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26.5.2002 | Von:
Brigitte Rudolph

Mögliche Chancen und befürchtete Fallen der "Neuen Tätigkeitsgesellschaft" für Frauen

In der vorwiegend von Männern geführten Debatte um den breiteren Ausbau einer Bürgergesellschaft bleibt eines unerwähnt: die meisten der vorgeschlagenen gemeinnützigen Tätigkeiten sind "typisch weiblich".

I. Einleitung

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat das Jahr 2001 zum Internationalen Jahr der Freiwilligen erklärt - mit dem Ziel, die Anerkennung, Erleichterung, Vernetzung und Förderung freiwilliger Hilfe zu unterstützen. In Deutschland beschäftigt sich die Diskussion zu diesem Thema bereits seit einigen Jahren mit der Frage, wie neue Potenziale für Freiwilligentätigkeit zu erschließen sind. Viele der in der Vergangenheit professionalisierten sozialen Hilfeleistungen können von einem Sozialstaat nicht mehr erbracht werden, dessen Ausgaben durch steigende Arbeitsosenzahlen die Einnahmen überschreiten. Nicht zuletzt diese Tatsache hat dazu geführt, dass wieder verstärkt zur Ausdehnung ehrenamtlicher Tätigkeit aufgerufen wird. Der Deutsche Bundestag setzte gar eine Enquete-Kommission zur "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" ein, die am 14. Februar 2000 ihre Arbeit aufgenommen hat. Diese hat die Aufgabe, "konkrete politische Strategien und Maßnahmen zur Förderung des freiwilligen gemeinwohlorientierten, nicht auf materiellen Gewinn ausgerichteten bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland zu erarbeiten" [1] .

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  • Die Debatte um den breiteren Ausbau einer Zivilgesellschaft, in der sich Menschen wieder auf Gemeinsinn verpflichten, ist bereits seit einigen Jahren virulent. Steigende Arbeitslosenzahlen bei stetigem Wirtschaftswachstum und zunehmender Kapitalrendite legen den Schluss nahe, dass nicht mehr das gesamte Erwerbspersonenpotenzial auf Dauer in Erwerbsarbeit eingebunden werden kann. Rationalisierung, Globalisierung und Individualisierung sind die Schlüsselbegriffe zur Erklärung dieses Phänomens. Die fortschreitenden Individualisierungstendenzen moderner Industriegesellschaften sind dabei unter anderem dadurch wirksam, dass durch diese Entwicklung und durch die Bildungsexpansion die Erwerbsbeteiligung von Frauen in Deutschland seit den sechziger Jahren enorm gestiegen ist [2] . Nicht zuletzt diese Veränderung der Erwerbsorientierung von Frauen führt seither zu einem stark vermehrten Arbeitskräfteangebot, das der Arbeitsmarkt inzwischen nicht mehr aufnehmen kann.

    In der hauptsächlich von Männern geführten Debatte zur Belebung von Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement bleibt völlig außer Acht, dass die meisten der vermehrt aufzunehmenden vorgeschlagenen gemeinnützigen Tätigkeiten bereits jetzt - großenteils gesellschaftlich kaum anerkannt und vor allem unentlohnt - in Frauenhänden liegen. Es geht also um "typisch weibliche Tätigkeiten". Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich daher - ausgehend von den Unzulänglichkeiten des derzeitigen Erwerbsarbeitsmodells und den von konservativer Seite vorgeschlagenen Reformmodellen zur Bewältigung der Arbeitsmarktkrise - mit der Rolle der Frauen in dem Bemühen um Erschließung weiteren Ehrenamtspotenzials. Ist der vor dem Hintergrund steigender Arbeitslosigkeit und der Krise des Sozialstaats zunächst geschlechtsneutral formulierte Aufruf, sich wieder vermehrt bürgerschaftlich zu engagieren, in Wirklichkeit eine Verschleierung des Trends zu weiterer Rationalisierung und Flexibilisierung weiblicher Erwerbsarbeit und damit zur Verminderung von weiblichen Erwerbschancen? Oder ist die ehrenamtliche Tätigkeit von Frauen nicht als Vehikel zur Entlastung von Sozialstaat und Arbeitsmarkt zu sehen, sondern vielmehr als Chance der Selbstverwirklichung und der Möglichkeit, außerhalb von Beruf und Familie einer selbstbestimmten, sinnerfüllten Tätigkeit nachzugehen? Kurzum: Ist das unbezahlte Engagement von Bürgern und Bürgerinnen eine Chance oder eine Falle für Frauen?

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, Drucksache 14/2351.
    2.
    Unter den Experten besteht kein Konsens darüber, ob Individualisierung als Ursache steigender Bildungsbeteiligung von Frauen anzusehen ist, oder ob Individualisierung die Folge der Zunahme von Bildungs- und Empanzipationsprozessen von Frauen ist (vgl. Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen, Die Sackgassen der Zukunftskommission, Vorbemerkung, Berlin 1998).