Veranstaltungen: Dokumentation

18.5.2011

"Ein klassischer Fall von Marktversagen"

Interview mit Dr. Jesko Hirschfeld, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung

Dr. Jesko HirschfeldDr. Jesko Hirschfeld
bpb: Es werden immer mehr landwirtschaftliche Nutzflächen für Futtermittel und Biosprit genutzt. Was bedeutet diese Entwicklung für die Landwirtschaft im Allgemeinen?

Hirschfeld: Es stellt tatsächlich ein Problem für den Umwelt- und Naturschutz dar, dass in zunehmenden Maße landwirtschaftliche Nutzflächen für die Gewinnung von Biokraftstoffen gebraucht werden. In Deutschland entfallen rund 60 Prozent auf den Anbau von Futtermittel von Tieren. Die verbleibenden 40 Prozent müssen sich die anderen teilen. Das hat zur Folge, dass gerade der Anbau für Biokraftstoffe vermehrt in bisher stillgelegte oder extensiv genutzte Flächen drängt. Unterm Strich hat diese Praxis negative Folgen für die Ökobilanz.

Was sind das für Flächen?

Das sind zum Beispiel entwässerte Moore. Wenn dort beispielsweise Energiemais angebaut wird, hat das insgesamt negative Treibhauseffekte. Darüber hinaus hat das negative Auswirkungen auf den Wasserhaushalt und führt zu Eutrophierung, also einem überhöhten Nährstoffeintrag durch Düngemittel in Flüsse und Küstengewässer. Zudem geht die Artenvielfalt durch unsere landwirtschaftliche Nutzung immer weiter zurück. In Folge dessen entstehen Kosten, die der Landwirt in seiner Arbeit nicht einkalkuliert, und für die die Gesellschaft am Ende aufkommen muss. Die Art, wie heute gewirtschaftet wird, ist einem gesamtgesellschaftlichen Optimum weit entfernt.

Gerade der vermehrte Anbau zur Gewinnung von Biosprit wird von vielen Imkern kritisiert. Es gibt Berichte von massenhaftem Bienensterben in Regionen, in denen solcher Anbau existiert. Wie lässt sich das rechtfertigen?

In diesen bestimmten Fällen kann man den einzelnen Akteuren wenig vorwerfen. Sie befinden sich in einer bestimmten marktwirtschaftlichen Anreizsituation. Dementsprechend kommt in der Wirtschaftlichkeitsrechnung des Produzenten von Biomasse der Imker von nebenan nicht vor. Es bedarf es einer staatlichen Rahmensetzung, um solche Fälle zu verhindern.

Wie könnte so eine Rahmensetzung aussehen?

In Form von Umweltauflagen, wie etwa einer Verschärfung der Düngemittelverordnung und der Pflanzenschutzauflagen. Dort muss man genau hinschauen und entsprechende Rahmen setzen. Außerdem können mehr Prämien für Agrarumweltmaßnahmen, wie die Anlage von Ackerrandstreifen oder zum Ausbau des ökologischen Landbaus bereitgestellt werden. Innerhalb dieser Spielregeln, die umweltschädliches Handeln teurer machen und umweltfreundliches Wirtschaften attraktiver, können die Landwirte dann wieder agieren.


Was muss unternommen werden, damit die hiesige Landwirtschaft klimafreundlicher wird?

In erster Linie brauchen wir eine Reduzierung der Düngung. Durch die momentane Düngepraxis werden immense Mengen an Treibhausgasen frei, vor allem Lachgas, dessen Treibhauseffekt etwa 300 mal so hoch ist wie der von CO2. Zudem sorgen die bereits angesprochenen entwässerten Moore vor allem in Norddeutschland für einen weiteren großen Klimaeffekt. Der Torf, der sich über Jahrhunderte und Jahrtausende dort gebildet hat, baut sich rasch ab und gast Kohlenstoff in die Atmosphäre. Das sind enorme Mengen, bis zu 40 Tonnen CO2-Äquivalente, die pro Jahr und pro Hektar in die Atmosphäre gelangen. Wenn man damit aufhören würde, wäre schon viel für den Klimaschutz getan. Der größte Effekt wäre allerdings zu erzielen, wenn wir die Tierhaltung massiv reduzieren würden.

Mit anderen Worten: Wer etwas für den Klimaschutz machen möchte, sollte zu allererst seinen Fleischkonsum reduzieren.

Richtig. Nur durch einen deutlichen Rückgang der Fleisch- und Milchproduktion kann ein signifikanter Klimaschutzeffekt erzielt werden. Das soll nicht heissen, dass wir jetzt alle komplett auf Fleisch verzichten sollen. Vielmehr wäre eine Rückkehr zu einem deutlich sparsameren Fleischverzehr, wie er bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland üblich war, wünschenswert. Der massive Anstieg des Fleischkonsums seit der Nachkriegszeit ist alles andere als nachhaltig.

Sie sprechen sich für einen proaktiv regulierenden Staat aus. Wie soll das funktionieren?

Wir stoßen in der Umweltpolitik häufig auf Probleme, für die der Markt keine optimalen Lösungen herbeiführt. Es gibt zu viele externe Faktoren, die der einzelne in seiner betrieblichen Wirtschaftlichkeitsrechnung nicht mit einbezieht. Das ist ein klassischer Fall von Marktversagen. Da ist der Staat gefragt, die Funktionstüchtigkeit des Marktes zu gewährleisten, damit die zusätzlichen Kosten durch umwelt- und klimaschädliches Wirtschaften gar nicht erst entstehen. Eine effektive Umweltpolitik kann der Gesellschaft damit insgesamt und langfristig viele Kosten ersparen.

Jeden Tag werden in Deutschland Unmengen an noch genießbaren Lebensmitteln weggeworfen. Müsste die Politik nicht entsprechende Regelungen treffen, um diese Wegwerfmentalität zu stoppen?

Die Deutschen geben im europäischen Vergleich ziemlich wenig für Lebensmittel aus. Meine These: Je billiger die Menschen etwas bekommen, desto geringer ist häufig die Wertschätzung. Dieses Bewusstsein müssen wir ändern. Die Menschen müssen lernen, wie wertvoll die Lebensmittel tatsächlich sind, die sie jeden Tag kaufen und verzehren – ob nun beim Discounter oder auf dem Wochenmarkt.

Kriegen Sie es im stressigen Alltag denn immer hin, sich gesund und nachhaltig zu ernähren?

Das gelingt mir auch nicht immer. Auch ich esse hin und wieder an der Frittenbude. Allerdings kaufe ich seit einigen Jahren fast ausschließlich Bio-Lebensmittel. Das liegt vor allem auch daran, dass ich mich sehr intensiv mit landwirtschaftlichen Fragen beschäftige. Und da vergeht einem manchmal der Appetit, wenn man sich manche Produktionsabläufe vergegenwärtigt. Außerdem kommt bei mir nur noch wenig Fleisch auf den Tisch.

Hand auf's Herz: Wissen Sie, woher Ihr Honig kommt?

Ja, das interessiert mich eigentlich immer. Mein Honig kommt mal aus Mecklenburg oder auch mal aus Kuba. Da habe ich auch kein besonders schlechtes Gewissen, denn Honig kann gemütlich über den Ozean geschippert werden. Die CO2-Belastung hält sich hier also in verträglichen Grenzen.

Das Gespräch führte Oliver Scheiner


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