Ein ehemaliger polnischer Gefangener des Konzentrationslagers Dachau bezichtigt nach der Befreiung durch amerikanische Truppen am 30. April 1945 einen Bewacher der Misshandlung von Häftlingen.

23.1.2015

Einleitung

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre bilden eine entscheidende Zeit für die Erfahrungsgeschichte des Holocaust - und das zentrale Thema der 5. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung. Die Konferenz widmete sich dem Thema aus wissenschaftlicher aber auch praktischer Perspektive der politischen Bildungsarbeit.

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre haben die Sichtweisen auf die Massenverbrechen des Nationalsozialismus entscheidend geprägt. Für die alliierten Soldaten, die die Konzentrationslager befreiten, war das Entsetzen über die Bilder von ausgemergelten Häftlingen und Leichenbergen in ihren Filmen, und Berichten vorherrschend. Für die Häftlinge, die das Glück hatten, die letzten Wochen der SS-Herrschaft zu überleben, war das eigene Leben gerettet und doch war die Zukunft ungewiss. Wer kümmerte sich um sie? Wohin sollten sie gehen? Millionen von ehemaligen KZ-Häftlingen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern wie andere Verschleppte waren in der unmittelbaren Nachkriegszeit als "Displaced Persons" (DP) in Camps interniert. Internationale Hilfsorganisationen kümmerten sich um sie und versuchten, Familien wieder zusammenzuführen. In den DP-Lagern selbst begannen die Menschen Erfahrungen auszutauschen, Berichte über das Erlebte aufzuschreiben. Viele verließen Europa und begannen in den USA, in Kanada, Australien oder Israel ein neues Leben.

Auch die deutsche Bevölkerung wurde in den unmittelbaren Nachkriegsjahren mit den nationalsozialistischen Verbrechen konfrontiert. Alliierte Soldaten zwangen in etlichen Orten die Bevölkerung, sich die Konzentrationslager, die vor der eigenen Haustür lagen, anzusehen. Die Filme, die alliierte Einheiten von den Konzentrationslagern gemacht hatten, gehörten zum Pflichtprogramm der Kinos in den ersten Nachkriegsjahren. Der Nürnberger Prozess, der im November 1945 begann und über den im Radio wie in den Zeitungen ausführlich berichtet wurde, zeigte die einstige NS-Elite als Massenverbrecher. Nicht zuletzt bildeten die unmittelbaren Nachkriegsjahre auch für die Täter die entscheidende Zeit, um sich der Ahndung ihrer Straftaten zu entziehen. Viele, die nicht von den Alliierten interniert worden waren, versuchten unterzutauchen oder zu fliehen. Die so genannten "Rattenlinie" über Italien nach Lateinamerika oder in den Nahen Osten ermöglichte es vielen NS-Tätern zu entkommen.

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre bilden daher eine entscheidende Zeit für die Erfahrungsgeschichte des Holocaust. In ihr wurden die ersten Berichte über das erlebte Grauen aufgeschrieben, die ersten Schreckensbilder von den Konzentrationslagern verbreitet und eine Reihe von hochrangigen Tätern exemplarisch, weltöffentlich vor Gericht gestellt. Zugleich standen die alliierten Sieger vor dem immensen Problem, wie mit der deutschen Bevölkerung weiter umzugehen sei. Bestand angesichts der Beteiligung so vieler am NS-Regime eine "Kollektivschuld"? Mussten diese Deutschen niedergehalten werden, um einen neuen Gewaltausbruch zu verhindern? Oder gab es eine Chance der Umerziehung, um durch Aufklärung und Demokratie als Lernprogramm wieder eine Zivilbevölkerung zu schaffen, die in die Weltgemeinschaft reintegriert werden könnte?

Die Jahre 1945 bis 1949 sind in ihrer Unmittelbarkeit der Erfahrung mit den nationalsozialistischen Verbrechen gewissermaßen ein Laboratorium des Umgangs mit dem Holocaust, auf das sich heute einzulassen in besonderem Maß lohnt. Gerade weil heute so viele Bilder, so viele Narrative über den Holocaust scheinbar fixiert sind und unsere Betrachtung auf die nationalsozialistischen Verbrechen prägen, ist der Blick auf jene Jahre geeignet, sich mit diesen unmittelbaren Erfahrungen, Bildern und Berichten auseinanderzusetzen, sich auf das Ungeheuerliche einzulassen, das damals zum ersten Mal zu sehen, zu hören war.

Zum Thema der Konferenz werden in einem Praxisforum Anschlüsse an die politische Bildungsarbeit hergestellt. Wissenschaftliche Befunde werden in die praktische Vermittlungsarbeit umgesetzt. Parallel dazu werden konkrete Konzepte und Modelle auf einer Projektbörse gezeigt, die sich mit der Übersetzung dieser Wirkungszusammenhänge in die schulische und außerschulische Praxis befassen.


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