|
|
 |

 |

Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik
 |
 |
 |
 |
 |
Politikwissenschaft |

 |
 |
Wilhelm Bleek
|
 |
|

4. Expansion und Professionalisierung |
   |
 |
 |
 |
 |
 |
Schon in den 50er Jahren hatten die Gründungsväter der bundesdeutschen PW darauf gedrängt, ihre Disziplin durch die Anerkennung als berufliches Ausbildungsfach abzusichern. Im Hinblick auf den Zugang zum allgemeinen höheren Verwaltungsdienst waren und sind diese Bemühungen bis heute an dem sog. "Juristenprivileg" (vgl. Bleek 1972) insbesondere in der Ministerialbürokratie aufgelaufen. Hinsichtlich der beruflichen Verankerung der PW als Lehrerausbildungsfach war man immerhin 1957 in Baden-Württemberg und in Hessen erfolgreich. Der Durchbruch gelang aber erst, als die nach der um die Wende von den 50er zu den 60er Jahren immer dringender werdende Auseinandersetzung mit der "jüngsten deutschen Vergangenheit" das gymnasiale Schulfach der Sozialkunde, wenn auch mit unterschiedlichen Etikettierungen und Lehrplänen, bundesweit eingeführt und dabei der PW neben der Soziologie und der Nationalökonomie eine offizielle Ausbildungsrolle zugeschrieben wurde.
Die Erfüllung dieser pädagogischen Ausbildungsfunktion, aber auch das Bestreben um die allgemeine Anerkennung als normale Universitätsdisziplin erforderte den Ausbau der PW von einem Einmannfach zu einer thematisch wie personell ausdifferenzierten Disziplin. Die programmatische Grundlage für diese Bemühungen wurde eine im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft von dem jungen politischen Soziologen M. R. Lepsius verfasste und 1961 veröffentlichte "Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft" (Lepsius 1961). Darin wurde die Entwicklung des Faches von einer allgemeinbildenden und propädeutischen Lehrdisziplin zu einer theoretisch anspruchsvollen Einzelwissenschaft und daher der Ausbau der einschlägigen Universitätsinstitute von Lehrseminaren zu Forschungsinstituten mit einem entsprechenden Personal gefordert. Der Wissenschaftsrat übernahm im folgenden Jahr die Forderung von Lepsius, an jeder Universität in neuzuschaffenden Sozialwissenschaftlichen Fakultäten mindestens drei planmäßige politikwissenschaftliche Professuren (Politische Theorien, Politische Institutionen und Internationale Beziehungen) und ein Institut mit angemessener Mitarbeiterzahl und adäquaten Sachmitteln einzurichten.
Diese anspruchsvollen Forderungen wurden in den 60er Jahren erstaunlich schnell umgesetzt. Eine Vorreiterrolle kam dabei der mit der Ruhr-Universität Bochum (1965) einsetzenden Gründungswelle neuer Universitäten zu, während an den etablierten Universitäten noch manche früheren Vorbehalte zu überwinden waren. Das Fach profitierte von der allgemeinen Expansionsstimmung im tertiären Bildungssektor. Nicht nur wurden jene Teilbereiche systematisch ausgebaut, die bereits im Gründungsjahrzehnt der 50er Jahre eine Rolle gespielt hatten. Auch kamen neue Lehr- und Forschungsgebiete hinzu, allen voran die Analyse der Außenpolitik und Internationalen Beziehungen und die sich aus diesem Bereich ausdifferenzierende Entwicklungsforschung (Entwicklungspolitik) und die Friedens- und Konfliktsforschung. Die Forschung und Politikberatung auf diesen Gebieten wurde nicht nur an den Hochschulen intensiviert, sondern auch von eigenständigen Instituten und den Politischen Stiftungen übernommen - damit erweiterten sich auch die Berufsmöglichkeiten der akademischen Politikwissenschaftler.
Aufgrund der doppelten Expansion, sowohl der allgemeinen Zahl der Hochschulen als auch der Lehrstuhlvertretungen der Disziplin, kam es in den 15 Jahren zwischen 1960 und 1975 zu einer erheblichen Vermehrung der Zahl der Professuren, Mittelbaustellen und auch Studierenden im Fach PW. 1960 existierten an den insgesamt 18 bundesdeutschen Universitäten 24 politikwissenschaftliche Lehrstühle, doch davon allein 10 Professuren an dem mit der Freien Universität verbundenen Zentrum politikwissenschaftlicher Lehre und Forschung in Westberlin. 1965 waren es bereits 51 Professorenstellen für PW und bis 1973 stieg, vor allem nach dem Antritt der sozialliberalen Bundesregierung (1969), die Zahl bis zum Jahr 1975 auf 133.
Der unerhörte Aufschwung der bundesdeutschen PW in den 60er Jahren war auch an ihrem Verhältnis zur praktischen Politik abzusehen. Während die Gründergeneration sich zwar um die Politikberatung kümmerten, aber sich von Ausnahmen wie C. Schmid abgesehen nicht in der praktischen Politik engagierten, machten zahlreiche Angehörige der ersten Schülergeneration, zu denen neben den Ministerpräsidenten G. Stoltenberg und B. Vogel auch der spätere Bundeskanzler H. Kohl zu zählen ist, politische Karriere. Auch übernahmen etablierte Lehrstuhlinhaber des Faches auf Zeit hohe Staatsämter: So leiteten H. Maier und P. von Oertzen die Kultusministerien in ihren Bundesländern. Doch wie so jede Hochphase kamen auch in der bundesdeutschen PW diese goldenen Jahre zu einem abrupten Ende, schlugen in Krisen und Existenzbedrohungen um.
Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.
|
 |
 |
 |
Stöbern im Handwörterbuch |
 |
 |
 |
|
 |
10. Februar 2012
 |
 |
 |
Online-Lexika |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Schichtung
Gesellschaften sind durch soziale Ungleichheit gezeichnet und verfügen daher über eine bestimmte soziale Struktur oder eine bestimmte soziale Zusammensetzung... |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
Online-Angebot |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Leitfaden
Von Abschiebehaft bis Zuwanderungsgesetz, das Online-Lexikon "Ausländer, Fremden- feindlichkeit, Extremis- mus von A bis Z" bietet wichtige Fakten, Rechts- grundlagen und weiter- führende Literatur. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
|