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Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik

Politikwissenschaft


Wilhelm Bleek
Inhalt

1. Bezeichnung

2. Ältere Lehre der Politik

3. Wiedergründung als Demokratiewissenschaft

4. Expansion und Professionalisierung

5. Krise und Konsolidierung

6. PW und deutsche Vereinigung

7. Perspektiven

Literatur

3. Wiedergründung als Demokratiewissenschaft
Mit der Einführung der demokratischen Verfassungsordnung in der Weimarer Republik (1919) verknüpfte sich in D. das Experiment einer erneuten Etablierung der Politik als akademischer Wissenschaft. Es begründete sich auf programmatische Einsichten von M. Weber und dem liberalen Publizisten und Politiker F. Naumann in die Notwendigkeit einer demokratischen Erziehung der politischen Elite. Da die von dem preußischen Universitätsreformer C. H. Becker angestrebte Etablierung nicht nur der Soziologie, sondern auch der PW an den Universitäten nicht durchzusetzen war, konzentrierte man sich auf die 1920 in Berlin gegründete "Deutsche Hochschule für Politik" (DHfP). Sie wurde vor allem von liberaldemokratischen und sozialdemokratischen, in der zweiten Hälfte der Republik auch von rechtskonservativen Politikern und Dozenten getragen.

Die DHfP übernahm eine Vielzahl von Funktionen, nicht nur als Volkhochschule und Fachschule, sondern ab 1927 auch als akademische Hochschule mit Forschungsabteilung. Diese Entwicklung wurde aber durch die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten im Jahr 1933 abgebrochen, die Hochschule wurde zu einer nationalsozialistischen Schulungsanstalt gleichgeschaltet und 1940 in die "Auslandswissenschaftliche Fakultät" der Berliner Universität integriert. Die Nationalsozialisten sprachen zwar auch von "politischen Wissenschaften", meinten damit aber kein eigenständiges Fach, sondern die Politisierung aller Disziplinen im Sinne ihrer Ideologie. Die Mehrzahl der demokratischen Dozenten der Deutschen Hochschule für Politik der Weimarer Zeit ging in die Emigration und wurde vor allem in den USA von der professionellen und selbstbewussten Political Science beeindruckt (vgl. Söllner 1996).

Erfolgreicher als bei den Bestrebungen in der Weimarer Republik, nicht nur eine demokratische Verfassungsordnung durchzusetzen, sondern auch durch die Etablierung der PW als einer Demokratiewissenschaft einen akademischen Beitrag zu diesen Bemühungen zu leisten, war man in der BRD. Am Anfang dieser Aktivitäten stand 1948 die Wiederbelebung der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin als einer außeruniversitären Institution.

Entscheidend für die dauerhafte (Wieder-) Gründung der PW in Westdeutschland wurde aber ihre Durchsetzung als universitäres Lehrfach (vgl. als erste, aber parteiische Darstellungen: Kastendiek 1975 und Arndt 1978; ausgewogener und detailreicher Mohr 1988). Auch nach dem Ende des Hitlerregimes sperrten sich die konservativen Kräfte an den Universitäten gegen die Einführung der PW, indem sie behaupteten, diese sei neumodisch, weil traditionslos, undeutsch, weil amerikanisch, und überflüssig, weil bereits von etablierten Disziplinen wie der Staatsrechtswissenschaft und der Geschichtswissenschaft abgedeckt. Doch die Besatzungsmächte, insbesondere die Amerikaner, setzten sich über solche Vorurteile hinweg und drangen im Rahmen ihrer Politik der "re-education", der Umerziehung der Deutschen zu Demokraten, im Jahr 1949/50 auf mehreren Konferenzen mit deutschen Universitätsrepräsentanten und Kultuspolitikern auf die Etablierung einer wissenschaftlichen Disziplin von der Politik. In der Ostzone hingegen veranlasste die sowjetische Besatzungsmacht die Etablierung eines marxistisch-leninistischen Grundlagenstudiums, das seit 1950 für alle Studierenden obligatorisch wurde.

Die ersten Lehrstühle für "Wissenschaftliche Politik" wurden anfangs der 50er Jahre im Land Hessen mit ausgewiesenen Antifaschisten besetzt, die in Deutschland überlebt hatten: W. Abendroth (Marburg), E. Kogon (Darmstadt) und C. Schmid (Frankfurt a.M.). In Tübingen erhielt 1952 Th. Eschenburg den Lehrstuhl für Wissenschaftliche Politik. Im badischen Heidelberg führte A. Weber die Tradition des von ihm in der Weimarer Republik geleiteten Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften weiter und erreichte 1954, dass sein an die Harvard University ausgewanderter Schüler C. J. Friedrich, der in den USA zu wissenschaftlicher Prominenz aufgestiegen war, den politikwissenschaftlichen Lehrstuhl wenigstens in den Sommersemestern übernahm (vgl. Lietzmann 1999). Ganz aus der amerikanischen Emigration kehrten A. Bergstraesser (Freiburg), E. Voegelin (München) und A. Hermens (Köln) zurück, die alle drei durch ihre Schüler einen wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung der bundesdeutschen PW nahmen, am nachhaltigsten der letztgenannte, da er über R. Wildenmann (Mannheim) die Entfaltung nicht nur der Wahlanalysen, sondern insgesamt der quantitativ-empirischen Politikforschung bis heute angeregt hat.

Zur Etablierung der PW in der jungen BRD gehörte nach amerikanischem Vorbild auch der Aufbau eines einschlägigen Fachverbandes und die Herausgabe einer Fachzeitschrift: 1952 wurde die "Deutsche Vereinigung für die Wissenschaft von der Politik" gegründet (seit 1959 "Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft, DVPW), die zunächst die Wiederbelebung der seit 1908 erscheinenden "Zeitschrift für Politik" erreichte und seit 1960 die "Politische Vierteljahresschrift" (PVS) als wissenschaftliches Periodikum herausgibt.

Das inhaltliche Profil der jungen bundesdeutschen PW ergab sich aus ihrem Selbstverständnis als "Demokratiewissenschaft": Ein Begriff, der schon auf der Waldleininger Gründungskonferenz vom September 1949 verwandt wurde. E. Fraenkel, der Nestor der Westberliner Politologie, verkündete 1955: "Die Wissenschaft von der Politik ist die demokratische Wissenschaft par excellence." Die ursprünglichen politikwissenschaftlichen Themenfelder ergaben sich aus der politisch-historischen Konstellation der (Wieder-)Gründung der Demokratie in (West-)D: Der Aufbau einer Demokratie erforderte an erster Stelle die Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, insbesondere die Erklärung des Scheiterns der ersten deutschen Demokratie und der Machtergreifung der nationalsozialistischen Diktatur im Jahr 1933. In dieser Hinsicht leisteten in den 1950er Jahren junge Politikwissenschaftler wie K. D. Bracher und K. Sontheimer zeitgeschichtliche Pionierarbeit. Außerdem nahm die bundesdeutsche PW die Lehre und Forschung über die DDR als den zweiten deutschen Staat und über die ihn beherrschende kommunistischen Diktatur (später zur vergleichenden Deutschlandforschung erweitert) auf. Das dritte Feld war die Theorie und Empirie der Demokratie, insbesondere auf den Gebieten der Parlamentarismus-, der Parteien- und der Wahlforschung. Alle diese politikwissenschaftlichen Teilgebiete wurden ideengeschichtlich fundiert, die Aneignung der "politischen Klassikern" spielte insbesondere in Freiburg und München, aber auch in Heidelberg und Berlin eine grundlegende Rolle.

Mit diesen Themengebieten, aber auch dem beschränkten Lehrpersonal - an den meisten westdeutschen Universitäten gab es, wenn überhaupt, nur einen politikwissenschaftlichen Lehrstuhl - leistete die bundesdeutschen PW in den 50er Jahren primär einen Beitrag zum staatsbürgerlichen Studium Generale, zur allgemeinen Politischen Bildung der Studierenden. Lediglich in Westberlin war das Fach schon einen Schritt weiter: 1952 wurden an der Freien Universität aufgrund eines Kooperationsvertrages mit der DHfP mehrere politikwissenschaftliche Lehrstühle eingerichtet und 1959, bei der Eingliederung der DHfP als "Otto-Suhr-Institut" in die FU, verfügte man bereits über 10 nach den politikwissenschaftlichen Teilgebieten differenzierte Professuren. Auf Drängen der Studierenden wurde ein eigenständiges Ausbildungsstudium für "Diplom-Politologen" eingerichtet. Quantitativ und auch qualitativ war die Berliner Politologie anfangs der 60er Jahre die Vorhut auf dem Weg der bundesdeutschen PW zur einem etablierten Fach.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.

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10. Februar 2012
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