ohne als solches gekennzeichnet zu sein.

Wobei wir wieder bei der Politik wären. Wie kann so etwas passieren?

Das ist eine ganz eindeutiges Versagen der EU-Politik. Man konnte sich nicht auf ein klares Verbot einigen. Es gab im EU-Parlament – gerade von deutscher Seite – starke Bestrebungen, die Einfuhr von Produkten geklonter Tiere zu verbieten. Allerdings verfolgte der Minister-Rat andere Interessen. Er will sich diesen Markt offen halten. Dass im Zuge dessen aber keine Kennzeichnungspflicht für "Klonfleisch" beschlossen wurde, führt zu Verbrauchertäuschung durch Verschweigen. Kein Mensch – weder Industrie noch Verbraucher – braucht Klonfleisch.

Welche Alternativen zum Fleisch sehen sie?

Ich halte es da mit der Vollwert Ernährung, die ein ganz simples Credo hat: "Lasst unsere Nahrung so natürlich wie möglich sein." Damit kommen wir wunderbar klar. Für eine bessere Ernährung gilt: weniger Fleisch, Zucker, Produkte aus Weißmehl und Convenience-Produkte – stattdessen mehr möglichst naturbleassene Pflanzenkost: Gemüse, Vollkornprodukte, Obst, Nüsse und pflanzliche Öle und Fette.

Welche Handlungsoptionen hat die Politik?

Ernährungspolitik muss klarer werden. Was niemand will und braucht, sollte verboten werden – Klonfleisch z.B. Das Mindeste ist, für eine eindeutige Kennzeichnung zu sorgen. Hier gibt es noch viel zu tun. Zudem könnte das Subventionierungsverfahren verändert werden. Mehr Geld für die ökologische Landwirtschaft würde für andere Markt- und damit für andere Preisverhältnisse sorgen.

Kriegen Sie es im Alltag immer hin, sich gesund und nachhaltig zu ernähren?

Das ist für mich aus zwei Gründen nicht schwer. Ich kaufe in der Regel frische, gute Lebensmittel ein, was für mich kein großes Problem ist, da ich auf dem Land lebe. Zum anderen lieben es meine Lebensgefährtin und ich zu kochen. Das ist für uns eine Form von Entspannung und Lebenskultur.

Hand auf's Herz: Wissen Sie, woher Ihr Honig kommt?

Meistens. Wir waren vor kurzem in Neuseeland und haben uns von dort wunderbaren Manuka Honig mitgebracht. Bei anderen Produkten, die bei uns morgens auf dem Frühstückstisch stehen weiß ich es nicht unbedingt. Ich muss es auch nicht immer wissen. Ich bin nachsichtig mit mir: Ich esse auch noch, ohne zu hinterfragen.

Das Gespräch führte Oliver Scheiner


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