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Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik
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Massenmedien |

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Gerhard Vowe
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4. Mediatisierung der Politik: Einfluss der Massenkommunikation auf die Politik |
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Im Zentrum dieses Bildes von Massenmedien steht die Vorstellung, dass starke Medien direkte und allgemeine Wirkungen auf schwache Massen erzielen. Zu dieser Vorstellung verknüpfen sich zahlreiche Einzelvermutungen, überlieferte Erfahrungen und Übertragungen aus anderen Bereichen. Um die Validität dieser Vorstellung zu überprüfen, ist es sinnvoll, einzelne Ebenen politischer Medienwirkung zu unterscheiden (Jarren u.a. 1998; Schenk 2002; Vowe 2003a).
4.1 Mikroebene: Wirkung auf Bürger
Politische Akteure sehen die starken Medienwirkungen vor allem im Hinblick auf Individuen in deren politischen Rollen, insbesondere auf die Wahlentscheidungen der Bürger. In der Tat ist empirisch nachgewiesen, dass die Medien einen Einfluss darauf haben, wie die relative Wichtigkeit von politischen Themen, die Eigenschaften von Kandidaten und die politischen Stimmungslagen wahrgenommen werden. Aber: wie groß der Einfluss ist und unter welchen Bedingungen er politisch etwa bei Wahlen wirksam ist, darüber ist sich die Kommunikationsforschung keineswegs einig. Die Lage in diesem zentralen Forschungsfeld ist ausgesprochen unübersichtlich. Zum einen variiert der Zeithorizont der Wirkungsuntersuchungen: das Spektrum reicht von unmittelbaren Effekten bis zu historischen Veränderungen. Zum anderen variiert, welche Aspekte des Rezipienten als Varianten bevorzugt modelliert werden: das Spektrum reicht von seinen Kognitionen (z.B. Kenntnisse des Wahlsystems) über seine Emotionen (z.B. Sympathie für einen Kandidaten) und Konationen (z.B. Wahlteilnahme) bis zur sozialen Einbindung (z.B. Zugehörigkeit zu Gruppen). Zum dritten variiert der Status, den man dem einzelnen Bürger zurechnet: Wird er eher als Objekt gesehen (Medienwirkungsansatz) oder eher als Subjekt (Mediennutzungsansatz)? Das Spektrum reicht von dezidierten Wirkungsansätzen (z.B. "Agenda-Setting") über Ansätze, in denen die Aktivität des einzelnen Rezipienten betont wird (z.B. "Kognitive Schemata"), bis zu Ansätzen, die das soziale Umfeld des Rezipienten einbeziehen (z.B. "Schweigespirale"). Diese heterogene Forschungslage deutet auf komplexe Wechselwirkungen hin. Den ambitioniertesten Versuch, dies zu modellieren, stellt der Ansatz der "dynamischen Transaktion" dar, mit dem eine Synthese von Nutzung und Wirkung, von Kognition und Motivation, von Kommunikator und Rezipient versucht wird und dies dann empirisch geprüft wird (Früh 1994).
4.2 Mesoebene: Wirkung auf politische Organisationen
Die Vermutung der Wirkung auf einzelne Bürger wird durch die Annahme ergänzt, auch die politischen Organisationen veränderten sich durch die Medien. So wird z.B. in der Debatte um die "Amerikanisierung" des Wahlkampfes behauptet, die Entscheidungen in politischen Parteien über Kandidaten berücksichtigten bevorzugt medienbezogene Qualifikationen als Kriterium; oder die Strukturen der Organisationen änderten sich, indem die Schnittstellen zu den Medien an Gewicht gewönnen; oder die Strategien würden eher auf mediale Belange abgestellt und die Handlungslogik der Medien in das Kalkül der Organisation übernommen. Dafür gibt es eine Vielzahl von empirischen Belegen (vgl. Jarren/Donges 2002; Schulz 1997). Aber: die Forschung hat andererseits zeigen können, in welchem Maße der Journalismus durch PR-Maßnahmen der politischen Organisationen beeinflusst wird. Die politischen Organisationen bestimmen Themen und Timing der Berichterstattung zumindest im Routinefalle. Dafür sorgt nicht nur der stete Strom an Pressemitteilungen und Pressekonferenzen, sondern auch die Inszenierung von "Events" ("Pseudo-Ereignissen") und die Skandalisierung, also die öffentliche Thematisierung von Verfehlungen des politischen Gegners (Kepplinger 1992).
Auch hier deutet also einiges auf komplexe Wechselwirkungen hin. Dies wird in einem interaktionsorientierten Ansatz modelliert, der die "Beziehungsspiele" zwischen Journalisten und Repräsentanten der politischen Organisationen in einem Tauschmodell abbildet (Donsbach u.a. 1003).
4.3 Makroebene: Wirkung auf politische Systeme
Zum dritten wird vermutet, dass die Medien für eine Verschiebung der Gewichte im politischen System sorgen; es komme zu einer "Mediokratie" (Meyer 2001), zu einem von Medien dominierten politischen System. Auch diese Vermutung ist nicht abstrus, sondern durchaus erfahrungsgesättigt; einige Indikatoren deuten darauf hin, dass herkömmliche Machtträger wie Parteien und Verbände im Vergleich zu den Medienorganisationen an politischem Einfluss verlieren. Daraus erwachsen Probleme für das eingespielte System von "checks and balances". Aber: wie oben gezeigt, sind die Aktivitäten der Medienorganisation in ein enges Korsett von Regeln gezwängt. Diese Rahmenvorgaben werden in der ständigen Auseinandersetzung zwischen politischen Organisationen und Medienorganisationen weiter entwickelt - angeschoben durch regelmäßig auftretende Skandalisierungen des Handelns von Medienakteuren.
Also ergibt sich auch hier die Schlussfolgerung: Wir finden ein Wechselspiel von politischer Ordnung und Ausdehnung des Spielraumes für Medienorganisationen, das es in einem entsprechenden Ansatz zu modellieren gilt (vgl. z.B. Norris 2000).
Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.
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10. Februar 2012
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