Veranstaltungen: Dokumentation

18.5.2011

"Wir wollen die Kultur des gemeinsamen und bewussten Essens wiederbeleben"

Interview mit Nadja Flohr-Spence von der Organisation "Slow Food"

Nadja Flohr-SpenceNadja Flohr-Spence
bpb: Sie engagieren sich bei der Non-Profit-Organisation Slow Food. Wie sind sie zum Thema Ernährung gekommen?

Flohr-Spence: Das habe ich gewissermaßen in die Wiege gelegt bekommen, weil meine Eltern immer sehr viel Wert auf gesunde Ernährung gelegt haben. Ein anderes Schlüsselerlebnis hatte ich während eines längeren Aufenthaltes in den USA. Die Zahl an übergewichtigen Kindern und Kindern mit Diabetes hat mich schockiert und nachhaltig beeindruckt. Dagegen wollte ich etwas unternehmen.

Was ist Ihre Aufgabe bei Slow Food?

Ich bin die Koordinatorin des Youth-Food-Movement (YFM) in Deutschland. Das heisst, ich kümmere mich um das Netzwerk junger Menschen und Organisationen, die sich dem Thema Ernährung und Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene verschrieben haben. Das YFM bietet in diesem Zusammenhang Struktur, Wissenstransfer und Kommunikation. Unser Ziel ist es, dieses wichtige Thema stärker ins Bewusstsein der Menschen, insbesondere junger Menschen zu bringen.

Spielt das Thema gesunde Ernährung bei Jugendlichen überhaupt eine Rolle? Wie machen Sie ihnen das Thema schmackhaft?

Erstaunlicherweise kommen die Jugendlichen zu uns. Das Interesse ist so groß, dass wir uns kaum Gedanken über eine gezielte Ansprache machen müssen. Meist bringen sie sogar schon Freunde mit und haben zig Ideen, wie sie auf die Themen aufmerksam machen wollen.

Wie sehen solche Aktionen denn aus?

Wir veranstalten Eat-ins, studentische Projekte an Universitäten wie Studentenküchen und Gartenprojekte und besuchen Messen.

Eat-ins?

Das sind meist spontan organisierte kleine Protestaktionen im öffentlichen Raum. Es werden Tische und Stühle aufgebaut und dann wird gemeinsam gegessen – wohlgemerkt: nur Selbstzubereitetes. Jeder kann mitmachen, sich hinsetzten, essen oder sich einfach nur über Ernährung unterhalten. Die Idee dahinter: Wir wollen die Kultur des gemeinsamen und bewussten Essens wiederbeleben. Denn in unserer heutigen Gesellschaft bleiben in vielen Familien diese Werte auf der Strecke. Der große gemeinsame Esstisch als Ort des Austausches und der Kommunikation ist massiv vom Aussterben bedroht.

Müssen die Lebensmittel bei einem Eat-in Bio sein?

Nein, das ist nicht unser primäres Anliegen. Natürlich befürworten wir Lebensmittel aus ökologischem Anbau. Aber wichtiger ist uns, ein Bewusstsein für regionale und saisonale Lebensmittel zu schaffen, die fair und nachhaltig produziert wurden – weg von Fast-Food und Instant-Nahrung.

Welche Erfahrungen machen Sie mit den Universitäten?

Wir machen durchweg positive Erfahrungen mit den Unis, wobei man sagen muss, dass wir da noch ganz am Anfang stehen. Derzeit verhandeln wir mit einer Uni, die ernsthaftes Interesse bekundet hat, ihr Mensa-Angebot mit uns zusammen neu zu erarbeiten. Im Gespräch ist nicht nur eine Erweiterung des vegetarischen Angebots. Es sollen zudem Lebensmittel in den Speiseplan aufgenommen werden, die im eigenen Garten angebaut werden.

Bleiben ihre Bemühungen auf die akademischen Einrichtungen beschränkt?

Nein, ganz und gar nicht. Wir sind auch mit zahlreichen anderen Akteuren im Gespräch. Wir beginnen gerade erst damit, ein größeres Netzwerk zu etablieren. Wir befinden uns mit Junggärtnern, Jungköchen, Restaurantbetreibern, Kantinen, Wissenschaftlern und Studenten im Austausch. Das ist es auch, worum es uns primär geht. Wir wollen eine Plattform für Kommunikation und Wissenstransfer bieten. Davon soll die gesamte Gesellschaft durch alle Schichten hindurch profitieren. Dabei geht es auch um ganz simple Fragen, wie zum Beispiel was ich brauche, wenn ich einen eigenen Garten anbauen will.

Vor wenigen Wochen fand der Markt des guten Geschmacks in Stuttgart statt, auf dem Sie auch vertreten waren. Ist das Thema gesunde und nachhaltige Ernährung endlich in der breiten Masse der Bevölkerung angekommen?

Das ist schwer zu sagen, denn die Stuttgarter Messe wurde vor allem von Fachleuten und Liebhabern besucht. Die Botschaft, die so eine Messe allerdings aussendet, unterstützen wir von Slow Food mit Nachdruck. Kleine Betriebe, die noch auf traditionelle Weise produzieren, bieten nicht nur Genuss-Erfahrungen. Sie arbeiten häufig mit Lebensmitteln und Tieren, die in der konventionellen Produktion kaum noch Anwendung finden. So gab es leckere Grünkernprodukte und auch Fleisch von Rinderrassen, die in Deutschland fast ausgestorben waren. Diese Biodiversität ist in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in Vergessenheit geraten. Das ist fatal, denn die Vielzahl an Möglichkeiten, sich gesund und abwechslungsreich zu ernähren, schränkt sich mit dem Einheitsbrei aus der Massenproduktion immer mehr ein.

Kriegen Sie es im stressigen Alltag denn immer hin, sich gesund und nachhaltig zu ernähren?

Ich bin eine leidenschaftliche Köchin und ich liebe es, auf den Wochenmarkt zu gehen und mir frisches Obst und Gemüse aus der Region zu kaufen. Das ist auch eine wunderschöne sinnliche Erfahrung. Ausserdem esse ich seit vielen Jahren nur noch zwei mal in der Woche Fleisch.

Hand auf`'s Herz: Wissen Sie, woher Ihr Honig kommt?

Nein, das weiß ich nicht. Das liegt vor allem daran, dass ich so gut wie nie Honig esse. Würde ich regelmäßig Honig essen, würde ich darauf achten.

Das Gespräch führte Oliver Scheiner


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