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Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik
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Politikwissenschaft |

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Wilhelm Bleek
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Beim Rückblick auf die Geschichte der PW in D. und insbesondere ihre turbulente Entwicklung in der BRD während der letzten fünf Jahrzehnte zeichnen sich einige Trends und Prognosen für die nächste Zukunft des Faches ab. An erster Stelle ist seine fortschreitende Internationalisierung zu nennen. Schon die Gründung des deutschen Fachverbandes DVPW im Jahr 1952 ging auf eine Initiative des vier Jahre zuvor etablierten politikwissenschaftlichen Weltverbandes (International Political Science Association, IPSA) zurück, dem heute gut 40 nationale und regionale Organisationen mit ca. 35000 Politikwissenschaftlern angehören (vgl. Andrews 1982). Noch bedeutsamer für den Forschungsalltag der PW in D. wie in den übrigen europäischen Staaten ist inzwischen die Zusammenarbeit im 1970 gegründeten European Council of Political Research (ECPR). Diese internationale Zusammenarbeit regt nicht nur die nationalen Politikwissenschaften an, sondern hat sich auch in internationalen Projekten wie der Publikation eines grundlegenden Handbuchs (Goodin/Klingemann 1996) niedergeschlagen.
Die Internationalisierung der PW ist gekennzeichnet durch den großen, wenn nicht hegemonialen Einfluss der quantitativ wie qualitativ in der ganzen Welt dominierenden amerikanischen PW. Die als Amerikanisierung sowohl gepriesene als auch anprangerte Vorbildfunktion der Political Science in den USA trifft allerdings nur für den Bereich der sozialwissenschaftlichen Forschung voll zu, auf vielen anderen Gebieten und insbesondere im Alltag der Lehre herrschen in den Politikwissenschaften der einzelnen Staaten sehr verschiedenartige Denkstile, wie sie auf anschauliche Weise der schwedische Sozialwissenschaftler und Friedensforscher J. Galtung auf den Begriff gebracht hat (Galtung 1983).
Sowohl auf internationaler Ebene wie auch im nationalen Rahmen sollte die PW auf die produktive Kraft einer Vielfalt nicht nur ihrer Themen, sondern auch der zugrundeliegenden Theorien und der angewandten Methoden setzen. Die Warnung vor den Monopolansprüchen eines Ansatzes ist nicht nur eine Lehre aus der Existenzkrise des bundesdeutschen Faches in den 70er Jahren, sie trifft heute auch gegenüber einem überzogenen Kurs der empirisch-sozialwissenschaftlichen Profilierung der deutschen PW zu, der Anfang der 80er Jahre zur Spaltung des Fachverbandes führte. Auch traditionelle Bemühungen, die sich mehr auf die Analyse von Institutionen konzentrieren und geisteswissenschaftlich angelegt sind, tragen zum Erkenntnisgewinn in Lehre und Forschung bei.
In diesem Zusammenhang ist das wachsende Interesse in der deutschen PW an ihrer eigenen Vergangenheit, das sich in der Gründung eines einschlägigen Arbeitskreises in der DVPW und einer ersten Gesamtdarstellung der Geschichte der PW in D. (Bleek 2001) niedergeschlagen hat, ein erfreuliches Zeichen. Lange Zeit war die Beschäftigung mit der Fachgeschichte eine Priorität seiner eher konservativen Vertreter und beharrten die wissenschaftlich wie politisch eher fortschrittlichen Repräsentanten der PW auf dem Klischee einer "modernen Sozialwissenschaft", die von der Vergangenheit unbelastet sei. Doch inzwischen wird das Geschichtsbewusstsein des Faches nicht mehr zwischen den politischen Lagern instrumentalisiert, sondern als Hilfe bei der Gegenwartsorientierung und Ausgangspunkt für Zukunftsentwürfe verstanden.
Aus der Geschichte des Faches sind nicht nur Trends über seine interne Entwicklung, sondern auch Prognosen über den Einfluss dabei wirksamer externer Faktoren abzuleiten. Dazu gehört die Vermutung, dass die PW durch die sich auch in D. abzeichnende prinzipielle Umorientierung in vielen universitären Studiengängen von einer rigiden Ausbildungsfunktion zu einem breiter angelegten Bildungsstudium profitieren wird. Doch insbesondere können wir aus der Vergangenheit des Faches lernen, dass seine Entwicklung vor allem vom Wandel des politisches Systems und seiner Werte (Wertewandel) bestimmt wird. Die Entfaltung der PW ist wesentlich von freiheitlichen Grundstrukturen abhängig.
So erkennt man ein Wechselverhältnis zwischen der PW und dem politischen System der BRD: Nicht nur analysiert die PW das politische System, umgekehrt ist auch das politische System der Rahmen für die politikwissenschaftlichen Bemühungen in Forschung und Lehre.
Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.
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10. Februar 2012
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