Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index
Suche

Themen
Publikationen
Veranstaltungen
Wissen
Lexika
Gesetze
Links
Netzwerk
Zahlen und Fakten
Infografiken
Quiz
Lernen


Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik

Politikwissenschaft


Wilhelm Bleek
Inhalt

1. Bezeichnung

2. Ältere Lehre der Politik

3. Wiedergründung als Demokratiewissenschaft

4. Expansion und Professionalisierung

5. Krise und Konsolidierung

6. PW und deutsche Vereinigung

7. Perspektiven

Literatur

5. Krise und Konsolidierung
Die enorme Expansion in den 60er und 70er Jahren war aber auch eine wesentliche Ursache für die nachfolgenden Krisen der PW. In quantitativer Hinsicht führte sie dazu, dass der Stellenmarkt für Politikwissenschaftler, zumal nachdem dessen Ausweitung infolge der durch die Ölpreiskrise 1974 bewirkten wirtschaftlichen Krise abrupt endete, auf Jahrzehnte verstopft war. In qualitativer Hinsicht wurde durch die Expansion die wissenschaftliche Homogenität und Integrität des Faches auf die Probe gestellt. Vor dem Hintergrund der Studentenbewegung eskalierte der legitime Streit um die zentralen Theorien (normativ-ontologisch, empirisch-analytisch oder historisch-kritisch) zum politischen Lagerkampf zwischen angeblich restaurativen, systemaffirmativen oder fortschrittlichen Kräften.

Linke Strömungen weniger in der Professorenschaft als unter den Assistenten und Studenten kritisierten die bisherige "bürgerliche Politikwissenschaft" als eine unkritische Herrschaftswissenschaft und stellten ihr das eigene Verständnis einer "kritischen Politikwissenschaft" als "Oppositionswissenschaft" (U. Bermbach) gegen das politische System der Bundesrepublik entgegen (exemplarisch die Veröffentlichung von Blanke/Jürgens/Kastendiek 1975). Die Vertreter marxistischer Ansätze sowohl unorthodoxer Richtung (sog. Frankfurter Schule) als auch orthodoxer Färbung (Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus) beanspruchten einerseits das Monopol politikwissenschaftlichen Bemühens und wurden andererseits von ihren Opponenten als radikale Systemrevolutionäre am akademischen Berufsmarkt abgeblockt.

Die mehr politischen als wissenschaftlichen Konfrontationen in der PW während der 70er Jahre prägten auch die Auseinandersetzungen in ihrer Fachvereinigung und dem Fachorgan. Sie führten langfristig dazu, dass sich 1983 von der DVPW die "Deutsche Gesellschaft für Politikwissenschaft" (DGPW) als eine Vereinigung wissenschaftlich wie politisch mehr traditionell eingestellter Professoren abspaltete.

Existenzgefährdend waren weniger diese inneren Streitereien in der bundesdeutschen PW als ihre Wahrnehmung durch Öffentlichkeit und Politik. Aufgrund der Rhetorik einiger zumeist jüngerer Politikwissenschaftler wurde dem ganzen Fach das Etikett von Systemkritikern und Revolutionären umgehängt und die staatliche Unterstützung, die das Fach bis dahin überreich genoss, in Frage gestellt. Auch dass die radikalen Politikwissenschaftler in ihrem Überschwang einen Verdrängungswettbewerb gegen die angeblich konservativen Nachbarfächer insbesondere der Geschichts- und Wirtschaftswissenschaft und der Staatsrechtslehre vom Zaune brachen, trug ihnen in der Universitätsöffentlichkeit Misstrauen und Feindschaft ein.

Jüngere, politisch moderat gestimmte und wissenschaftlich anspruchsvolle Politikprofessoren steuerten der Krise des Faches seit Ende der 70er Jahre mit einem wissenschaftlichen und politikberatenden Konsolidierungskurs entgegen. Ein wesentlicher Bestandteil war dabei die Neupositionierung der bundesdeutschen PW im akademischen Fächerkanon. Die (Wieder-) Gründung der Disziplin nach 1945 war ganz überwiegend im Rahmen der Geisteswissenschaften vonstatten gegangen, nahm damit nicht nur die Ursprungsfächer der ersten Generation bundesdeutscher Politikwissenschaftler auf, sondern knüpfte auch an die Tradition der älteren Politiklehre vor 1900 an. Seit den frühen 80er Jahren bemühte sich die PW um eine entschiedene Profilierung ihrer theoretischen Anstrengungen und ihres methodologischen Instrumentariums als einer "modernen Sozialwissenschaft" (exemplarisch das forschungsinteressierte siebenbändige Lexikon der Politik, hrsg. von D. Nohlen 1992-1998, zusammengefasst in Nohlen/Schultze 2001). Dabei orientierte man sich unter dem szientistischen Einfluss des amerikanische Behaviorismus bei der Theoriebildung, aber noch mehr bei den Methoden, Verfahren und Arbeitstechniken am Vorbild der Naturwissenschaften und der in diesen herrschenden Anforderungen und Annahmen exakter Wissenschaft.

Eng verbunden mit einem modernen Verständnis der PW als einer Subdisziplin der empirischen Sozialforschung war die Entdeckung eines großen weiteren Gegenstandsbereiches der Disziplin in Gestalt der Politikfelder: Neben die Analyse der "polity" als dem institutionellen Rahmen und der Untersuchung der "politics" als den Prozessen der Politik trat nun auch die Erforschung der "policies" als den Bereichen und Ergebnissen öffentlichen Handelns (exemplarisch in dem Wörterbuch von M. G. Schmidt 1995). Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Gesundheits-, Sozial-, Umweltpolitik und viele andere Politikfelder wurden nun zu Gebieten nicht nur der politikwissenschaftlichen Forschung, sondern auch intensivierter Politikberatung, allerdings in Konkurrenz mit den anderen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Aus fachgeschichtlicher Sicht waren diese Aktivitäten nicht so neu, wie viele ihrer Protagonisten annahmen, sondern knüpften an die älteren, wenn auch weitgehend vergessenen Policeywissenschaften an.

Viele der überschwänglichen Blütenträume, die mit diesem Programm der Versozialwissenschaftlichung des Faches gerade im Hinblick auf sein Verhältnis zur praktischen Politik verbunden wurden, waren unrealistisch. Doch hat sich die bundesdeutsche PW gegen Ende des 20. Jhs. in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit und aus der Sicht der anderen akademischen Disziplinen zu einer ganz normalen Wissenschaft entwickelt, deren Existenz und Position nicht mehr in Frage gestellt wird. Zu dieser Stabilisierung trug wesentlich die Öffentlichkeitsarbeit des Faches bei, die nicht mehr auf progressive Belehrung der konservativ gestimmten Wählermehrheit und auf Konfrontation mit den Nachbarwissenschaften, sondern auf Kooperation außerhalb und innerhalb der Hochschulen setzte. Allgemein wurde anerkannt, dass die PW eine sinnvolle, wenn auch nicht übermäßig bedeutsame Dienstleistungsfunktion für Gesellschaft und praktische Politik ausübt.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.

Stöbern im Handwörterbuch
A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W
1 Parlamentarisches Verfahren
2 Parteien
3 Parteienfinanzierung
4 Parteiensystem
5 PDS - SED
6 Pluralismus
7 Politikberatung
8 Politikwissenschaft
9 Politische Beteiligung/Politische Partizipation
10 Politische Bildung
11 Politische Elite
12 Politische Kultur
13 Politische Sozialisation
14 Politische Stiftungen
15 Politisches System
Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Datenschutz | Kontakt | Home
10. Februar 2012
Druck-Version
Artikel versenden
Online-Lexika
Schichtung
Schichtung
Gesellschaften sind durch soziale Ungleichheit gezeichnet und verfügen daher über eine bestimmte soziale Struktur oder eine bestimmte soziale Zusammensetzung...
Schichtung
Online-Angebot
Leitfaden
Leitfaden
Von Abschiebehaft bis Zuwanderungsgesetz, das Online-Lexikon "Ausländer, Fremden- feindlichkeit, Extremis- mus von A bis Z" bietet wichtige Fakten, Rechts- grundlagen und weiter- führende Literatur.
Leitfaden